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Augenwischerei-Pads – die überflüssige Renaissance des Physischen

Apple bringt also dieses glatte Ding, erst Tablet, jetzt Pad genannt, für 499 bis 699 $ (EU wie $) auf den Markt, das aussieht wie ein iPhone mit der Lupe betrachtet. Es kann digitale Fotos, Videos, Musik, Spiele und E-Books verarbeiten. Man sollte jedoch nicht versuchen, es ans Ohr zu halten oder es anzureden, um zu telefonieren, bevor man nicht selbst zuvor Skype aufgespielt hat.

iPad-Quelle: Apple

Der Witz ist sowieso nicht das Gerät selbst, jedenfalls nicht lange, da Apple gewiss schon ein iPad nano, iPad pro oder iPad power oder wie die Apple-Nachsilben alle heißen, in petto hat. Der Witz ist das eingebaute Geschäftsmodell. Mit dem vermeintlich coolen Tisch- und Traggerät pflanzt Apple sich einen eingemauerten Garten, einen Walled Garden, bei dem digitale Inhalte an ein physisches Gerät gebunden werden. Mit den Software-Hardware-Paketen iTunes-iPod, iTunes-iPhone und App-Store-iPhone bestellt Apple bereits florierende Gärten mit Musik, Videos und Apps, die nicht nur direkte Wettbewerber von der Inhalte-Wertschöpfung ausschließen.

Der aus dem Hardwaregeschäft kommende Konzern Apple erschließt sich mit dem iPad nun auch den Buchmarkt und grätscht dabei zunächst in den Kindle-Garten von Amazon. Während Amazon digitale Bücher zum Preis von maximal 9,99 $ anbietet und beträchtliche Provisionen einbehält, lockt Apple Autoren und Verleger mit Preisen von bis zu 14,99 $ pro Buchdownload und verspricht 70-prozentige Abgaben für Urheber. Zieht Apple die Inhaltelieferanten damit in seinen iPad-Garten, könnte das den Kindle-Garten von Amazon dauerhaft vergiften. Apple würde blühen und blühen und eines Tages in anderen Gärten (Onlineplattformen) nicht mal mehr Gras wachsen.

Genau vor einem Jahr machte ich mit dem Text „Spielplatz oder Marktplatz“ bereits auf das Problem der Höherbewertung physischer Güter im Vergleich zu immateriellen Gütern aufmerksam. Menschen bezahlen eher für Gimmicks wie den Nindendo DS, die Xbox 360, das Kindle, das iPod, iPhone oder iPad, statt für digitale Texte, Bilder, Töne oder Filme. Wer die Urheber von Webinhalten überhaupt entlohnt, zahlt bloß winzige Preise, deren Hauptanteile aber schon heute meist großen Downloadplattformen wie Apple oder Paymentanbietern wie eBay (Paypal) zufließen. Als Softwarebereitsteller, Geräteproduzenten und Gartenwächter verdienen sie weit mehr als Urheber, die immaterielle Informations- und Unterhaltungsarbeit leisten.

Dabei ermöglicht das WWW doch weit innovativere und urheberfreundlichere Handelsstrukturen als die Offlinewelt sie kennt, darunter das Ausklinken der Zwischenhändler. Das WWW und die hier verfügbare Vermarktungs- und Bezahlsoftware bietet Journalisten und Künstlern direkten Zugang nicht nur zu Lesern, Hörern und Zuschauern, sondern auch zu Kunden. Doch leider ist ihnen das WWW als direkter Distributionskanal verstellt, da sie, sobald es ums Zahlen geht, auf die Ignoranz der Nutzer stoßen. Wer als Künstler nicht im iTunes-Store vertreten ist, ist von der digitalen Nahrungskette und vom Geld der Nutzer weitgehend abgeschnitten. Viele geistige Arbeiter sind daher gezwungen, sich jenseits des eigentlich offenen Gartens WWW in der physischen Welt abzustrampeln, auf Konzerttouren oder iPad (ehemals Buch-)Lesungen oder in berufungssfernen Feldern, beispielsweise als Verkäufer in Geschäften, die iPods oder iPads feilbieten.

In „Spielplatz statt Marktplatz: Gratisweb“ schrieb ich bereits über die Folgen dieser Augenwischerei-Pads für die Urheber und die Nutzer, die sich mit ihrem kurzsichtigen Gratis- oder iTunes-Konsum selbst vom freien Datenzugang im WWW abschneiden:

In seinem Buch „The Future of the Internet and how to stop it“ warnt der amerikanische Rechtsprofessor und Anwalt Jonathan Zittrain vor solchen ummauerten Gärten. Spielzeuge wie das iPhone, der BlackBerry, die PlayStation und fest zu diesen Geräten gehörige Applikationen, verhinderten, dass Nutzer Software und Content selbst aktiv mit gestalteten und verbesserten. Er spricht in dem Zusammenhang vom Tod des Internet. Das kreative Chaos, das im Web herrsche, würde durch feste Installationen auf Geräten abgetötet. Die Renaissance des Physischen stellt einen Rück- und keinen Fortschritt dar. Gratisanbieter und Gratisnutzer verspielen die wertvolle Gelegenheit, sich für die Chancen einer Web-Ökonomie zu öffnen. Sie arbeiten der Entwicklung zu einer mobilen, globalen Zukunftsgesellschaft entgegen, wenn sie bloß für materielle Güter oder daran gekoppelte Produkte Preise tolerieren, für Web-Leistungen jedoch nicht.

Eine neue Gesellschaft entledigt sich des physischen Ballasts und vermeidet es, unter hohem Ressourcenaufwand technische Apparate zu produzieren, die eines Tages verschrottet werden, um neue Produktionen anzukurbeln. Das WWW ist die umweltfreundlichere, schlankere und elegantere Alternative zur Geräteherstellung. Insbesondere, wenn es darum geht, informierende und unterhaltende Inhalte zu transportieren, ist das WWW unschlagbar in seiner Schnelligkeit, Kostengünstigkeit und Speicherkapazität. Wer braucht noch Festplatten, DVDs oder CDs, wenn das WWW alles von überall und jederzeit abrufbar bereithält. Ein festes oder ein mobiles Gerät mit Online-Zugang reichen aus, um digitale Güter zu transportieren. Datenträger sind nur überflüssige Zwischenspeicher. Wer geschlossene Gärten, also Software-Hardware-Gefängnisse, propagiert, verrät außerdem die Tugenden des WWW, Flexibilität, Offenheit, Vernetzung, Interaktivität. Wer nicht auch für digitale Leistungen zu zahlen bereit ist, beraubt sich langfristig der Möglichkeit unkompliziert über das Web auf sie zugreifen zu können. Christian Stöcker /Der Spiegel verweist darauf, dass „Torwächter“-Unternehmen für die mobile, digitale Welt bereits gelernt haben, wovon ja deren App-Politik zeugt.

Die Netzgesellschaft

Frankfurt, LPR

Statt rückwärts zu blicken, feierte die LPR Hessen ihr 20jähriges Bestehen am 4. November 2009 mit einem Blick in die Zukunft. Keynotespeaker Peter Kruse, Psychologieprofessor und Unternehmensberater aus Bremen, sprach davon, dass die Netzwerkkompetenz künftig die Medienkompetenz ablöse. Darin, dass man dem Internet und selbst seinen teils negativen Auswüchsen mit den Werkzeugen der Rundfunkaufsicht nicht beizukommen vermag, waren sich die Teilnehmer der anschließenden Debatte einig. Zum Thema „Revolution 2.0“ diskutierten die Medienökonomin Gisela Schmalz, die Kommunikationswissenschaftlerin Ingrid Paus-Hasebrink, Ulrike Reinhard, Mitinitiatorin der Plattform DNAdigital, Ibrahim Evsan, Mitbegründer der Videoplattform sevenload und LPR-Direktor Wolfgang Thaenert. Auch Ministerpräsident Roland Koch äußerte in seiner abschließenden Rede, dass die Kontrolle durch die Landesmedienanstalten schwieriger werde. Er schrieb ihnen jedoch während der Übergangszeit eine wichtige Vermittlerrolle zu.

In den Einzelinterviews mit Peter Kruse (ab Min. 1,30), Wolfgang Thaenert (ab Min. 8), Roland Koch (ab Min. 19), Gisela Schmalz (ab Min. 20,30) oder Ibrahim Evsan (ab Min. 22) kommen die unterschiedlichen Standpunkte der Podiumsteilnehmer deutlich heraus.

Hände weg, Vater Staat

Einige deutsche Medienkonzernlenker wehren sich gegen die Restrukturierung ihrer Geschäfte und ihrer Geschäftsmodelle. Sie fordern alternierend neue Gemas, Leistungsschutzrechte, Steuererleichterungen für den Medienkonsum oder erwägen gar die Kulturflatrate. Mit  ihrem Widerstand gegen die Netzlogik und ihrem Griff nach Instrumenten aus uralter Zeit gefährden sie ihre Unternehmen und ihre Mitarbeiter, statt sie zu schützen, indem sie sie digital sattelfest machen. Die digitale Technologie und deren Nutzer, die einst ihre Kunden waren, laufen ihnen davon. Das liegt aber nicht an der Technologie, sondern an ihrer Ignoranz gegenüber der Nutzergemeinde und ihrer Zeitschinderei durch den Ruf nach Vater Staat.

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Medienunternehmer sollten die Nutzer und die neuen Technologien herzlich umarmen, End- und Werbekunden als Partner einbinden, Abendschulkurse im Programmieren belegen und mit Entwicklern oder Technikunternehmen kooperieren. Medien- und Onlineunternehmen, die mit zeitgemäßen Produkten, Plattformen und Preismodellen experimentieren, wären dabei taugliche Vorbilder. Während das Wallstreet Journal mit fachspezifischen Inhalten Geld einnimmt, bieten USA Today, Burda und seine US-Partner mit Glam oder die WAZ-Gruppe mit Der Westen ihren Abonnenten und anderen Interessenten Plattformen an, die es erlauben, Artikel, Kommentare und Bewertungen zu verwalten und mit anderen Nutzern in Kontakt zu treten. Die New York Times mutiert zum Technologieentwickler, erfindet Inhalte-Aggregatoren und testet sie zusammen mit ihrer Leserschaft. Paid Content funktioniert bei so manchen Film- und Musikportalen. Konkurrenz und zugleich Vorbilder für Medienunternehmen sind nicht nur Projekte aus den eigenen Branchen, sondern auch originär digitale Phänomene wie huffingtonpost.com, iBrattleboro.com, ohmynews.com oder GoogleNews, die Qualitätsinhalte liefern oder Inhalte zu Appetithäppchen bündeln. Auch Gamepublisher und Onlinespiele-Anbieter gehören zu den Wettbewerbern, von denen sich lernen läßt. Ihnen gelingt es mittels eigener Ideen und Ideen aus ihrer Zielgruppe, nicht nur die (zahlende) Zielgruppe selbst, sondern auch Werbekunden oder Sponsoren an sich zu binden.

Inhalteanbieter müssen sich zu den Nutzern vorbewegen. Sie haben die dringende Hausaufgabe auf dem Tisch, ihre Produkte an Onlinetechnologien, Plattformen und Bezahlsysteme anzudocken, sowie Widgets, Apps oder Items zu implementieren. Auch hier ist die Einbeziehung der Nutzer wieder die wichtigste Erfolgsvoraussetzung. Erstens können im Dialog die Bedürfnisse der Nutzer ausgemacht werden, zweitens von ihnen Ideen oder Technologien eingesammelt werden, und drittens richtet sich die Entwicklung von Anfang an auf die Nutzer aus. So kann bei der Definition von Produkten und Preisen optimal auf die Kundenbedürfnisse eingegangen werden, was langfristige Beziehungen aufbauen hilft. Unternehmen sollten Fangemeinden um sich scharen und Kunden nicht mit Gesetzesdrohungen oder Zwangsgebühren verschrecken. Warum den Staat zwischen sich und den Nutzer stellen, wenn man ihn mal eben über das Netz kontaktieren kann?

Einfach wird es für Medienunternehmer nicht, originelle Mixmodelle zu zimmern, mit denen sich aus Content, Kontext und Nutzern größtmöglicher Wert schöpfen lässt. Wer aber an den Zielgruppen vorbei operiert, schaufelt sich sein Grab. Das dürfte bekannt sein, seit der Satz „Der Kunde ist König“ jedes Marketingbuch veredelt. Beim Abfassen aller Geschäftspläne muss die Sinnhaftigkeit für die Nutzer federführend sein.

Kultur? Flatrate? Eine 3sat-Diskussion

Das Internet und die Kulturflatrate: Im Buchmesse-„Studio“ von 3sat begrüßte Cécile Schortmann am 16.10.2009 vier Gäste, die sich intensiv mit den Vor- und Nachteilen der Idee auseinandersetzen: die Medienökonomin Gisela Schmalz, den Schriftsteller Burkhard Spinnen, den Verleger Günter Berg, Geschäftsführer von Hoffmann und Campe und den Journalisten Wolfgang Michal.

Gespräch Teil 1: hier herunterladen.

Gespräch Teil 2: hier herunterladen.

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Wir verreißen Chris Andersons Buch „Free“

Ich wundere mich darüber, dass Chris Anderson so lange herumgedoktert hat, um schließlich mit seinem Buch “Free: The Future of a Radical Price” (Hyperion; $26.99) ein so dünnes Ergebnis abzuliefern. Noch mehr wundere ich mich darüber, dass das Machwerk auf US-Bestsellerlisten klettert. Vielleicht rennen alle zum Buchladen, weil sie den Namen Anderson (Wired!) und das Ding mit seinem Longtail so cool finden. Womöglich kann Mr. Longtail schreiben, was er will, auch solche falschen Free-Phrasen – sie werden verschlungen. In seinem Artikel im New Yorker klärt Malcolm Gladwell (The Tipping Point) dem Wired-Herausgeber Anderson (The Long Tail), dass er sich verrechnet hat. Als Beispiel gegen die Anderson´sche Free-Philosophie führt Gladwell die Kosten für den YouTube-Betrieb ins Feld, durch die Google Inc. 2009 ein Verlustgeschäft von rund einer halbe Milliarde US-Dollar einfahren werde. Nicht nur damit läßt sich erklären, dass das mit der Free-Idee nicht funktioniert. So manche Milchmädchenrechnungen Andersons gehen für Informationsgüter im WWW nicht auf. Die Behauptung, Informationsgüter kosteten nichts, ist schlicht falsch: zu den Serverbetriebskosten kommen Investitionen in Recherchen, Forschung und Entwicklung hinzu, die der Erstellung hochwertiger Informationsgüter vorausgehen, auch wollen mitunter auch Autoren Geld verdienen. Dass große Anbieter wie Apple sehr wohl Geld mit Content machen, ist ein weiteres Argument gegen Andersons Free-Modell.

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Während ich die seltsam lange Phase der Entstehungzeit von Andersons Buch  verfolgt habe, brachte ich mit Eichborn präventiv im April mein Buch „No Economy“ auf den Markt. Dabei war das Tempo gar nicht nötig. Denn da steht nichts drin in „Free“, das am 7. Juli 2009 in den USA und in Großbritannien auf die Offline-Märkte kam und nun unverdientermaßen so stark wahrgenommen wird. Es kann doch nicht Andersons Ernst sein, Marketingtips und Ratschläge wie den heraus zu posaunen, Zeitungen und andere müssten „reinvent their business.“ Nichts Neues, nichts Weiterführendes, nichts Nützliches für die Onlinegesellschaft, nichts, das wir nicht alle schon lange und besser wüßten, seht in „Free.“ Es enthält eine Reihe urhalter Marketingkniffe, die besagen, man solle Gratispröbchen als verkaufsfördernde Maßnahmen einsetzen.

Das Einzige, was mir gefällt, ist Chris Andersons gnadenloser Ton, mit dem er alle Chancen von Bezahlmodellen für Content verwirft (es liest sich so schön leicht), auch wenn das wenig konstruktiv ist und von wenig Denkarbeit zeugt. Naiv wirkt er allerdings immer, wenn er mal wieder „abundance“ jubelt. Wie lange gibt es denn noch gute Güter im Überfluss und gratis im Netz? Wer ist denn bereit, weiter zu liefern, wenn keiner für Content bezahlt? Free kann ja wohl nicht die Dauerantwort bleiben. Anderson liefert weder brauchbare Ideen zur langfristigen Zufuhr von Qualitätscontent, noch zur Rettung bestehender Wertschöpfungsstrukturen, noch gönnt er digitalen Kreativen und Uploadern einen Schimmer von Hoffnung auf einen Verdienst via Web. Je öfter Anderson „abundance“ jubelt, desto verdächtiger klingt das wie ein Ablenkungsmanöver.

Gemäß Chris Anderson ist für Contentproduzenten alles zu spät, sobald deren Ergüsse das Netz erreicht haben. Das Netz dreht sich ihnen also als Stick um den Hals? Einmal im Netz und das Urheberrecht ist weg…. ,  das ist finster und verdirbt die Lust auf Freiheit, die „Free“ scheinheilig verkündet. Noch glaube ich an Respekt für die Rechte anderer und an die Zahlungsbereitschaft von Nutzern für ihre Lieblingslieferanten, -werke und -dienste. Nutzer mit Weit- und Fernblick werden einsehen, dass sie mit der Zahlung von Mikropreisen anderen Kreativen, aber auch sich selbst das (Über)-Leben im und via Netz erleichtern können. Free bedeutet dann nicht bloß kurzfristig gratis, sondern dauerhaft frei im Netz zu surfen.

Freiheit statt Angst – Demonstration in Berlin

Jede Woche ist das Nadelöhr zwischen Philharmonie und Bundestag, also das Areal Potsdamer Platz in Berlin, mindestens zweimal gesperrt. Am Samstag, dem 12.9.9 ist die Straße wieder zu. Diesmal fährt kein Staatsgast hindurch und auch kein wichtiger deutscher Politiker, sondern Bürgervertreter beanspruchen diesen heiligen, straßengesperrten Ort mit allen Polizeikräften drum herum, die sonst nur Politikern vergönnt sind. Bürgerrechtler aus Deutschland und anderen Ländern sowie Mitglieder von Verbänden und diverser Parteien, darunter von den Grünen, der FDP und der Piratenpartei demonstrieren gegen die Überwachung und Datenspeicherung durch den Staat und Unternehmen. Ihr Motto heißt etwas pathetisch „Freiheit statt Angst“, was für Nichtsahnende vielleicht verwirrend ist.

Von fern am kenntlichsten sind die orangefarbenen Fahnen der Piratenpartei. Das liegt gewiss daran, dass diese auffallend oft schwarz tragenden und (für Parteifunktionäre) auffallend jungen Fahnenschwenker, die sich Privatsphäre und Datenschutz eben auf diese Fahnen geschrieben haben, zuhauf angereist sind.

Piraten GS Berlin 12.9.9

Die Piraten treten für eine weitgehende Freiheit der Bürger und so auch für die Freiheit im Netz an. Zu Recht setzen sie sich gegen den Sicherheitswahn öffentlicher und privater Organisationen ein, welche argumentieren, Daten zu sammeln, um Bürger zu schützen. Doch wovor sollen deutsche Bürger geschützt werden? Vor Kriminalität hört man von (Noch-)Regierungsseite und gibt wertvolle Steuergelder für unsinnige und freiheitsbeschränkende Überwachungstechnologien und –strukturen aus. Macht man das, weil die Amerikaner das mit dem Speichern auch machen? Versucht man, mit ähnlicher Angstmacherei vor Terroristen, anderen Fremden und noch ungeahnten Übeln wie sie die US-Regierung unter Bush betrieb, die Deutschen einzuschüchtern, damit sie ihre Daten von selbst ausliefern? Wieso sollten Bürger, daran interessiert sein, ausspioniert zu werden? Vielleicht sollten Polizei, Geheimdienste, Militär und Politik mal genauer arbeiten und gezielt identifizieren, von wem es sich lohnt, Daten zu haben. Willkürliche, flächendeckende Vorratsdatenspeicherung braucht nicht nur Deutschland nicht.

Kulturflatrate: Thomas Brussig, Monika Griefahn, Sascha Lobo, Hans-Joachim Otto und Gisela Schmalz diskutieren

Der Berliner Autor Thomas Brussig, der sich vor allem mit dem Drehbuch für den Film „Sonnenallee“ einen Namen gemacht hat, hat eine Lanze für die derzeit heiß diskutierte Kulturflatrate gebrochen. Allerdings sieht der Schriftsteller in dem Modell weniger ein Mittel zur Legalisierung von Filesharing geschützter Werke. Mit der Einführung der neuen Pauschalgebühr „zahlen wir für ein qualitativ hochwertiges Internet“, sagte Brussig bei einer Podiumsdiskussion am Mittwochabend beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Berlin. Die ihn weniger überzeugende Alternative sei ein Medium voller Mautstationen, in dem der Nutzer vor fast allen Inhalten zur Kasse gebeten werde….. mehr bei Heise.de

Champagnerblogger

Das Bloggerecho, das die konventionelle Vodafone-Kampagne von Scholz&Friends hervorruft, spricht nicht für die Szene. Haben die deutschen Blogger nichts Besseres zu tun und keine interessanteren Blogthemen? In welcher Welt leben wir denn, dass Populisten wie die Heidi Klum der Netzwelt, Sascha Lobo, und sein Geschäftsmodell (Werbemodell!) so eine Beachtung finden? Ist es Neid, weil Lobo sich als Blogger traut, Geld zu verdienen? Ist es Faulheit, weil einer, der sich zeigt wie Lobo, angreifbar ist und man ihn bequem angreifen kann? Ist es Langeweile oder gar Arbeitslosigkeit? Wer so etwas zum „Lobo-Spot“ als Kommentar bei YouTube einstellt, ist vielleicht gefährlich, auf  jeden Fall ist der Text aber des Netzes unwürdig: „Scheiß Kommerzgandalf, den sollte man direkt Erschießen zusammen mit den Bastarden von Vodafon“.

Vodaphone-Kampagne 7-9

Wenn andere Blogger sich freiwillig kasteien, offline oder in dunklen Räumen jenseits von Filmbeleuchtung leben und arbeiten, ist das genauso ihre Sache, wie es Lobos Sache ist, als „Blogger, Autor und Strategieberater“ (Zitat: Lobo im Vodafone-Spot) oder im BVG-Bus fahrend seine Brötchen zu verdienen. Sind die darbenden die besseren Blogger oder was? Vermissen die Blogger eine souveränere, öffentliche Vertreterin, als Lobo sie abgibt, in der Öffentlichkeit, und beschimpfen sie Lobo deshalb? Bei der Umfrage von Internetworld.de stimmten am 28. Juli 2009 64% der Frage zu, ob Blogger „ihre Authentizität“ durch Werbeverträge auf Spiel setzten. Nur 36% stimmten dagegen. Lobo im Vodafone-Bus ist für viele also nicht mehr derselbe Lobo, der bloggt? Nun ja, für mich schon.

Klar können nur öffentlich bekannte Leute wie die Netz-Klums ihre Gedanken (Blogtexte) oder Aktionen (Spots) evtl. zu Geld machen. Nur „Stars“ wie Cory Doctorow und Chris Anderson (zu seinem irreleitenden Buch FREE s. u.), die ihre Bücher gegen Geld verkaufen und für Vorträge hohe Honorare einsacken, können es sich auch erlauben, Gratisdownloads ihrer Bücher gewinnbringend bereitzustellen und auf Konferenzen kurzsichtige, bzw. blinde These zu verzapfen wie die, Content müsse stets gratis sein. Erkennt der Bloggermittelbau nicht, dass diese Jungs sie (pardon) verarschen? Die Klums à la Doctorow und Anderson läßt man ungeschoren das eine erzählen und das andere machen, also einerseits predigen, gratis sei geil, aber andererseits mit solchen Thesen auf Vorträgen und mit Verkaufscontent reich werden. Im Eichborn-Verlag erschien gerade mein Buch zum Thema: „No Economy – Wie der Gratiswahn das Internet zerstört“. Doch meine Idee, aus der Community heraus jenseits von Monopolisten wie Google, Amazon, Ebay etc. Peer2Peer-Märkte für Content im Netz zu erschaffen, ist noch zu wenig populär – in 1-2 Jahren aber bestimmt. Noch schwimmen alle auf der Downsizing-Welle, was auch o.k. ist. Aber wieso muss man so intolerant sein und Andersdenkende/-handelnde angreifen? Soll Sascha Lobo doch jahrelang für Vodaphone Bus fahren und sich danach mit Champagner sowie mit Girls und/oder Games im Ritz Carlton einmieten oder gleich nach Monaco auswandern, falls die Gage das hergäbe…. Wer bitte hat was warum dagegen? Sascha Lobo sagt ja nicht mal, dass er für Gratiskultur sei, er betreibt keine Augenwischerei wie Chris Anderson. Lobo ist eigentlich ein guter Blogger.

PS: Die Verlierer von Lobos Vodafone-Busfahrerei sind Vodafone, Scholz&Friends, und alle, die ihre Zeit (Es ist Deine Zeit) mit Kommentaren zu diesem Spot verplempern. Lobo verliert nicht. Man spricht über ihn, und seine Tagesgagen steigen.

Wikipedia bremst eigenen Autor und befreit New York Times-Autor

Zusammen mit der New York Times haben Jimmy Wales und seine Wikipediagenossen dazu beigetragen, dem Times-Autor David S. Rhode das Leben zu retten. Rhode war im November 2008 von den Taliban als Geisel genommen worden. Um seinen Wert für die Taliban niedrig zu halten, klammerten New York Times und Wikipedia die Entführung aus ihren Publikationen sieben Monate lang komplett aus. Erst Ende Juni 2009, nachdem der Reporter frei war, gelangte der Fall an die Öffentlichkeit. Nun findet sich der Wikipedia-Eintrag mit den Informationen zur Entführung in der Online-Enzyklopädie.
Für Wales und die Seinen muss die Herausforderung immens gewesen sein, den anonymen Schreiberling aus Florida immer wieder davon abzuhalten, den Fall Rhodes auf den Wikipediaseiten publik zu machen. Die Wikipedia-Betreiber waren permanent damit beschäftigt, News zur Rhodes-Sache zu unterdrücken. Da der willige Verfasser aus Florida seine Identität verbarg, konnte man ihn nicht kontaktieren und bremsen. So setzte ein Teufelskreis ein, als der wütende Schreiber immer wieder dieselben Fakten publizieren wollte, Wikipedia sie jedoch immer wieder aus dem Netz nahm. Die konzertierte Aktion von New York Times und Wikipedia ging auf, trotz der Anonymität des Wikipedianers und der Popularität von Rhodes.

Michael Jackson lebt

Michael Jackson ist jetzt vielleicht im Himmel, wir wissen es nicht. Sicher ist nur, dass er im Netz weiterlebt. Wer glaubt, der Thriller-King sei diese Woche gestorben und tot, braucht nur online zu gehen. Twitter, Facebook, Wikipedia, iTunes, YouTube, Flickr, die Blogs, die Online-Presse und so weiter beweisen, dass Jackson nicht bloß in den Träumen oder in der Phantasie der Leute lebt, sondern über das ganze Netz verteilt.

M.J. 1984 Wikimedia Commons

Dass er in Los Angeles physisch zu Tode gekommen sein soll, mag sein, aber das Netz akzeptiert das nicht. Da gibt es keinen Tod, nur das Leben, die Musik, die Fotos, die Videos, die Songtexte des großen Künstlers und viele Texte über ihn. Für seine Angehörigen, Freunde und alle, die regelmäßig mit ihm umgingen, ist er erstmal weg und tot. Aber zum Glück gibt es das Internet. Das ist viel besser als der Himmel, weil ihn dort auch lebendige Surfer besuchen können. Dass er im Netz jederzeit greifbar lebt, erleichtert das Trauern. Und je nachdem, was alte und neue Datenträger und Internetserver so taugen, lebt der King of Pop ewig weiter, so wie Farrah Fawcett-Majors, David Carradine und alle anderen auch, von denen behauptet wird, sie seien mal gestorben. Wer virtuelle oder sogar virtuelle und reale Spuren hinterläßt, lebt.

Jimmy Wales hört genau zu?

Jimmy Wales ist entspannt, beim Essen, beim lobenden Kurzvortrag über den Fleiß der deutschen Wikipedianer und danach im Zwiegespräch. Bei dem Fest in Düsseldorf Mitte Mai lächelt er viel und hört genau zu. Offenbar fasziniert ihn die Ernsthaftigkeit, mit der Deutsche verkünden, dass sie auf Inhalte und auf Werte wie Bildung oder Fortschritt setzen. In seiner Kurzrede schwärmt er von den deutschen, weltweit fleißigsten und genauesten Wikipedia-Autoren.

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Vielleicht lauscht Wales anderen auch deswegen so genau, weil er selbst gelobt werden will. Wales hat Lob verdient und er kriegt es. Wikipedia stellt eine Jahrtausendinnovation, da sie nicht bloß neu war und sich, anders als andere Netzerscheinungen, etabliert hat, sondern weil sie (hoffentlich so wie sie ist) bleiben wird. Drohender Konkurrenz jedenfalls hat sie bislang erfolgreich getrotzt. Außerdem verdient Wales´ Schachzug, zweigleisig zu fahren, mit der marktunabhängigen Wikipedia und der marktorientierten Wikia Inc., Anerkennung. Denn Wales verbindet ein Spielfeld (Wikipedia), das Neugier und Experimente zulässt, mit einem Marktplatz (Wikia Inc.), der Geld für modifizierte Experimente abwirft. Wales ist Visionär, Macher und jemand, der sich Konkurrenten vom Hals halten kann. Dass er darüber das Zuhören nicht vergisst, erfuhr ich, als er dem Journalisten, der ihn in Düsseldorf interviewte, mein Buch „No Economy“ empfahl. Neugier als Lebenshaltung ist toll. Doch wieso stoppte Wales das Wikipedia-kritische Projekt Wikipediaart.org der Künstler Scott Kildall und Nathaniel Stern, die etwas machen wollten wie „art that anyone can edit“.  Man erfährt doch auch aus Kritik und kritiknahen Aktionen Einiges.

Jimmy Wales; Gisela Schmalz. 5-2009 ©Peter Badge

Ich fragte Jimmy Wales. Er erklärte, die Wikipedia-Community habe den Wikipedia-Artikel der Künstler gestrichen, da dieser nichts mit „Enzyklopädie“ zu tun habe. Aber man habe die Künstler und deren Seite Wikipediaart.org keinesfalls gerichtlich gebremst. Das sei falsch berichtet worden. Er hat wohl recht, denn die Seite der Künstler gibt es ja noch mit allen Informationen zum „Fall“.