Bankencliquenwirtschaft

Gorillageschäfte

„If we get this right today“, sagt er mit stechendem Blick ins Mikrofon. Seine Zunge schnellt in den linken Mundwinkel. „I hope we’ll squeeze some of those shorts.” Das Wort „squeeze“ zieht er in die Länge. Mit „squeeze“ meint er „auspressen“, mit „shorts“ meint er „shortseller“, Leerverkäufer. Nach kurzem Lacher fährt er fort, “and squeeze ‚em hard. “ Er fängt an zu schreien, „not that I wanna hurt ‚em, don’t get that please, cause that’s just not who I am.“ Die Stimme wird weich, „I am soft, I am loveable.” Die Zunge schnellt in den rechten Mundwinkel. “But what I really wanna do is, I wanna reach in, rip out their heart .“ Gebleachte Zähne blitzen auf, „and eat it, before they die.“ Mit leerem Blick starrt der Redner ins Publikum. Das lacht kurz auf, zögert und applaudiert dann seinem Chef.

Siehe hier.

Richard S. Fuld, Chairman und CEO von Lehman Brothers, trat 1969 mit 23 Jahren als Wertpapierhändler in der Firma ein. Er holte seinen M.B.A.-Abschluss feierabends nach und arbeitete sich zielstrebig an die Spitze. Seit seiner Ernennung zum Lehman-CEO im Jahr 1994 galt er als einer der mächtigsten Männer der internationalen Finanzwelt. In dieser Welt respektierte man Richard Fuld, auch Dick genannt, für seine erfolgreichen Deals und auch dafür, dass er die Firma durch zwei schwere Krisen geboxt hatte. Unter seiner Leitung meisterte die Bank die Liquiditätskrise im Jahr 1998 und drei Jahre später, beim Anschlag auf das World Trade Center, auch die Zerstörung der Zentrale sowie des Daten- und Rechenzentrums ohne große Blessuren. Wegen seiner plumpen, aber effektiven Art trug Fuld auch den Namen Gorilla. Der gefiel ihm. In einem seltenen Anfall von Selbstironie hatte er einen ausgestopften Gorilla in sein Büro gestellt.

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Fuld hatte Bewunderer, es gab Leute, die gerne gehabt hätten, was er hatte, Geld, Ruhm und Macht. Die Claqueure im Saal, die Fulds interner Rede im Jahr 2007 lauschten, meist Männer, wenige Frauen, richteten sich an Fuld aus. Fulds Untergebene, wie er selbst mit mathematischer Intelligenz begabt und von Ehrgeiz und Zockerlust angetrieben, waren Finanzjongleure wie er, seinesgleichen.

Nach Fulds Vorbild und wie alle anderen Banker in New York, London, Frankfurt oder Tokyo kämpfen sich Jungbanker in der Unternehmenshierarchie nach oben. Sie laufen dahin, wo am schnellsten das meiste Geld zu verdienen ist, zu Investmentbanken, zu Börsenparketts, den Zahlen, den anderen Männern, um sich hier im Wettbewerb zu messen, um zu steigern, was zählbar ist, Geld, Ruhm und Macht, um mehr zu ergattern als der Rest. Banker genießen es, in klarem Rahmen nach klaren Regeln zu kämpfen – unter sich zu sein. Nicht wenige von ihnen halten sich für Eliten oder Masters of the Universe.

Das Szenario lässt etwas von der homoerotischen Stimmung erahnen, die auf den Fluren von Investmentbanken herrscht und die Branche für manche attraktiv zu machen scheint. Banker orientieren sich an Kollegen, die professioneller, reicher, schneller und schlauer sind als sie selbst. Sie versuchen ihnen ähnlich oder zumindest nahe zu sein. Sie wollen die Besseren übertrumpfen, da der Triumph wiederum andere, jüngere Männer anzieht, die sich am Anfang ihrer Karriere freiwillig instrumentalisieren lassen. Diese Erotik des Vergleichens und Angleichens befeuert das Bankenspiel, in das sich überwiegend Männer täglich voller Lust hineinwerfen. Erfolge und Misserfolge schlagen sich unmittelbar in Kennzahlen, Größe und Gewicht des Firmennetzwerks nieder sowie in der Vergabe von Jobtiteln.

Die grundsätzliche Banalität des eigenen Lebensentwurfs blenden die meisten von ihnen aus. Denn was macht ein Banker anderes, als sich in eine Hierarchie einzuklinken, eine ausgetretene Karriereleiter aufzusteigen und einem Herdentrieb mit dem eindimensionalen Ziel namens Gewinn zu folgen. Banker wollen es übersichtlich, die Kontrolle wahren, Jahresbelohnungen und Respekt ernten. Sie agieren im Sinne des Firmenzwecks und mehren tatsächliches oder fiktives Kapital.

Dazu wenden sie die immergleichen Siegerstrategien an und konzipieren als Highlights hin und wieder bis zur Unverständlichkeit komplexe Finanzprodukte, um höhere Einnahmen aus mehr Quellen zu saugen und dafür Anerkennungspunkte aus der Clique sowie Boni einzuheimsen. Dabei passiert es schon mal, dass um Energie und um Nahrungsmittel spekuliert wird oder um Hypothekenkredite für eher ungern gesehene, wenig begüterte Kunden. Man nimmt in Kauf, dass solche Deals die Preise für Normalverbraucher in die Höhe treiben und Kunden in die Armut stürzen können – so gesehen in der Finanzkrise um 2007/8. Über Gerechtigkeit oder Ressourcenerhalt nachzudenken, erscheint dem Normalbanker als Ressourcenverschwendung. Solche Gedanken kosten Zeit, die Geld bedeutet, und machen sein Leben unnötig kompliziert.

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Die Finanzkrise um 2008 war immerhin für die breite Bankenoutsider-Öffentlichkeit ein Augenöffner. Die meisten Großbanker kniffen die Augen zusammen. Sie saßen die Krise aus und nahmen alsbald ihre bekannte Jagd nach dem Profit wieder auf. Ein paar von ihnen waren auch während der Krise höchst aktiv, operierten mit Produktinnovationen oder nutzten Gesetzeslücken aus und verdienten an der Krise. Ihre Gewinnspiele betreiben internationale Investmentbanker nach der Krise weiterhin, da bis auf Basel III kaum ordnungspolitische Schlussfolgerungen gezogen wurden. Die Blender der Finanzwelt durften Ausblender bleiben. Manch einer hielt sich sogar damals für heldenhaft, obwohl die Krise ihn persönlich traf.

Die weltweit agierende New Yorker Investmentbank Lehman Brothers beschäftigte im Jahr 2007 rund 28.600 Angestellte. Sie alle unterstanden Dick Gorilla Fuld, der sich mit schlecht bewerteten Hypothekenkrediten verzockt hatte, was dazu führte, dass seine Institution 2008 insolvent war. Dick Fuld stand plötzlich ohne Job, ohne Claquere und ohne Lebenssinn da. Sein Korsett, das ihn stützte, seit er 23 Jahre alt war, brach weg. Dabei hat Fuld sich als „Lehman lifer“, als lebenslänglichen Lehman, gesehen. Trotz seines Falls konnte Fuld sich damals dennoch des Rückhalts der internationalen Investmentbankerszene sicher sein.

Die Jungs von Morgan Stanley, JP Morgan Chase, Goldman Sachs und Co. schützen Banker mit Insiderwissen. Schließlich brauchen sie sein Know How, seine Kontakte und seinen Unterhaltungswert. Sie wollen dabei sein, nicht nur zusehen, sondern davon profitieren, wenn ein solcher Gorilla wieder loslegt, Geld für sich und sie erzockt und frische Herzen schreddert. Vor allem aber brauchen die Co-Banker das Schweigen eines Insiders. Keiner von der Wall Street will einen Imageschaden erleiden. Heute verdingt sich Gorilla Fuld wieder als Finanzberater in New York. Seine Anwesen und Autos hat er behalten, und er kann nun öfter als zuvor segeln gehen. Immerhin krönte Condé Nast Portfolio ihn 2009 zum schlechtesten US-CEO aller Zeiten.

Goldmen spielen Götter

Goldman Sachs galt Fuld als langjährige Benchmark für seine Bank Lehman Brothers. Immer wieder versuchte Fuld mit Lehman den obersten Platz in der Bankenbestenliste zu ergattern. Doch Goldman Sachs besiegte Lehman regelmäßig und meist auch die übrigen Konkurrenzbanken. Gemäß des Bloomberg-Rankings der globalen Investmentbanken nimmt Goldman Sachs beim Stichwort Gesamtvergütung regelmäßig vordere Plätze ein, im Umfeld von Morgan Stanley, JP Morgan Chase, Bank of Amerika Merrill Lynch oder der Deutschen Bank.

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Goldman Sachs-Banker sind hochprofessionell wie ihre Konkurrenten, doch scheinen sie smarter als der Rest der Bankenclique zu taktieren. Zum Beispiel setzte die Firma vor und während der Finanzkrise nicht nur auf den Verkauf von Hypothekenkreditpapieren, wie etwa Lehman. Auch wettete man nicht nur gegen diese Papiere. Goldman Sachs begab sich auf die Metaebene und jonglierte mit beiden Geschäftsmodellen. Die Bank trat als Makler zwischen den Parteien auf, die entweder die einen oder die anderen Papiere wollten, und strich vor allen anderen Bankern ganz entspannt, sofort und krisensicher Provisionen ein.

Goldman kassierte ab, als die ganze Welt die Auswirkungen der Kreditausfällle zu spüren bekam. Die Bank schien unantastbar während und blieb so gut wie unangetastet nach der Krise. Trotz einiger Einschnitte während der Krisenzeit verzeichnete Goldman Sachs schon im Geschäftsjahr 2011 wieder 28,8 Milliarden US-Dollar an Umsatz und 2,5 Milliarden US-Dollar an Gewinn. Goldman hat von allen Investmentbanken die Finanzkrise wohl am besten bewältigt.

Dick Gorilla Fuld fehlte das, was die CEOs von Goldman Sachs so erfolgreich machte: die hervorragenden Kontakte zur Politik und die Originalität. Fuld besaß nicht das Potential, über gegebene Strukturen und Grenzen hinaus unorthodoxe Verknüpfungen herzustellen und über Bilanzziele hinausreichende Pläne zu entwickeln. Außerdem bewies er im Umgang mit Menschen wenig Talent. Er trat im Firmeninnern als Machtfigur und nach außen eher wie ein Underdog auf. Er machte sich Feinde, er polarisierte. Mangels Brillanz und mangels diplomatischen Geschicks erhielt er keinen Zugang zu den wahrhaft entscheidenden Leuten. Fuld gelang es nicht, aus seiner Firma eine Bank mit Systemrelevanz zu machen, die aus der Finanzkrise als zu bestätigender Machtfaktor hervor gegangen wäre.

Die Traditionsbank Goldman Sachs, 1869, neunzehn Jahre nach Lehman Brothers gegründet, rekrutiert das allerbeste Personal und schult es zielführend. Goldman-Angestellte sind geistig agile Personen, die ihre Bankenscheuklappen ablegen und auch synthetisierend, anstatt rein analytisch denken können. Offenbar setzen sie außerdem ihre Ziele höher und werfen ihre Netze weiter aus, als Fuld und andere Gorillas sich vorstellen können. Goldmen haben ausgeprägte Egos und Chuzpe. Sie halten sich nicht für Gorillas, sondern für Götter.

Im November 2011 erklärte der Goldman-CEO Lloyd Blankfein einem Journalisten, seine Bank verrichte „God’s work“. Die meisten wunderten sich, ärgerten sich oder machten darüber Witze.

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Doch Blankfein lag mit seiner Einschätzung nicht völlig daneben, zumindest was die irdische Welt der Wirtschaft und zunehmend auch die der Politik angeht. Damals sagte der Kleinanleger Alessio Rastani, der im Herbst 2011 im BBC-Interview vorgaukelte, als Arbitragehändler und Spekulant Handel auf Finanzmärkten zu betreiben, im Herbst 2011 gegenüber der BBC: „Most traders don’t really care about fixing the economy. If you know what to do, if you have the right plan set up, you can make a lot of money from this [recession] (…). This is not a time right now for wishful thinking that governments are going to sort things out. Governments don’t rule the world. Goldman Sachs rules the world.“ Auch Rastanis Aussage war nicht ganz falsch. Sie wurde daher 2011 vielfach von der Presse zitiert, bevor bekannt wurde, dass sie von einem falschen Fachmann kam.

In der US-Politik ist es der Normalfall, bei Spitzenvertretern aus der Wirtschaft Rat zu suchen oder Schlüsselfiguren zu rekrutieren. George W. Bush ernannte Hank Paulson 2006 zum US-Finanzminister. Paulsen ist davor CEO von Goldman Sachs gewesen. In seiner neuen Funktion als „United States Secretary of the Treasury“ hatte Banker Paulson im September 2008 über das Leben und Sterben amerikanischer Finanzinstitutionen und somit über globale Wirtschaftsnetze zu entscheiden. Zusammen mit dem Präsidenten des Federal Reserve Board Ben Bernanke und dem damaligen Präsidenten der Federal Reserve Bank of New York, Timothy F. Geithner, war Paulson dafür verantwortlich, dass Dick Fuld für Lehman Brothers kein Rettungsgeld vom Staat bekam.

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Die 2008 aufgrund zu hoher Investments im Subprimesektor tief verschuldete Bank Lehman Brothers sterben zu lassen, wird Paulson nicht leicht gefallen sein. Allzu viele Unwägbarkeiten waren im Spiel. Keiner konnte die Auswirkungen der Lehman-Insolvenz auf die Bankenwelt und auf die Weltwirtschaft voraussehen. Paulsons Entscheidung würde das Wohlergehen der Weltbevölkerung beeinflussen, doch inwieweit, war unklar. Am Tag vor der schwersten Wirtschaftskrise seit dem 2. Weltkrieg, am 15. September 2008, hielt US-Finanzminister Paulson nicht bloß die wirtschaftliche Zukunft des eigenen Landes, sondern die der ganzen Welt in der Hand. Ob er wollte oder nicht, Hank Paulson musste Gott (für die Wirtschaftswelt) spielen.
In solchen Momenten geht die Firmenphilosophie von Goldman Sachs auf. Ein Goldman sitzt im Cockpit, hört sich den Rat von Kollegen und Konkurrenten an, bestimmt jedoch letztlich allein Flughöhe und Flugrichtung.

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Finanzweltbewegendes strebt auch der EZB-Präsident Mario Draghi an. Als am 14 Januar 2015 der Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof (EuGH), Pedro Cruz Villalón, verkündete, die Notenbanker dürften unter bestimmten Bedingungen Staatsanleihen kaufen, wird Draghi sich gefreut haben. Schließlich fordert er seit geraumer Zeit grünes Licht für Staatsanleihekäufe, um darüber die Euro-Zone zu stärken. Auch Finanzfachmann Draghi ist ehemaliger Mitarbeiter der renommierten Goldman Sachs Group.

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Mehr darüber im Buch von Gisela Schmalz: “Cliquenwirtschaft. Die Macht der Netzwerke: Goldman Sachs, Kirche, Google, Mafia & Co.” Kösel Verlag, 336 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-466-34595-3.

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