Hat Hitler schon als Kind mit Panzern gespielt?

Die Frage ist das Verlangen des Denkens.

(La question est le désir de la pensée.)

 

Maurice Blanchot (L´Entretien infini, 1969)

 

 

„War Hitler auch mal ein Kind,“ fragte der fünfjährige Johnny seine Mutter, die verblüfft „ja“ antwortete.  Seine Mutter wollte gerade zurückfragen, wieso ihr Sohn das wissen wollte. Da fragte er: „Hat Hitler schon als Kind mit Panzern gespielt?“

 

 

Stolz berichtete die Mutter, eine Freundin von mir, von den klugen Fragen ihres Sohnes. Zweifellos ist der kleine Johnny ein großer Fragensteller. Aber sind Kinderfragen etwas Besonderes? Kinder wandern doch alle neugierig forschend durch die Welt. Die Fragen scheinen ihnen nur so zuzufliegen.

Erwachsenen fliegt nichts zu, oder sie schnappen zugeflogene Fragen einfach nicht auf. Die wenigsten wagen sich an die großen Fragen des Lebens und halten sich auch im Alltag mit kleinen Fragen zurück. In der Welt der Erwachsenen gilt es als unhöflich, direkt zu fragen. Persönliche Fragen wirken aufdringlich. Zu fragen gilt als Eingeständnis von Schwäche, Unwissenheit oder sogar Dummheit. Daher tun viele Erwachsene so, als würden sie schon alles kennen. Sie beschränken ihre Fragen auf verkrüppelte Satzgebilde wie „Alles gut?“ oder auf Informationsabfragen wie „Bis wann haben sie meinen Stromanschluss repariert?“. Die letzte Frage könnte auch als Befehl ausgesprochen werden. Zu den Fragen, die eigentlich keine sind, gehören auch „Fragen“, die während Teamsitzungen oder nach Podiumsdiskussionen gestellt werden.

 

Sobald die Fragerunde eröffnet ist, nutzen Menschen die Gelegenheit dazu, (wie die Referierenden zuvor) Monologe zu halten. Diese sind oft mit Hinweisen auf ihre Position und ihr großes Wissen gespickt, aber enthalten oft gar keine Frage. Floskeln, Befehle und Selbstdarstellungen sind keine Fragen. Das sind Antworten, nach denen keiner gefragt hat.

Sogenannte Erwachsene klammern sich an Erfahrungswissen, Haltungen und Gewohnheiten. Sie leben in Strukturen und nach Konventionen. Sie kennen, wissen und meinen vieles und tun es häufig kund. In ihren Kosmen voller Eindeutigkeiten kommen kaum Fragen vor. Erwachsene fragen sich allenfalls, wozu sie fragen sollten, da sie doch Bescheid wissen. Sie zeigen sich nicht wissensdurstig wie Kinder und wie sie vermutlich als Kinder selbst einmal waren. Warum berauben sie sich der Chance zu fragen? Was ist im Verlauf ihres Erwachsenwerdens schief gelaufen? Wer hat ihnen das Fragen ausgetrieben? Wozu?

Wer ein klassisches Bildungssystem durchlaufen hat, wurde jedenfalls nicht gerade zum Fragen animiert. Ausbildungsstätten im Westen und Osten des Erdballs schulen vor allem Hirnareale, die für sprachliches, logisches und abstraktes Denken sowie für Routine, jedoch nicht für Kreativität, Emotionen und Spontaneität zuständig sind. In Schulen werden vorwiegend Antworten vermittelt und wie man mit ihnen umzugehen hat.

 

Ohne sie zu fragen und ohne dass ihre Fragen gefragt wären, trichtern Lehrende Kindern Definitionen, Daten, Zahlen und Fakten ein. Das beginnt in der Grundschule und hört an Berufs-, Fach- und Hochschulen (Bologna-System!) nicht auf. Dozierende verstopfen junge Gehirne mit Wissen. Sie lassen wenig Raum und Zeit für Denklücken und Fragen. Wird Wissen als Wahrheit deklariert und zu viel davon in zu kurzer Zeit eingeimpft, verdrängt man kindliche Impulse, sich eigene Gedanken zu machen und fremde zu hinterfragen. Dann erleben Lernende ihre Klassenräume und Lehrsäle nicht als Räume für Bewegungen, Spiele und Experimente ihres Denkens, sondern als Arena für Autoritäten, die die Freiräume in ihren Köpfen mit ihren Wahrheiten zukleistern. Anderen Wissen einzubläuen, das sich leicht abfragen und benoten lässt, ist natürlich bequemer als Fragen zuzulassen. Fragen könnten geplante Abläufe stören.

 

Eigensinnig Fragende lassen sich nicht so leicht gängeln wie angepasste Antwortgeber. Doch wozu überhaupt noch pures Wissen verfüttern, wenn Namen, Daten oder Rechenergebnisse jederzeit über das Internet abrufbar sind? Warum stuft man hoffnungsvolle junge Menschen auf das Niveau von Maschinen herab, wenn doch Maschinen schneller und mit höherer Wahrscheinlichkeit als Schüler korrekte Antworten ausspucken?

Womöglich glauben manche Pädagogen, sie würden den Nachwuchs mit möglichst hohen Wissensdosen auf das Leben vorbereiten. Doch ihre Verfütterungsmethode hilft jungen Menschen gerade nicht dabei, im Privat- und Berufsleben zu Recht zu kommen. Wer darin ausgebremst wird, der eigenen Intuition und Neugier zu folgen, Fragen zu formulieren, die Welt zu beobachten, eigene Schlüsse zu ziehen und ihr Leben kreativ zu gestalten, traut seinen Instinkten bald nicht mehr und wird dadurch tief verunsichert. Werden die originellen Ideen, eigenwilligen Meinungen und schlauen Fragen der Kinder nicht herausgekitzelt, lähmt man sie. Damit vergeudet die Gesellschaft wertvolles Potential. Rangiert auf Lehrplänen die Antwortvermittlung über der Ermunterung zum (Nach-)Fragen, lässt man genau die Talente verkümmern, die zur Bewältigung künftiger gesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher und ökologischer Herausforderungen nötig sind.

 

 

In einer hochdynamischen, vernetzten Welt voller Spannungen sind mehr Fragen als Antworten gefordert. Handlungs- und Arbeitsumgebungen werden immer stärker von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz geprägt. Menschen werden automatisierte Arbeitsprozesse aufsetzen, begleiten, korrigieren und auswerten müssen. Sie müssen mit Kollegen, Computern und Robotern kooperieren.

Zusammenhangswissen wird wichtiger. Menschen sind gefordert, vernetzt, antizipativ und strategisch zu denken und unter Druck Entscheidungen zu fällen. Sie sollten in die Lage versetzt werden, Abläufe und ihre Verzahnungen ganzheitlich zu betrachten sowie Fehler zu erkennen. Lernen sollten sie außerdem, das Ausmaß von Fehlern/Problemen abzuschätzen, und einüben, darauf spontan, kooperativ und kreativ zu reagieren. Computer entlasten von langwierigen Rechenprozessen, von repetitiven und monotonen Aufgaben sowie von Tätigkeiten, die höchste Konzentration und Präzision fordern. Roboter ersparen dem Menschen kräftezehrende Arbeiten, die den Körper verschleißen. Geht es jedoch um Situationsbewusstsein, Wachsamkeit, Kommunikation, Kooperation, Koordination, Erfindungsreichtum und  Entscheidungsfindung sind Menschen den Maschinen weit überlegen. Was Menschen weniger gut können, sollten sie Maschinen überlassen und was sie gut können, sollten sie in Zukunft noch besser können.

Bestärken Eltern und Lehrende die Impulse junger Menschen Fragen zu stellen, Probleme im Kontext zu sehen und zu problematisieren und daraufhin eigene Lösungswege zu finden, stärken sie das, was an ihnen menschlich ist.

 

Greta Thunberg (by Jan Ainali / Wiki Commons)

 

Vermitteln Ausbildungsstätten jungen Menschen außerdem analytische und kommunikative Fähigkeiten, flankiert von moralischen Werten, kann die ganze Gesellschaft davon profitieren.  Nur wenn genügend Spielraum für freies Denken bleibt, werden Kinder Fragen stellen.

Vielleicht werden sie nicht, so wie Johnny, nach Hitlers Spielzeugpanzern fragen. Aber womöglich fragen sie, warum ältere Leute jüngere Leute in den Krieg schicken oder warum Ältere das Klima verpesten, in das Jüngere hineinwachsen. Auf solche Fragen finden Erwachsene vermutlich, wie auf alles, Antworten. Doch was antworten sie auf die Frage eines Kindes: Warum stelle ich Fragen und ihr nicht?

 

© Gisela Schmalz

Recommended Citation/Empfohlene Zitierweise:

Schmalz, Gisela: “Hat Hitler Schon als Kind mit Panzern gespielt?” (2019). Gisela Schmalz. http://www.giselaschmalz.com/4120-2/