„Ich verlasse mich lieber auf Adidas, als auf Trump“

Professorin zu Tech-Giganten: Die Macht der Nutzer über Facebook & Co.

 

Prof. Dr. Gisela Schmalz im Interview mit Katja Bigalke und Martin Böttcher

c/o Deutschlandfunk Kultur „Breitband“ – Sendung vom 04.07.2020

 

Interview/Auszug:

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Katja Bigalke: Viele große Firmen haben zuletzt angekündigt, keine Werbung bei Facebook zu schalten. Lässt sich Facebook dadurch überhaupt wirtschaftlich unter Druck setzen? Oder geht es hier um eine Art PR-Gesichtsverlust für Facebook?

Gisela Schmalz: Facebook ist von der Gunst der Masse abhängig. Sie sind im wahrsten Sinne populistisch: Sie laufen der öffentlichen Meinung hinterher. Sie möchten beliebt bei möglichst vielen Nutzenden sein, gerade in der jungen Generation. Ich glaube nicht, dass sich die Tech-Firmen von ein paar Unternehmen, die kurzzeitig keine Werbung schalten, unter Druck setzen lassen. Zumal diese Wirtschaftsfirmen durchaus von den plattformbetreibenden Firmen abhängig sind – die müssen sich darüber an ihre Endkunden wenden – die Tech-Firmen sind immer noch am längeren Hebel.

Bigalke: Wenn man davon ausgeht, der Druck der werbetreibenden Unternahmen habe tatsächlich Einfluss: Ist das adäquat, um die Plattformen in ihre Schranken zu weisen?

Schmalz: Durchaus. Wirtschaftlicher Druck ist eine Methode, mit diesen Technologiefirmen zu sprechen. Die sind wahnsinnig mächtig und auch reicher, als die werbetreibenden Kunden. Natürlich sind sie abhängig von den werbezahlenden Konzernen. Wenn diese drohen, sich zurückzuziehen, ist das zumindest ein Aufbäumen dagegen und ein Signal – auch in die Öffentlichkeit.

Es gibt also Hoffnung, dass auf einmal eine Vielstimmigkeit da ist und nicht nur nach dem Gesetzgeber gerufen wird. Es ist gut, dass die Konzerne das selbst regeln. Und: dass ethische und demokratische Werte über wirtschaftlichen Druck in die plattformbetreibenden Firmen gesetzt werden.

 

Water Vertigo © Gisela Schmalz  – giselaschmalzphotography.com

 

 

Martin Böttcher: Ist es nicht trotzdem problematisch, dass auf einmal Firmen eine so gesellschaftliche Rolle bekommen? Das, was eigentlich der Gesetzgeber oder die Zivilgesellschaft aufbauen müsste, wird in die Hände von privaten Firmen gegeben.

Gisela Schmalz: Die Plattformen haben wirtschaftliche Macht. Sie haben technologische Macht, Wissensmacht und psychologische Macht über die Endnutzenden, über die sie alles wissen. Auf einmal schiebt man ihnen noch politische oder ethische Macht zu. Auf einmal fordern Konzerne oder auch Bürgerinnen und Bürger über solche Kampagnen, dass die Tech-Konzerne selbst tätig werden in Sachen Werten und Ethik. Das ist höchst problematisch.

Wenn in den USA vor allem der Gesetzgeber und der Präsident als Wertbeschützende ausfallen, dann bleibt der Öffentlichkeit und den Konzernen nichts anderes übrig. Ich verlasse mich lieber auf Adidas, dass Werte bei Plattformen wie Facebook, Twitter, etc. umgesetzt werden, als auf Trump.

Man kann daraus lernen, dass man als Bürger und Bürgerin durchaus die Macht hat, tätig zu werden. Ich habe mich in meinem Buch „Mein fremder Wille“ damit auseinandergesetzt. Man muss sich am besten mit Kampagnen an die Konzerne wenden. Das ist ein Druck der Öffentlichkeit, der sie zum Einlenken bringen kann, gerade dann, wenn wir uns nicht mehr auf Politiker und Politikerinnen verlassen können.

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Fortsetzung / vollständiges Interview c/o Deutschlandfunkkultur.de

„Technologische Quarantäne“: OR1/ORF-Interview mit Gisela Schmalz

 

„Während wir aus der Epidemie-bedingten Quarantäne relativ schnell herauskommen, werden wir aus der technologischen Quarantäne nicht so schnell herauskommen.“

Gisela Schmalz im Heimstudio-Gespräch mit Wolfgang Ritschl am 29. Mai 2020.

Technological Quarantine © Gisela Schmalz – giselaschmalzphotography.com

 

 

 

 

 

 

 

ÖSTERREICHISCHER RUNDFUNK, ORF

Radio Österreich 1

Diktatoren, Füchse, Chinesen und die US-Tech-Elite

Kontext – Sachbücher und Themen

 

„Mein fremder Wille“: Gisela Schmalz über unseren Umgang mit Apps und die Profite der Tech-Elite
(Buch: Campus Verlag)

Redaktion und Moderation: Wolfgang Ritschl

 

Interview (14 Minuten): ÖR1 Kontext-Interview -Mein fremder Wille- G. Schmalz 29.5.2020