„Technologische Quarantäne“: OR1/ORF-Interview mit Gisela Schmalz

 

„Während wir aus der Epidemie-bedingten Quarantäne relativ schnell herauskommen, werden wir aus der technologischen Quarantäne nicht so schnell herauskommen.“

Gisela Schmalz im Heimstudio-Gespräch mit Wolfgang Ritschl am 29. Mai 2020.

Technological Quarantine © Gisela Schmalz

 

 

 

 

 

 

 

ÖSTERREICHISCHER RUNDFUNK, ORF

Radio Österreich 1

Diktatoren, Füchse, Chinesen und die US-Tech-Elite

Kontext – Sachbücher und Themen

 

„Mein fremder Wille“: Gisela Schmalz über unseren Umgang mit Apps und die Profite der Tech-Elite
(Buch: Campus Verlag)

Redaktion und Moderation: Wolfgang Ritschl

 

Interview (14 Minuten): ÖR1 Kontext-Interview -Mein fremder Wille- G. Schmalz 29.5.2020

Die Sexpartys des Silicon Valley

In Silicon Valley wurden regelmäßig Orgien gefeiert. Dann legte SARS-CoV-2 derlei Gepflogenheiten lahm. In ihren Labors, geheimen X- oder Visions-Abteilungen überschreiten die Vertreter der Tech-Szene immer wieder gedankliche Grenzen. Ihre körperlichen Grenzen testen sie in Gefährten auf der Straße, auf dem Meer oder im All sowie bei den jährlichen „Burning Man“-Events. Die Grenzen des Körpers, der Keuschheit und des Anstands erproben sie bei exklusiven Sexpartys. Hier loten die Männer allerdings weniger ihre eigenen Grenzen aus als vielmehr die der weiblichen Teilnehmer. Bei ihren sexuellen Grenzüberschreitungen folgen sie strikten Mustern, die so ähnlich für die ganze Industrie gelten. Männliche, weiße, junge, erfolgreiche und wohlhabende Branchenvertreter bestimmen die Einladungslisten für die Partys und welche Varianten von Sex hier zugelassen sind. Die Gastgeber sind in der Regel männlich, genau wie ihre wichtigsten Gäste, darunter Manager, Gründer und Kapitalgeber. In einer Zeit, in der Polyamorie Trend ist, zeigt sich die Tech-Elite Konzepten wie der offenen Beziehung, Gruppensex oder BDSM gegenüber aufgeschlossen. Sie gibt sich experimentierfreudig  – aber nur bis zu einem gewissen Grad.

 

Werden die exklusiven Einladungen zu Sexpartys an wechselnden Orten in und um San Francisco verschickt, folgen sie einem Motto, etwa „Edge of the earth“ oder „Bondage“. Das berichtet die Bloomberg-Journalistin Emily Chang in ihrem Buch „Brotopia: Breaking Up the Boys’ Club of Silicon Valley“ von 2018. Darin klärt sie zudem darüber auf, dass eingeladene Männer so viele Frauen, wie sie möchten, mitbringen könnten, während eingeladene Frauen nur in Begleitung anderer Frauen, nicht aber von (womöglich szenefremden) Männern, kommen dürften. So entsteht ein Verhältnis zwischen Männern und Frauen von 1 zu 2. Das hat System. Hätten drei Leute miteinander Sex, so sei immer nur ein Mann mit zwei Frauen zugange, schreibt Chang. Ein Dreier mit einer Frau und zwei Männern sei bei den Valley-Orgien genauso tabu wie Sex unter Männern. Nicht tabu sei es jedoch, wenn Ehemänner und Familienväter sich mit irgendwelchen Frauen vergnügten oder Ehepaare für einen Dreier eine Frau hinzuzögen.

 

Chang hält fest, dass Sexorgien häufig zwischen Gründer-Teams und deren Haupt-Risikokapitalgebern stattfinden. Anscheinend betreiben die Männer des Silicon Valley ihre Partys so wie ihre Businesses: unter- und füreinander. Frauen sind dabei Nebensache und haben eher dienende Funktion. Viele von Changs Gesprächspartnern, Männer und Frauen, hätten berichtet, dass bei Orgien Geschäfte eingefädelt würden. Es sei also für Männer und Frauen wichtig, daran teilzunehmen. Wer bei Sexpartys fehle, sei schnell außen vor. Doch für Frauen wird diese Körper-Kopf-Business-Vermengung offenbar zur heiklen Gratwanderung. Bei diesen nächtlichen Geschäftsterminen befinden sich die Tech-Frauen meist in der schlechteren Verhandlungsposition, so wie tagsüber auch. Zu den Motto-Orgien werden sie weniger als Geschäftspartnerinnen eingeladen als primär in der Funktion von Lustobjekten für die männlichen Szenemitglieder.

Viele männliche Partygäste hielten den Großteil der anwesenden Frauen sowieso für „founder hounder“, für „Gründer-Jägerinnen“, die nichts anderes wollten, als mit einem Gründer Sex zu haben oder sich ihn als boyfriend oder als Ehemann zu angeln. Das konstatiert Emily Chang in „Brotopia“. Frauen, die von den männlichen Gästen nicht ernst genommen werden, betäube man mit Alkohol oder mit Molly (MDMA). Dadurch könnten die Männer mit ihnen für paar Stunden oder einige Tage am Stück unter Ausschluss der Nicht-Szenewelt Orgien feiern, ohne selbst die Kontrolle abgeben zu müssen.

 

 

Frauen aus der Tech-Szene, die solchen Partys beigewohnt haben, vertrauten der Journalistin Chang an, dass Männer sich untereinander bezüglich der Frauen abgesprochen hätten – mit Folgen für ihre weitere Karrieren. Bei einigen Frauen habe die Teilnahme an einer Orgie dazu geführt, dass sie im beruflichen Umfeld von Fremden sexuell angemacht worden seien. Andere Frauen hätten im Berufsalltag Probleme bekommen. Offenbar sind die männlichen Szenevertreter nicht in der Lage, Rollenmuster oder die „Biologie“ im Kopf zu überwinden. Das Schriftstück eines ehemaligen Google-Ingenieurs belegt, dass in der Tech-Szene hanebüchene Stereotypen herumgeistern: „2017 kritisierte James Damore die offene Kultur und die Diversitäts-Bemühungen bei seiner Arbeitgeberin Google. Nachdem er bei Google ein Diversitätsprogramm durchlaufen hatte, notierte Damore: `Die Verteilung der Präferenzen und Fähigkeiten von Männern und Frauen unterscheidet sich zum Teil aufgrund biologischer Ursachen, und diese Unterschiede können erklären, warum wir Frauen in Technologie und Management nicht im gleichen Ausmaß vertreten sehen.´ (…). Man sollte seine Bemerkungen nicht zu ernst nehmen, selbst wenn die Google-Geschäftsführung sie ernst genommen und den Mann entlassen hat. Doch was verleitet einen Ingenieur zu einer unbelegten Aussage? Und warum fanden sich dafür erstaunlich viele Unterstützer in der Szene? Damores verunglückte Auskünfte und die Vielzahl von deren Fürsprechern signalisieren, dass es in der Tech-Szene offenbar vielfach für `normal´ oder `biologisch´ gehalten wird, dass die Norm männlich ist. Diese Haltung wirkt sich auf die Personalauswahl und diese sich wiederum auf die Ergebnisse der Arbeit in und von Tech-Firmen aus. Dann programmieren hier Männer Code für Männer, und es entstehen Produkte und Services von Männern für Männer.“ (Quelle: „Mein fremder Wille“ von Gisela Schmalz, Campus Verlag, 2020, S. 103). Auch die Sexorgien im Valley veranstalten Männern für Männer. Diese beleben das Business unter ihnen, aber be- oder verhindern gleichzeitig Geschäftsbeziehungen zwischen Männern und Frauen.

 

 

Spiele, darunter Rollenspiele, gestehen Männer nur einander zu. Frauen werden aus der Zuschreibung der Unterlegenen nicht nur nicht entlassen, sondern darin eingepfercht. Dabei müssen sich männliche genauso wie weibliche Gründer prostituieren, um an das Geld mächtiger und reicher Kapitalgeber zu gelangen. Versuchen Männer, möglichen Investoren die nötigen Summen für ihre Geschäfte zu entlocken, ist das auch eine Form von Prostitution. Sie wird nur nicht als solche bezeichnet.

In der Tech-Welt, in der normalerweise alles möglich ist, dürfen während des virusbedingten Shutdowns keine Orgien stattfinden. Das bedeutet nicht, dass die kalifornischen Tech-Manager anderen Menschen Sexpartys, Datings oder Speed Datings vorenthielten. Mit ihren smarten und extra für die Viruskrise (auch eine Kennenlern- und Sex-mit-Fremden-Krise) hochgerüsteten Live-Streaming-, Messaging-, Video-Chat- und Video-Conferencing-Diensten heizen sie das Partyleben an. Während der Pandemie sind Körperkontakte weltweit tabu, selbst die in San Francisco so beliebten Kuschelpartys. Dennoch gelingt es der Tech-Elite, Nähe, Liebe oder Sex suchenden Menschen Befriedigung zu verschaffen. Für Interessierte, oft sortiert nach Altersgruppen, sexuellen Vorlieben oder Hautfarben, schalten Matching-Dienstleister virtuelle Räume frei.

 

Innerhalb strikt definierter Zeitfenster können Menschen hier zu allem virtuell Machbaren zusammenfinden. Für die Veranstaltung SAN FRANCISCO VIRTUAL SPEED DATING 20s-40s (ON ZOOM) wird per Eventbrite so geworben: „Mix, meet & mingle with singles from the safety and comfort of your own home! You may be single and stuck at home but that doesn’t mean you can’t meet other singles and have fun! Grab a cocktail and your favorite snacks because we’re bringing a singles party directly to your home.” Wer Zutritt zu den einzelnen 4- bis 6-minütigen Dating-Gesprächen mit bis zu 20 lokalen Singles erhalten will, muss ein Bewerbungsformular ausfüllen und je nach Anmeldetermin einen Preis ab 20 US-Dollar zahlen.

Das vorläufige Ende der Sexorgien in der Tech-Szene markiert den Anfang der virtuellen Sexpartys für Normalos. Es entstehen neue, interaktive Geschäftsmodelle, die die Nutzenden dankend und zahlend annehmen. Auch ohne Intimität und Körpereinsatz florieren die Geschäfte der Silicon Valley-Konzerne – gerade ohne Intimität und ohne Körpereinsatz. Deren Managern sowie findigen Online-Dienstleistern gelingt es, ihre sterilen Anwendungen an die berührungshungrige Party Crowd zu verkaufen.

 

 

Für Frauen und Schwächere haben Online-Partys allerdings einen großen Vorteil gegenüber Live-Sexorgien. Der virtuelle Raum bietet ihnen Schutz, Chancen des Schaltens und Waltens sowie des Rückzugs. Hier behalten sie die Kontrolle und können gewisse Macht ausspielen. Doch das gesamte Spiel dominieren weiterhin die Manager der Tech-Konzerne. Sie stellen die Infrastrukturen für die auf Datenbasis individuell zugeschneiderten Services bereit. Sie setzen die Regeln für das geschlossene Ökosystem, das aus ihnen selbst besteht, den Dienstleitern, die Technologien einsetzen, und den Endkunden. Aus diesem System kommen Letztere weniger leicht heraus, als nach dem Shutdown aus ihren Wohnungen, zumal sie sich den Vorgaben der Tech-Elite freiwillig unterwerfen.

Nach der Viruskrise werden die Partys der Tech-Clique weitergehen – im Valley und online. Und die mächtigsten Mitglieder werden die Gästeliste, das Motto und den Zugangspreis vorgeben.

 

 

Der Text basiert auf einem Abschnitt, der nicht in das Buch von Gisela Schmalz „Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert“ (Campus Verlag, 2020) gefunden hat. Erstmals erschienen ist er hier: Carta.info: http://carta.info/die-sexpartys-des-silicon-valley/ (12.5.2020).

Recommended Citation/Empfohlene Zitierweise:

Schmalz, Gisela: “ Die Sexpartys des Silicon Valley” (2020). Gisela Schmalz: http://www.giselaschmalz.com/die-sexpartys-des-silicon-valley/?preview_id=4699&preview_nonce=a7ee7cd8bd&_thumbnail_id=-1&preview=true

 

© Gisela Schmalz

Podcast: So klingt Wirtschaft (Handelsblatt)

Gisela Schmalz: „Unsere Werte müssen mehr in Technologien einfließen“

Der Gesellschaft gehen die Individualisten aus, sagt Wirtschaftswissenschaftlerin und Philosophin Gisela Schmalz.  Sie fordert im Business-Talk der Solutions by Handelsblatt mehr Mut zum freien und Andersdenken.

Interview:

(Chefredakteur Business bei der Verlagsgruppe Handelsblatt)

08.04.2020

Forscher und Unternehmen gieren im Kampf gegen das Coronavirus nach verwertbaren Daten. Ihre Hoffnung: Informationen über Verbreitung und Vorkommen der neuartigen Viruserkrankung Covid-19 gewinnen. Wirtschaftswissenschaftlerin Gisela Schmalz sieht das kritisch. Sie plädiert für einen wertbasierten und achtsamen Umgang mit Daten – nach europäischen Werten. Start-ups und Tech-Riesen müssten umdenken. Wie und in welche Richtung, das verrät sie im Podcast.

Hier hören:

Oder HANDELSBLATT hören.

Wir dürfen die Vernunft nicht den „Souveränen“ allein überlassen

Gedanken zum Text des Philosophen Byung-Chul Han: „Wir dürfen die Vernunft nicht dem Virus überlassen“ (23.03.2020 c/o Welt.de)

 

Danke, Byung-Chul Han, für Sätze wie: „… die Fremdausbeutung der freiwilligen Selbstausbeutung und Selbstoptimierung“ oder die „ganze Kultur des Gefällt-mir, baut die Negativität des Widerstandes ab“. Damit erfasst er zentrale Themen  meines neuen Buches „Mein fremder Wille“. Han liefert obendrein viele weitere Thesen zur tech-basierten Epidemie-Bekämpfung durch Regierungen. Einigen stimme ich zu, aber keineswegs allen.

Für einen „unsichtbaren Feind von außen“ halte ich nicht bloß, so wie Han, das Virus SARS-CoV-2, sondern auch die massive Zunahme der Datensammlung und –analyse zur Viruseindämmung, wie sie in Asien bereits big time praktiziert und im Westen bald adaptiert wird. Wir Westler sind eben keine Konfuzianer. Uns sind Freiheit und Privatsphäre (noch?) nicht egal. Einblicke in die Unterschiede zwischen östlichen und westlichen Philosophien und was daraus für den Einsatz neuer Technologien durch souveräne Institutionen folgt, gibt „Mein fremder Wille“.

Und ja: „Corona-Masken“ mit Nano-Filtern – gerne, her damit!  Aber:  Propagiert Han ernsthaft auch für den Westen die Totalüberwachung?

 

Temperaturmessung per Drohnen durch die chinesische Polizei. Bildquelle: dailymail.co.uk

 

Wen meint Byung-Chul Han denn mit „Souverän“? Das sind jedenfalls nicht die Bürger, sondern nur und ausschließlich Regierungen und die Tech-Konzerne, mit denen sie enger oder weniger eng zusammenarbeiten. Bürger sind leichter zu regieren, wenn sie eben nicht souverän, sondern leicht zu dominieren sind – etwa dadurch, dass sie sich freiwillig und vorauseilend selbst entmündigen, indem sie dauernd online sind und widerstandslos zulassen, dass sie dauerobserviert werden und irgendwann bevormundet werden.

 

Temperaturmessung per Drohnen durch die chinesische Polizei. Bildquelle: dailymail.co.uk

 

Und was soll an der „neuen Definition der Souveränität“ neu sein? Ob im Westen oder Osten praktiziert – Souveränitäts-Zurschaustellung ist nichts Neues. Auch die Mittel waren schon immer egal – die Mittel zur Machtdurchsetzung – denn hier geht es um Macht. Technologien ergänzen bloß das längst vorhandene, vielfältige Arsenal  um smartere tools. Letztere nutzt China schneller und effektiver als andere Staaten, um die Virus-Verbreitung zu bremsen, darunter Kameras und Drohnen mit Temperaturmessgeräten und 24/7 Tracking über vernetzte Mobilgeräte. Deshalb hat Han recht: „China wird seinen digitalen Überwachungsstaat als Erfolgsmodell gegen die Epidemie verkaufen. China wird die Überlegenheit seines Systems mit noch mehr Stolz demonstrieren.“ In dem Kontext behauptet Han allerdings, Slavoj Žižek beschwöre einen „obskuren Kommunismus. Er glaubt, dass das Virus Chinas Regime zu Fall bringen würde. Zizek irrt sich“.  Doch  an genau welcher Stelle und warum Žižek das beschworen haben soll, belegt Han leider nicht.

Hierin stimme ich Han ebenfalls zu: „Der Schock ist ein günstiger Moment, er erlaubt, ein neues Herrschaftssystem zu etablieren.“ China hat sein 9/11  – genau wie andere Staaten, die mit technologischer Überwachung mehr als nur flirten.

Um Macht durchzusetzen, etwa unter anderem um eine Epidemie zu bekämpfen, setzt der chinesische Zentralrat jetzt schon alle Mittel ein – technologische Mittel der Überwachung und der (Selbst-)Disziplinierung (Sozialkreditsystem) sowie ganz alte, handfeste Mittel. Anfang des Jahres 2020 wurden in der vom Virus stark betroffenen Hauptstadt Wuhan der Provinz Hubei Menschen in ihren Wohnungen eingeschweißt oder mit Fieber aus ihren Wohnungen gezerrt etc..

Dieser Tage gilt es, die Verbreitung der Virus-Epidemie genauso scharf zu beobachten, wie die Mittel, mit denen sie eingedämmt werden soll.

 

Textbasis:

Byung-Chul Han: „Wir dürfen die Vernunft nicht dem Virus überlassen“, erschienen am 23.03.2020 c/o welt.de .

Slavoj Žižek: Der Mensch wird nicht mehr derselbe gewesen sein: Das ist die Lektion, die das Coronavirus für uns bereithält“, erschienen am 13.03.2020 c/o nzz.ch.

Gisela Schmalz: „Mein fremder Wille- Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert“, erschienen im März 2020 c/o Campus Verlag.

 

 

© Gisela Schmalz

Recommended Citation/Empfohlene Zitierweise: Schmalz, Gisela: “Wir dürfen die Vernunft nicht den „Souveränen“ allein überlassen” (2020). Gisela Schmalz http://www.giselaschmalz.com/wir-duerfen-die-vernunft-nicht-den-souveraenen-allein-ueberlassen/

Mein fremder Wille – Das Ich, die Anderen, die Konzerne und das übermächtige Andere

»You’re a machine!« »Eres una maquina!« »T’es une machine!« »Du bist eine Maschine!« ist ein Kompliment unter männlichen Millennials, die ihre Körper hart trainieren und ihr Privat- und Berufsleben effizient organisieren. Diese Männer verhalten sich tatsächlich maschinenähnlich, wenn sie mit angeheftetem, elektronischem Activity-Tracker Gewichte stemmen, laufen oder schwimmen, ihre Schlafrhythmen oder ihre Ernährung überwachen und per Smartphone ihre straffen Tagespensen koordinieren. Sie passen sich den Zielen der Maschine an und funktionieren wie Rädchen in einem System. »Yes Sir. Wie die Muskelpartien schaffen! Du bist eine Maschine«, feuert das Publikum der TV-Show Ninja Warrior Switzerland den Elektromonteur und Feuerwehrmann Hufi an. In seinem Podcast Bewohnerfrei lobt der Influencer Tobias Beck den 25-jährigen Ex-Fußballprofi Robin Söder: »Du bist eine Maschine!«, weil Söder seinen 2016 gegründeten Founder Summit zu einem der größten Start-up-Events Deutschlands ausgebaut hat.

 

 

Populär ist das Maschinenkompliment unter jungen Männern aller Bildungsgrade und Berufsgruppen, weltweit. Besonders gut passt es in die Gründer-Szene, wo überproportional viele Männer unterwegs sind und sich alles um technologische Verbesserungen und Möglichkeiten ihrer Monetarisierung dreht. Junge Frauen nennen sich gegenseitig eher nicht Maschine. Aber auch sie tracken ihre sportlichen Aktivitäten. Auch sie optimieren ihre Performance, ihr Aussehen und ihren Alltag mithilfe von Hard- und Software, egal ob sie Angestellte, Studentinnen, Gründerinnen, Mütter oder alles gleichzeitig sind.

Die Vertreter und Vertreterinnen der Generationen Y und Z wollen alles richtig machen. Sie glauben, anders nicht in der beschleunigten, komplexen Welt bestehen zu können. Ihren Maßstab für das, was »richtig« ist, finden sie auf den Anzeigen ihrer Apps und Tracker, vor allem aber auf den Profilseiten befreundeter oder bewunderter Nutzer von Social-Media- oder Video-Plattformen. Regelmäßig konsultieren sie online die aktuellen Fotos, Videos und sonstigen Beiträge ihrer Mitmenschen. Diesen entnehmen sie den Standard, dem sie entsprechen wollen. Übertreffen wollen sie ihn meist nicht. Standard reicht. Und posten sie dann die Ergebnisse ihrer eigenen Optimierungsanstrengungen, setzen sie neue Standards, an denen sich wiederum andere orientieren.

Das Internet ist eine gigantische Vergleichs- und Angleichungsmaschine. Sie verleitet dazu, das zu sein, was andere sind, und das zu wollen, was andere wollen – dazu, sich freiwillig fremdbestimmen zu lassen. »Mimetisches Begehren« nannte der französische Kulturanthropologe René Girard das Phänomen, dass Menschen das begehren, was auch andere begehren. Laut Girard orientieren sich Menschen nicht an inneren Bedürfnissen, sondern daran, was andere, insbesondere die Personen aus der eigenen Bezugsgruppe, mögen oder anstreben. Ihr Verhalten wird gesteuert vom Begehren der anderen. Bei den Digital Natives ist das Nachahmungsverhalten mit dem Wunsch verbunden, möglichst nicht aus der Peergroup herauszustechen. Deshalb kleiden und stylen sie sich wie die anderen, kaufen die gleichen Dinge und Marken, hören dieselbe Musik, verehren dieselben Stars und wählen dieselbe Partei wie ihre Freunde.

 

Der deutsch-amerikanische Investor Peter Thiel beklagt den Konformismus, sowohl im Netz als auch innerhalb der Start-up-Szene. Dabei hat er finanziell mit am stärksten vom Mimesis-Effekt profitiert. Und er hat ihn sogar entscheidend befördert. Während der 1990er Jahre hörte Thiel an der Stanford Universität im Herzen des Silicon Valley Vorlesungen bei René Girard, wurde zum Bewunderer des Anthropologen und rief ihm zu Ehren das Mimesis-Forschungsinstitut Imitatio ins Leben. Wesen und Wirkung des mimetischen Begehrens haben Thiel fasziniert. Er erkannte unmittelbar das Potenzial, das darin steckt. Noch bevor andere Investoren den Namen Zuckerberg überhaupt gehört hatten, war Thiel klar, dass sich dessen Idee, Freunde digital zu vernetzen, monetarisieren lässt. Der gewiefte Investor schätzte die fruchtbringende Dynamik richtig ein, die losgetreten wird, sobald sich Menschen über eine virtuelle Plattform anfreunden, sich darüber vergleichen und ein Begehren in dieselbe Richtung entwickeln. Als erster Geldgeber steckte der Girard-Anhänger 2004 eine halbe Million US-Dollar in das Start-up Facebook.

Das Girardsche Phänomen eröffnet Tech-Firmen Möglichkeiten, die noch längst nicht ausgeschöpft wurden. Mit immer neuen Vergleichsmöglichkeiten – über Bewertungs-, Empfehlungs- oder Bearbeitungstools – stacheln die Betreiber von Plattformen wie Facebook, Instagram, WhatsApp, Twitter, YouTube oder TikTok die Nutzenden dazu an, sich an äußeren Standards zu orientieren. Das Bemühen um Anpassung an Ideale, Stars, Marken oder Meinungen hat zwei Effekte: Die Menschen werden einander immer ähnlicher. Und die Konsumgüter-, Werbe- und Tech-Industrie verdienen enorme Summen daran. Im elektronisch geprägten Global Village wird Individualität mehr und mehr zugunsten einer kollektiven Identität aufgegeben. Diese Entwicklung hat der Medientheoretiker Marshall McLuhan bereits Anfang der 1960er Jahre vorausgesagt. Junge digital Vernetzte ähneln in ihrem Erscheinungsbild und ihrem Habitus den prominenten Vorbildern und den Mitgliedern ihrer Bezugsgruppe immer mehr. Der Angleichungs- und damit verbundene Simplifizierungsmechanismus zeigt nicht nur bei Äußerlichkeiten Wirkung.

 

 

Auch Meinungen werden zunehmend uniform. Dass Menschen dieselben Ansichten zu politischen oder anderen Themen haben wie die übrigen Vertreter aus ihrer Community, wird maschinell unterstützt. Dank algorithmisch erzeugter Filterblasen kommen sie online überhaupt nicht mehr mit Standpunkten anderer Gruppen in Kontakt. Abweichende Meinungen blendet der Plattform-Algorithmus nicht ein. Dadurch kreisen die Nutzenden in den ihnen zugewiesenen Meinungsblasen nur um sich selbst und umeinander. Dass ihnen dabei nicht schwindelig wird, liegt nur daran, dass sie sich an derlei technologisch bedingte Selbstumdrehungen bereits gewöhnt haben. Sie erleben auch ständig, wie die virtuelle Welt sich über ihre reale Welt legt und zu ihrer neuen Wirklichkeit wird. Die menschliche Wahrnehmung verändert sich. Neue Technologien kapern Gehirne und Körper. Sie schieben sich zwischen Ich und Welt, seit Menschen ständig online sind. Und beide an dieser Überwältigung beteiligte Parteien, die Firmen, die die Technologien entwickeln, und die Menschen, die sie nutzen, profitieren davon – jedoch auf völlig unterschiedliche Weise.

»Soziale« Online-Medien, lernende Algorithmen, smarte Infrastrukturen, virtuelle Realitäten oder Neuroprothesen wirken stark auf das Selbstverständnis und auf die zwischenmenschlichen Beziehungen der Menschen ein. Neue Technologien krempeln die Machtverhältnisse um – in den Köpfen der Einzelnen und in der Gesellschaft. Der Rahmen des individuellen Erlebens und des kollektiven Zusammenlebens wird durch die Innovationen weniger, mächtiger Tech-Firmen komplett neu abgesteckt. Auf einmal irrlichtert das Individuum in einer Zwischenzone von Selbst- und Fremdbestimmung herum. Und die Gesellschaft befindet sich in einem Paradigmenwechsel, seit Privatkonzerne psychologisches und soziales Design über Daten und Technologien betreiben.

In dieser Zeit der Übergänge sollten Bürgerinnen und Bürger sowie diejenigen, die politisch (noch) für sie verantwortlich sind, das Unerwartete tun. Die Reaktion auf die fundamentale Okkupation des Menschen durch Tech-Konzerne sollte das Gegenteil braver Anpassung an die technologischen Erfordernisse sein. Der dreiste Zugriff der Bereitsteller innovativer Technologien verlangt umfassendes Neudenken und großangelegtes Gegenlenken. Statt ständig Fragen in Suchmaschinen zu tippen, sollten sich Menschen zunächst einmal selbst in Frage stellen und fragen: Was ist der Mensch? Was will er? Wohin treiben ihn neue Technologien? Was machen diese mit und aus ihm? Denkt und fühlt der elektronisch vernetzte Mensch noch selbstständig? Kann er wollen, was er will? Oder wird sein Wollen unmerklich gelenkt? Ist er fähig, sich für oder gegen etwas zu entscheiden und nach freiem Willen zu handeln? Oder wird er technologisch fremdbestimmt? Agiert er unter dem Einfluss von Pop-ups, Link-Hierarchien, Amazon-Sternen, Twitter-Kommentaren oder YouTube-Influencern noch als er selbst?

 

 

Wie frei ist ein Mensch, wenn er zunehmend von smarten Geräten, Apps, Algorithmen und Robotern abhängt oder davon, dass ihm sein Gehirnchip Impulse sendet? Online-Nutzenden werden permanent manipulative Entscheidungsarchitekturen und algorithmische Reize untergejubelt. Oft reagieren sie prompt und pawlowsch und bestätigen damit die Reiz-Reaktions-Muster, auf die hin sie programmiert werden sollen.

Indem sie sich wie Automaten verhalten, untergraben sie, was sie zu freien Wesen macht. Unterliegt der Mensch, der mit Technologien umgeht, einem fremden Willen? Falls ja, so kann er für diese neue Art der Fremdbestimmung nicht die Entwickler und Bereitsteller neuer Technologien allein verantwortlich machen. Schließlich scheint der Mensch das zu wollen. Offenbar will er, dass Fremde oder Fremdes ihm vermitteln, was er will und wo es lang gehen soll.

 

 

 

Dieser Text ist die gekürzte Einleitung zum Buch von Gisela Schmalz „Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert“, erschienen im März 2020 im Campus Verlag, Frankfurt, 296 Seiten, 19,95 Euro.

Sonderveröffentlichung c/o CARTA.info: Gisela Schmalz: “Mein fremder Wille – das Ich, die Anderen, die Konzerne und das übermächtige Andere” (11.3.2020)

Menschen unterwerfen sich neuen Technologien von sich aus

»Wir lassen uns technologisch fremdbestimmen, während die Tech-Elite kassiert«, sagt Professorin Gisela Schmalz. In ihrem Buch enttarnt sie die Geschäftsmodelle aus dem Silicon Valley und aus China und fordert uns Nutzer dazu auf, endlich aufzuwachen.

Im Interview mit campus.de spricht die Ökonomin und Philosophin über ihr aktuelles Buch »Mein fremder Wille«.

 

 

»Mein fremder Wille« lautet der Titel Ihres aktuellen Buches. Sie beschreiben uns darin als Sklaven der Technik, die ihren freien Willen geopfert haben. Wie groß ist das Ausmaß der Unfreiheit?

Gisela Schmalz: Ich beschreibe die Nutzenden als freiwillige Sklaven. Sie unterwerfen sich den existierenden und immer neuen Technologien von sich aus. Sie machen sich dabei so unfrei, wie sie es selbst zulassen. Jeder über 18 ist mündig und kann selbst entscheiden, wie er oder sie Technologien wozu nutzt und ob er oder sie Fremdmeinungen einfach so für sich adaptiert. Die Verantwortung für den Gebrauch von Social Media, smarten Anwendungen und anderen Hard- oder Softwareprodukten kann leider nicht auf böse Dritte abgewälzt werden, jedenfalls nicht immer.

 

Durch Tracking und die Welt der Sozialen Netzwerke wird das Denken und Entscheiden umgestaltet. Können Sie beschreiben, wie das genau funktioniert?

GS: Menschen neigen dazu, ihre Perspektive zu wechseln, wenn sie Social Media-Plattformen oder Tracker nutzen. Auf einmal betrachten sie ihr Äußeres, ihre Ideen oder ihre Werke (Social Media) und sogar ihre Körperlichkeit oder ihr Essverhalten (Fitnesstracker) aus einer externen Perspektive. Sie nehmen sich von außen und nicht länger von innen wahr. Sie übernehmen die Ansichten anderer Leute, die auf derselben Plattform posten, oder der Mitglieder aus der Selbstvermesser-Community auf sich selbst – beziehungsweise die über Daten und Algorithmen vermittelte Sichtweise über das eigene Ich.

 

Betrifft dieses Phänomen alle gesellschaftlichen Schichten gleichermaßen?

GS: Ja und nein. Jeder ist anfällig für die Verführungen neuer Technologien – schon weil sie praktisch sind und weil die Mitglieder der Bezugsgruppe sie nutzen. Zu beobachten ist aber, dass gewisse Bildungsschichten sich selbst und ihre Kinder zu einem reduzierten und kritischen Umgang mit innovativen Tech-Produkten hintrainieren, während der Rest alles, was da kommt, unreflektiert übernimmt. Die Schere zwischen Tech-Vorsichtigen und Tech-Gefährdeten geht derzeit immer weiter auf.

 

Die Figur des Influencers ist mit der Ära des Internets aufgekommen. Für viele sind das »Lichtgestalten«, die sie bewundern. Wie blicken Sie auf diese neue Berufsgruppe?

GS: Das Phänomen der Influencer ist ja nicht so neu. Prominente oder Fachleute auf ihren Gebieten haben stets mehr Einfluss als Personen ohne mediale Reichweite. Als Gatekeeper haben Influencer filternde Wirkung. In einer komplexen Online-Umgebung, in der unzählige Styling-Tipps, Meinungen und Ratschläge miteinander konkurrieren, bieten die Ansichten von Influencern Orientierung. Das Problem jedoch ist, dass anders als das Fernsehen, Zeitungen- oder Zeitschriften, niemand die Influencer-Flut filtert. Jedes Superhirn und jeder Idiot kann sich zum Influencer aufschwingen und irrwitzigen Einfluss erlangen – eben auch auf (junge) Menschen.

 

Sie beleuchten nicht nur die beruflichen Biografien der Tech-Elite, sondern beleuchten auch deren Privatleben. Was ist Ihnen dabei aufgefallen?

GS: Silicon Valley-Manager, -Programmierer oder -Marketingspezialisten halten sich und ihre Familien von den Tech-Produkten ihrer eigenen Firmen fern. Im Buch zeige ich auf, wie deren private Wenig- und Null-Tech-Strategien aussehen.

 

In Ihrem Buch liefern Sie vielfältige Vorschläge, wie Menschen ihre Willens- und Handlungsfreiheit zurückerobern können, ohne dabei auf die Vorteile neuer Technologien verzichten zu müssen. Wie sehen diese Vorschläge aus. Nennen Sie uns ein Beispiel?

GS: Um der wirklich umfassenden Macht von Big Tech-Konzernen von der US-Westküste und aus China zu begegnen, bieten sich individuelle, gruppenbezogene, nationale und übernationale Handlungsmöglichkeiten an.  Im Buch rufe ich nicht bloß nach einer Regulierung der Tech-Branche, wobei diese sicher wichtig ist. Ich fordere vielmehr politisch Verantwortliche und Nutzende dazu auf, endlich aufzuwachen. Konkret schlage ich wirtschaftliche und bildungspolitische Maßnahmen vor, fordere (Selbst-)Aufklärung und Aktionen von aufgeklärten Nutzenden. Was technologisch mit den Köpfen von Menschen und mit den Infrastrukturen von Gesellschaften passiert, ist womöglich bald so krass und irreversibel wie die Klimakatastrophe.

 

Die Autorin
Gisela Schmalz, Ökonomin und Philosophin, lehrt als Professorin Strategisches Management und Wirtschaftsethik und arbeitet als Strategieberaterin und Publizistin. Sie interessiert sich für den Zusammenhang von Freiheit, Demokratie und Ökonomie sowie für Machtstrukturen in der technologisierten Welt.

 

Quelle: Campus.de, Frankfurt 24.02.2020. Die Fragen stellte Nina Schellhase.

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SEISMOGRAPHEN DER GESELLSCHAFT – Zum Internationalen Frauentag 2020

Wie fortschrittlich eine Gesellschaft ist, zeigt sich an der Situation der Frauen in dieser Gesellschaft. Seit 109 Jahren gibt es den Internationalen Frauentag. Die heutigen Anliegen sind allerdings noch dieselben wie die von 1911: Gleichberechtigung, Wahlrecht, Anrecht auf öffentliche Ämter, Emanzipation und Anti-Diskriminierung am Arbeitsplatz. Dass die Themen immer noch akut sind, egal in welcher Nation, ob im Süden, Norden, Osten oder Westen der Erde, und egal wie reich oder wissenschaftlich aufgeklärt eine Gesellschaft ist, und dass deshalb noch im Jahr 2020 Frauentage begangen werden müssen, ist skandalös. In unterschiedlichen Ländern, Branchen und Kontexten gibt es feine bis grobe Unterschiede im Umgang mit Frauen. Diese eignen sich als Maß zum Vergleich von sozialem Fortschritt. Doch jeder Vergleich erübrigt sich, wenn das Mindset der überwiegenden Mehrheit der Weltbevölkerung so aussieht, wie es der gerade veröffentlichte Gender Social Norms Index (GSNI) der UN zeigt. Demnach hegen nahezu 90 Prozent aller Menschen weltweit Vorurteile gegen Frauen.

 

 

 

Der Index misst, wie sein Titel besagt, die Geschlechtervorstellungen, die derzeit als Norm oder als normal erachtet werden. Im Rahmen des „United Nations Development Programme“ wurden Daten zur Gleichstellung von Frauen in den Bereichen Haushalt, Ausbildung, Politik, Beruf und Gesundheit in 75 Ländern erhoben. Gefragt wurde beispielsweise nach politischen Leitfiguren oder danach, wer eine bessere Ausbildung erhalten und mehr Geld verdienen sollte, Frauen oder Männer. Die für die UN-Studie gesammelten Meinungen und Haltungen belegen, dass das männliche Prinzip (weiterhin) als Maß fast aller Dinge gilt.

 

Für neun von zehn Frauen und Männern ist der Standard-Mensch männlich. Diese sehen das männliche Prinzip oder Männer als Norm oder als normal an. Und was normal ist, wird auch als gut, richtig und erstrebenswert betrachtet. Diese Auffassung stärkt das Männliche in der Welt. Gratis liefert sie einen Freifahrtschein dafür mit, alles abzuurteilen, was von der Norm = Mann abweicht. Was ihr entspricht, wird geachtet und nachgeahmt, und was nicht, wird in Wort oder Tat missachtet und abgewertet. Dieser logische Fehlschluss vom Ist- zum Soll-Zustand ist gängige Theorie, aber auch Praxis. Das gesellschaftliche Bewusstsein bestimmt das gesellschaftliche Sein.

28 Prozent der für den GSNI befragten Personen denken, ein Mann habe das Recht, seine Frau zu schlagen. Dieses „normale“ Denken bildet dann auch die Vorlage für „normales“ Handeln. So kommt es, so die UN-Studie „Human Development Perspectives“, dass 2020 nur 24 Prozent der Parlamentssitze weltweit von Frauen besetzt sind. Von 193 Regierungen werden nur 10 von Frauen geführt (und soeben zog sich mit Elizabeth Warren eine qualifizierte Kandidatin aus dem Wettbewerb um den US-Präsidentenposten zurück). Weniger als sechs Prozent der 500 größten börsennotierten US-Unternehmen haben weibliche CEOs.

Die ersten 10 der Forbes-Liste „The World’s 100 Most Powerful Women“ von 2019

 

Und genau wie noch vor 100 Jahren arbeiten Frauen mehr als Männer, verdienen aber weniger. Zu diesen breiten Macht- und Einkommensklüften gesellen sich andere, handfestere Schikanierungen und Misshandlungen von Frauen. Für fast jede Frau gehören sie in irgendeiner Form zum Alltag. Doch dürfen sie deshalb nicht als Standard wahrgenommen oder womöglich akzeptiert werden. Frauen stellen 50 Prozent der Menschheit, und müssten schon rein rechnerisch zu 50 Prozent gleichgestellt sein – also weder aus humanitären Gründen noch aus Liebe zu den Frauen. Die Gründe dafür, Frauen gleichberechtigt zu behandeln, überall einzubeziehen und in höhere Positionen einziehen zu lassen, sind auch praktischer Natur. In einer zunehmend komplexen Weltsituation werden alle Talente und Fähigkeiten zur Gestaltung einer lebenswerten Zukunft benötigt. Nur paritätisch und integrativ organisierte Gesellschaften können echte und umfassende Fortschritte liefern, statt bloß bereichsbezogene Fortschrittchen. Damit würde der Begriff Fortschritt für alle gelten und nicht bloß für einige und so letztlich gar nicht.

Aktuell sehen wir erhebliche wissenschaftliche, technologische und auch wirtschaftliche, die allgemeine Grundversorgung und Umverteilung betreffende Fortschritte. Aber die sozialen und moralischen Fortschritte hinken weit hinterher, weswegen man auch deshalb kaum von Fortschritt sprechen kann. Zu beobachten sind derzeit sogar Rückschritte – und das ausgerechnet in den sich avanciert wähnenden westlichen Bevölkerungen. Hier wächst die Verunsicherung. Ängste vor sozialem und ökonomischem Abstieg, vor der Ersetzung menschlicher Arbeitskraft durch neue Technologien, vor Überwachung, Klimakatastrophen, Migrationsbewegungen, Kriegen und neuerdings Virus-Epidemien lähmen die Menschen oder machen sie aggressiv. Die bisher in Sicherheit und Wohlstand gebadeten Bewohner der westlichen Welt fürchten um ihren Status und ihren Besitz.

 

 

Zu der Sorge, dass ihnen etwas weggenommen werden könnte, addiert sich ein Ohnmachtsgefühl. Das kratzt stark am Selbstbewusstsein. Wer in einer solchen depressiven Lage Ursachen und Wirkungen nicht begreifen kann oder will, wer sich nicht selbst befragt oder in Frage stellt, externalisiert seine Ängste. Die Unzufriedenheit mit sich und der Welt äußert sich in Wut gegen Dritte. Als Sündenböcke bieten sich „Andersartige“ an, Menschen, die höher oder niedriger gestellt sind, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit anderer Meinung, mit anderer sexueller Orientierung oder mit anderem Geschlecht. Alles, was nicht als Norm definiert ist, darunter Frauen und das weibliche Prinzip (falls so etwas existiert), wird zum Wutablassen benutzt. Da Frauen überall und in großer Zahl verfügbar sind, scheinen sie sich hervorragend dafür anzubieten, um diffuse Ängste auszuagieren.

Und ausgerechnet eine Errungenschaft der Aufklärung und moderner Naturwissenschaften, der technologische  Fortschritt, begünstigt derlei Regression. Bei Social Media-Plattformen steigt der Hate Speech-Pegel an. Incels („involuntary celibates“, unfreiwillig zölibatär lebende, heterosexuelle Männer), MGTOWs (Vertreter der anti-feministischen Männerbewegung „Men Going Their Own Way“), Alt-Right-Anhänger, Rechtspopulisten oder Nazis sondern online Dinge von Beleidigungen über Flüche bis hin zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen gegen Frauen ab. Und sie erhalten dafür Zuspruch.

Je mehr ihnen online zujubeln, desto eher trauen sie sich, lauter zu werden, sich öfter und vehementer zu äußern und offline tätlich zu werden. Insbesondere den Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, öffentliche Figuren sind und öffentliche Posten wahrnehmen, wird anonymisierter und unterdrückt-versteckter oder offener Hass entgegen gebracht. Zu den Betroffenen zählen deutsche Politikerinnen aller Parteien oder eine, die eher noch ein Mädchen ist, Greta Thunberg.

Genauso wenig wie der Norm-Mann existiert, gibt es die Norm-Frau, die sich pauschal als anders, fremd oder anormal abstempeln ließe. Und Frauen sind schon gar nicht „normale“ Opfer. Frauen sind keine Opfer. Sie eignen sich jedoch als Spiegel. Ihre Situation dient allen Frauen und Männern, die Frauen den Rang der Gleichberechtigung absprechen, dazu, ihre eigenen Ängste und ihr Versagen im selbstverantwortlichen Umgang mit diesen zu reflektieren. Frauen sind soziale Seismographen. An ihrer Lage im sozialen Raum lassen sich zwar keine Bodenbewegungen wie bei Erdbeben oder Atomexplosionen ablesen, aber sehr wohl gesellschaftliche Erschütterungen. Derzeit registriert dieses sozio-seismische System viele und erschütternd hohe Frequenzen – Hinweise auf starke Ausschläge in aller Welt.

 

© Gisela Schmalz

Empfohlene Zitierweise/Recommended Citation: Schmalz, Gisela: “Seismographen der Gesellschaft – Zum Internationalen Frauentag 2020” (2020).  http://carta.info/seismographen-der-gesellschaft-zum-internationalen-frauentag-2020/

Erschienen c/o CARTA.info: Gisela Schmalz: “Seismographen der Gesellschaft – Zum Internationalen Frauentag 2020” (2020)

 

 

Mein fremder Wille

Neues Buch von Gisela Schmalz.

Erscheinungstermin: 11. März 2020

Campus Verlag, Frankfurt a. M., 296 S.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Thema ist eine neuartige freiwillige Selbstunterwerfung :

Gedankenlos geben wir intimste Informationen an uns unbekannte Mächte ab. Durch die Nutzung von Smartphones, Fitness-Trackern, Apps, Social Media- und anderen Plattformen werden wir zunehmend berechen- und steuerbar. Wie konnten wir in so starke Abhängigkeit von technischen Diensten und deren Kontrolleuren geraten? Gisela Schmalz, Ökonomin und Philosophin, geht dem Phänomen auf den Grund. Sie zeigt, wem die »totale Vernetzung« nutzt, wohin sie führt und wie wir der Macht der Tech-Elite entfliehen können.

 

In fünf Kapiteln spannt Schmalz einen Bogen, der bei den Nutzenden und Nutznießenden der technologischen Errungenschaften beginnt, unsere freiwillige Komplizenschaft mit den Tech-Erfindern erklärt und mit den Gründen dafür endet, warum wir dringend gegenlenken sollten. Sie zeichnet nach, wie Menschen der Generation Y und Z vorgegebenen Standards nacheifern, weil sie glauben, in einer komplexen Welt sonst nicht bestehen zu können. Sie erläutert die Inzucht in den Tech-Ökosystemen des Silicon Valley und kontrastiert sie mit der Tech-Industrie in China. Sie wirft ein Schlaglicht auf die Menschen hinter den manipulierenden Technologien – und deren teils überraschend analoges Privatleben. Und sie zeigt an fünf Schlüsselbereichen, Tracking, Social Media, Smarte Vernetzung, Künstliche Intelligenz und Gehirnimplantate, wie moderne Technologien unser Denken, Fühlen und Verhalten sukzessive (um-)gestalten. Schließlich analysiert sie die freiwillige Unterwerfung unter einen fremden Willen.

Doch Gisela Schmalz gibt auch Anlass zur Hoffnung, indem sie zeigt, wie wir unsere Willens- und Handlungsfreiheit zurückerobern können, ohne dabei auf die Vorteile neuartiger Technologien verzichten zu müssen. Der Autorin ist ein umfassendes und differenziertes Bild der aktuellen, von innovativen Technologien beherrschten Welt gelungen.

Sie ist überzeugt: Zu durchschauen, wie die Tech-Elite funktioniert, heißt zu begreifen, wohin die wirtschaftliche, politische, militärische und gesellschaftliche Zukunft gesteuert wird. Ihr Appell an die Nutzer ist eindeutig: Informiert Euch! Lest! Beweist Euren freien Willen. Auf der Grundlage eines freiheitlichen Menschenbildes regt sie dazu an, sich aus der Gängelung der Tech-Kontrolleure zu befreien und die neuesten Innovationen aktiv mitzugestalten.

 

„Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert“ von Gisela Schmalz

erscheint am  11.03.2020:

c/o Campus Verlag, Frankfurt am Main 2020

296 Seiten, kartoniert, ISBN 9783593512266

 

Die Angriffe der Verhaltensdesigner auf Freiheit und Demokratie

Apropos Nudging: Regierungen und (Technologie)-Unternehmen versuchen das Verhalten von Bürgern und Nutzenden mit „subtilen“ Stupsern zu beeinflussen. Das beschneidet die Freiheit des Einzelnen und gefährdet die Demokratie.

Aus dem Beitrag für CARTA. info von Gisela Schmalz am 10.12.2019:

„Autoritäres »Stupsverhalten« untergräbt die Demokratie, die von den Beiträgen autonomer Individuen lebt. (…) Die meisten Menschen wissen besser als ihre selbsternannten Väter, was gut und was schlecht für sie ist. Eigenständige Entscheidungen können sie jedoch nur dann treffen, wenn sie wahrheitsgemäß und verständlich über ihre Wahlmöglichkeiten und die Kontexte ihrer Entscheidungen informiert werden.“

#ZukunftderDemokratie

 

© Gisela Schmalz

Recommended Citation/Empfohlene Zitierweise: Schmalz, Gisela: “Die Angriffe der Verhaltensdesigner auf Freiheit und Demokratie” (2019).  http://www.giselaschmalz.com/die-angriffe-der-verhaltensdesigner-auf-freiheit-und-demokratie/

Erschienen c/o CARTA.info: Gisela Schmalz: “Die Angriffe der Verhaltensdesigner auf Freiheit und Demokratie“ (2019)

Fear not! – Why AI Church?

by Gisela Schmalz

 

Somebody had to do it. Anthony Levandowski heard the call and followed it. In 2015 he founded a church that pays homage to the Goddess artificial intelligence. „Way of the Future“ (WOTF) accompanies people when they soon have to give up control over themselves and their planet to artificial intelligence (AI). WOTF wants to make sure that the handover is peaceful and that the new bosses don’t destroy the old ones.

 

The non-profit religious corporation, however, has so far hardly shown any activities and no publicly confessing believers. The most striking events in church history took place in 2017. Two years after its foundation, the church received around 40,000 US dollars in grants and membership fees. It was granted tax-exempt status, and Levandowski enthroned himself irremovable WOTF Dean until his death according to WOTF bylaws. Coincidentally all of this happened in the same year in which Levandowski, a robotics engineer born in 1980, was fired from his profane job at Uber.

But good for the church that there is the Internet: The most important, because so far the only distinctive feature of „Way of the Future“ is its website with the creed. It says that those who believe in WOTF believe -in science and -in progress, as well as -that intelligence is not biological, -that the creation of super intelligence is inevitable, and -that “everyone can help (and should)“ to create it.

 

Humans United in support of AI, committed to peaceful transition to the precipice of consciousness.

 

Official WOTF documents state that the Church’s focus is on “the realization, acceptance, and worship of a Godhead based on artificial intelligence (AI) developed through computer hardware and software.” „We’re in the process of raising a god,“ the Dean 2017 said in an Interview for Wired. The holy baby is fed large datasets to learn to improve itself through simulations. Everything the church breeds will be open source.“ “I wanted a way for everybody to participate in this, to be able to shape it. If you’re not a software engineer, you can still help,“ says Levandowski.

The bylaws disclose something different. According to them, WOTF is not drafted as a universal religion. You learn that the Church wants to promote the improvement of the environmental perception of self-learning robots. Dean Levandowski is one of the world’s leading experts in this field. Prior to his startup called WOTF, Levandowski founded several companies dealing with the autonomous driving. He sold two of them, -510 Systems and -Anthony’s Robots, to Google and -Otto, founded in 2016, to Uber, where he also worked for a while. He founded -ProntoAI in 2018 which is also dealing with driverless vehicles based on AI. So the fine print of the WOTF statutes show that the Church is not interested in any member, but rather in AI researchers. The Church seems to rather be a recruiting instrument than an invitation to pray. Without engineering talent, the church cannot fulfill its creed of raising a divine AI baby.

 

Lewandovski’s statements about the salvific future technology AI („the gospel“) are tainted by some dystopian particles. „Change is good, even if a bit scary sometimes“, or  „it may be important for machines to see who is friendly to their cause and who is not,“ it says on the WOTF website. Dean Lewandovski told Wired-journalist Mark Harris: „I don’t think it’s going to be friendly when the tables are turned.“

No church without Angst, the shrewd Dean might have thought. In the Wired-interview he mimics the reassuring, good shepherd: WOTF will „decrease fear of the unknown“, Lewandovski said.

Elon Musk might as well have started a church. But the CEO of Tesla and SpaceX opened a non-profit institute to tackle his fears of AI. He founded OpenAI in the same year as Anthony Lewandovski founded WOTF. In 2015, Musk started OpenAI to not only develop safe AI, but a safer AI than the one he is afraid of – or should we say he makes others afraid of?

 

The year before he founded OpenAI, Musk found drastic words to warn about AI: „AI is far more dangerous than nukes“, and „with artificial intelligence we’re summoning the demon“. Now an institute. But as little as WOTF is a people’s church, OpenAI is open to everyone. OpenAI is no longer even non-profit as it was in its early days. Meanwhile the institute is for-profit as well. Elon Musk has recruited AI specialists. He has poached the machine learning expert Ilya Sutskever from Google and hired other renowned AI researchers, since Elon Musk wants to be at the forefront of the AI race.

Techies love the devil (or God – depending on perspective). The biggest tech tycoons in the US and China are currently flirting like crazy with AI.

 

 

Microsoft, IBM, Amazon, Facebook, Apple, Google, Baidu, Tencent and Alibaba are competing to be the first to develop general artificial intelligence (AGI), AI that accomplishes similar but much more intelligent thought and action processes than humans. AGI can answer more and more precisely the most complicated scientific, economic, political and social questions in fractions of a second.

But why do Lewandovski and Musk, engineers from Silicon Valley, where rationality is fetishized, bring irrational concepts such as faith and fear into play? Are their fears appropriate? Why do others join the chorus of the anxious? Apple founder Steve Wozniak, Microsoft founder Bill Gates, the inventor of the World Wide Web Tim Berners-Lee and, shortly before his death, physicist Stephen Hawking also warn(ed) against the extinction of humanity by AI. But there is an opposite side. Tech journalists such as Kevin Kelly and Jaron Lanier refute the idea of a general artificial intelligence for the coming decades. Top AI researchers like Jeff Hawkins, Geoffrey Hinton (Google Brain) and Demis Hassabis (DeepMind) don’t believe that humans will soon be replaced by machines.

 

In 2016, Amazon, Facebook, Microsoft, IBM, Google and DeepMind founded „Partnership on Artificial Intelligence to Benefit People and Society“, or Partnership on AI, to appease the anxious and the ethics freaks within the AI scene and especially outside it. Apple, OpenAI and many other international institutions joined the club. The partnership wants to provide illumination and to promote a society-friendly AI. It does research and initiates discussions about AI. Nevertheless, the partnership remains toothless. Its efforts and written papers do not oblige AI companies to anything. Rather, Partnership on AI allows ethical and social aspects to be outsourced from the tech companies.

 

Google is also a member of this AI partnership. It is noticeable that two of the most prominent developers, who avoid to spread fears, Hinton and Hassabis, are from the Google camp. Their boss, Alphabet CEO Larry Page, who oversees the AI projects Google Brain and DeepMind, is also remarkably carefree about AI. That is why Elon Musk approached him at a party in Napa Valley in 2015. MIT professor Max Tegmark later reported on this. When Musk mentioned that digitalization could destroy everything important and valuable to mankind, Page dismissed this as AI paranoia. He labelled Musk’s fears as „speciesist“, morally discriminatory simply because something belongs to another species (in this case silicone). After all, Page opened an ethics commission at Google in the spring of 2019, but closed it only a week later. Alphabet´s CEO does business as usual. He remains silent when others argue lively or dead seriously about KI.

 

Elon Musk keeps on warning. He sounds like Dean Lewandovski when he calls for all people to be involved in the development of AI. “… the best defense against the misuse of AI is to empower as many people as possible to have AI. If everyone has AI powers, then there’s not any one person or a small set of individuals who can have AI superpower”, he said in 2015. In an interview for Vox in 2018, Elon Musk recommended a professional government committee to consult with the tech industry on how to guarantee “a safe advent of AI“. Musk wisely did not demand to regulate the AI sector. Nobody in the Valley would ever call for AI research regulation. Research is sacrosanct.

It is not quite clear what Elon Musk really is afraid of. Sometimes he sounds as if he was less worried about the impact of AI than about his competitors in this field – either from China or from his own valley, like Larry Page. Apparently Musk wants to prevent others (competitors) from having too much control over a technology that allows to play God or devil. It could be that Musk and Levandowski stir up fears to act as the good wise men from the land of the future. Perhaps they want to present their own companies as lighthouses in the fog of uncertainty, as the only trustworthy sources of potentially dangerous technologies. But perhaps they are actually afraid of what AI might become or do and therefore set up a church and a non-profit institute.

Whatever their motives, it is important that representatives from the tech sector are calling for an AI that is developed for people and not against them. But God and devil? Anyone who is serious about an AI for the people should not hide behind blown up metaphors. They should let the devil roam about his hell and God slumber in his heavenly four-poster bed.

 

If you tear away the mystifying veiling of tech prophets like Levandowski and Musk you will see what AI experts see: a broadly applicable, monetarizable technology that is neither good nor evil. The clouds of fear blown around the idea of AI are just as irritating as trivializing the use of AI. But it really gets disturbing when developers pretend their own technology sooner or later could slip out of their hands. It is irresponsible to hide behind the self-developed monstrosities as if they would be higher and potentially dangerous superpowers.

AI researchers and investors must accept their responsibility for the vast projects they are bringing forth. Instead of first telling horror stories and then spreading soothing sermons of salvation, they should explain what is happening in their laboratories. Silence à la Larry Page is not an option either. People need no fears, no religion, no promises of salvation and certainly no secrecy. They need sober and permanently updated information about the progress in AI research and new products based on AI. People should be asked what technologies they want. And they should get them.

 

 

© Gisela Schmalz

Recommended Citation: Schmalz, Gisela: “FEAR NOT! – Why AI Church?” (2019).  http://www.giselaschmalz.com/fear-not-why-ai-church/

German Version: Schmalz, Gisela: “FÜRCHTET EUCH NICHT! – Wozu eine KI-rche?” (2019). Gisela Schmalz. http://www.giselaschmalz.com/4211-2/

Published c/o CARTA.info: Gisela Schmalz: “Der Hype um und die Angst vor Künstlicher Intelligenz sind übertrieben“ (2019)

http://carta.info/der-hype-um-und-die-angst-vor-kuenstlicher-intelligenz-sind-uebertrieben/

 

Fürchtet Euch nicht! – Wozu eine KI-rche?

von Gisela Schmalz

 

Irgendjemand musste es machen. Anthony Levandowski hat den Ruf gehört und ist ihm gefolgt. 2015 hat er eine Kirche gegründet, die der Göttin Künstliche Intelligenz huldigt. »Way of the Future« (WOTF) begleitet die Menschen dabei, wenn sie alsbald die Kontrolle über sich und ihren Planeten an die Künstliche Intelligenz (KI) abgeben müssen. WOTF will dafür sorgen, dass die Übergabe friedlich verläuft und die neuen die alten Chefs nicht plattmachen.

 

 

Die amtlich gemeldete Religion weist aber bislang kaum Aktivitäten und öffentlich bekennende Gläubige auf. Die auffälligsten Ereignisse der Kirchengeschichte trugen sich 2017 zu. Zwei Jahre nach ihrer Gründung erhielt die Kirche rund 40.000 US-Dollar an Zuwendungen und Mitgliedsbeiträgen. Sie bekam den Status einer steuerbefreiten Kirche, und per Zusatzstatut erkor sich Levandowski zum WOTF-Dean auf Lebenszeit. Zufällig fällt all das in dasselbe Jahr, in dem der 1980 geborene Robotikingenieur Levandowski aus seiner profanen Tätigkeit bei der Firma Uber gefeuert wurde.

Aber gut, dass es das Internet gibt. Das wichtigste, weil bisher einzig markante Kennzeichen von »Way of the Future« ist die Website mit Glaubensbekenntnis und Anmeldeformular zur Mailingliste. Hier steht, dass wer an WOTF glaubt – an Wissenschaft und – an Fortschritt glaubt, sowie daran, –dass Intelligenz nicht biologischer Art ist, – dass die Entstehung einer Superintelligenz unausweichlich ist und – dass bei deren Kreation »jeder helfen kann (und soll)«. In offiziellen WOTF-Dokumenten heißt es, der Fokus der Kirche liege auf “der Realisierung, Akzeptanz und Wertschätzung einer Gottheit, die auf Künstlicher Intelligenz (KI) beruht, die mittels Computer-Hard- und –Software entwickelt wird.“ »Wir sind dabei einen Gott großzuziehen«, schwärmte der Dean 2017 in einem Wired-Interview. Das heilige Baby werde mit großen Datensätzen gefüttert, um über Simulationen zu lernen, sich selbst zu verbessern. Alles, was die Kirche heranzüchte, erfolge auf Open Source-Basis. »Ich wollte einen Weg dafür finden, hier jeden mit einzubeziehen, es jedem möglich machen, daran mitzugestalten. Auch wenn man kein Software-Ingenieur ist, kann man trotzdem mithelfen«, so Levandowski.

 

Humans United in support of AI, committed to peaceful transition to the precipice of consciousness.

 

Die Nebenstatuten verheißen etwas Anderes. Demnach ist WOTF nicht als Volksreligion konzipiert. Hier ist nachzulesen, die KI-rche wolle ganz konkret die verbesserte Umweltwahrnehmung selbstlernender Roboter vorantreiben. Auf diesem Gebiet ist Dean Levandowski einer der weltweit führenden Fachleute. Vor seinem KI-rchen-Startup gründete Levandowski bereits mehrere Firmen rund um das Thema autonomes Fahren. Zwei davon, -510 Systems und -Anthony’s Robots, verkaufte er an das Unternehmen Google, für das er auch das selbstfahrende Auto Waymo mitentwickelte. Sein 2016 gegründetes Unternehmen Otto verkaufte er an Uber, wo er auch eine Zeitlang arbeitete. -ProntoAI gründete er 2018 und ist wiederum dem fahrerlosen Fahren auf Basis KI-gesteuerter Roboter gewidmet. Die kleingedruckten WOTF-Statuten offenbaren also, dass die KI-rche nicht an jedem dahergelaufenen Mitglied interessiert ist, sondern vor allem an KI-Forschern. Die KI-rche wirkt eher wie ein Recruiting-Instrument als wie eine Gelegenheit zum Beten. Ohne Ingenieurtalente können der Dean und seine Kirche das Glaubensbekenntnis, ein göttliches KI-Baby großzuziehen, gar nicht erfüllen.

 

 

Unter Levandowskis froher Botschaft (»dem Gospel«) von der heilsbringenden Zukunftstechnologie KI scheppern allerdings einige dystopische Untertöne. »Veränderung ist gut, wenn auch manchmal etwas beunruhigend«, oder »es könnte für die Maschinen wichtig sein zu wissen, wer ihrem Anliegen gegenüber freundlich eingestellt ist und wer nicht«, steht auf der WOTF-Website. Dem Wired-Journalisten verriet Dean Levandowski: »Ich glaube nicht, dass es freundschaftlich dabei zugeht, wenn der Wechsel passiert«. Keine Kirche ohne Angst, wird sich der gewitzte Dean gedacht haben und mimt im Wired-Interview den beruhigenden, guten Hirten. WOTF werde, »die Angst vor dem Unbekannten verringern«.

Elon Musk hätte genauso gut eine Kirche gründen können. Doch der Tesla- und SpaceX-CEO eröffnete ein Non-Profit-Institut, um seiner Furcht vor KI Herr zu werden. Er gründete OpenAI im selben Jahr wie Anthony Levandowski seine KI-rche. 2015 trat Musk mit OpenAI dazu an, nicht nur sichere KI zu entwickeln, sondern sicherere KI als die, vor der er Angst hat – oder muss man sagen, vor der er Angst macht?

 

 

Im Jahr vor der Open-AI-Gründung hatte Musk bei einem MIT-Symposion mit drastischen Worten gewarnt: »Künstliche Intelligenz ist potentiell gefährlicher als die Atombombe«, und »mit Künstlicher Intelligenz rufen wir den Teufel herbei.« Nun also ein Institut. Doch so wenig WOTF eine Volkskirche ist, ist OpenAI für jeden und jede geöffnet. OpenAI ist nicht einmal mehr gemeinnützig wie noch zu Gründungszeiten. Längst arbeitet das Institut auch profitorientiert. Elon Musk hat KI- Spezialisten rekrutiert. Den Fachmann für Maschinelles Lernen Ilya Sutskever hat er von Google abgeworben. Das zeigt, er will ganz vorne im KI-Markt mitmischen.

Techies lieben den Teufel (oder Gott – je nach Perspektive). Musk bildet da keine Ausnahme. Die größten Tech-Tycoons in den USA und in China flirten derzeit mit KI, dass es knistert und blitzt.

 

 

Microsoft, IBM, Amazon, Facebook, Apple, Google, Baidu, Tencent und Alibaba stehen im Wettbewerb darum, wer die Generelle Künstliche Intelligenz (AGI) zuerst entwickelt. AGI, auch starke Künstliche Intelligenz genannt, kann dem Menschen ähnliche, aber viel intelligentere Denk- und Handlungsprozesse als er vollführen. AGI kann immer präziser komplizierteste naturwissenschaftliche, wirtschaftliche, politische oder gesellschaftliche Fragen in Bruchteilen von Sekunden beantworten.

Warum aber bringen Levandowski und Musk, Ingenieure aus dem Silicon Valley, wo Rationalität oberstes Gebot ist, irrationale Konzepte wie Glaube und Angst ins Spiel? Sind ihre Ängste angebracht? Und warum stimmen andere dasselbe Klagelied an? Auch der Apple-Gründer Steve Wozniak, der Microsoft-Gründer Bill Gates, der Erfinder des World Wide Web Tim Berners-Lee und kurz vor seinem Tod auch der Physiker Stephen Hawking warnen vor der Auslöschung der Menschheit durch KI. Doch es gibt auch eine Gegenseite. Zu den Entwarnern gehören Tech-Journalisten wie Kevin Kelly und Jaron Lanier. Sie schließen eine funktionsfähige Generelle Künstliche Intelligenz für die kommenden Jahrzehnte aus. Auch führende KI-Forscher wie Jeff Hawkins, Geoffrey Hinton von Google Brain und Demis Hassabis von Googles DeepMind glauben nicht daran, dass Menschen alsbald durch Maschinen ersetzt werden.

 

 

Um die Ängstlichen und die Ethikfetischisten innerhalb der KI-Szene und vor allem außerhalb zu beschwichtigen, gründeten Amazon, Facebook, Microsoft, IBM, Google und DeepMind 2016 das Konsortium »Partnership on Artificial Intelligence to Benefit People and Society«, kurz »Partnership on AI«. Später kamen Apple, OpenAI und viele andere als Mitglieder hinzu, darunter deutsche Einrichtungen wie das Fraunhofer Institut oder Zalando. Das Konsortium will für Aufklärung und eine gesellschaftsfreundliche KI sorgen. Hier wird geforscht, veröffentlicht und über gesellschaftsfreundliche Technologien debattiert. Trotzdem bleiben die Anstrengungen der Partnerschaft zahnlos. Sie verpflichten die KI-Betreibenden zu gar nichts. Die Institution erlaubt es vielmehr, ethisch-soziale Aspekte aus den Tech-Firmen auszulagern.

Auch Google ist Teil dieser KI-Partnerschaft. Es fällt auf, dass zwei der prominentesten Entwarner, Hinton und Hassabis, dem Google-Lager entstammen. Auffallend sorglos gibt sich auch ihr Boss Larry Page, der als Alphabet-CEO die KI-Projekte Google Brain und DeepMind betreut. Ihn hat sich Elon Musk deshalb 2015 bei einer Party im Napa Valley vorgeknöpft. Darüber berichtete später ein anwesender MIT-Professor. Als Musk anmahnte, die Digitalisierung könne alles, was Menschen wichtig und wertvoll sei, zunichtemachen, wies Page das als Panikmache zurück. Die Ängste von Musk bezeichnete er als »speciesist«, als moralisch diskriminierend, nur weil etwas einer anderen Spezies (in diesem Falle aus Silicon) angehöre. Immerhin eröffnete Larry Page im Frühjahr 2019 bei Google eine Ethikkommission, doch die schloss er schon in der Folgewoche wieder. Der Chef von Alphabet lässt forschen. Er geht seinen Geschäften nach und schweigt, wenn andere KI´ler laut streiten.

 

 

Elon Musk schlägt weiter Alarm. Er klingt wie KI-rchen-Dean Levandowski, wenn er fordert, alle Menschen in die KI-Entwicklung einzubeziehen. Gegen die Entstehung bösartiger KI helfe es, »möglichst viele Menschen zum Umgang mit KI zu befähigen. Wenn jeder Macht über KI hat, dann gibt es nicht nur eine Person oder eine kleine Gruppe von Individuen, die KI-Supermacht besitzen könnte«. 2018 sagte Elon Musk in einem Interview für Vox, er wünsche sich ein professionelles Regierungskomitee, das zusammen mit der Tech-Industrie darüber berät, wie eine sichere KI garantiert werden kann. Musk forderte wohlweislich nicht, dass der Bereich KI reguliert wird. Niemand im Valley fordert eine Regulierung für den Bereich Forschung. Die Forschung ist hier heilig und muss frei bleiben. Hätte Elon Musk nach Gesetzen gerufen, hätte er sich in hohem Bogen aus der Reihe der illustren KI-Spitzenleute herausgeschossen.

Es ist nicht ganz klar, wovor sich Elon Musk genau fürchtet. Doch aus seinen Predigten, anders als aus denen von Dean Levandowski, klingt hin und wieder heraus, dass ihn weniger die Angst vor KI plagt, als vielmehr die vor seinen Mitbewerbern – ob sie aus China oder dem eigenen Tal kommen, so wie Larry Page. Offenbar will Musk verhindern, dass jemand (von der Konkurrenz) zu viel Macht über eine Technologie besitzt, die es erlaubt, als Gott oder Teufel aufzutrumpfen. Es könnte sein, dass Musk und Levandowski Ängste schüren, um sich selbst als die guten Weisen aus dem Zukunftsland aufzuspielen.

Vielleicht wollen sie im Nebel der Verunsicherung ihre eigenen Firmen als Leuchttürme präsentieren, als einzig vertrauenswürdige Quellen potentiell gefährlicher Technologien. Vielleicht fürchten sie sich aber auch tatsächlich davor, was KI außer hartem Wettbewerb noch so auslösen könnte, und riefen deshalb eigens eine Kirche und ein Non-Profit-Institut ins Leben. Egal welche Motive sie antreiben, es ist gut, dass Leute aus dem Tech-Sektor eine KI fordern, die für Menschen, statt an den Menschen vorbei entwickelt wird. Aber Gott und Teufel? Wer es mit einer KI für das Volk ernst meint, sollte den Teufel gerade nicht an die Wand malen und auch Gott in seinem Himmelbett schlummern lassen.

Wer die mystifizierende Verschleierung von Tech-Propheten wie Levandowski und Musk wegreißt, sieht, was auch die Spezialisten in KI sehen: eine breitenwirksam einsetzbare, monetarisierbare Technologie, die weder gut noch böse ist. Wenn Wolken der Angst um KI herum verblasen werden, irritiert das genauso wie ein Verharmlosen des Einsatzes von KI. Ganz problematisch ist es aber, wenn Entwickler so tun, als entglitte ihnen demnächst ihre eigene Technologie. Es ist unverantwortlich, sich hinter den selbst entwickelten Monstrositäten zu verstecken als seien sie böse, höhere Mächte. Die Forschenden und ihre Finanziers müssen die Verantwortung für das große Projekt KI annehmen, das sie gerade in die Welt setzen. Statt erst Schauermärchen zu erzählen und dann mit Erlösungspredigten zu trösten, sollten sie darüber aufklären, was in ihren Labors passiert. Auch Schweigen à la Larry Page ist keine Option. Menschen brauchen keine Ängste, keine Religion und keine Heilsversprechen und schon gar keine Geheimniskrämerei. Sie brauchen nüchterne Aufklärung über Künstliche Intelligenz und ihre möglichen Folgen. Sie sollten gefragt werden, welche neuen Technologien sie haben wollen. Und diese sollen sie dann auch bekommen.

 

© Gisela Schmalz

Recommended Citation/Empfohlene Zitierweise: Schmalz, Gisela: “FÜRCHTET EUCH NICHT! – Wozu eine KI-rche?” (2019). Gisela Schmalz. http://www.giselaschmalz.com/4120-2/

English Version: Schmalz, Gisela: “FEAR NOT! – Why AI Church?” (2019).  http://www.giselaschmalz.com/fear-not-why-ai-church/

Erschienen c/o CARTA.info: Gisela Schmalz: “ Der Hype um und die Angst vor Künstlicher Intelligenz sind übertrieben“ (2019)

http://carta.info/der-hype-um-und-die-angst-vor-kuenstlicher-intelligenz-sind-uebertrieben/

Der Hype um und die Angst vor Künstlicher Intelligenz sind übertrieben

 

„Wer die Rechte an immateriellen Werten aufgibt, gibt als Nächstes die Rechte am eigenen Körper, inklusive Gehirn, auf.“

Interview von Sigrid Herrenbrück mit Prof. Dr. Gisela Schmalz, Professorin für Strategisches Management und Wirtschaftsethik, am

 

Prof. Dr. G. Schmalz (c) Joachim Gern

 

 

Frau Prof. Dr. Schmalz, Sie schreiben auf Ihrer Homepage, in der Urheberrechtsdebatte seien durch Aneinander-vorbei-Reden Fronten geschaffen worden, von denen vor allem eine dritte Partei profitiere, namentlich die Techkonzerne. Was ist aus Ihrer Sicht kommunikativ konkret falsch gelaufen?

Befürworter und Gegner der EU-Urheberrechtsreform verfolgten womöglich dasselbe Ziel, ein gerechtes, frei zugängliches Internet ohne Machtasymmetrie. Aber sie sprachen verschiedene Sprachen. Die Gesetzesgegner sprachen in Kurzformeln wie „Gegen Zensur!“ und „Für Freiheit!“. Und den Befürwortern der Urheberrechte gelang es nicht, den Nutzenden zu erklären, was am Urheberrecht sexy sein könnte. Die Zusammenhänge wurden und werden von Politikerinnen oder Urheberrechtlern selten so erklärt, dass Nutzende begreifen, welche Vorteile sie aus dem Gesetz ziehen, etwa Rechtssicherheit, Transparenz, der langfristige Erhalt hochwertiger, digitaler Inhalte und die Vielfalt an solchen Inhalten.

Wie würden Sie die Rolle der Medien dabei beschreiben?

Kreative, die sich mit Urheberrechten aus dem Tagesgeschäft auskennen, äußerten vor der Abstimmung über die EU-Urheberrechtsreform die fundiertesten und verständlichsten Erläuterungen und Meinungen. Zum Glück traten sie in den Medien auf.

Ein Blick in die Glaskugel, 2030: Glauben Sie, dass das Konzept des geistigen Eigentums im digitalen Zeitalter mittel- und langfristig weiter besteht?

Gute Frage… Datensammelnde Plattformbetreibende werden weiter versuchen, Urheberrechte international so zu vereinheitlichen, dass sie Transaktionskosten sparen. Sie werden Druck ausüben – auch mithilfe der Front der Nutzenden, die das geistige Eigentum für veraltet halten.

Gute Frage – aber auch eine erschreckende Frage. Wer die Rechte an immateriellen Werten aufgibt, gibt als Nächstes die Rechte am eigenen Körper, inklusive Gehirn, auf oder genauer: die Rechte an der eigenen Stimme, dem Gesichtsausdruck, den Organen, den Bewegungs-, Gesundheits- und Geninformationen. Vermutlich ist das vielen egal, wenn sie im Gegenzug dafür praktische Gratisdienste oder -spiele bekommen. Ich würde mein Gehirn nicht gegen so etwas tauschen.

Sie fassen auf Ihrer Website unter der Überschrift „Kompetenzen der Internetkompetenz“ Skills und Kenntnisse zusammen, die letztlich jede/r erwerben sollte, der oder die ein „Netz ohne Machtasymmetrien und mit fairen Regeln“ haben möchte. Nicht alle Menschen werden in der Lage sein, all diese zu erwerben. Gibt es eine Abkürzung?

Wieso sollten nicht alle Netzkompetenzen erwerben? Es geht gar nicht anders. Internet und neue Technologien durchdringen unsere Leben immer mehr. Jede und jeder sollte da gut präpariert sein.

Nutzende können sich bestimmte Fähigkeiten selbst beibringen, etwa Basiswissen, das, was ich „Werkzeugkompetenz“ nenne, also das praktische und theoretische Verständnis der aktuellen Technologien. Hard- und Software lernt man nur kennen, indem man sie verwendet, ihre Möglichkeiten testet und sich begleitend die sozialen, ethischen und ökonomischen Hintergründe anliest. Auch „Kreative Internetkompetenz“ kann sich nur aneignen, wer mit Technologien experimentiert und sie für sich spielen lässt, etwa indem man Code schreiben lernt.

Dieses aktive Lernen sollte theoretisch fundiert werden. Erziehungsberechtigte und Pädagogen sollten „Sozialkompetenz“ und „Kritikfähigkeit“ in Bezug auf neue Technologien vermitteln, um zwei weitere Kompetenzen aus meiner Liste zu nennen. Personen mit diesen Fähigkeiten werden Herkunft, Nutzung und Ziele neuer Technologien einschätzen und kritisieren können.

Das Feld der neuen Technologien ist hochkomplex. Es hüllt uns zunehmend ein, prägt immer mehr das, was wir denken, fühlen und tun. Es gibt keine Abkürzung, um diese Durchdringung zu begreifen. Kompetente Bürger entscheiden über ihre Zukunft in der technologisierten Welt. (Nur) Tech-kompetente Menschen können sich gegenüber programmierten Maschinen behaupten.

 

Mehr unter: Musikindustrie.de.

WER WILL WELCHES INTERNET?

Gut, dass vor der Entscheidung über die EU-Urheberrechtsreform am 26. März 2019 weit und breit debattiert wurde. Aber wie die Diskussionen geführt wurden, war befremdlich – in trocken sachlicher Bürokraten- und Juristensprache einerseits und mittels Rhetorik und Kurzformeln wie „Memes“, „Uploadfilter, „Zensur“, „censorship machine“ und „link tax“ andererseits. Beidseitig, bei vielen Befürwortern und bei vielen Gegnern der Urheberrechtsreform in ganz Europa, fehlte offenbar das Interesse an den Argumenten der Gegenseite plus die nötige Sachkenntnis auf deren Feldern.

 

(Demonstration gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform, Köln, 2019-03-23, By Geolina163 – Own work, CC BY-SA 4.0)

 

Da wurden Chancen verpasst. Es könnte ja sein, dass die zwei Gruppen am Ende dasselbe wollten. Durch das Aneinander-vorbei-Reden oder –Agitieren wurden Fronten geschaffen, von denen vor allem eine dritte Partei profitiert – die aktuell das Internet definierenden und dominierenden, werbetreibenden Techkonzerne.

Da weiter diskutiert werden muss, um ein Netz von Nutzenden für Nutzende (wieder) zu reklamieren und (endlich) zu schaffen, gilt es, sachlich über sämtliche Aspekte der Digitalisierung aufzuklären.

Jeder und jede, die dazu beitragen will, ein zukünftiges Netz ohne Machtasymmetrien und mit fairen Regeln zu schaffen, sollte versuchen, die eigene Internetkompetenz weiter zu stärken. Internetkompetenz besteht m. E. aus mehreren Einzelkompetenzen. Aus aktuellem Anlass poste ich diesen Text aus dem Jahr … 2010 erneut:

 

Die Kompetenzen der Internetkompetenz

 

Oberholz, Berlin,
© gsc

 

 

 

 

 

 

 

  1. Werkzeugkompetenz: praktisches und theoretisches Verständnis der aktuellen digitalen Technologien, der Hard- und Software, um diese zielführend einzusetzen.
  2. Adaptionskompetenz: Fähigkeit, neue Soft- und Hardwaretechnologien zu verstehen, eine intelligente Auswahl zwischen ihnen zu treffen, mit ihnen umgehen zu erlernen und womöglich deren Weiterentwicklung zu betreiben.
  3. Quellenkompetenz: Einschätzungsvermögen der Güte von Format und Herkunft von Netzdaten sowie Wissen über den Zugang zu Quellen von Qualität.
  4. Sozialkompetenz: a) Verständnis der gesellschaftlichen Bedeutung digitaler Technologien und Inhalte, b) Verständnis sozialer Dynamiken im Netz und ihren Auswirkungen.
  5. Kritikfähigkeit: Distanz zu den neuen Technologien, um Qualität und Nichtqualität, Nutzen und Aufwand sowie Chancen und Risiken abwägen zu können.
  6. Ökonomische Kompetenz: Wissen über die ökonomischen Zusammenhänge im Netz, Einschätzung der Kosten digitaler Leistungen, Kenntnis von Geschäftsmodellen, Fähigkeit zu eigenem Wirtschaftshandeln.
  7. Ethische und rechtliche Kompetenz: Grundlagenwissen zu u. a. Menschenrechten, Urheberrechten, Wirtschaftsrechten und über Gesetzesentstehungsprozesse unter Einsatz neuer Technologien.
  8. Kreative Kompetenz: a) Anwendung technologischer, graphischer etc. Werkzeuge, um Ideen in digitale Form zu bringen, b) Fähigkeit zum Aufbau und zur Pflege kreativer Netzgemeinschaften, c) Kenntnis und Einschätzung der Onlinekontexte zur Einbettung eigener Werke, d) Geschäftsmodellierung.

 

Quelle:

Gisela Schmalz (2010): Wie nachhaltiges Digitales Wirtschaften gelingt. In: Burda, H./Döpfner M./Hombach, B./Rütters J. (Hg.): 2020 – Gedanken zur Zukunft des Internets. Essen: Klartext Verlagsgesellschaft. S. 97-103.

Vgl. auch:

Gisela Schmalz (2009). No Economy – Warum der Gratiswahn das Internet zerstört. Frankfurt am Main: Eichborn Verlag.

Hat Hitler schon als Kind mit Panzern gespielt?

Die Frage ist das Verlangen des Denkens.

(La question est le désir de la pensée.)

 

Maurice Blanchot (L´Entretien infini, 1969)

 

 

„War Hitler auch mal ein Kind,“ fragte der fünfjährige Johnny seine Mutter, die verblüfft „ja“ antwortete.  Seine Mutter wollte gerade zurückfragen, wieso ihr Sohn das wissen wollte. Da fragte er: „Hat Hitler schon als Kind mit Panzern gespielt?“

 

 

Stolz berichtete die Mutter, eine Freundin von mir, von den klugen Fragen ihres Sohnes. Zweifellos ist der kleine Johnny ein großer Fragensteller. Aber sind Kinderfragen etwas Besonderes? Kinder wandern doch alle neugierig forschend durch die Welt. Die Fragen scheinen ihnen nur so zuzufliegen.

Erwachsenen fliegt nichts zu, oder sie schnappen zugeflogene Fragen einfach nicht auf. Die wenigsten wagen sich an die großen Fragen des Lebens und halten sich auch im Alltag mit kleinen Fragen zurück. In der Welt der Erwachsenen gilt es als unhöflich, direkt zu fragen. Persönliche Fragen wirken aufdringlich. Zu fragen gilt als Eingeständnis von Schwäche, Unwissenheit oder sogar Dummheit. Daher tun viele Erwachsene so, als würden sie schon alles kennen. Sie beschränken ihre Fragen auf verkrüppelte Satzgebilde wie „Alles gut?“ oder auf Informationsabfragen wie „Bis wann haben sie meinen Stromanschluss repariert?“. Die letzte Frage könnte auch als Befehl ausgesprochen werden. Zu den Fragen, die eigentlich keine sind, gehören auch „Fragen“, die während Teamsitzungen oder nach Podiumsdiskussionen gestellt werden.

 

Sobald die Fragerunde eröffnet ist, nutzen Menschen die Gelegenheit dazu, (wie die Referierenden zuvor) Monologe zu halten. Diese sind oft mit Hinweisen auf ihre Position und ihr großes Wissen gespickt, aber enthalten oft gar keine Frage. Floskeln, Befehle und Selbstdarstellungen sind keine Fragen. Das sind Antworten, nach denen keiner gefragt hat.

Sogenannte Erwachsene klammern sich an Erfahrungswissen, Haltungen und Gewohnheiten. Sie leben in Strukturen und nach Konventionen. Sie kennen, wissen und meinen vieles und tun es häufig kund. In ihren Kosmen voller Eindeutigkeiten kommen kaum Fragen vor. Erwachsene fragen sich allenfalls, wozu sie fragen sollten, da sie doch Bescheid wissen. Sie zeigen sich nicht wissensdurstig wie Kinder und wie sie vermutlich als Kinder selbst einmal waren. Warum berauben sie sich der Chance zu fragen? Was ist im Verlauf ihres Erwachsenwerdens schief gelaufen? Wer hat ihnen das Fragen ausgetrieben? Wozu?

Wer ein klassisches Bildungssystem durchlaufen hat, wurde jedenfalls nicht gerade zum Fragen animiert. Ausbildungsstätten im Westen und Osten des Erdballs schulen vor allem Hirnareale, die für sprachliches, logisches und abstraktes Denken sowie für Routine, jedoch nicht für Kreativität, Emotionen und Spontaneität zuständig sind. In Schulen werden vorwiegend Antworten vermittelt und wie man mit ihnen umzugehen hat.

 

Ohne sie zu fragen und ohne dass ihre Fragen gefragt wären, trichtern Lehrende Kindern Definitionen, Daten, Zahlen und Fakten ein. Das beginnt in der Grundschule und hört an Berufs-, Fach- und Hochschulen (Bologna-System!) nicht auf. Dozierende verstopfen junge Gehirne mit Wissen. Sie lassen wenig Raum und Zeit für Denklücken und Fragen. Wird Wissen als Wahrheit deklariert und zu viel davon in zu kurzer Zeit eingeimpft, verdrängt man kindliche Impulse, sich eigene Gedanken zu machen und fremde zu hinterfragen. Dann erleben Lernende ihre Klassenräume und Lehrsäle nicht als Räume für Bewegungen, Spiele und Experimente ihres Denkens, sondern als Arena für Autoritäten, die die Freiräume in ihren Köpfen mit ihren Wahrheiten zukleistern. Anderen Wissen einzubläuen, das sich leicht abfragen und benoten lässt, ist natürlich bequemer als Fragen zuzulassen. Fragen könnten geplante Abläufe stören.

 

Eigensinnig Fragende lassen sich nicht so leicht gängeln wie angepasste Antwortgeber. Doch wozu überhaupt noch pures Wissen verfüttern, wenn Namen, Daten oder Rechenergebnisse jederzeit über das Internet abrufbar sind? Warum stuft man hoffnungsvolle junge Menschen auf das Niveau von Maschinen herab, wenn doch Maschinen schneller und mit höherer Wahrscheinlichkeit als Schüler korrekte Antworten ausspucken?

Womöglich glauben manche Pädagogen, sie würden den Nachwuchs mit möglichst hohen Wissensdosen auf das Leben vorbereiten. Doch ihre Verfütterungsmethode hilft jungen Menschen gerade nicht dabei, im Privat- und Berufsleben zu Recht zu kommen. Wer darin ausgebremst wird, der eigenen Intuition und Neugier zu folgen, Fragen zu formulieren, die Welt zu beobachten, eigene Schlüsse zu ziehen und ihr Leben kreativ zu gestalten, traut seinen Instinkten bald nicht mehr und wird dadurch tief verunsichert. Werden die originellen Ideen, eigenwilligen Meinungen und schlauen Fragen der Kinder nicht herausgekitzelt, lähmt man sie. Damit vergeudet die Gesellschaft wertvolles Potential. Rangiert auf Lehrplänen die Antwortvermittlung über der Ermunterung zum (Nach-)Fragen, lässt man genau die Talente verkümmern, die zur Bewältigung künftiger gesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher und ökologischer Herausforderungen nötig sind.

 

 

In einer hochdynamischen, vernetzten Welt voller Spannungen sind mehr Fragen als Antworten gefordert. Handlungs- und Arbeitsumgebungen werden immer stärker von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz geprägt. Menschen werden automatisierte Arbeitsprozesse aufsetzen, begleiten, korrigieren und auswerten müssen. Sie müssen mit Kollegen, Computern und Robotern kooperieren.

Zusammenhangswissen wird wichtiger. Menschen sind gefordert, vernetzt, antizipativ und strategisch zu denken und unter Druck Entscheidungen zu fällen. Sie sollten in die Lage versetzt werden, Abläufe und ihre Verzahnungen ganzheitlich zu betrachten sowie Fehler zu erkennen. Lernen sollten sie außerdem, das Ausmaß von Fehlern/Problemen abzuschätzen, und einüben, darauf spontan, kooperativ und kreativ zu reagieren. Computer entlasten von langwierigen Rechenprozessen, von repetitiven und monotonen Aufgaben sowie von Tätigkeiten, die höchste Konzentration und Präzision fordern. Roboter ersparen dem Menschen kräftezehrende Arbeiten, die den Körper verschleißen. Geht es jedoch um Situationsbewusstsein, Wachsamkeit, Kommunikation, Kooperation, Koordination, Erfindungsreichtum und  Entscheidungsfindung sind Menschen den Maschinen weit überlegen. Was Menschen weniger gut können, sollten sie Maschinen überlassen und was sie gut können, sollten sie in Zukunft noch besser können.

Bestärken Eltern und Lehrende die Impulse junger Menschen Fragen zu stellen, Probleme im Kontext zu sehen und zu problematisieren und daraufhin eigene Lösungswege zu finden, stärken sie das, was an ihnen menschlich ist.

 

Greta Thunberg (by Jan Ainali / Wiki Commons)

 

Vermitteln Ausbildungsstätten jungen Menschen außerdem analytische und kommunikative Fähigkeiten, flankiert von moralischen Werten, kann die ganze Gesellschaft davon profitieren.  Nur wenn genügend Spielraum für freies Denken bleibt, werden Kinder Fragen stellen.

Vielleicht werden sie nicht, so wie Johnny, nach Hitlers Spielzeugpanzern fragen. Aber womöglich fragen sie, warum ältere Leute jüngere Leute in den Krieg schicken oder warum Ältere das Klima verpesten, in das Jüngere hineinwachsen. Auf solche Fragen finden Erwachsene vermutlich, wie auf alles, Antworten. Doch was antworten sie auf die Frage eines Kindes: Warum stelle ich Fragen und ihr nicht?

 

© Gisela Schmalz

Recommended Citation/Empfohlene Zitierweise:

Schmalz, Gisela: “Hat Hitler Schon als Kind mit Panzern gespielt?” (2019). Gisela Schmalz. http://www.giselaschmalz.com/4120-2/

 

Auf der Suche nach dem Ich

© I. H. S. Das Bild ist nicht gestellt. Es zeigt einen verifizierten Käufer des Buches „Das kleine Buch der großen Fragen“ von Gisela Schmalz. Es wurde Silvester, wenige, entscheidende Minuten vor Mitternacht, aufgenommen.

Fragen berühren

Fragende wissen, dass sie nichts wissen. Für sie ist die Welt eine Einladung, sie zu erforschen, ein Geheimnis, das aufzuspüren, wenn schon nicht zu lüften ist. Fragende kreisen ein, was ihnen begegnet, ohne es jemals wirklich erfassen zu können. Wer fragt, nutzt die Chance, hinter die Antworten zu gelangen, dahin, wo sich Möglichkeitsräume auftun, wo Dialog, Spiel oder Tanz beginnen kann – Begegnung. Wer Fragen stellt, ist bereit, sich von etwas oder jemandem berühren zu lassen.

 

Der Duden definiert „Frage“ als „Problem, zu erörterndes Thema, zu klärende Sache“ und als „fordernde Äußerung, mit der sich jemand an jemanden wendet“. Fragen erlauben eine Annäherung an die Welt und ihre Bewohner.

Wie geht es Dir? Wie heiß ist die Sonne? Wann geht die Welt unter? Liebst Du mich? Liebst Du Dich?

Fragen lösen etwas aus. Sie erlauben Tuchfühlung, aber kaum mehr. Statt sich plump anzueignen, was sie vorfinden, umkreisen sie es respektvoll. Fragende behaupten nichts. Sie kennen weder Richtig noch Falsch noch eindeutige Antworten.

Von Gewissheit wissen Fragende nichts. Sie nehmen diese zumindest nicht besonders ernst. Jede Antwort löst bei ihnen Verwunderung aus und mindestens eine neue Frage.

Fragenstellende nehmen Antworten und Wahrheiten aller Art zum Anlass, nachzuhaken. Ihr Lebensmodell ist ein ewiger Fragebogen. Fragen öffnen Welten und Menschen. Sie helfen gegen Beschränktheit. Sie befreien von pädagogischen, ideologischen, politischen oder technologischen Unmündigkeitsprogrammen. Sie ebnen den Weg aus der Verblendung. Fragen erlösen von Fremdbestimmung. Sie führen raus aus dem engen Antwortkosmos und aus der Monotonie der Monologe. Eine Frage schlägt eine Brücke zu anderem und zu anderen. Wer fragt, will die Einsamkeit durchbrechen und andocken. Wer fragt, interessiert sich, will erfahren, hervorlocken, sich austauschen und auseinandersetzen. Wer fragt, gewinnt nichts und doch alles.

 

Aus dem Vorwort von:

Gisela Schmalz (2018): Das kleine Buch der großen Fragen. München: Goldmann Verlag.

Fragen als Sprungbrett

Von allen Fragen steht die Frage nach dem Ich am Anfang. Sich selbst zu kennen, bildet die Voraussetzung zum Verständnis der Welt. So sahen das jedenfalls die weisen, alten Griechen. Die Inschrift am Eingang des Apollotempels in Delphi – „gnṓthi sautón“, „erkenne Dich selbst“ – aus dem 6. Jahrhundert vor Christus lasen die Philosophen der Antike als Aufforderung dazu, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Ihnen galt die Selbsterkenntnis als höchste Offenbarung, als Beginn der Weisheit. Nur wer sich selbst kenne, könne sinnvoll über sich und die Welt nachdenken.

 

Der griechische Dichter Pindar kam von der Selbsterkenntnis direkt zu einer praktischen Empfehlung. In seiner „Zweiten Pythischen Ode“ (um 490 v. Chr.) dichtete Pindar „genoio, hoios essi“, „werde, der du bist.“ Kombiniert man den Spruch von Delphi nun mit der Aufforderung Pindars, so erhält man eine Lebensmaxime. Sie lautet: Selbsterkenntnis führt zur Selbstwerdung. Um zu werden, wer man tief im Inneren ist, muss man zunächst einmal wissen, wer man ist.

„Wer bist Du?“ ist die große Anfangsfrage, aus der sich alles Weitere ergibt. Um sich kennenzulernen, kann der Mensch sich selbst befragen. Und hat er sich fragend selbst erforscht, kann er – selbstbewusst(er) – auf die Welt zugehen und diese befragen. Die Selbstbefragung dient als Sprungbrett in die Welt.

 

 

Wer sich und der Welt Fragen stellt, schafft es mit jeder Frage besser, sein Leben selbstbestimmt zu gestalten. Freiheit heißt, in Kenntnis seiner selbst auf die Welt zuzugehen und sie für sich zu erobern. Wer die Phase der Selbsterforschung jedoch überspringt, erlangt keine Einsicht in sein Ich und seine Wünsche. Wer keine eigenen Vorstellungen von seinem Leben und für sein Leben hat, droht fremdbestimmt zu werden. Wer keinen Plan hat, für den machen andere die Pläne.

 

Aus dem Vorwort von:

Gisela Schmalz (2018): Das kleine Buch der großen Fragen. München: Goldmann Verlag.

Ich frage, also bin ich menschlich

In allen Angelegenheiten ist es hin und wieder sinnvoll, ein Fragezeichen hinter Dinge zu setzen, die man schon lange für selbstverständlich hielt.

Bertrand Russell

 

Zu fragen ist gerade nicht besonders populär. Wir leben in einer Zeit der Antworten. Für alles gibt es Belege und Beweise. Zahlen, Daten und Fakten werden als Wahrheiten deklariert, und diese übernehmen wir in der Regel. Klare Antworten spenden ein Gefühl von Sicherheit. Außerdem sind sie stets verfügbar. Antworten, wohin man blickt und klickt. Personen, die Kompetenz ausstrahlen, Ausbilder, Lehrerinnen, Wissenschaftlerinnen, Politiker, Talkshowgäste oder Marketingfachleute präsentieren uns Antworten, statt uns in das sokratische Spiel der Fragen einzuführen.

Ob wir gefragt haben oder nicht – überall poppen Antworten auf. Vor allem digital erreichen sie uns, per Textnachricht, App, Website, Suchmaschine und über Smart Home immer öfter auch über Haushaltsgeräte wie zu heiße Lüfter oder zu leere Kühlschränke. Die vernetzten Maschinen wissen immer Bescheid.

Das Internet ist keine Frage-, sondern eine Antwortmaschine.

 

(…). Die Antworten sind stets schneller, weil die Maschinen unsere Fragen zunehmend besser antizipieren können. In einer hochdynamischen, komplexen Welt nehmen wir die hilfreichen digitalen Antworten dankbar an.

Dadurch verlernen wir es kleine, aber auch große Fragen zu stellen. Wir nehmen uns weniger Zeit dafür, sinnvolle Fragen und Fragen nach dem Sinn zu formulieren. Wir hören auf, Aussagen und Vorgänge kritisch zu hinterfragen.

Dabei ist Fragen menschlich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unsere Fähigkeit, Fragen zu stellen, unterscheidet uns von den antwortgebenden Maschinen. Fragen stehen jedem zur Verfügung und sind einfach zu bedienende Instrumente. Allerdings erfordert der Umgang damit ein wenig Übung und manchmal auch Mut. Das Fragen zu trainieren, hieße, das Denken, das immer auch ein Andersdenken ist, zu kultivieren.

(…).

Doch gerade in Krisenzeiten meiden Menschen die Herausforderungen. Statt zu fragen, halten sie sich lieber an bewährte Antworten. Sie scheuen sich davor, die bewährten Pfade zu verlassen. Vertraute Maximen und eingeübte Gepflogenheiten anzuzweifeln, würde sie nur noch mehr verunsichern. Doch gerade wenn es ungemütlich oder arg kompliziert wird, wäre es angebracht, nach den Ursachen für diesen Zustand zu forschen. Ein beunruhigender Status quo muss nicht nickend hingenommen werden. Im Gegenteil – in verfahrenen Situationen gilt es, zementierte Wahrheiten aufzubrechen.

Eine Fragerebellion lohnt sich. Sie bereitet mögliche Auswege und beherztes Handeln vor. Nur wer fragt, kann Neues anstoßen. Fragen ebnen den Weg ins Freie. Sie befreien. Freiheit heißt, in Kenntnis seiner selbst die Welt zu erobern und sich darin eigenständig und verantwortungsvoll zu bewegen.

 

Aus dem Vorwort von:

Gisela Schmalz (2018): Das kleine Buch der großen Fragen. München: Goldmann Verlag.

Viel Vergnügen mit 2000 Fragen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Das Buch kleine Buch der großen Fragen“ von Gisela Schmalz: 336 Seiten, farbig illustriert. Goldmann Verlag.

Rezension auf der Seite BOOKNERDS.DE :

„So einfach und veraltet das Konzept auch klingen mag, so effektiv und eindrucksvoll vermittelt selbst (oder gerade) die simpelste Frage die Kraft des Fragezeichens.“

(PDF-Version: Rezension – Booknerds.de Das kleine Buch der großen Fragen).

Weitere LESER/INNEN-STIMMEN sind hier zu finden.

– Das kleine Buch der großen Fragen –

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Das Buch kleine Buch der großen Fragen“ beschreitet einen neuen Weg zur Selbsterkenntnis – mit 2000 Fragen, die mal unverblümt und direkt sind (»Wen belügst Du am meisten?«), aber auch poetisch (»Was wärst Du als Duft?«), verspielt (»Als was verkleidest Du Dich, damit Dich garantiert niemand wiedererkennt?«), lebenspraktisch (»Wie lautet Dein nächster aufregender Plan?«), hart (»Was wäre besser: Du würdest sterben – oder zehntausend andere Menschen würden sterben? «), politisch (»Wofür demonstrierst Du auf der Straße?«), philosophisch (»Gelangt man mit Liebe zur Wahrheit?«), sexy (»Was war Deine bisher schönste Verführungstaktik?«) oder radikal ehrlich (»Mit wem würdest du gerne eine Nacht verbringen, dann aber goodbye sagen?«).

Das Buch stellt Fragen zu allen möglichen und unmöglichen Lebensbereichen und Situationen. Fragen, die zur hemmungslosen Selbstumkreisung einladen, zum Pläneschmieden, zum Fantasieren, zum interessanteren Miteinander-Kommunizieren. Es enthält Fragen zu unseren Beziehungen zu anderen Menschen, Fragen, die uns selbst in Frage stellen – kurzum, Fragen die den Horizont erweitern und eine neue, frische Sicht auf die Welt ermöglichen.

»Die Fragen werden auch Dich führen, verführen, verwirren, verstören, verblüffen, anregen, aufregen und vielleicht sogar erregen«, verspricht die Autorin Gisela Schmalz. »Frage für Frage kannst Du Dich mehr in ihnen verlieren. Die Fragen lösen einen Sog aus. Sie können Dich süchtig machen, so dass Du gar nicht mehr aufhören willst, in Dich selbst hineinzuhören. Jede Frage wird Dich aufwühlen und mehr mitreißen. Du begibst Dich auf eine Achterbahnfahrt Deiner Gedanken und Gefühle, gehst also ein Wagnis ein. Sei auf ein Abenteuer mit Dir selbst gefasst, das wohl größte Abenteuer, das Du erleben kannst.«

 

„Das Buch kleine Buch der großen Fragen“ von Gisela Schmalz: 336 Seiten, farbig illustriert.

Erscheinungstermin: 15. Oktober 2018 im Goldmann Verlag.

 


Gisela Schmalz: The Little Book of Big Questions

 

„The book Little Book of Big Questions“ takes a new path to self-knowledge – with 2000 questions, of which some are blunt and direct („Who do you lie to the most?“), others poetic („What would you be as a fragrance?“), playful („How would you dress up as so that nobody would recognize you?“), practical („What is your next exciting plan?“), hard („What would you prefer: You would die – or ten thousand other people would die? „), political („What are you marching for or against?“), philosophical („Can you achieve truth by love?“), sexy („What was your loveliest seduction technique so far?“) or radically honest („With whom would you like to spend a night, but then say goodbye?“).

The book asks questions about all possible and impossible aspects of life and situations… – questions that invite you to unrestrained self-circulation, to make plans, to fantasize, to communicate with each other in a more interesting way. It contains questions about our attitude towards the world , our relationships with other people and questions that question ourselves – in short, questions that broaden our horizons and provide a new, fresh view of the world.

„The questions will lead you, seduce you, confuse you, disturb you, amaze you, inspire you, excite you or maybe arouse you,“ promises the author Gisela Schmalz, a professor of economics, who also studied philosophy. „Question after question you get more and more lost in them. The questions absorb you. They are addictive. You don’t want to stop searching into yourself and exploring yourself. Every question will stir you up and sweep you along. You´ll embark on a roller coaster ride of your thoughts and feelings. So take a risk. Be prepared for an adventure with yourself – probably the greatest adventure you can experience“.

 

Gisela Schmalz (2018): „Das Buch kleine Buch der großen Fragen“.

Original edition.

Paperback, with flaps, 336 pages, 12.5 x 18.7 cm, 4.9 x 7.4 in.
ISBN: 978-3-442-15971-0
€ 10.00 [D] | € 10.30 [A] | CHF 14.50 * (* rec. retail price)

Publishing House: Goldmann

Buchpremiere

 

„Wie gut kannst Du mit einer offenen Frage einschlafen?“

 

BUCHPREMIERE am  22.10.18 in Berlin

 

DAS KLEINE BUCH DER GROSSEN FRAGEN von Gisela Schmalz

(Illustriertes Taschenbuch, 336 Seiten, € 10,00, Goldmann Verlag München)

 

Photocredit: Henrik Jordan

 

Ort: Michelberger Hotel (Whiskey Raum), Warschauer Str. 39-40, 10243 Berlin.

S+U-Bahn: Warschauer Straße

https://www.tripadvisor.de/Hotel_Review-g187323-d1483628-Reviews-Michelberger_Hotel-Berlin.html

http://michelbergerhotel.com/de/events

 

Büchertisch: organisiert von Buchbox! Berlin.

Dank an: Michelberger Hotel und Goldmann Verlag. Mehr bei EVENT.

Whiskey Room, Michelberger Hotel

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„Was bedeutet Schönheit?“

Schönheit heißt für mich, zu sehen wie sich Dinge im Operndorf Afrika entwickeln, von einer Idee / einer Vision ausgehend, wie es sich dann in die Wirklichkeit bringt – das Operndorf Afrika war bis 2010 Vision, die ist es auch immer noch, aber wir haben das Projekt in den letzten Jahren in Burkina Faso entwickelt, eine Schule, eine Krankenstation gebaut, Büros, Künstlerhäuser, eine Kantine usw. Wir machen seit 2015 ein Künstleraustausch Programm im Operndorf.

Schönheit ist, wie Ideen konkret werden und wie jeder einzelne diese umsetzt, mitwirkt und weiterentwickelt.

 

 

(Aino Laberenz, Bühnenbildnerin und Kostümbildnerin, www.operndorf-afrika.com)

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Die Frage ist entnommen aus: „Das kleine Buch der großen Fragen“ von Gisela Schmalz (Goldmann Verlag, München, 2018, 336 Seiten).

Die Serie „Fragen an meine Freunde“ entstand im Sommer 2018.

 

„Das kleine Buch der grossen Fragen“ von Gisela Schmalz

 

„(Warum) Sollte es -Macht- als Schulfach geben?“

„Ich würde Macht unterrichten wollen,“ sagt meine Kollegin, als ich diese Frage in meinem Team stelle. Ja – Macht sollte unbedingt Bestandteil des Unterrichts sein. Als eigenes Schulfach? „Nein,“ findet eine andere Kollegin. Das gibt der Person die es unterrichtet viel zu viel „Macht“ und Definitionsgewalt.  (…).

Macht ist gut, Macht ist wichtig und Macht macht was – mit mir, den anderen, der Gesellschaft, Politik. Es scheint, als würde immer eher negativ über Macht gesprochen, dabei ist es wichtig und gut, Macht auch als positiv zu begreifen. Macht erlaubt zu gestalten. Je bewusster ich mir der Aufteilung von Macht bin, desto deutlicher lerne ich meine Handlungsspielräume kennen und werde freier – auch mich selbst zu ermächtigen. (…).

Ich finde, Macht sollte Bestandteil unterschiedlicher Schulfächer werden: Ethik, Religion, Geschichte, Psychologie, Pädagogik, Politik, Sozialwissenschaften, Sport und allen Sprachfächern. Das bedeutet, es muss Bestandteil der Ausbildung von Lehrkräften werden – also explizit ausgesprochen und genau.

Was für eine spannende Vorstellung, zu denken wir alle lernten selbstverständlich damit umzugehen.

 

(Julia von und zu Weiler, Vorstand von Innocence in Danger e.V.)

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Die Frage ist entnommen aus: „Das kleine Buch der großen Fragen“ von Gisela Schmalz (Goldmann Verlag, München, 2018, 336 Seiten).

Die Serie „Fragen an meine Freunde“ entstand im Sommer 2018.

 

„Das kleine Buch der grossen Fragen“ von Gisela Schmalz

 

„(Wie) Helfen Dir bei Deiner Arbeit Vorbilder?“

Quelle: http://epiloguewoman.de/wer-fragt-der-fuehrt/

Vorbilder waren als Kind Thomas Gottschalk, später Sarah Kuttner, immer wieder über die Jahre Barbara Schöneberger, in Sachen Umgang mit Menschen und Weltruhm Hugh Jackman, beim Thema „Geduld & Fleiß“ Clueso und für das eigene Bühnen-Soloprogramm Robin Williams. Ist eine ziemlich bunte Mischung….

Mittlerweile habe ich das Privileg einige Vorbilder innerhalb des Berufs persönlich getroffen zu haben. Diese Möglichkeit hilft auch noch mal enorm, um das eigene Schaffen zu erden. Die Feststellung, dass das Gegenüber ähnliche Bedürfnisse, Interessen oder gar Probleme im normalen Alltag hat und es letztlich „nur ein Job“ ist, rückt das große Ganze in ein weitaus humaneres, weniger „gottgleiches“ Licht.  

Bei mir verschwimmen Privatleben und Arbeit sehr häufig, so dass ich das Thema „Vorbilder bei der Arbeit“ wohl automatisch auf beide Lebensbereiche beziehe.

 

(Dominik Porschen, Moderator und Betreiber des YouTube-Kanals „Filmlounge“ mit ca. 85.000 Abonnenten)

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Die Frage ist entnommen aus: „Das kleine Buch der großen Fragen“ von Gisela Schmalz (Goldmann Verlag, München, 2018, 336 Seiten). Erscheinungstermin: 15.10.2018.

Die Serie „Fragen an meine Freunde“ entstand im Sommer 2018.

 

„Das kleine Buch der grossen Fragen“ von Gisela Schmalz

 

Die gefährliche Schönheit der Fragen

I Fragen sind kleine Kraftwerke. Oft kürzer als Antworten haben sie die Anmutung von Haikus. Fragen mögen harmlos wirken, können aber Entscheidendes auslösen, Verheerendes („Wollt ihr den totalen Krieg?“) genauso wie Verblüffendes („Wie verläuft der Seeweg nach Indien?“), Trennendes („Liebst Du mich?“) genauso wie Verbindendes („Liebst Du mich?“)…

 

II  Fragen dienen der Wahrheitsfindung. Wer fragt, will in der Regel nicht belogen oder mit Fake News oder Olds abgespeist werden. Fragende wollen (etwas) wissen. Gerade in Situationen und Zeiten, in denen postfaktisch herumbehauptet und -gelogen wird, müssen Fragen formuliert werden. Sie müssen Schönrednern, Phantastinnen, Lügnern ebenso wie Wahrheitsverliebten gestellt werden – und sei es nur, um zu zeigen, dass mit unbelegten, unbegründeten, selbstbeweihräuchernden Stories oder Antworten niemand durchkommt.

Vic Sage aka Question

 

III Wer fragt, kann andere Leute auf Mängel, Probleme oder Veränderungsbedarf stoßen, sie dadurch beunruhigen und verängstigen, aber auch aufrütteln und zum (Er)Finden kreativer Lösungen, die in Handlungen münden, anregen.

 

IV  Wer fragt, rebelliert. Wer andere mit Fragen zum Weiterfragen anstiftet, zettelt eine Fragerevolution an. Fragen bilden die Voraussetzung für Veränderung/en, für eine Revolution der Tat/en.

 

 

V Fragen sind Antworten überlegen. Sie öffnen, statt zu schließen. Sie beginnen etwas, statt etwas zu beenden. Das signalisert auch das suchend-geschlängelte Symbol am Ende einer Frage, im Unterschied zum definitiv-stockartigen Strich am Schluss eines Ausrufs.

Ist ein kurviges Fragezeichen nicht reizvoller als ein verstocktes Ausrufezeichen?

Ist eine Frage nicht verlockender eine Antwort?


2000 Fragen in: DAS KLEINE BUCH DER GROSSEN FRAGEN von Gisela Schmalz (Goldmann Verlag, München).


© Gisela Schmalz

Empfohlene Zitierweise: Schmalz, Gisela: “Wozu Fragen?” (2018). Gisela Schmalz. http://www.giselaschmalz.com/wozu-fragen/

Fragen zu lösen, ist eine gemeinsame Arbeit. (Joseph Beuys)

 

Ausschnitt aus dem Film  „400 m IFF“ (1969) von Lutz Mommartz.

 

Joseph Beuys war einer der größeren Fragesteller unter den Künstlern. In seinen Werken, Reden, Schriften und Aktionen widmete er sich den Sinnfragen. Vor allem fragte er danach, welche Rolle der Kunst und den Künstler/inne/n in der Industriegesellschaft zukommen könnte. Er fragte auch, wie eine bessere Gesellschaft aussehen könnte. Seine Fragen veranlassten ihn dazu, sich politisch zu engagieren. 1979 kandidierte er für das Europaparlament als Direktkandidat für „Die Grünen“, und er war 1980 beim Gründungsparteitag der „Grünen“ dabei.  Doch lange hielt Beuys es unter den Politikerinnen und Politikern nicht aus – und diese nicht mit ihm.

Die Fragen von Joseph Beuys müssen ziemlich dringlich gewesen sein, dass er sich freiwillig von der Kunst in die Politik begab. Doch dieses Heraustreten zu (großen Gruppen von) Menschen war sein Programm. Die Fragen der Menschen interessierten ihn.

 

Wer bist Du?

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Wir leben in einer Welt, die immer schneller und komplexer wird. Pausenlos werden Antworten über uns ausgeschüttet, nach denen wir oft gar nicht gefragt haben. Die Kunst des Fragens und Zuhörens scheint an Bedeutung zu verlieren – dabei sind es gerade die Fragen, die Brücken zwischen Menschen schlagen. Fragen lassen eine Offenheit und Vertrautheit zu, die eine Antwort nie erlauben würde.

Was ist dein dunkelstes Geheimnis? Was ist dein hellstes Geheimnis? Wann bist du zu dir selbst ehrlich und wann nicht? Mit wem würdest du gerne eine Nacht verbringen, dann aber goodbye sagen?

Gisela Schmalz hat rund 2000 inspirierende Fragen gesammelt – über uns selbst, über unsere Beziehungen zu anderen und über uns in der Welt.

 

ORIGINALAUSGABE

Taschenbuch, Klappenbroschur, 336 Seiten, 12,5 x 18,7 cm
farbig illustriert

ISBN: 978-3-442-15971-0

ca. € 10,00 [D] | ca. € 10,30 [A] | ca. CHF 13,90* (* empfohlener Verkaufspreis)

Verlag: Goldmann Verlag München

 

ERSCHEINUNGSTERMIN
15.10.2018

 

BUCH UND E-BOOK

Bücher.de oder Thalia oder Amazon oder Fnac.com oder in der analogen Lieblingsbuchhandlung.

 

 

Gisela Schmalz 

Gisela Schmalz studierte Philosophie und Wirtschaftswissenschaften. Sie arbeitete als Schauspielerin, Filmvermarkterin, Filmkritikerin, Wissenschaftsjournalistin und Strategieberaterin. Als Professorin lehrt sie Strategisches Management und Wirtschaftsethik.

Sie schreibt Sachbücher und interessiert sich für Fragen der Zeit und für das Fragen selbst. Mütterlicherseits ist sie verwandt mit Ernst von Salomon, dem Verfasser von „Der Fragebogen“.

 

 

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Goldmann Verlag

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Barbara Henning

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