Fragen als Sprungbrett

Von allen Fragen steht die Frage nach dem Ich am Anfang. Sich selbst zu kennen, bildet die Voraussetzung zum Verständnis der Welt. So sahen das jedenfalls die weisen, alten Griechen. Die Inschrift am Eingang des Apollotempels in Delphi – „gnṓthi sautón“, „erkenne Dich selbst“ – aus dem 6. Jahrhundert vor Christus lasen die Philosophen der Antike als Aufforderung dazu, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Ihnen galt die Selbsterkenntnis als höchste Offenbarung, als Beginn der Weisheit. Nur wer sich selbst kenne, könne sinnvoll über sich und die Welt nachdenken.

 

Der griechische Dichter Pindar kam von der Selbsterkenntnis direkt zu einer praktischen Empfehlung. In seiner „Zweiten Pythischen Ode“ (um 490 v. Chr.) dichtete Pindar „genoio, hoios essi“, „werde, der du bist.“ Kombiniert man den Spruch von Delphi nun mit der Aufforderung Pindars, so erhält man eine Lebensmaxime. Sie lautet: Selbsterkenntnis führt zur Selbstwerdung. Um zu werden, wer man tief im Inneren ist, muss man zunächst einmal wissen, wer man ist.

„Wer bist Du?“ ist die große Anfangsfrage, aus der sich alles Weitere ergibt. Um sich kennenzulernen, kann der Mensch sich selbst befragen. Und hat er sich fragend selbst erforscht, kann er – selbstbewusst(er) – auf die Welt zugehen und diese befragen. Die Selbstbefragung dient als Sprungbrett in die Welt.

 

 

Wer sich und der Welt Fragen stellt, schafft es mit jeder Frage besser, sein Leben selbstbestimmt zu gestalten. Freiheit heißt, in Kenntnis seiner selbst auf die Welt zuzugehen und sie für sich zu erobern. Wer die Phase der Selbsterforschung jedoch überspringt, erlangt keine Einsicht in sein Ich und seine Wünsche. Wer keine eigenen Vorstellungen von seinem Leben und für sein Leben hat, droht fremdbestimmt zu werden. Wer keinen Plan hat, für den machen andere die Pläne.

 

Aus dem Vorwort von:

Gisela Schmalz (2018): Das kleine Buch der großen Fragen. München: Goldmann Verlag.