Ich frage, also bin ich menschlich

In allen Angelegenheiten ist es hin und wieder sinnvoll, ein Fragezeichen hinter Dinge zu setzen, die man schon lange für selbstverständlich hielt.

Bertrand Russell

 

Zu fragen ist gerade nicht besonders populär. Wir leben in einer Zeit der Antworten. Für alles gibt es Belege und Beweise. Zahlen, Daten und Fakten werden als Wahrheiten deklariert, und diese übernehmen wir in der Regel. Klare Antworten spenden ein Gefühl von Sicherheit. Außerdem sind sie stets verfügbar. Antworten, wohin man blickt und klickt. Personen, die Kompetenz ausstrahlen, Ausbilder, Lehrerinnen, Wissenschaftlerinnen, Politiker, Talkshowgäste oder Marketingfachleute präsentieren uns Antworten, statt uns in das sokratische Spiel der Fragen einzuführen.

Ob wir gefragt haben oder nicht – überall poppen Antworten auf. Vor allem digital erreichen sie uns, per Textnachricht, App, Website, Suchmaschine und über Smart Home immer öfter auch über Haushaltsgeräte wie zu heiße Lüfter oder zu leere Kühlschränke. Die vernetzten Maschinen wissen immer Bescheid.

Das Internet ist keine Frage-, sondern eine Antwortmaschine.

 

(…). Die Antworten sind stets schneller, weil die Maschinen unsere Fragen zunehmend besser antizipieren können. In einer hochdynamischen, komplexen Welt nehmen wir die hilfreichen digitalen Antworten dankbar an.

Dadurch verlernen wir es kleine, aber auch große Fragen zu stellen. Wir nehmen uns weniger Zeit dafür, sinnvolle Fragen und Fragen nach dem Sinn zu formulieren. Wir hören auf, Aussagen und Vorgänge kritisch zu hinterfragen.

Dabei ist Fragen menschlich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unsere Fähigkeit, Fragen zu stellen, unterscheidet uns von den antwortgebenden Maschinen. Fragen stehen jedem zur Verfügung und sind einfach zu bedienende Instrumente. Allerdings erfordert der Umgang damit ein wenig Übung und manchmal auch Mut. Das Fragen zu trainieren, hieße, das Denken, das immer auch ein Andersdenken ist, zu kultivieren.

(…).

Doch gerade in Krisenzeiten meiden Menschen die Herausforderungen. Statt zu fragen, halten sie sich lieber an bewährte Antworten. Sie scheuen sich davor, die bewährten Pfade zu verlassen. Vertraute Maximen und eingeübte Gepflogenheiten anzuzweifeln, würde sie nur noch mehr verunsichern. Doch gerade wenn es ungemütlich oder arg kompliziert wird, wäre es angebracht, nach den Ursachen für diesen Zustand zu forschen. Ein beunruhigender Status quo muss nicht nickend hingenommen werden. Im Gegenteil – in verfahrenen Situationen gilt es, zementierte Wahrheiten aufzubrechen.

Eine Fragerebellion lohnt sich. Sie bereitet mögliche Auswege und beherztes Handeln vor. Nur wer fragt, kann Neues anstoßen. Fragen ebnen den Weg ins Freie. Sie befreien. Freiheit heißt, in Kenntnis seiner selbst die Welt zu erobern und sich darin eigenständig und verantwortungsvoll zu bewegen.

 

Aus dem Vorwort von:

Gisela Schmalz (2018): Das kleine Buch der großen Fragen. München: Goldmann Verlag.

Viel Vergnügen mit 2000 Fragen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Das Buch kleine Buch der großen Fragen“ von Gisela Schmalz: 336 Seiten, farbig illustriert. Goldmann Verlag.

Rezension auf der Seite BOOKNERDS.DE :

„So einfach und veraltet das Konzept auch klingen mag, so effektiv und eindrucksvoll vermittelt selbst (oder gerade) die simpelste Frage die Kraft des Fragezeichens.“

(PDF-Version: Rezension – Booknerds.de Das kleine Buch der großen Fragen).

Weitere LESER/INNEN-STIMMEN sind hier zu finden.

Das kleine Buch der großen Fragen – OUT NOW !

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Das Buch kleine Buch der großen Fragen“ beschreitet einen neuen Weg zur Selbsterkenntnis – mit 2000 Fragen, die mal unverblümt und direkt sind (»Wen belügst Du am meisten?«), aber auch poetisch (»Was wärst Du als Duft?«), verspielt (»Als was verkleidest Du Dich, damit Dich garantiert niemand wiedererkennt?«), lebenspraktisch (»Wie lautet Dein nächster aufregender Plan?«), hart (»Was wäre besser: Du würdest sterben – oder zehntausend andere Menschen würden sterben? «), politisch (»Wofür demonstrierst Du auf der Straße?«), philosophisch (»Gelangt man mit Liebe zur Wahrheit?«), sexy (»Was war Deine bisher schönste Verführungstaktik?«) oder radikal ehrlich (»Mit wem würdest du gerne eine Nacht verbringen, dann aber goodbye sagen?«).

Das Buch stellt Fragen zu allen möglichen und unmöglichen Lebensbereichen und Situationen. Fragen, die zur hemmungslosen Selbstumkreisung einladen, zum Pläneschmieden, zum Fantasieren, zum interessanteren Miteinander-Kommunizieren. Es enthält Fragen zu unseren Beziehungen zu anderen Menschen, Fragen, die uns selbst in Frage stellen – kurzum, Fragen die den Horizont erweitern und eine neue, frische Sicht auf die Welt ermöglichen.

»Die Fragen werden auch Dich führen, verführen, verwirren, verstören, verblüffen, anregen, aufregen und vielleicht sogar erregen«, verspricht die Autorin Gisela Schmalz. »Frage für Frage kannst Du Dich mehr in ihnen verlieren. Die Fragen lösen einen Sog aus. Sie können Dich süchtig machen, so dass Du gar nicht mehr aufhören willst, in Dich selbst hineinzuhören. Jede Frage wird Dich aufwühlen und mehr mitreißen. Du begibst Dich auf eine Achterbahnfahrt Deiner Gedanken und Gefühle, gehst also ein Wagnis ein. Sei auf ein Abenteuer mit Dir selbst gefasst, das wohl größte Abenteuer, das Du erleben kannst.«

 

„Das Buch kleine Buch der großen Fragen“ von Gisela Schmalz: 336 Seiten, farbig illustriert.

Erscheinungstermin: 15. Oktober 2018 im Goldmann Verlag.

 


Gisela Schmalz: The Little Book of Big Questions

 

„The book Little Book of Big Questions“ takes a new path to self-knowledge – with 2000 questions, of which some are blunt and direct („Who do you lie to the most?“), others poetic („What would you be as a fragrance?“), playful („How would you dress up as so that nobody would recognize you?“), practical („What is your next exciting plan?“), hard („What would you prefer: You would die – or ten thousand other people would die? „), political („What are you marching for or against?“), philosophical („Can you achieve truth by love?“), sexy („What was your loveliest seduction technique so far?“) or radically honest („With whom would you like to spend a night, but then say goodbye?“).

The book asks questions about all possible and impossible aspects of life and situations… – questions that invite you to unrestrained self-circulation, to make plans, to fantasize, to communicate with each other in a more interesting way. It contains questions about our attitude towards the world , our relationships with other people and questions that question ourselves – in short, questions that broaden our horizons and provide a new, fresh view of the world.

„The questions will lead you, seduce you, confuse you, disturb you, amaze you, inspire you, excite you or maybe arouse you,“ promises the author Gisela Schmalz, a professor of economics, who also studied philosophy. „Question after question you get more and more lost in them. The questions absorb you. They are addictive. You don’t want to stop searching into yourself and exploring yourself. Every question will stir you up and sweep you along. You´ll embark on a roller coaster ride of your thoughts and feelings. So take a risk. Be prepared for an adventure with yourself – probably the greatest adventure you can experience“.

 

Gisela Schmalz (2018): „Das Buch kleine Buch der großen Fragen“.

Original edition.

Paperback, with flaps, 336 pages, 12.5 x 18.7 cm, 4.9 x 7.4 in.
ISBN: 978-3-442-15971-0
€ 10.00 [D] | € 10.30 [A] | CHF 14.50 * (* rec. retail price)

Publishing House: Goldmann

„Welche Bedeutung hat die Farbe Weiß für Dich?“

Für mich bedeutet die Farbe Weiß Möglichkeiten. Ich sehe dies vom Standpunkt eines Künstlers.

Jedes Mal, wenn ich früher ein leeres Blatt Papier in die Hand nahm, dachte ich, es besteht aus allen unseren schönen und schlechten Ideen, aus allem, auf das wir Gefühle und Gedanken schreiben können, aus allem, worauf wir Formen und Farben zeichnen oder drucken können.

 

(Owen Gump, Fotokünstler)

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Die Frage ist entnommen aus: „Das kleine Buch der großen Fragen“ von Gisela Schmalz (Goldmann Verlag, München, 2018, 336 Seiten).

Die Serie „Fragen an meine Freunde“ entstand im Sommer 2018.

 

„Das kleine Buch der grossen Fragen“ von Gisela Schmalz

 

„Was bedeutet Schönheit?“

Schönheit heißt für mich, zu sehen wie sich Dinge im Operndorf Afrika entwickeln, von einer Idee / einer Vision ausgehend, wie es sich dann in die Wirklichkeit bringt – das Operndorf Afrika war bis 2010 Vision, die ist es auch immer noch, aber wir haben das Projekt in den letzten Jahren in Burkina Faso entwickelt, eine Schule, eine Krankenstation gebaut, Büros, Künstlerhäuser, eine Kantine usw. Wir machen seit 2015 ein Künstleraustausch Programm im Operndorf.

Schönheit ist, wie Ideen konkret werden und wie jeder einzelne diese umsetzt, mitwirkt und weiterentwickelt.

 

 

(Aino Laberenz, Bühnenbildnerin und Kostümbildnerin, www.operndorf-afrika.com)

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Die Frage ist entnommen aus: „Das kleine Buch der großen Fragen“ von Gisela Schmalz (Goldmann Verlag, München, 2018, 336 Seiten).

Die Serie „Fragen an meine Freunde“ entstand im Sommer 2018.

 

„Das kleine Buch der grossen Fragen“ von Gisela Schmalz

 

„(Warum) Sollte es -Macht- als Schulfach geben?“

„Ich würde Macht unterrichten wollen,“ sagt meine Kollegin, als ich diese Frage in meinem Team stelle. Ja – Macht sollte unbedingt Bestandteil des Unterrichts sein. Als eigenes Schulfach? „Nein,“ findet eine andere Kollegin. Das gibt der Person die es unterrichtet viel zu viel „Macht“ und Definitionsgewalt.  (…).

Macht ist gut, Macht ist wichtig und Macht macht was – mit mir, den anderen, der Gesellschaft, Politik. Es scheint, als würde immer eher negativ über Macht gesprochen, dabei ist es wichtig und gut, Macht auch als positiv zu begreifen. Macht erlaubt zu gestalten. Je bewusster ich mir der Aufteilung von Macht bin, desto deutlicher lerne ich meine Handlungsspielräume kennen und werde freier – auch mich selbst zu ermächtigen. (…).

Ich finde, Macht sollte Bestandteil unterschiedlicher Schulfächer werden: Ethik, Religion, Geschichte, Psychologie, Pädagogik, Politik, Sozialwissenschaften, Sport und allen Sprachfächern. Das bedeutet, es muss Bestandteil der Ausbildung von Lehrkräften werden – also explizit ausgesprochen und genau.

Was für eine spannende Vorstellung, zu denken wir alle lernten selbstverständlich damit umzugehen.

 

(Julia von und zu Weiler, Vorstand von Innocence in Danger e.V.)

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Die Frage ist entnommen aus: „Das kleine Buch der großen Fragen“ von Gisela Schmalz (Goldmann Verlag, München, 2018, 336 Seiten).

Die Serie „Fragen an meine Freunde“ entstand im Sommer 2018.

 

„Das kleine Buch der grossen Fragen“ von Gisela Schmalz

 

„(Wie) Helfen Dir bei Deiner Arbeit Vorbilder?“

Vorbilder waren als Kind Thomas Gottschalk, später Sarah Kuttner, immer wieder über die Jahre Barbara Schöneberger, in Sachen Umgang mit Menschen und Weltruhm Hugh Jackman, beim Thema „Geduld & Fleiß“ Clueso und für das eigene Bühnen-Soloprogramm Robin Williams. Ist eine ziemlich bunte Mischung….

Mittlerweile habe ich das Privileg einige Vorbilder innerhalb des Berufs persönlich getroffen zu haben. Diese Möglichkeit hilft auch noch mal enorm, um das eigene Schaffen zu erden. Die Feststellung, dass das Gegenüber ähnliche Bedürfnisse, Interessen oder gar Probleme im normalen Alltag hat und es letztlich „nur ein Job“ ist, rückt das große Ganze in ein weitaus humaneres, weniger „gottgleiches“ Licht.  

Bei mir verschwimmen Privatleben und Arbeit sehr häufig, so dass ich das Thema „Vorbilder bei der Arbeit“ wohl automatisch auf beide Lebensbereiche beziehe.

 

(Dominik Porschen, Moderator und Betreiber des YouTube-Kanals „Filmlounge“ mit ca. 85.000 Abonnenten)

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Die Frage ist entnommen aus: „Das kleine Buch der großen Fragen“ von Gisela Schmalz (Goldmann Verlag, München, 2018, 336 Seiten). Erscheinungstermin: 15.10.2018.

Die Serie „Fragen an meine Freunde“ entstand im Sommer 2018.

 

„Das kleine Buch der grossen Fragen“ von Gisela Schmalz

 

„Wenn Du Gott begegnen würdest, was würdest Du ihm zuflüstern?“

Warst ganz schön lange weg. Urlaub? Oder einfach die Schnauze voll? Oder ist das jetzt Dein Urlaub?

 

(Gert Scobel, Moderator und Autor)

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Die Frage ist entnommen aus: „Das kleine Buch der großen Fragen“ von Gisela Schmalz (Goldmann Verlag, München, 2018, 336 Seiten).

Die Serie „Fragen an meine Freunde“ entstand im Sommer 2018.

 

„Das kleine Buch der grossen Fragen“ von Gisela Schmalz

 

„Welche Bedeutung hat die Farbe Weiß für Dich?“

Für mich bedeutet die Farbe Weiß Möglichkeiten. Ich sehe dies vom Standpunkt eines Künstlers. 

Jedes Mal, wenn ich früher ein leeres Blatt Papier in die Hand nahm, dachte ich, es besteht aus allen unseren schönen und schlechten Ideen, aus allem, auf das wir Gefühle und Gedanken schreiben können, aus allem, worauf wir Formen und Farben zeichnen oder drucken können.

 

(Owen Gump, Fotograf)

 

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Die Frage ist entnommen aus: „Das kleine Buch der großen Fragen“ von Gisela Schmalz (Goldmann Verlag, München, 2018, 336 Seiten).

Die Serie „Fragen an meine Freunde“ entstand im Sommer 2018.

 

„Das kleine Buch der grossen Fragen“ von Gisela Schmalz

 

Die gefährliche Schönheit der Fragen

I Fragen sind kleine Kraftwerke. Oft kürzer als Antworten haben sie die Anmutung von Haikus. Fragen mögen harmlos wirken, können aber Entscheidendes auslösen, Verheerendes („Wollt ihr den totalen Krieg?“) genauso wie Verblüffendes („Wie verläuft der Seeweg nach Indien?“), Trennendes („Liebst Du mich?“) genauso wie Verbindendes („Liebst Du mich?“)…

 

II  Fragen dienen der Wahrheitsfindung. Wer fragt, will in der Regel nicht belogen oder mit Fake News oder Olds abgespeist werden. Fragende wollen (etwas) wissen. Gerade in Situationen und Zeiten, in denen postfaktisch herumbehauptet und -gelogen wird, müssen Fragen formuliert werden. Sie müssen Schönrednern, Phantastinnen, Lügnern ebenso wie Wahrheitsverliebten gestellt werden – und sei es nur, um zu zeigen, dass mit unbelegten, unbegründeten, selbstbeweihräuchernden Stories oder Antworten niemand durchkommt.

Vic Sage aka Question

 

III Wer fragt, kann andere Leute auf Mängel, Probleme oder Veränderungsbedarf stoßen, sie dadurch beunruhigen und verängstigen, aber auch aufrütteln und zum (Er)Finden kreativer Lösungen, die in Handlungen münden, anregen.

 

IV  Wer fragt, rebelliert. Wer andere mit Fragen zum Weiterfragen anstiftet, zettelt eine Fragerevolution an. Fragen bilden die Voraussetzung für Veränderung/en, für eine Revolution der Tat/en.

 

 

V Fragen sind Antworten überlegen. Sie öffnen, statt zu schließen. Sie beginnen etwas, statt etwas zu beenden. Das signalisert auch das suchend-geschlängelte Symbol am Ende einer Frage, im Unterschied zum definitiv-stockartigen Strich am Schluss eines Ausrufs.

Ist ein kurviges Fragezeichen nicht reizvoller als ein verstocktes Ausrufezeichen?

Ist eine Frage nicht verlockender eine Antwort?


2000 Fragen in: DAS KLEINE BUCH DER GROSSEN FRAGEN von Gisela Schmalz (Goldmann Verlag, München).


© Gisela Schmalz

Empfohlene Zitierweise: Schmalz, Gisela: “Wozu Fragen?” (2018). Gisela Schmalz. http://www.giselaschmalz.com/wozu-fragen/

Nothing as Seductive

by Gisela Schmalz

 

The absence of presence is a tool of seduction. Used by artists it can boost their fame. It can also become quite dangerous – not for the audience, rather for the dealers or buyers who could lose money, but especially for the artists themselves. To withdraw their artwork or themselves from public view may lead to solitude, inner peace or premature death. However, in the case of Laurie Parsons it paved the way for a journey from rags to riches and half way back again. When the New York gallerist Lorence-Monk sent out the invitations for Laurie Parsons´ third solo exhibition in May 1990, the card listed only the gallery´s name and address. It did not indicate the artist´s name or the exhibition dates. Any potential viewer visiting the address on West Broadway that spring found the gallery empty. The gallery space was at least freshly painted.

  (Yves Klein, IKB 191, 1962)

(Yves Klein, 1001 ballons bleus, 1957/Reconstitution: 2007)

 

While Yves Klein had already presented an empty, white painted space in Paris in 1958 (known as “The Void”), Parsons went further. She not only erased all evidence of her non-exhibition from the invitation, she also eliminated it from her CV. The year before Parsons had installed her mixed media work “troubled,” consisting of items collected from the streets — a suitcase, a noose, a log, a coil of rope, charcoal and more — on the floor of the same gallery she later left empty. Years later, the 1959-born American artist explained why she decided to not present and to not be present in 1990. „I felt it essential that I consider the gallery itself, rather than continue to unquestioningly use it as a context. With its physical space and intricate social organization, it is as real, and as meaningful, as the artwork it houses and markets.“ Although Laurie Parsons did reasonably well as an artist, she refused to understand the value of a career in the art world. When German collector Alfred Greisinger bought “troubled” she was bewildered at the large sum he paid for it. She confided in her friend Bob Nickas “Art must spread into other realms, into spirituality arid social giving” (sic., Artforum, 2003). This was no mere talk. Laurie Parsons left the art business to become a social worker, caring primarily for mentally disabled people. She also became a diary writer: since 1994 Parsons has collected words instead of objects and has no intention of publishing them.

Cady Noland´s collages, sculptures, installations deal with what she calls “The American Nightmare”. The 1956 born US-artist´s works expose how violence is woven into the structure of society. The artist uses stories and images of American celebrities to examine subjects such as masculinity, psychopathological behavior and torture. Beyond that she shows a high interest in sociology and social analysis.

 

(Cady Noland, 1989)

 

After Sotheby’s sold her work “Oozewald” (1989) for $ 6.6 million (then highest price paid for an artwork by a living woman) Noland „disavowed“ another of her aluminum prints, “Cowboys Milking” (1990). Sotheby’s could not sell it at auction in 2012. After disavowing that work, Noland herself pulled away from the art world in 1999 and appears to have stopped making art ever since. Laurie Parsons´ and Cady Noland’s departures echo a comparable move made 30 years earlier by the German artist Charlotte Posenenske. Born in 1930, Posenenske worked with objects, produced paintings, paper works, and sculptures. A well-established artist in the 1960s, she decided to sell her works for only the cost of their materials. Additionally, she decided to manufacture no “individual pieces for individuals” (Art International, 1968), but rather in series and in unlimited editions in an attempt to discourage economic speculation. After 1968 on Posenenske no longer worked as an artist. She received a degree in sociology and devoted the rest of her life to social projects until her death in 1985.

There seems to be more to the departures of Posenenske, Parsons and Noland than their dissatisfaction with the art industry. It might be an indisposition towards a male dominated, ego and money driven system, a more general averseness or a personal anxiety that prompted them to leave. Whatever their motives where or are, their acts of vanishing are radical acts. They demonstrate reluctance to being put in a box with a price tag on it, and a resistance against designation and interpretation. Their retreats express a desire to be and to do something non-descript and non-describable, to be a private person and accomplish something more meaningful. The void they left behind (maybe the art market was a void before) is their ticket to freedom. Public nonexistence frees the artist and her work from the constraints of a material(istic) world and the responsibilities that come with it. It leads into something wide open.

Lutz Bacher, the 1943 born female American artist who disguises her gender, illustrated the lightness of emptiness via her work “The Celestial Handbook“ (2011). It consists of 85 framed pages, cut from a book by an amateur astronomer published in 1966. The black and white offset illustrations show comets, star clusters and other cosmic formations. One image is captioned with “Splendor of the Heavens”. All images show space, that, two-dimensional and framed, is in fact no space. While still being present, Bacher refuses to show herself publicly. Her male name is part of her concealing game.

What do artists add when they subtract their work or themselves from the art market? They cause rumors, which stirs up curiosity, which increases their market value. Available artworks by non-available artists are highly coveted. Hard to track artists like David Hammons and Trisha Donnelly are very successful artists. Prosperity doesn’t explain it. What did Christopher D’Arcangelo (1955-1979) achieve apart from his institutional critique? In the 1970s the New York-based artist annoyed authorities by his ad hoc performances such as chaining himself to the door of a museum hiding the key to the chain´s lock. The explanation for these acts could be found on the artist´s back. “When I state that I am an anarchist I must also state that I am not an anarchist to be in keeping with the (…) definition of anarchism.“ D’Arcangelo´s actions and the statements written on his skin with the word anarchy stenciled upside down may seem playful, childlike. They weren´t. D’Arcangelo was dead serious. His contribution to a group exhibition in 1978 at “Artists Space” comprised “Four Texts for Artists Space“, four pages attached to the gallery´s walls with critical notes on the modus operandi of the gallery. The artist refused to have his name on any flyer or other promotional material, the invitation included. In 1979 Christopher D’Arcangelo committed suicide. The notion of absence from the artists´ space culminates in the self-effacement of the artist.

D’Arcangelo´s death remains unresolved. His father, renowned artist Allan D’Arcangelo tucked away all evidence of his son´s life and death until his own death in 1998. The short appearance and sudden disappearance of D’Arcangelo fuel speculation. His suicide might be read as an anarchic act of eliminating the artist – as the artist, by the artist. It could also be seen as his rebellion against an overbearing father figure. Not only D’Arcangelo had a parent in the arts. Cady Noland´s father is a painter; Laurie Parsons´ mother is a gallerist. Did these three not only rebuff their parents, but everything they signify? The various forms of their dematerialization could be reactions to patriarchy, authority and tradition in general. Parsons, Noland, D´Arcangelo and other “escape artists” seem to have fled the spotlight to evade the demands of a phallic presence and image cultivation. In evaporating they shifted the focus from themselves to their (non-)acts and the (non-)sense behind this immateriality. No artist. No work. Vacancy is also a kind of content. The phenomenon of a prominent figure who says “no” to a world of “yes” is appealing to the left-behind. They yearn for more of their “no”.

In “Tell Them I Said No” (Sternberg Press, 2017) the art critic Martin Herbert, investigates. His illuminating book includes essays on Laurie Parsons, Cady Noland, Christopher D’Arcangelo, Trisha Donnelly and others. Literature has its own blank spots, namely Ambrose Pierce, B. Traven, J. D. Salinger and Thomas Pynchon.

 

Two films deal with the shape shifting of the artist. One is a musician, the other an actor. In the musical drama “I’m Not There” (2007) Bob Dylan is impersonated by six different actors. Each depicts a facet of the artist. “I’m Still Here” (2010) is a pseudo-documentary about an actor determined to retire. Joaquin Phoenix, played by Joaquin Phoenix, tells everyone he’d give up acting to pursue a career as a rapper. Everyone is baffled.

Artists come and go. An artist who wants to leave a noticeable void though has to have been there. He or she has to have been noticeable before the vanishing. The void is seductive.

 

 

 

Appeared (slightly modified) in:

Gisela Schmalz (2018): Nothing as Seductive. London: Picpus Press – Editors: Charles Asprey & Simon Grant. June 2018/Art Basel.

 

Recommended Citation:

Schmalz, Gisela: “Nothing as Seductive” (2018). Gisela Schmalz. http://www.giselaschmalz.com/nothing-as-secuctive/

 

 

Fragen zu lösen, ist eine gemeinsame Arbeit. (Joseph Beuys)

 

Ausschnitt aus dem Film  „400 m IFF“ (1969) von Lutz Mommartz.

 

Joseph Beuys war einer der größeren Fragesteller unter den Künstlern. In seinen Werken, Reden, Schriften und Aktionen widmete er sich den Sinnfragen. Vor allem fragte er danach, welche Rolle der Kunst und den Künstler/inne/n in der Industriegesellschaft zukommen könnte. Er fragte auch, wie eine bessere Gesellschaft aussehen könnte. Seine Fragen veranlassten ihn dazu, sich politisch zu engagieren. 1979 kandidierte er für das Europaparlament als Direktkandidat für „Die Grünen“, und er war 1980 beim Gründungsparteitag der „Grünen“ dabei.  Doch lange hielt Beuys es unter den Politikerinnen und Politikern nicht aus – und diese nicht mit ihm.

Die Fragen von Joseph Beuys müssen ziemlich dringlich gewesen sein, dass er sich freiwillig von der Kunst in die Politik begab. Doch dieses Heraustreten zu (großen Gruppen von) Menschen war sein Programm. Die Fragen der Menschen interessierten ihn.

 

Wer bist Du?

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Wir leben in einer Welt, die immer schneller und komplexer wird. Pausenlos werden Antworten über uns ausgeschüttet, nach denen wir oft gar nicht gefragt haben. Die Kunst des Fragens und Zuhörens scheint an Bedeutung zu verlieren – dabei sind es gerade die Fragen, die Brücken zwischen Menschen schlagen. Fragen lassen eine Offenheit und Vertrautheit zu, die eine Antwort nie erlauben würde.

Was ist dein dunkelstes Geheimnis? Was ist dein hellstes Geheimnis? Wann bist du zu dir selbst ehrlich und wann nicht? Mit wem würdest du gerne eine Nacht verbringen, dann aber goodbye sagen?

Gisela Schmalz hat rund 2000 inspirierende Fragen gesammelt – über uns selbst, über unsere Beziehungen zu anderen und über uns in der Welt.

 

ORIGINALAUSGABE

Taschenbuch, Klappenbroschur, 336 Seiten, 12,5 x 18,7 cm
farbig illustriert

ISBN: 978-3-442-15971-0

ca. € 10,00 [D] | ca. € 10,30 [A] | ca. CHF 13,90* (* empfohlener Verkaufspreis)

Verlag: Goldmann Verlag München

 

ERSCHEINUNGSTERMIN
15.10.2018

 

BUCH UND E-BOOK

Bücher.de oder Thalia oder Amazon oder Fnac.com oder in der analogen Lieblingsbuchhandlung.

 

 

Gisela Schmalz 

Gisela Schmalz studierte Philosophie und Wirtschaftswissenschaften. Sie arbeitete als Schauspielerin, Filmvermarkterin, Filmkritikerin, Wissenschaftsjournalistin und Strategieberaterin. Als Professorin lehrt sie Strategisches Management und Wirtschaftsethik.

Sie schreibt Sachbücher und interessiert sich für Fragen der Zeit und für das Fragen selbst. Mütterlicherseits ist sie verwandt mit Ernst von Salomon, dem Verfasser von „Der Fragebogen“.

 

 

KONTAKT

 

Goldmann Verlag

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

 

Barbara Henning

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barbara.henning@randomhouse.de | www.goldmann-verlag.de

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Who are you ?

Extraits du film “Qui” (1970) de Leonard Keigel. Musique: Claude Bolling.

Gruppennarzissmus

“When all think alike, then no one is thinking.”
Walter Lippmann

 

 

Das Projekt „Ich“ der narzisstischen Gesellschaft entpuppt sich als Sackgasse: Ein schwaches Selbst erfährt auch durch strikte Selbstkontrolle keine Stärkung. Der delphische Spruch „erkenne dich selbst“ und Pindars Satz „werde, der du bist“ haben das Individuum nicht weitergebracht. Die freie Selbstverwirklichung ist keine. Die Verheißung der Freiheit, alles haben und sein zu können, hat den Einzelnen unfrei gemacht.

Narziss_Benczur-narcissus_II_-commons.wikimedia.org
Die Marketingindustrie hat die Freiheit für ihre Zwecke instrumentalisiert. Ihre Opfer sind alle, die Werbeversprechen à la „just do it“ (NIKE, 1987) gefolgt sind. In „The Malaise of Modernity“ von 1991 bemerkte der kanadische Philosoph Charles Taylor, der „Individualismus der Selbstverwirklichung“ mache blind für Probleme jenseits des Selbst. Menschen fehle das moralische Fundament, um Werturteile zu fällen. Tatsächlich kann Subjektivismus in einen Werterelativismus münden. Auch wird er zur Belastung, weil er zur Vereinzelung und zu Beziehungsstörungen führt. Einzelgänger mit fragilem Wertegerüst sind nicht fähig, ihre Freiheit selbstbestimmt zu nutzen und ihr Leben aktiv zu gestalten. Sie suchen Orientierung und Halt außerhalb ihrer selbst – und werden verführbar.

Der Narziss des 21. Jahrhunderts begnügt sich nicht länger mit Selbstbespiegelung. Er will raus. Er will mehr als bloß Bild und Hirngespinst für sich und andere sein. Er will sich spüren, einen Körper haben und die Wärme der Gruppe empfinden. Der Schritt hinaus ist eine Bewegung zu Anderen und zu etwas Anderem, zum Konkreten, zum Physischen. Das Individuum will nicht länger einsam sein. Es schließt sich Weggefährten an, die ihm Sinn und Bestätigung verschaffen und nebenbei sein schwaches Selbstbild aufpäppeln.

 

1024px-HK_Causeway_Bay_Kai_Chiu_Road_3_male_model_outdoor_photography_Haysan_Place_fans_Aug-2012 Von Natalitiameom CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

 

 

 

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Bei ihrer Orientierungssuche folgen die Erben der narzisstischen Gesellschaft größtenteils nicht der Leitidee der Kommunitaristen. Sie organisieren sich nicht, um auf Basis gemeinschaftlicher Werte „das Gute“ in die Welt zu bringen. Es bricht kein Zeitalter des Gemeinsinns an. Dazu sitzen die Vereinzelungserfahrungen, das Misstrauen gegenüber anderen und die Verantwortungsscheu zu tief. Die kulturelle Prägung der narzisstischen Wirtschaftsgesellschaft lässt sich nicht so einfach abstreifen. Das Talent, sich zu nährenden Gemeinschaften zusammenzuschließen, fällt nicht vom Himmel.
Verunsichert über ihre Position im komplizierten Weltgefüge werden Einzelne vielmehr anfällig für Gruppen mit ausgeprägtem Image und eindrucksvollen Führungspersönlichkeiten. Moralisch haltlose Individuen sind bereit, ihre alte gegen eine neue Form von Fremdbestimmung einzutauschen. Ihnen fehlt die Unterscheidungsfähigkeit zwischen guten und schlechten Gruppen. Also orientieren sie sich an der Popularität des Angebots. Cool, tough oder moralisch überlegen wirkende Gemeinschaften sind besonders attraktiv. Da wollen sie dazugehören. Doch wer sich aus einer Ohnmacht heraus einer vom Gruppennarzissmus erfassten Gemeinschaft anschließt, begibt sich in Gefahr. Ein schwaches Individuum bleibt auch hier schwach und wird oft weiter geschwächt. Das liegt an der Mechanik des Gruppennarzissmus.

Army Les_'Aito_du_511_ème_régiment_du_train By Sebdicam, Sébastien Joly -CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

Hier überlagern kollektive Gefühle von Sicherheit, Stärke und Gruppenstolz das individuelle Ohnmachtsempfinden. Der und die Einzelne lassen sich von den Gefühlen und Meinungen der Gruppe mitreißen und betäuben. Im Kreis der Anderen erleben sie sich als mächtig. Doch tiefsitzende Ängste bleiben. Die Gruppe wird übermächtig, das Individuum von ihr abhängig und manipulierbar. Gruppennarzissmus vernebelt das Denken. Er unterminiert die rationale Wahrnehmung und Kritikfähigkeit des Einzelnen. Das Individuum übernimmt die Wahrheiten der Gruppe. Es unterliegt einer neuen Fremdbestimmung.
Der 24-jährige Hauptschüler Nils D. war schon mit 15 Vater geworden und flüchtete sich in Drogen und Alkohol. Dann schloss er sich der Salafistengemeinschaft in seinem Heimatort Dinslaken an. Mit seiner neuen Clique „Lohberger Brigade“, reiste er nach Syrien, um hier für die Terrororganisation IS zu kämpfen. Im Netz postete Nils D. martialische Fotos von sich und seiner Brigade. Die Bilder zeigen, dass Nils D. sein Losergefühl gegen den gefährlichen Gruppennarzissmus beim IS eingetauscht hat.

 

Was bedeutet Gruppennarzissmus? Wie wirkt er? Gruppennarzissmus ist die irrationale Überzeugung von der Großartigkeit der Gruppe, der man selbst angehört. Was beim individuellen Narzissmus die überzogene Selbstliebe ist, stellt beim Gruppennarzissmus die übertriebene Liebe zur Gruppe dar. Im Kollektiv entsteht ein moralisches Überlegenheitsgefühl, das jedes Mitglied ansteckt. Gruppenteilnehmende glauben daran, dass die eigene Gruppe besser, wichtiger oder mächtiger als andere Gruppen sei. Sie fühlen sich als Avantgarde und wollen die Außenwelt davon in Kenntnis setzen. Gruppennarzissmus motiviert jedes Mitglied zur Hingabe an die Gruppe. Wenn aber der innere Gruppenzusammenhalt fragil ist, bedarf die Gruppe der Stärkung von außen – über gemeinsame Symbole und Slogans oder aber über ein gemeinsames Feindbild. Die Aufwertung der eigenen Gruppe geht oft mit der Abwertung anderer einher.

 

Verschiedene Porträtaufnahmen von Charakterköpfen, gesammelt im Rassepolitischen Amt der NSDAP
Verschiedene Porträtaufnahmen von Charakterköpfen, gesammelt im Rassepolitischen Amt der NSDAP

 

Gruppennarzissmus schürt Aggressionen gegen Dritte. Er kann zum Wettbewerb mit anderen Mannschaften, Unternehmen oder Marken führen, aber auch zur Feindschaft gegenüber anderen Parteien oder Bevölkerungsgruppen. In der Gruppe verstärken sich alle Eigenschaften des individuellen Narzissmus. Stärker werden positive Gefühle wie Begeisterung und auch negative Gefühle wie Hass. Der narzisstische Drang zur Außendarstellung kann zu Werbezwecken dienen, etwa wenn ein Unternehmen neues Personal sucht. Er kann aber auch in aggressive Propaganda gegen andere Gruppen umschlagen.

Gruppennarzissmus kann überall ausbrechen – in Parteien, in Unternehmen, in Vereinen, in Glaubensgemeinschaften, in Universitäten, in Forschungsgruppen, in Künstlervereinigungen, in Sportmannschaften oder beim Militär. Er kann temporär auflodern und dann nachlassen oder langfristig bestehen.

 

 

 

 

Erich_Fromm_1974 Müller-May, Rainer Funk, via Wikimedia CommonsDer Begriff Gruppennarzissmus (auch kollektiver oder sozialer Narzissmus) wurde dennoch bislang kaum beleuchtet. Den Begriff „collective narcissism“ führte Erich Fromm 1973 ein. In „The Anatomy of Human Destructiveness“ betrachtete der Sozialpsychologe den Gruppennarzissmus im Zusammenhang mit der übersteigerten Liebe zur eigenen Nation. Leider entging ihm dabei der Unterschied zwischen Gruppennarzissmus und Ethnozentrismus. Fromm argumentierte aus seiner Erfahrung des deutschen Faschismus heraus. „Gruppennarzissmus ist eine der wichtigsten Ursachen für menschliche Aggression,“ schrieb Fromm. Er nannte den Gruppennarzissmus „semipathologisch“ und erkannte im Gruppennarzissmus den Nährboden für destruktive Kräfte.

 

Zum echten Problem werde Gruppennarzissmus, sobald „zwei narzisstische Gruppen in Konflikt geraten.“ Tatsächlich neigen Gruppennarzissten dazu, sich Feinde zu suchen. Ein starkes Feindbild stärkt den Zusammenhalt der eigenen Gruppe. Belege dafür liefern die  Dinslakener Salafisten, die NSU um Beate Zschäpe, die RAF oder die Weathermen. Problematisch beim destruktiven Gruppennarzissmus ist die Manipulation der Meinung und der Gefühle der Mitglieder durch die Gruppe. Todd Strassers Roman „The Wave“ von 1981 und seine Verfilmungen behandeln das Gruppenexperiment in einer Schulklasse. Ein Lehrer beeinflusst seine Schüler, bis sie unter Selbstverleugnung nur noch als Gruppenmitglieder fühlen, denken und handeln. Der Versuch setzt einen brutalen Gruppennarzissmus frei. Er bringt Schüler dazu, die Gruppe mit Gewalt gegen Außenseiter zu verteidigen.

 

Der westliche Kapitalismus eröffnete Freiräume. Er lieferte den Menschen jedoch keine brauchbaren Instrumente dafür mit, um mit dieser Freiheit sinnvoll umzugehen. Parallel zur Ausweitung des Liberalismus erodierten alte Verlässlichkeiten. Glaube, Heimat, Ehe, Familie oder ein fester Arbeitsplatz sind keine Selbstverständlichkeit mehr. Wenn Individuen eine existentielle Verunsicherung erleben und von Zukunftsängsten geplagt sind, zeigt das auch das Versagen von Wirtschafts-, Sozial- und Bildungspolitik.

 

Die hochkomplexe, hochdynamische Weltwirtschaft überfordert die Menschen. Ein fehlendes Wertefundament und fehlende äußere Sicherheiten brachten in der Zeit des Ausatmens nach dem Zweiten Weltkrieg verunsicherte und konsumfixierte Einzelgänger hervor. Den Mangel an Vertrauen in ihre Mitmenschen und in eine sie tragende Gesellschaft kompensierten sie mit narzisstischer Selbstoptimierung. Wer dabei nicht depressiv wird, wird aggressiv und sucht sich aggressive Kumpanen. Die vermeintlich starke Gruppe dient dazu, die individuelle Ohnmacht zu betäuben.
In Gesellschaften, aus denen Bürger ausbrechen, um sich radikalen Gruppen in West oder Ost anzuschließen, erblüht ein neuer Narzissmus, der Narzissmus der Gruppe. Sobald destruktiver Gruppennarzissmus seine Blüten treiben kann, stehen die Errungenschaften der Zivilisation und die Werte der Aufklärung zur Disposition.

Die Ursachen für destruktiven Gruppennarzissmus liegen beim Individuum und in der Gesellschaft. Problemlösungen müssen bei der Wechselwirkung von Individuum und Gesellschaft ansetzen. Freiheit verlangt jedem Einzelnen ein hohes Maß an Integrität ab. Mit Freiheit umzugehen, erfordert ethisches Urteilsvermögen, kritisches Denken, Eigenverantwortlichkeit, Empathie, Selbstvertrauen und Mut. Solche Fähigkeiten lassen sich nicht einsam vor dem Spiegel oder am Tablet erlernen. Sie müssen mit anderen eingeübt werden – im Idealfall in einer Umgebung, die annähernd multikulturell wie die globale Welt strukturiert ist.
Integration gelingt nur zwischen Menschen, die einander respektieren. Gruppenbildungen und Streitereien sind dabei wichtige Faktoren. Doch nicht der Kampf gegeneinander, sondern der demokratische Austausch zwischen Einzelnen und zwischen Gruppen garantiert Frieden und Freiheit. Damit ein Krieg zwischen Gruppen wie im Nahen Osten nicht auch den Westen erfasst, müssen die Wurzeln für destruktiven Gruppennarzissmus erkannt und gekappt werden.

 

© Gisela Schmalz

2.8.2016

National Business Parkway Clique

In June 2013 it was revealed to the public that the NSA runs two far-reaching spy programs named Boundless Informant and PRISM (Planning Tool for Resource Integration, Synchronization and Management). Shortly before an ex-freelancer for the technology consulting firm Booz Allen Hamilton, Edward Snowdon, had informed journalists of the British newspaper The Guardian about the US´s most clandestine operations.

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… American private companies, such as the Boeing subsidiary Narus, firms like CSC, Logicon or Palantir, supply the national intelligence services with technologies. Like Booz Allen Hamilton these companies also support the government spying actions and make a fortune with it.

Palantir Technologies Inc. was cofounded in 2004 by early Facebook investor Peter Thiel. Thiel is also a cofounder of PayPal which makes him a member of the so called PayPal Mafia. This clique includes by now prominent and rich Silicon Valley business men such as Elon Musk (SpaceX, Tesla), Reid Hoffman (LinkedIn) or Max Levchin (Slide, Yelp).

Thiel´s company Palantir develops security and financial software and distributes it to the authorities, to intelligence services or companies from the financial sector. Palantir Technologies is headquartered in Palo Alto, where Thiel´s payment service PayPal was also founded. Palantir´s division Palantir Government creates analysis tools for US authorities that deal with counter-terrorism. It develops so-called link analysis software that could also be interesting for the NSA.

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(…)

On a road in Maryland, with much apropos called National Business Parkway, many technology, engineering and IT companies have settled close to the headquarters of the NSA – Booz Allen Hamilton, BAE Systems and the civil and military aircraft manufacturer The Boeing Company included.

Those responsible in the US intelligence agencies, the US military and the US private sector are geographically and also personally close – thanks to revolving doors that are twirling and twirling. From 1992 to 1996 Admiral John Michael McConnell was Director of the NSA. During the administration of George W. Bush, son of the former US president and former Carlyle consultant George H. W. Bush, Admiral McConnell, was the Director of National Intelligence (DNI). From 2007 to 2009 he supervised all US intelligence agencies.

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In 2009, the admiral took a new job. He supervised the business section named “National Security” at Booz Allen Hamilton, Snowdon´employer. The change of personnel between the public security and the military sector on the one hand and the private IT sector on the other hand brings forth a new remarkable concentration of power.

This concentration has its in roots in cliquishness – which is the topic of the book Clique Economy – The power of networks: Goldman Sachs, the Church, Google, the Mafia…” by Gisela Schmalz.

Download full Exposé: Clique Economy – Exposé, Excerpt by G. Schmalz

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Starke Beziehungen – schwer zu finden

Netzwerke der Macht bieten mannigfaltige Ansätze zur Recherche. In ihrem Buch „Cliquenwirtschaft – Die Macht der Netzwerke“ vergleicht die Wirtschaftswissenschaftlerin Gisela Schmalz vier globale Netzwerke: Goldman Sachs, die katholische Kirche, Google und die Mafia.

Während „weak ties“, schwache soziale Beziehungen, in Onlinenetzwerken leicht zu finden und nachzuvollziehen sind, lassen sich die relevanten „strong ties“, die starken Verbindungen z. B. zwischen gesellschaftsschädigenden Cliquenwirtschaftlern, nur finden, wenn man sich in solche Cliquen hinein oder ganz in deren Nähe begibt – … und darüber berichtet, ohne sich dabei korrumpieren zu lassen.

„Strong ties“ sind kaum oder gar nicht über Daten und Datenjournalismus aufspürbar, so Gisela Schmalz. Bei der Jahreskonferenz 2015 der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche am 3. Juli in Hamburg stellte Gisela Schmalz die zentralen Thesen ihres Buches vor und diskutierte darüber mit Investigativ- und Datenjournalisten.

Stream hier.

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Marco Maas, Julian Schmidli, Petra Sorge (Moderation), Prof. Dr. Gisela Schmalz, Frederik Obermaier

Netzwerke der Macht

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Gisela Schmalz vergleicht in ihrem Buch „Cliquenwirtschaft – Die Macht der Netzwerke“ vier globale Netzwerke: Goldman Sachs, die katholische Kirche, Google und die Mafia.

Diese Netzwerke der Macht bieten mannigfaltige Ansätze zur Recherche.

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Am 4. Juli 2015 bei der Jahreskonferenz von „netzwerk recherche“ beim NDR Fernsehen in Hamburg stellt Gisela Schmalz die zentralen Thesen ihres Buches vor.

Drei Journalisten berichten im Anschluss aus ihrem Arbeitsalltag und diskutieren mit der Moderatorin Petra Sorge (Cicero) und Gisela Schmalz die Notwendigkeit, solche Strukturen zu untersuchen und darüber zu berichten.

Veranstaltungstitel: Netzwerke der Macht – Wie Datenjournalismus den Schleier lüften kann

High Context – Low Context

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The American anthropologist Edward T. Hall (1914-2009) developed the concept of „social cohesion“. One of his less known social theories involves the distinction between „high context culture“ and „low context culture“. Hall observes a difference between Southern and Eastern cultures/nations on one hand and Northern and Western cultures/nations on the other hand when it gets to bonding.

Within regions that exhibit high context cultures – regions in the South and in the East of this planet- businesses are likely to be structured via cliques or families. The chapters about the Catholic Church and about the Sizilian Mafia in Gisela Schmalz´s book: Cliquenwirtschaft (October 2014) document that Hall is quite right about Southern Europe. Thanks to tight and long-term personal relationships businesses in Italy do flourish – or not.

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Bankencliquenwirtschaft

Gorillageschäfte

„If we get this right today“, sagt er mit stechendem Blick ins Mikrofon. Seine Zunge schnellt in den linken Mundwinkel. „I hope we’ll squeeze some of those shorts.” Das Wort „squeeze“ zieht er in die Länge. Mit „squeeze“ meint er „auspressen“, mit „shorts“ meint er „shortseller“, Leerverkäufer. Nach kurzem Lacher fährt er fort, “and squeeze ‚em hard. “ Er fängt an zu schreien, „not that I wanna hurt ‚em, don’t get that please, cause that’s just not who I am.“ Die Stimme wird weich, „I am soft, I am loveable.” Die Zunge schnellt in den rechten Mundwinkel. “But what I really wanna do is, I wanna reach in, rip out their heart .“ Gebleachte Zähne blitzen auf, „and eat it, before they die.“ Mit leerem Blick starrt der Redner ins Publikum. Das lacht kurz auf, zögert und applaudiert dann seinem Chef.

Siehe hier.

Richard S. Fuld, Chairman und CEO von Lehman Brothers, trat 1969 mit 23 Jahren als Wertpapierhändler in der Firma ein. Er holte seinen M.B.A.-Abschluss feierabends nach und arbeitete sich zielstrebig an die Spitze. Seit seiner Ernennung zum Lehman-CEO im Jahr 1994 galt er als einer der mächtigsten Männer der internationalen Finanzwelt. In dieser Welt respektierte man Richard Fuld, auch Dick genannt, für seine erfolgreichen Deals und auch dafür, dass er die Firma durch zwei schwere Krisen geboxt hatte. Unter seiner Leitung meisterte die Bank die Liquiditätskrise im Jahr 1998 und drei Jahre später, beim Anschlag auf das World Trade Center, auch die Zerstörung der Zentrale sowie des Daten- und Rechenzentrums ohne große Blessuren. Wegen seiner plumpen, aber effektiven Art trug Fuld auch den Namen Gorilla. Der gefiel ihm. In einem seltenen Anfall von Selbstironie hatte er einen ausgestopften Gorilla in sein Büro gestellt.

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Fuld hatte Bewunderer, es gab Leute, die gerne gehabt hätten, was er hatte, Geld, Ruhm und Macht. Die Claqueure im Saal, die Fulds interner Rede im Jahr 2007 lauschten, meist Männer, wenige Frauen, richteten sich an Fuld aus. Fulds Untergebene, wie er selbst mit mathematischer Intelligenz begabt und von Ehrgeiz und Zockerlust angetrieben, waren Finanzjongleure wie er, seinesgleichen.

Nach Fulds Vorbild und wie alle anderen Banker in New York, London, Frankfurt oder Tokyo kämpfen sich Jungbanker in der Unternehmenshierarchie nach oben. Sie laufen dahin, wo am schnellsten das meiste Geld zu verdienen ist, zu Investmentbanken, zu Börsenparketts, den Zahlen, den anderen Männern, um sich hier im Wettbewerb zu messen, um zu steigern, was zählbar ist, Geld, Ruhm und Macht, um mehr zu ergattern als der Rest. Banker genießen es, in klarem Rahmen nach klaren Regeln zu kämpfen – unter sich zu sein. Nicht wenige von ihnen halten sich für Eliten oder Masters of the Universe.

Das Szenario lässt etwas von der homoerotischen Stimmung erahnen, die auf den Fluren von Investmentbanken herrscht und die Branche für manche attraktiv zu machen scheint. Banker orientieren sich an Kollegen, die professioneller, reicher, schneller und schlauer sind als sie selbst. Sie versuchen ihnen ähnlich oder zumindest nahe zu sein. Sie wollen die Besseren übertrumpfen, da der Triumph wiederum andere, jüngere Männer anzieht, die sich am Anfang ihrer Karriere freiwillig instrumentalisieren lassen. Diese Erotik des Vergleichens und Angleichens befeuert das Bankenspiel, in das sich überwiegend Männer täglich voller Lust hineinwerfen. Erfolge und Misserfolge schlagen sich unmittelbar in Kennzahlen, Größe und Gewicht des Firmennetzwerks nieder sowie in der Vergabe von Jobtiteln.

Die grundsätzliche Banalität des eigenen Lebensentwurfs blenden die meisten von ihnen aus. Denn was macht ein Banker anderes, als sich in eine Hierarchie einzuklinken, eine ausgetretene Karriereleiter aufzusteigen und einem Herdentrieb mit dem eindimensionalen Ziel namens Gewinn zu folgen. Banker wollen es übersichtlich, die Kontrolle wahren, Jahresbelohnungen und Respekt ernten. Sie agieren im Sinne des Firmenzwecks und mehren tatsächliches oder fiktives Kapital.

Dazu wenden sie die immergleichen Siegerstrategien an und konzipieren als Highlights hin und wieder bis zur Unverständlichkeit komplexe Finanzprodukte, um höhere Einnahmen aus mehr Quellen zu saugen und dafür Anerkennungspunkte aus der Clique sowie Boni einzuheimsen. Dabei passiert es schon mal, dass um Energie und um Nahrungsmittel spekuliert wird oder um Hypothekenkredite für eher ungern gesehene, wenig begüterte Kunden. Man nimmt in Kauf, dass solche Deals die Preise für Normalverbraucher in die Höhe treiben und Kunden in die Armut stürzen können – so gesehen in der Finanzkrise um 2007/8. Über Gerechtigkeit oder Ressourcenerhalt nachzudenken, erscheint dem Normalbanker als Ressourcenverschwendung. Solche Gedanken kosten Zeit, die Geld bedeutet, und machen sein Leben unnötig kompliziert.

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Die Finanzkrise um 2008 war immerhin für die breite Bankenoutsider-Öffentlichkeit ein Augenöffner. Die meisten Großbanker kniffen die Augen zusammen. Sie saßen die Krise aus und nahmen alsbald ihre bekannte Jagd nach dem Profit wieder auf. Ein paar von ihnen waren auch während der Krise höchst aktiv, operierten mit Produktinnovationen oder nutzten Gesetzeslücken aus und verdienten an der Krise. Ihre Gewinnspiele betreiben internationale Investmentbanker nach der Krise weiterhin, da bis auf Basel III kaum ordnungspolitische Schlussfolgerungen gezogen wurden. Die Blender der Finanzwelt durften Ausblender bleiben. Manch einer hielt sich sogar damals für heldenhaft, obwohl die Krise ihn persönlich traf.

Die weltweit agierende New Yorker Investmentbank Lehman Brothers beschäftigte im Jahr 2007 rund 28.600 Angestellte. Sie alle unterstanden Dick Gorilla Fuld, der sich mit schlecht bewerteten Hypothekenkrediten verzockt hatte, was dazu führte, dass seine Institution 2008 insolvent war. Dick Fuld stand plötzlich ohne Job, ohne Claquere und ohne Lebenssinn da. Sein Korsett, das ihn stützte, seit er 23 Jahre alt war, brach weg. Dabei hat Fuld sich als „Lehman lifer“, als lebenslänglichen Lehman, gesehen. Trotz seines Falls konnte Fuld sich damals dennoch des Rückhalts der internationalen Investmentbankerszene sicher sein.

Die Jungs von Morgan Stanley, JP Morgan Chase, Goldman Sachs und Co. schützen Banker mit Insiderwissen. Schließlich brauchen sie sein Know How, seine Kontakte und seinen Unterhaltungswert. Sie wollen dabei sein, nicht nur zusehen, sondern davon profitieren, wenn ein solcher Gorilla wieder loslegt, Geld für sich und sie erzockt und frische Herzen schreddert. Vor allem aber brauchen die Co-Banker das Schweigen eines Insiders. Keiner von der Wall Street will einen Imageschaden erleiden. Heute verdingt sich Gorilla Fuld wieder als Finanzberater in New York. Seine Anwesen und Autos hat er behalten, und er kann nun öfter als zuvor segeln gehen. Immerhin krönte Condé Nast Portfolio ihn 2009 zum schlechtesten US-CEO aller Zeiten.

Goldmen spielen Götter

Goldman Sachs galt Fuld als langjährige Benchmark für seine Bank Lehman Brothers. Immer wieder versuchte Fuld mit Lehman den obersten Platz in der Bankenbestenliste zu ergattern. Doch Goldman Sachs besiegte Lehman regelmäßig und meist auch die übrigen Konkurrenzbanken. Gemäß des Bloomberg-Rankings der globalen Investmentbanken nimmt Goldman Sachs beim Stichwort Gesamtvergütung regelmäßig vordere Plätze ein, im Umfeld von Morgan Stanley, JP Morgan Chase, Bank of Amerika Merrill Lynch oder der Deutschen Bank.

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Goldman Sachs-Banker sind hochprofessionell wie ihre Konkurrenten, doch scheinen sie smarter als der Rest der Bankenclique zu taktieren. Zum Beispiel setzte die Firma vor und während der Finanzkrise nicht nur auf den Verkauf von Hypothekenkreditpapieren, wie etwa Lehman. Auch wettete man nicht nur gegen diese Papiere. Goldman Sachs begab sich auf die Metaebene und jonglierte mit beiden Geschäftsmodellen. Die Bank trat als Makler zwischen den Parteien auf, die entweder die einen oder die anderen Papiere wollten, und strich vor allen anderen Bankern ganz entspannt, sofort und krisensicher Provisionen ein.

Goldman kassierte ab, als die ganze Welt die Auswirkungen der Kreditausfällle zu spüren bekam. Die Bank schien unantastbar während und blieb so gut wie unangetastet nach der Krise. Trotz einiger Einschnitte während der Krisenzeit verzeichnete Goldman Sachs schon im Geschäftsjahr 2011 wieder 28,8 Milliarden US-Dollar an Umsatz und 2,5 Milliarden US-Dollar an Gewinn. Goldman hat von allen Investmentbanken die Finanzkrise wohl am besten bewältigt.

Dick Gorilla Fuld fehlte das, was die CEOs von Goldman Sachs so erfolgreich machte: die hervorragenden Kontakte zur Politik und die Originalität. Fuld besaß nicht das Potential, über gegebene Strukturen und Grenzen hinaus unorthodoxe Verknüpfungen herzustellen und über Bilanzziele hinausreichende Pläne zu entwickeln. Außerdem bewies er im Umgang mit Menschen wenig Talent. Er trat im Firmeninnern als Machtfigur und nach außen eher wie ein Underdog auf. Er machte sich Feinde, er polarisierte. Mangels Brillanz und mangels diplomatischen Geschicks erhielt er keinen Zugang zu den wahrhaft entscheidenden Leuten. Fuld gelang es nicht, aus seiner Firma eine Bank mit Systemrelevanz zu machen, die aus der Finanzkrise als zu bestätigender Machtfaktor hervor gegangen wäre.

Die Traditionsbank Goldman Sachs, 1869, neunzehn Jahre nach Lehman Brothers gegründet, rekrutiert das allerbeste Personal und schult es zielführend. Goldman-Angestellte sind geistig agile Personen, die ihre Bankenscheuklappen ablegen und auch synthetisierend, anstatt rein analytisch denken können. Offenbar setzen sie außerdem ihre Ziele höher und werfen ihre Netze weiter aus, als Fuld und andere Gorillas sich vorstellen können. Goldmen haben ausgeprägte Egos und Chuzpe. Sie halten sich nicht für Gorillas, sondern für Götter.

Im November 2011 erklärte der Goldman-CEO Lloyd Blankfein einem Journalisten, seine Bank verrichte „God’s work“. Die meisten wunderten sich, ärgerten sich oder machten darüber Witze.

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Doch Blankfein lag mit seiner Einschätzung nicht völlig daneben, zumindest was die irdische Welt der Wirtschaft und zunehmend auch die der Politik angeht. Damals sagte der Kleinanleger Alessio Rastani, der im Herbst 2011 im BBC-Interview vorgaukelte, als Arbitragehändler und Spekulant Handel auf Finanzmärkten zu betreiben, im Herbst 2011 gegenüber der BBC: „Most traders don’t really care about fixing the economy. If you know what to do, if you have the right plan set up, you can make a lot of money from this [recession] (…). This is not a time right now for wishful thinking that governments are going to sort things out. Governments don’t rule the world. Goldman Sachs rules the world.“ Auch Rastanis Aussage war nicht ganz falsch. Sie wurde daher 2011 vielfach von der Presse zitiert, bevor bekannt wurde, dass sie von einem falschen Fachmann kam.

In der US-Politik ist es der Normalfall, bei Spitzenvertretern aus der Wirtschaft Rat zu suchen oder Schlüsselfiguren zu rekrutieren. George W. Bush ernannte Hank Paulson 2006 zum US-Finanzminister. Paulsen ist davor CEO von Goldman Sachs gewesen. In seiner neuen Funktion als „United States Secretary of the Treasury“ hatte Banker Paulson im September 2008 über das Leben und Sterben amerikanischer Finanzinstitutionen und somit über globale Wirtschaftsnetze zu entscheiden. Zusammen mit dem Präsidenten des Federal Reserve Board Ben Bernanke und dem damaligen Präsidenten der Federal Reserve Bank of New York, Timothy F. Geithner, war Paulson dafür verantwortlich, dass Dick Fuld für Lehman Brothers kein Rettungsgeld vom Staat bekam.

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Die 2008 aufgrund zu hoher Investments im Subprimesektor tief verschuldete Bank Lehman Brothers sterben zu lassen, wird Paulson nicht leicht gefallen sein. Allzu viele Unwägbarkeiten waren im Spiel. Keiner konnte die Auswirkungen der Lehman-Insolvenz auf die Bankenwelt und auf die Weltwirtschaft voraussehen. Paulsons Entscheidung würde das Wohlergehen der Weltbevölkerung beeinflussen, doch inwieweit, war unklar. Am Tag vor der schwersten Wirtschaftskrise seit dem 2. Weltkrieg, am 15. September 2008, hielt US-Finanzminister Paulson nicht bloß die wirtschaftliche Zukunft des eigenen Landes, sondern die der ganzen Welt in der Hand. Ob er wollte oder nicht, Hank Paulson musste Gott (für die Wirtschaftswelt) spielen.
In solchen Momenten geht die Firmenphilosophie von Goldman Sachs auf. Ein Goldman sitzt im Cockpit, hört sich den Rat von Kollegen und Konkurrenten an, bestimmt jedoch letztlich allein Flughöhe und Flugrichtung.

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Finanzweltbewegendes strebt auch der EZB-Präsident Mario Draghi an. Als am 14 Januar 2015 der Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof (EuGH), Pedro Cruz Villalón, verkündete, die Notenbanker dürften unter bestimmten Bedingungen Staatsanleihen kaufen, wird Draghi sich gefreut haben. Schließlich fordert er seit geraumer Zeit grünes Licht für Staatsanleihekäufe, um darüber die Euro-Zone zu stärken. Auch Finanzfachmann Draghi ist ehemaliger Mitarbeiter der renommierten Goldman Sachs Group.

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Mehr darüber im Buch von Gisela Schmalz: “Cliquenwirtschaft. Die Macht der Netzwerke: Goldman Sachs, Kirche, Google, Mafia & Co.” Kösel Verlag, 336 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-466-34595-3.

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