Wir verreißen Chris Andersons Buch „Free“

Ich wundere mich darüber, dass Chris Anderson so lange herumgedoktert hat, um schließlich mit seinem Buch “Free: The Future of a Radical Price” (Hyperion; $26.99) ein so dünnes Ergebnis abzuliefern. Noch mehr wundere ich mich darüber, dass das Machwerk auf US-Bestsellerlisten klettert. Vielleicht rennen alle zum Buchladen, weil sie den Namen Anderson (Wired!) und das Ding mit seinem Longtail so cool finden. Womöglich kann Mr. Longtail schreiben, was er will, auch solche falschen Free-Phrasen – sie werden verschlungen. In seinem Artikel im New Yorker klärt Malcolm Gladwell (The Tipping Point) dem Wired-Herausgeber Anderson (The Long Tail), dass er sich verrechnet hat. Als Beispiel gegen die Anderson´sche Free-Philosophie führt Gladwell die Kosten für den YouTube-Betrieb ins Feld, durch die Google Inc. 2009 ein Verlustgeschäft von rund einer halbe Milliarde US-Dollar einfahren werde. Nicht nur damit läßt sich erklären, dass das mit der Free-Idee nicht funktioniert. So manche Milchmädchenrechnungen Andersons gehen für Informationsgüter im WWW nicht auf. Die Behauptung, Informationsgüter kosteten nichts, ist schlicht falsch: zu den Serverbetriebskosten kommen Investitionen in Recherchen, Forschung und Entwicklung hinzu, die der Erstellung hochwertiger Informationsgüter vorausgehen, auch wollen mitunter auch Autoren Geld verdienen. Dass große Anbieter wie Apple sehr wohl Geld mit Content machen, ist ein weiteres Argument gegen Andersons Free-Modell.

© gsc

Während ich die seltsam lange Phase der Entstehungzeit von Andersons Buch  verfolgt habe, brachte ich mit Eichborn präventiv im April mein Buch „No Economy“ auf den Markt. Dabei war das Tempo gar nicht nötig. Denn da steht nichts drin in „Free“, das am 7. Juli 2009 in den USA und in Großbritannien auf die Offline-Märkte kam und nun unverdientermaßen so stark wahrgenommen wird. Es kann doch nicht Andersons Ernst sein, Marketingtips und Ratschläge wie den heraus zu posaunen, Zeitungen und andere müssten „reinvent their business.“ Nichts Neues, nichts Weiterführendes, nichts Nützliches für die Onlinegesellschaft, nichts, das wir nicht alle schon lange und besser wüßten, seht in „Free.“ Es enthält eine Reihe urhalter Marketingkniffe, die besagen, man solle Gratispröbchen als verkaufsfördernde Maßnahmen einsetzen.

Das Einzige, was mir gefällt, ist Chris Andersons gnadenloser Ton, mit dem er alle Chancen von Bezahlmodellen für Content verwirft (es liest sich so schön leicht), auch wenn das wenig konstruktiv ist und von wenig Denkarbeit zeugt. Naiv wirkt er allerdings immer, wenn er mal wieder „abundance“ jubelt. Wie lange gibt es denn noch gute Güter im Überfluss und gratis im Netz? Wer ist denn bereit, weiter zu liefern, wenn keiner für Content bezahlt? Free kann ja wohl nicht die Dauerantwort bleiben. Anderson liefert weder brauchbare Ideen zur langfristigen Zufuhr von Qualitätscontent, noch zur Rettung bestehender Wertschöpfungsstrukturen, noch gönnt er digitalen Kreativen und Uploadern einen Schimmer von Hoffnung auf einen Verdienst via Web. Je öfter Anderson „abundance“ jubelt, desto verdächtiger klingt das wie ein Ablenkungsmanöver.

Gemäß Chris Anderson ist für Contentproduzenten alles zu spät, sobald deren Ergüsse das Netz erreicht haben. Das Netz dreht sich ihnen also als Stick um den Hals? Einmal im Netz und das Urheberrecht ist weg…. ,  das ist finster und verdirbt die Lust auf Freiheit, die „Free“ scheinheilig verkündet. Noch glaube ich an Respekt für die Rechte anderer und an die Zahlungsbereitschaft von Nutzern für ihre Lieblingslieferanten, -werke und -dienste. Nutzer mit Weit- und Fernblick werden einsehen, dass sie mit der Zahlung von Mikropreisen anderen Kreativen, aber auch sich selbst das (Über)-Leben im und via Netz erleichtern können. Free bedeutet dann nicht bloß kurzfristig gratis, sondern dauerhaft frei im Netz zu surfen.

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