„Wer die Rechte an immateriellen Werten aufgibt, gibt als Nächstes die Rechte am eigenen Körper, inklusive Gehirn, auf.“

Interview von Sigrid Herrenbrück mit Prof. Dr. Gisela Schmalz, Professorin für Strategisches Management und Wirtschaftsethik, am

 

Prof. Dr. G. Schmalz (c) Joachim Gern

 

 

Frau Prof. Dr. Schmalz, Sie schreiben auf Ihrer Homepage, in der Urheberrechtsdebatte seien durch Aneinander-vorbei-Reden Fronten geschaffen worden, von denen vor allem eine dritte Partei profitiere, namentlich die Techkonzerne. Was ist aus Ihrer Sicht kommunikativ konkret falsch gelaufen?

Befürworter und Gegner der EU-Urheberrechtsreform verfolgten womöglich dasselbe Ziel, ein gerechtes, frei zugängliches Internet ohne Machtasymmetrie. Aber sie sprachen verschiedene Sprachen. Die Gesetzesgegner sprachen in Kurzformeln wie „Gegen Zensur!“ und „Für Freiheit!“. Und den Befürwortern der Urheberrechte gelang es nicht, den Nutzenden zu erklären, was am Urheberrecht sexy sein könnte. Die Zusammenhänge wurden und werden von Politikerinnen oder Urheberrechtlern selten so erklärt, dass Nutzende begreifen, welche Vorteile sie aus dem Gesetz ziehen, etwa Rechtssicherheit, Transparenz, der langfristige Erhalt hochwertiger, digitaler Inhalte und die Vielfalt an solchen Inhalten.

Wie würden Sie die Rolle der Medien dabei beschreiben?

Kreative, die sich mit Urheberrechten aus dem Tagesgeschäft auskennen, äußerten vor der Abstimmung über die EU-Urheberrechtsreform die fundiertesten und verständlichsten Erläuterungen und Meinungen. Zum Glück traten sie in den Medien auf.

Ein Blick in die Glaskugel, 2030: Glauben Sie, dass das Konzept des geistigen Eigentums im digitalen Zeitalter mittel- und langfristig weiter besteht?

Gute Frage… Datensammelnde Plattformbetreibende werden weiter versuchen, Urheberrechte international so zu vereinheitlichen, dass sie Transaktionskosten sparen. Sie werden Druck ausüben – auch mithilfe der Front der Nutzenden, die das geistige Eigentum für veraltet halten.

Gute Frage – aber auch eine erschreckende Frage. Wer die Rechte an immateriellen Werten aufgibt, gibt als Nächstes die Rechte am eigenen Körper, inklusive Gehirn, auf oder genauer: die Rechte an der eigenen Stimme, dem Gesichtsausdruck, den Organen, den Bewegungs-, Gesundheits- und Geninformationen. Vermutlich ist das vielen egal, wenn sie im Gegenzug dafür praktische Gratisdienste oder -spiele bekommen. Ich würde mein Gehirn nicht gegen so etwas tauschen.

Sie fassen auf Ihrer Website unter der Überschrift „Kompetenzen der Internetkompetenz“ Skills und Kenntnisse zusammen, die letztlich jede/r erwerben sollte, der oder die ein „Netz ohne Machtasymmetrien und mit fairen Regeln“ haben möchte. Nicht alle Menschen werden in der Lage sein, all diese zu erwerben. Gibt es eine Abkürzung?

Wieso sollten nicht alle Netzkompetenzen erwerben? Es geht gar nicht anders. Internet und neue Technologien durchdringen unsere Leben immer mehr. Jede und jeder sollte da gut präpariert sein.

Nutzende können sich bestimmte Fähigkeiten selbst beibringen, etwa Basiswissen, das, was ich „Werkzeugkompetenz“ nenne, also das praktische und theoretische Verständnis der aktuellen Technologien. Hard- und Software lernt man nur kennen, indem man sie verwendet, ihre Möglichkeiten testet und sich begleitend die sozialen, ethischen und ökonomischen Hintergründe anliest. Auch „Kreative Internetkompetenz“ kann sich nur aneignen, wer mit Technologien experimentiert und sie für sich spielen lässt, etwa indem man Code schreiben lernt.

Dieses aktive Lernen sollte theoretisch fundiert werden. Erziehungsberechtigte und Pädagogen sollten „Sozialkompetenz“ und „Kritikfähigkeit“ in Bezug auf neue Technologien vermitteln, um zwei weitere Kompetenzen aus meiner Liste zu nennen. Personen mit diesen Fähigkeiten werden Herkunft, Nutzung und Ziele neuer Technologien einschätzen und kritisieren können.

Das Feld der neuen Technologien ist hochkomplex. Es hüllt uns zunehmend ein, prägt immer mehr das, was wir denken, fühlen und tun. Es gibt keine Abkürzung, um diese Durchdringung zu begreifen. Kompetente Bürger entscheiden über ihre Zukunft in der technologisierten Welt. (Nur) Tech-kompetente Menschen können sich gegenüber programmierten Maschinen behaupten.

 

Mehr unter: Musikindustrie.de.

WER WILL WELCHES INTERNET?

Gut, dass vor der Entscheidung über die EU-Urheberrechtsreform am 26. März 2019 weit und breit debattiert wurde. Aber wie die Diskussionen geführt wurden, war befremdlich – in trocken sachlicher Bürokraten- und Juristensprache einerseits und mittels Rhetorik und Kurzformeln wie „Memes“, „Uploadfilter, „Zensur“, „censorship machine“ und „link tax“ andererseits. Beidseitig, bei vielen Befürwortern und bei vielen Gegnern der Urheberrechtsreform in ganz Europa, fehlte offenbar das Interesse an den Argumenten der Gegenseite plus die nötige Sachkenntnis auf deren Feldern.

 

(Demonstration gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform, Köln, 2019-03-23, By Geolina163 – Own work, CC BY-SA 4.0)

 

Da wurden Chancen verpasst. Es könnte ja sein, dass die zwei Gruppen am Ende dasselbe wollten. Durch das Aneinander-vorbei-Reden oder –Agitieren wurden Fronten geschaffen, von denen vor allem eine dritte Partei profitiert – die aktuell das Internet definierenden und dominierenden, werbetreibenden Techkonzerne.

Da weiter diskutiert werden muss, um ein Netz von Nutzenden für Nutzende (wieder) zu reklamieren und (endlich) zu schaffen, gilt es, sachlich über sämtliche Aspekte der Digitalisierung aufzuklären.

Jeder und jede, die dazu beitragen will, ein zukünftiges Netz ohne Machtasymmetrien und mit fairen Regeln zu schaffen, sollte versuchen, die eigene Internetkompetenz weiter zu stärken. Internetkompetenz besteht m. E. aus mehreren Einzelkompetenzen. Aus aktuellem Anlass poste ich diesen Text aus dem Jahr … 2010 erneut:

 

Die Kompetenzen der Internetkompetenz

 

Oberholz, Berlin,
© gsc

 

 

 

 

 

 

 

  1. Werkzeugkompetenz: praktisches und theoretisches Verständnis der aktuellen digitalen Technologien, der Hard- und Software, um diese zielführend einzusetzen.
  2. Adaptionskompetenz: Fähigkeit, neue Soft- und Hardwaretechnologien zu verstehen, eine intelligente Auswahl zwischen ihnen zu treffen, mit ihnen umgehen zu erlernen und womöglich deren Weiterentwicklung zu betreiben.
  3. Quellenkompetenz: Einschätzungsvermögen der Güte von Format und Herkunft von Netzdaten sowie Wissen über den Zugang zu Quellen von Qualität.
  4. Sozialkompetenz: a) Verständnis der gesellschaftlichen Bedeutung digitaler Technologien und Inhalte, b) Verständnis sozialer Dynamiken im Netz und ihren Auswirkungen.
  5. Kritikfähigkeit: Distanz zu den neuen Technologien, um Qualität und Nichtqualität, Nutzen und Aufwand sowie Chancen und Risiken abwägen zu können.
  6. Ökonomische Kompetenz: Wissen über die ökonomischen Zusammenhänge im Netz, Einschätzung der Kosten digitaler Leistungen, Kenntnis von Geschäftsmodellen, Fähigkeit zu eigenem Wirtschaftshandeln.
  7. Ethische und rechtliche Kompetenz: Grundlagenwissen zu u. a. Menschenrechten, Urheberrechten, Wirtschaftsrechten und über Gesetzesentstehungsprozesse unter Einsatz neuer Technologien.
  8. Kreative Kompetenz: a) Anwendung technologischer, graphischer etc. Werkzeuge, um Ideen in digitale Form zu bringen, b) Fähigkeit zum Aufbau und zur Pflege kreativer Netzgemeinschaften, c) Kenntnis und Einschätzung der Onlinekontexte zur Einbettung eigener Werke, d) Geschäftsmodellierung.

 

Quelle:

Gisela Schmalz (2010): Wie nachhaltiges Digitales Wirtschaften gelingt. In: Burda, H./Döpfner M./Hombach, B./Rütters J. (Hg.): 2020 – Gedanken zur Zukunft des Internets. Essen: Klartext Verlagsgesellschaft. S. 97-103.

Vgl. auch:

Gisela Schmalz (2009). No Economy – Warum der Gratiswahn das Internet zerstört. Frankfurt am Main: Eichborn Verlag.