„Technologische Quarantäne“: OR1/ORF-Interview mit Gisela Schmalz

 

„Während wir aus der Epidemie-bedingten Quarantäne relativ schnell herauskommen, werden wir aus der technologischen Quarantäne nicht so schnell herauskommen.“

Gisela Schmalz im Heimstudio-Gespräch mit Wolfgang Ritschl am 29. Mai 2020.

Technological Quarantine © Gisela Schmalz

 

 

 

 

 

 

 

ÖSTERREICHISCHER RUNDFUNK, ORF

Radio Österreich 1

Diktatoren, Füchse, Chinesen und die US-Tech-Elite

Kontext – Sachbücher und Themen

 

„Mein fremder Wille“: Gisela Schmalz über unseren Umgang mit Apps und die Profite der Tech-Elite
(Buch: Campus Verlag)

Redaktion und Moderation: Wolfgang Ritschl

 

Interview (14 Minuten): ÖR1 Kontext-Interview -Mein fremder Wille- G. Schmalz 29.5.2020

Die Sexpartys des Silicon Valley

In Silicon Valley wurden regelmäßig Orgien gefeiert. Dann legte SARS-CoV-2 derlei Gepflogenheiten lahm. In ihren Labors, geheimen X- oder Visions-Abteilungen überschreiten die Vertreter der Tech-Szene immer wieder gedankliche Grenzen. Ihre körperlichen Grenzen testen sie in Gefährten auf der Straße, auf dem Meer oder im All sowie bei den jährlichen „Burning Man“-Events. Die Grenzen des Körpers, der Keuschheit und des Anstands erproben sie bei exklusiven Sexpartys. Hier loten die Männer allerdings weniger ihre eigenen Grenzen aus als vielmehr die der weiblichen Teilnehmer. Bei ihren sexuellen Grenzüberschreitungen folgen sie strikten Mustern, die so ähnlich für die ganze Industrie gelten. Männliche, weiße, junge, erfolgreiche und wohlhabende Branchenvertreter bestimmen die Einladungslisten für die Partys und welche Varianten von Sex hier zugelassen sind. Die Gastgeber sind in der Regel männlich, genau wie ihre wichtigsten Gäste, darunter Manager, Gründer und Kapitalgeber. In einer Zeit, in der Polyamorie Trend ist, zeigt sich die Tech-Elite Konzepten wie der offenen Beziehung, Gruppensex oder BDSM gegenüber aufgeschlossen. Sie gibt sich experimentierfreudig  – aber nur bis zu einem gewissen Grad.

 

Werden die exklusiven Einladungen zu Sexpartys an wechselnden Orten in und um San Francisco verschickt, folgen sie einem Motto, etwa „Edge of the earth“ oder „Bondage“. Das berichtet die Bloomberg-Journalistin Emily Chang in ihrem Buch „Brotopia: Breaking Up the Boys’ Club of Silicon Valley“ von 2018. Darin klärt sie zudem darüber auf, dass eingeladene Männer so viele Frauen, wie sie möchten, mitbringen könnten, während eingeladene Frauen nur in Begleitung anderer Frauen, nicht aber von (womöglich szenefremden) Männern, kommen dürften. So entsteht ein Verhältnis zwischen Männern und Frauen von 1 zu 2. Das hat System. Hätten drei Leute miteinander Sex, so sei immer nur ein Mann mit zwei Frauen zugange, schreibt Chang. Ein Dreier mit einer Frau und zwei Männern sei bei den Valley-Orgien genauso tabu wie Sex unter Männern. Nicht tabu sei es jedoch, wenn Ehemänner und Familienväter sich mit irgendwelchen Frauen vergnügten oder Ehepaare für einen Dreier eine Frau hinzuzögen.

 

Chang hält fest, dass Sexorgien häufig zwischen Gründer-Teams und deren Haupt-Risikokapitalgebern stattfinden. Anscheinend betreiben die Männer des Silicon Valley ihre Partys so wie ihre Businesses: unter- und füreinander. Frauen sind dabei Nebensache und haben eher dienende Funktion. Viele von Changs Gesprächspartnern, Männer und Frauen, hätten berichtet, dass bei Orgien Geschäfte eingefädelt würden. Es sei also für Männer und Frauen wichtig, daran teilzunehmen. Wer bei Sexpartys fehle, sei schnell außen vor. Doch für Frauen wird diese Körper-Kopf-Business-Vermengung offenbar zur heiklen Gratwanderung. Bei diesen nächtlichen Geschäftsterminen befinden sich die Tech-Frauen meist in der schlechteren Verhandlungsposition, so wie tagsüber auch. Zu den Motto-Orgien werden sie weniger als Geschäftspartnerinnen eingeladen als primär in der Funktion von Lustobjekten für die männlichen Szenemitglieder.

Viele männliche Partygäste hielten den Großteil der anwesenden Frauen sowieso für „founder hounder“, für „Gründer-Jägerinnen“, die nichts anderes wollten, als mit einem Gründer Sex zu haben oder sich ihn als boyfriend oder als Ehemann zu angeln. Das konstatiert Emily Chang in „Brotopia“. Frauen, die von den männlichen Gästen nicht ernst genommen werden, betäube man mit Alkohol oder mit Molly (MDMA). Dadurch könnten die Männer mit ihnen für paar Stunden oder einige Tage am Stück unter Ausschluss der Nicht-Szenewelt Orgien feiern, ohne selbst die Kontrolle abgeben zu müssen.

 

 

Frauen aus der Tech-Szene, die solchen Partys beigewohnt haben, vertrauten der Journalistin Chang an, dass Männer sich untereinander bezüglich der Frauen abgesprochen hätten – mit Folgen für ihre weitere Karrieren. Bei einigen Frauen habe die Teilnahme an einer Orgie dazu geführt, dass sie im beruflichen Umfeld von Fremden sexuell angemacht worden seien. Andere Frauen hätten im Berufsalltag Probleme bekommen. Offenbar sind die männlichen Szenevertreter nicht in der Lage, Rollenmuster oder die „Biologie“ im Kopf zu überwinden. Das Schriftstück eines ehemaligen Google-Ingenieurs belegt, dass in der Tech-Szene hanebüchene Stereotypen herumgeistern: „2017 kritisierte James Damore die offene Kultur und die Diversitäts-Bemühungen bei seiner Arbeitgeberin Google. Nachdem er bei Google ein Diversitätsprogramm durchlaufen hatte, notierte Damore: `Die Verteilung der Präferenzen und Fähigkeiten von Männern und Frauen unterscheidet sich zum Teil aufgrund biologischer Ursachen, und diese Unterschiede können erklären, warum wir Frauen in Technologie und Management nicht im gleichen Ausmaß vertreten sehen.´ (…). Man sollte seine Bemerkungen nicht zu ernst nehmen, selbst wenn die Google-Geschäftsführung sie ernst genommen und den Mann entlassen hat. Doch was verleitet einen Ingenieur zu einer unbelegten Aussage? Und warum fanden sich dafür erstaunlich viele Unterstützer in der Szene? Damores verunglückte Auskünfte und die Vielzahl von deren Fürsprechern signalisieren, dass es in der Tech-Szene offenbar vielfach für `normal´ oder `biologisch´ gehalten wird, dass die Norm männlich ist. Diese Haltung wirkt sich auf die Personalauswahl und diese sich wiederum auf die Ergebnisse der Arbeit in und von Tech-Firmen aus. Dann programmieren hier Männer Code für Männer, und es entstehen Produkte und Services von Männern für Männer.“ (Quelle: „Mein fremder Wille“ von Gisela Schmalz, Campus Verlag, 2020, S. 103). Auch die Sexorgien im Valley veranstalten Männern für Männer. Diese beleben das Business unter ihnen, aber be- oder verhindern gleichzeitig Geschäftsbeziehungen zwischen Männern und Frauen.

 

 

Spiele, darunter Rollenspiele, gestehen Männer nur einander zu. Frauen werden aus der Zuschreibung der Unterlegenen nicht nur nicht entlassen, sondern darin eingepfercht. Dabei müssen sich männliche genauso wie weibliche Gründer prostituieren, um an das Geld mächtiger und reicher Kapitalgeber zu gelangen. Versuchen Männer, möglichen Investoren die nötigen Summen für ihre Geschäfte zu entlocken, ist das auch eine Form von Prostitution. Sie wird nur nicht als solche bezeichnet.

In der Tech-Welt, in der normalerweise alles möglich ist, dürfen während des virusbedingten Shutdowns keine Orgien stattfinden. Das bedeutet nicht, dass die kalifornischen Tech-Manager anderen Menschen Sexpartys, Datings oder Speed Datings vorenthielten. Mit ihren smarten und extra für die Viruskrise (auch eine Kennenlern- und Sex-mit-Fremden-Krise) hochgerüsteten Live-Streaming-, Messaging-, Video-Chat- und Video-Conferencing-Diensten heizen sie das Partyleben an. Während der Pandemie sind Körperkontakte weltweit tabu, selbst die in San Francisco so beliebten Kuschelpartys. Dennoch gelingt es der Tech-Elite, Nähe, Liebe oder Sex suchenden Menschen Befriedigung zu verschaffen. Für Interessierte, oft sortiert nach Altersgruppen, sexuellen Vorlieben oder Hautfarben, schalten Matching-Dienstleister virtuelle Räume frei.

 

Innerhalb strikt definierter Zeitfenster können Menschen hier zu allem virtuell Machbaren zusammenfinden. Für die Veranstaltung SAN FRANCISCO VIRTUAL SPEED DATING 20s-40s (ON ZOOM) wird per Eventbrite so geworben: „Mix, meet & mingle with singles from the safety and comfort of your own home! You may be single and stuck at home but that doesn’t mean you can’t meet other singles and have fun! Grab a cocktail and your favorite snacks because we’re bringing a singles party directly to your home.” Wer Zutritt zu den einzelnen 4- bis 6-minütigen Dating-Gesprächen mit bis zu 20 lokalen Singles erhalten will, muss ein Bewerbungsformular ausfüllen und je nach Anmeldetermin einen Preis ab 20 US-Dollar zahlen.

Das vorläufige Ende der Sexorgien in der Tech-Szene markiert den Anfang der virtuellen Sexpartys für Normalos. Es entstehen neue, interaktive Geschäftsmodelle, die die Nutzenden dankend und zahlend annehmen. Auch ohne Intimität und Körpereinsatz florieren die Geschäfte der Silicon Valley-Konzerne – gerade ohne Intimität und ohne Körpereinsatz. Deren Managern sowie findigen Online-Dienstleistern gelingt es, ihre sterilen Anwendungen an die berührungshungrige Party Crowd zu verkaufen.

 

 

Für Frauen und Schwächere haben Online-Partys allerdings einen großen Vorteil gegenüber Live-Sexorgien. Der virtuelle Raum bietet ihnen Schutz, Chancen des Schaltens und Waltens sowie des Rückzugs. Hier behalten sie die Kontrolle und können gewisse Macht ausspielen. Doch das gesamte Spiel dominieren weiterhin die Manager der Tech-Konzerne. Sie stellen die Infrastrukturen für die auf Datenbasis individuell zugeschneiderten Services bereit. Sie setzen die Regeln für das geschlossene Ökosystem, das aus ihnen selbst besteht, den Dienstleitern, die Technologien einsetzen, und den Endkunden. Aus diesem System kommen Letztere weniger leicht heraus, als nach dem Shutdown aus ihren Wohnungen, zumal sie sich den Vorgaben der Tech-Elite freiwillig unterwerfen.

Nach der Viruskrise werden die Partys der Tech-Clique weitergehen – im Valley und online. Und die mächtigsten Mitglieder werden die Gästeliste, das Motto und den Zugangspreis vorgeben.

 

 

Der Text basiert auf einem Abschnitt, der nicht in das Buch von Gisela Schmalz „Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert“ (Campus Verlag, 2020) gefunden hat. Erstmals erschienen ist er hier: Carta.info: http://carta.info/die-sexpartys-des-silicon-valley/ (12.5.2020).

Recommended Citation/Empfohlene Zitierweise:

Schmalz, Gisela: “ Die Sexpartys des Silicon Valley” (2020). Gisela Schmalz: http://www.giselaschmalz.com/die-sexpartys-des-silicon-valley/?preview_id=4699&preview_nonce=a7ee7cd8bd&_thumbnail_id=-1&preview=true

 

© Gisela Schmalz

Podcast: So klingt Wirtschaft (Handelsblatt)

Gisela Schmalz: „Unsere Werte müssen mehr in Technologien einfließen“

Der Gesellschaft gehen die Individualisten aus, sagt Wirtschaftswissenschaftlerin und Philosophin Gisela Schmalz.  Sie fordert im Business-Talk der Solutions by Handelsblatt mehr Mut zum freien und Andersdenken.

Interview:

(Chefredakteur Business bei der Verlagsgruppe Handelsblatt)

08.04.2020

Forscher und Unternehmen gieren im Kampf gegen das Coronavirus nach verwertbaren Daten. Ihre Hoffnung: Informationen über Verbreitung und Vorkommen der neuartigen Viruserkrankung Covid-19 gewinnen. Wirtschaftswissenschaftlerin Gisela Schmalz sieht das kritisch. Sie plädiert für einen wertbasierten und achtsamen Umgang mit Daten – nach europäischen Werten. Start-ups und Tech-Riesen müssten umdenken. Wie und in welche Richtung, das verrät sie im Podcast.

Hier hören:

Oder HANDELSBLATT hören.

Wir dürfen die Vernunft nicht den „Souveränen“ allein überlassen

Gedanken zum Text des Philosophen Byung-Chul Han: „Wir dürfen die Vernunft nicht dem Virus überlassen“ (23.03.2020 c/o Welt.de)

 

Danke, Byung-Chul Han, für Sätze wie: „… die Fremdausbeutung der freiwilligen Selbstausbeutung und Selbstoptimierung“ oder die „ganze Kultur des Gefällt-mir, baut die Negativität des Widerstandes ab“. Damit erfasst er zentrale Themen  meines neuen Buches „Mein fremder Wille“. Han liefert obendrein viele weitere Thesen zur tech-basierten Epidemie-Bekämpfung durch Regierungen. Einigen stimme ich zu, aber keineswegs allen.

Für einen „unsichtbaren Feind von außen“ halte ich nicht bloß, so wie Han, das Virus SARS-CoV-2, sondern auch die massive Zunahme der Datensammlung und –analyse zur Viruseindämmung, wie sie in Asien bereits big time praktiziert und im Westen bald adaptiert wird. Wir Westler sind eben keine Konfuzianer. Uns sind Freiheit und Privatsphäre (noch?) nicht egal. Einblicke in die Unterschiede zwischen östlichen und westlichen Philosophien und was daraus für den Einsatz neuer Technologien durch souveräne Institutionen folgt, gibt „Mein fremder Wille“.

Und ja: „Corona-Masken“ mit Nano-Filtern – gerne, her damit!  Aber:  Propagiert Han ernsthaft auch für den Westen die Totalüberwachung?

 

Temperaturmessung per Drohnen durch die chinesische Polizei. Bildquelle: dailymail.co.uk

 

Wen meint Byung-Chul Han denn mit „Souverän“? Das sind jedenfalls nicht die Bürger, sondern nur und ausschließlich Regierungen und die Tech-Konzerne, mit denen sie enger oder weniger eng zusammenarbeiten. Bürger sind leichter zu regieren, wenn sie eben nicht souverän, sondern leicht zu dominieren sind – etwa dadurch, dass sie sich freiwillig und vorauseilend selbst entmündigen, indem sie dauernd online sind und widerstandslos zulassen, dass sie dauerobserviert werden und irgendwann bevormundet werden.

 

Temperaturmessung per Drohnen durch die chinesische Polizei. Bildquelle: dailymail.co.uk

 

Und was soll an der „neuen Definition der Souveränität“ neu sein? Ob im Westen oder Osten praktiziert – Souveränitäts-Zurschaustellung ist nichts Neues. Auch die Mittel waren schon immer egal – die Mittel zur Machtdurchsetzung – denn hier geht es um Macht. Technologien ergänzen bloß das längst vorhandene, vielfältige Arsenal  um smartere tools. Letztere nutzt China schneller und effektiver als andere Staaten, um die Virus-Verbreitung zu bremsen, darunter Kameras und Drohnen mit Temperaturmessgeräten und 24/7 Tracking über vernetzte Mobilgeräte. Deshalb hat Han recht: „China wird seinen digitalen Überwachungsstaat als Erfolgsmodell gegen die Epidemie verkaufen. China wird die Überlegenheit seines Systems mit noch mehr Stolz demonstrieren.“ In dem Kontext behauptet Han allerdings, Slavoj Žižek beschwöre einen „obskuren Kommunismus. Er glaubt, dass das Virus Chinas Regime zu Fall bringen würde. Zizek irrt sich“.  Doch  an genau welcher Stelle und warum Žižek das beschworen haben soll, belegt Han leider nicht.

Hierin stimme ich Han ebenfalls zu: „Der Schock ist ein günstiger Moment, er erlaubt, ein neues Herrschaftssystem zu etablieren.“ China hat sein 9/11  – genau wie andere Staaten, die mit technologischer Überwachung mehr als nur flirten.

Um Macht durchzusetzen, etwa unter anderem um eine Epidemie zu bekämpfen, setzt der chinesische Zentralrat jetzt schon alle Mittel ein – technologische Mittel der Überwachung und der (Selbst-)Disziplinierung (Sozialkreditsystem) sowie ganz alte, handfeste Mittel. Anfang des Jahres 2020 wurden in der vom Virus stark betroffenen Hauptstadt Wuhan der Provinz Hubei Menschen in ihren Wohnungen eingeschweißt oder mit Fieber aus ihren Wohnungen gezerrt etc..

Dieser Tage gilt es, die Verbreitung der Virus-Epidemie genauso scharf zu beobachten, wie die Mittel, mit denen sie eingedämmt werden soll.

 

Textbasis:

Byung-Chul Han: „Wir dürfen die Vernunft nicht dem Virus überlassen“, erschienen am 23.03.2020 c/o welt.de .

Slavoj Žižek: Der Mensch wird nicht mehr derselbe gewesen sein: Das ist die Lektion, die das Coronavirus für uns bereithält“, erschienen am 13.03.2020 c/o nzz.ch.

Gisela Schmalz: „Mein fremder Wille- Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert“, erschienen im März 2020 c/o Campus Verlag.

 

 

© Gisela Schmalz

Recommended Citation/Empfohlene Zitierweise: Schmalz, Gisela: “Wir dürfen die Vernunft nicht den „Souveränen“ allein überlassen” (2020). Gisela Schmalz http://www.giselaschmalz.com/wir-duerfen-die-vernunft-nicht-den-souveraenen-allein-ueberlassen/

Mein fremder Wille – Das Ich, die Anderen, die Konzerne und das übermächtige Andere

»You’re a machine!« »Eres una maquina!« »T’es une machine!« »Du bist eine Maschine!« ist ein Kompliment unter männlichen Millennials, die ihre Körper hart trainieren und ihr Privat- und Berufsleben effizient organisieren. Diese Männer verhalten sich tatsächlich maschinenähnlich, wenn sie mit angeheftetem, elektronischem Activity-Tracker Gewichte stemmen, laufen oder schwimmen, ihre Schlafrhythmen oder ihre Ernährung überwachen und per Smartphone ihre straffen Tagespensen koordinieren. Sie passen sich den Zielen der Maschine an und funktionieren wie Rädchen in einem System. »Yes Sir. Wie die Muskelpartien schaffen! Du bist eine Maschine«, feuert das Publikum der TV-Show Ninja Warrior Switzerland den Elektromonteur und Feuerwehrmann Hufi an. In seinem Podcast Bewohnerfrei lobt der Influencer Tobias Beck den 25-jährigen Ex-Fußballprofi Robin Söder: »Du bist eine Maschine!«, weil Söder seinen 2016 gegründeten Founder Summit zu einem der größten Start-up-Events Deutschlands ausgebaut hat.

 

 

Populär ist das Maschinenkompliment unter jungen Männern aller Bildungsgrade und Berufsgruppen, weltweit. Besonders gut passt es in die Gründer-Szene, wo überproportional viele Männer unterwegs sind und sich alles um technologische Verbesserungen und Möglichkeiten ihrer Monetarisierung dreht. Junge Frauen nennen sich gegenseitig eher nicht Maschine. Aber auch sie tracken ihre sportlichen Aktivitäten. Auch sie optimieren ihre Performance, ihr Aussehen und ihren Alltag mithilfe von Hard- und Software, egal ob sie Angestellte, Studentinnen, Gründerinnen, Mütter oder alles gleichzeitig sind.

Die Vertreter und Vertreterinnen der Generationen Y und Z wollen alles richtig machen. Sie glauben, anders nicht in der beschleunigten, komplexen Welt bestehen zu können. Ihren Maßstab für das, was »richtig« ist, finden sie auf den Anzeigen ihrer Apps und Tracker, vor allem aber auf den Profilseiten befreundeter oder bewunderter Nutzer von Social-Media- oder Video-Plattformen. Regelmäßig konsultieren sie online die aktuellen Fotos, Videos und sonstigen Beiträge ihrer Mitmenschen. Diesen entnehmen sie den Standard, dem sie entsprechen wollen. Übertreffen wollen sie ihn meist nicht. Standard reicht. Und posten sie dann die Ergebnisse ihrer eigenen Optimierungsanstrengungen, setzen sie neue Standards, an denen sich wiederum andere orientieren.

Das Internet ist eine gigantische Vergleichs- und Angleichungsmaschine. Sie verleitet dazu, das zu sein, was andere sind, und das zu wollen, was andere wollen – dazu, sich freiwillig fremdbestimmen zu lassen. »Mimetisches Begehren« nannte der französische Kulturanthropologe René Girard das Phänomen, dass Menschen das begehren, was auch andere begehren. Laut Girard orientieren sich Menschen nicht an inneren Bedürfnissen, sondern daran, was andere, insbesondere die Personen aus der eigenen Bezugsgruppe, mögen oder anstreben. Ihr Verhalten wird gesteuert vom Begehren der anderen. Bei den Digital Natives ist das Nachahmungsverhalten mit dem Wunsch verbunden, möglichst nicht aus der Peergroup herauszustechen. Deshalb kleiden und stylen sie sich wie die anderen, kaufen die gleichen Dinge und Marken, hören dieselbe Musik, verehren dieselben Stars und wählen dieselbe Partei wie ihre Freunde.

 

Der deutsch-amerikanische Investor Peter Thiel beklagt den Konformismus, sowohl im Netz als auch innerhalb der Start-up-Szene. Dabei hat er finanziell mit am stärksten vom Mimesis-Effekt profitiert. Und er hat ihn sogar entscheidend befördert. Während der 1990er Jahre hörte Thiel an der Stanford Universität im Herzen des Silicon Valley Vorlesungen bei René Girard, wurde zum Bewunderer des Anthropologen und rief ihm zu Ehren das Mimesis-Forschungsinstitut Imitatio ins Leben. Wesen und Wirkung des mimetischen Begehrens haben Thiel fasziniert. Er erkannte unmittelbar das Potenzial, das darin steckt. Noch bevor andere Investoren den Namen Zuckerberg überhaupt gehört hatten, war Thiel klar, dass sich dessen Idee, Freunde digital zu vernetzen, monetarisieren lässt. Der gewiefte Investor schätzte die fruchtbringende Dynamik richtig ein, die losgetreten wird, sobald sich Menschen über eine virtuelle Plattform anfreunden, sich darüber vergleichen und ein Begehren in dieselbe Richtung entwickeln. Als erster Geldgeber steckte der Girard-Anhänger 2004 eine halbe Million US-Dollar in das Start-up Facebook.

Das Girardsche Phänomen eröffnet Tech-Firmen Möglichkeiten, die noch längst nicht ausgeschöpft wurden. Mit immer neuen Vergleichsmöglichkeiten – über Bewertungs-, Empfehlungs- oder Bearbeitungstools – stacheln die Betreiber von Plattformen wie Facebook, Instagram, WhatsApp, Twitter, YouTube oder TikTok die Nutzenden dazu an, sich an äußeren Standards zu orientieren. Das Bemühen um Anpassung an Ideale, Stars, Marken oder Meinungen hat zwei Effekte: Die Menschen werden einander immer ähnlicher. Und die Konsumgüter-, Werbe- und Tech-Industrie verdienen enorme Summen daran. Im elektronisch geprägten Global Village wird Individualität mehr und mehr zugunsten einer kollektiven Identität aufgegeben. Diese Entwicklung hat der Medientheoretiker Marshall McLuhan bereits Anfang der 1960er Jahre vorausgesagt. Junge digital Vernetzte ähneln in ihrem Erscheinungsbild und ihrem Habitus den prominenten Vorbildern und den Mitgliedern ihrer Bezugsgruppe immer mehr. Der Angleichungs- und damit verbundene Simplifizierungsmechanismus zeigt nicht nur bei Äußerlichkeiten Wirkung.

 

 

Auch Meinungen werden zunehmend uniform. Dass Menschen dieselben Ansichten zu politischen oder anderen Themen haben wie die übrigen Vertreter aus ihrer Community, wird maschinell unterstützt. Dank algorithmisch erzeugter Filterblasen kommen sie online überhaupt nicht mehr mit Standpunkten anderer Gruppen in Kontakt. Abweichende Meinungen blendet der Plattform-Algorithmus nicht ein. Dadurch kreisen die Nutzenden in den ihnen zugewiesenen Meinungsblasen nur um sich selbst und umeinander. Dass ihnen dabei nicht schwindelig wird, liegt nur daran, dass sie sich an derlei technologisch bedingte Selbstumdrehungen bereits gewöhnt haben. Sie erleben auch ständig, wie die virtuelle Welt sich über ihre reale Welt legt und zu ihrer neuen Wirklichkeit wird. Die menschliche Wahrnehmung verändert sich. Neue Technologien kapern Gehirne und Körper. Sie schieben sich zwischen Ich und Welt, seit Menschen ständig online sind. Und beide an dieser Überwältigung beteiligte Parteien, die Firmen, die die Technologien entwickeln, und die Menschen, die sie nutzen, profitieren davon – jedoch auf völlig unterschiedliche Weise.

»Soziale« Online-Medien, lernende Algorithmen, smarte Infrastrukturen, virtuelle Realitäten oder Neuroprothesen wirken stark auf das Selbstverständnis und auf die zwischenmenschlichen Beziehungen der Menschen ein. Neue Technologien krempeln die Machtverhältnisse um – in den Köpfen der Einzelnen und in der Gesellschaft. Der Rahmen des individuellen Erlebens und des kollektiven Zusammenlebens wird durch die Innovationen weniger, mächtiger Tech-Firmen komplett neu abgesteckt. Auf einmal irrlichtert das Individuum in einer Zwischenzone von Selbst- und Fremdbestimmung herum. Und die Gesellschaft befindet sich in einem Paradigmenwechsel, seit Privatkonzerne psychologisches und soziales Design über Daten und Technologien betreiben.

In dieser Zeit der Übergänge sollten Bürgerinnen und Bürger sowie diejenigen, die politisch (noch) für sie verantwortlich sind, das Unerwartete tun. Die Reaktion auf die fundamentale Okkupation des Menschen durch Tech-Konzerne sollte das Gegenteil braver Anpassung an die technologischen Erfordernisse sein. Der dreiste Zugriff der Bereitsteller innovativer Technologien verlangt umfassendes Neudenken und großangelegtes Gegenlenken. Statt ständig Fragen in Suchmaschinen zu tippen, sollten sich Menschen zunächst einmal selbst in Frage stellen und fragen: Was ist der Mensch? Was will er? Wohin treiben ihn neue Technologien? Was machen diese mit und aus ihm? Denkt und fühlt der elektronisch vernetzte Mensch noch selbstständig? Kann er wollen, was er will? Oder wird sein Wollen unmerklich gelenkt? Ist er fähig, sich für oder gegen etwas zu entscheiden und nach freiem Willen zu handeln? Oder wird er technologisch fremdbestimmt? Agiert er unter dem Einfluss von Pop-ups, Link-Hierarchien, Amazon-Sternen, Twitter-Kommentaren oder YouTube-Influencern noch als er selbst?

 

 

Wie frei ist ein Mensch, wenn er zunehmend von smarten Geräten, Apps, Algorithmen und Robotern abhängt oder davon, dass ihm sein Gehirnchip Impulse sendet? Online-Nutzenden werden permanent manipulative Entscheidungsarchitekturen und algorithmische Reize untergejubelt. Oft reagieren sie prompt und pawlowsch und bestätigen damit die Reiz-Reaktions-Muster, auf die hin sie programmiert werden sollen.

Indem sie sich wie Automaten verhalten, untergraben sie, was sie zu freien Wesen macht. Unterliegt der Mensch, der mit Technologien umgeht, einem fremden Willen? Falls ja, so kann er für diese neue Art der Fremdbestimmung nicht die Entwickler und Bereitsteller neuer Technologien allein verantwortlich machen. Schließlich scheint der Mensch das zu wollen. Offenbar will er, dass Fremde oder Fremdes ihm vermitteln, was er will und wo es lang gehen soll.

 

 

 

Dieser Text ist die gekürzte Einleitung zum Buch von Gisela Schmalz „Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert“, erschienen im März 2020 im Campus Verlag, Frankfurt, 296 Seiten, 19,95 Euro.

Sonderveröffentlichung c/o CARTA.info: Gisela Schmalz: “Mein fremder Wille – das Ich, die Anderen, die Konzerne und das übermächtige Andere” (11.3.2020)

Menschen unterwerfen sich neuen Technologien von sich aus

»Wir lassen uns technologisch fremdbestimmen, während die Tech-Elite kassiert«, sagt Professorin Gisela Schmalz. In ihrem Buch enttarnt sie die Geschäftsmodelle aus dem Silicon Valley und aus China und fordert uns Nutzer dazu auf, endlich aufzuwachen.

Im Interview mit campus.de spricht die Ökonomin und Philosophin über ihr aktuelles Buch »Mein fremder Wille«.

 

 

»Mein fremder Wille« lautet der Titel Ihres aktuellen Buches. Sie beschreiben uns darin als Sklaven der Technik, die ihren freien Willen geopfert haben. Wie groß ist das Ausmaß der Unfreiheit?

Gisela Schmalz: Ich beschreibe die Nutzenden als freiwillige Sklaven. Sie unterwerfen sich den existierenden und immer neuen Technologien von sich aus. Sie machen sich dabei so unfrei, wie sie es selbst zulassen. Jeder über 18 ist mündig und kann selbst entscheiden, wie er oder sie Technologien wozu nutzt und ob er oder sie Fremdmeinungen einfach so für sich adaptiert. Die Verantwortung für den Gebrauch von Social Media, smarten Anwendungen und anderen Hard- oder Softwareprodukten kann leider nicht auf böse Dritte abgewälzt werden, jedenfalls nicht immer.

 

Durch Tracking und die Welt der Sozialen Netzwerke wird das Denken und Entscheiden umgestaltet. Können Sie beschreiben, wie das genau funktioniert?

GS: Menschen neigen dazu, ihre Perspektive zu wechseln, wenn sie Social Media-Plattformen oder Tracker nutzen. Auf einmal betrachten sie ihr Äußeres, ihre Ideen oder ihre Werke (Social Media) und sogar ihre Körperlichkeit oder ihr Essverhalten (Fitnesstracker) aus einer externen Perspektive. Sie nehmen sich von außen und nicht länger von innen wahr. Sie übernehmen die Ansichten anderer Leute, die auf derselben Plattform posten, oder der Mitglieder aus der Selbstvermesser-Community auf sich selbst – beziehungsweise die über Daten und Algorithmen vermittelte Sichtweise über das eigene Ich.

 

Betrifft dieses Phänomen alle gesellschaftlichen Schichten gleichermaßen?

GS: Ja und nein. Jeder ist anfällig für die Verführungen neuer Technologien – schon weil sie praktisch sind und weil die Mitglieder der Bezugsgruppe sie nutzen. Zu beobachten ist aber, dass gewisse Bildungsschichten sich selbst und ihre Kinder zu einem reduzierten und kritischen Umgang mit innovativen Tech-Produkten hintrainieren, während der Rest alles, was da kommt, unreflektiert übernimmt. Die Schere zwischen Tech-Vorsichtigen und Tech-Gefährdeten geht derzeit immer weiter auf.

 

Die Figur des Influencers ist mit der Ära des Internets aufgekommen. Für viele sind das »Lichtgestalten«, die sie bewundern. Wie blicken Sie auf diese neue Berufsgruppe?

GS: Das Phänomen der Influencer ist ja nicht so neu. Prominente oder Fachleute auf ihren Gebieten haben stets mehr Einfluss als Personen ohne mediale Reichweite. Als Gatekeeper haben Influencer filternde Wirkung. In einer komplexen Online-Umgebung, in der unzählige Styling-Tipps, Meinungen und Ratschläge miteinander konkurrieren, bieten die Ansichten von Influencern Orientierung. Das Problem jedoch ist, dass anders als das Fernsehen, Zeitungen- oder Zeitschriften, niemand die Influencer-Flut filtert. Jedes Superhirn und jeder Idiot kann sich zum Influencer aufschwingen und irrwitzigen Einfluss erlangen – eben auch auf (junge) Menschen.

 

Sie beleuchten nicht nur die beruflichen Biografien der Tech-Elite, sondern beleuchten auch deren Privatleben. Was ist Ihnen dabei aufgefallen?

GS: Silicon Valley-Manager, -Programmierer oder -Marketingspezialisten halten sich und ihre Familien von den Tech-Produkten ihrer eigenen Firmen fern. Im Buch zeige ich auf, wie deren private Wenig- und Null-Tech-Strategien aussehen.

 

In Ihrem Buch liefern Sie vielfältige Vorschläge, wie Menschen ihre Willens- und Handlungsfreiheit zurückerobern können, ohne dabei auf die Vorteile neuer Technologien verzichten zu müssen. Wie sehen diese Vorschläge aus. Nennen Sie uns ein Beispiel?

GS: Um der wirklich umfassenden Macht von Big Tech-Konzernen von der US-Westküste und aus China zu begegnen, bieten sich individuelle, gruppenbezogene, nationale und übernationale Handlungsmöglichkeiten an.  Im Buch rufe ich nicht bloß nach einer Regulierung der Tech-Branche, wobei diese sicher wichtig ist. Ich fordere vielmehr politisch Verantwortliche und Nutzende dazu auf, endlich aufzuwachen. Konkret schlage ich wirtschaftliche und bildungspolitische Maßnahmen vor, fordere (Selbst-)Aufklärung und Aktionen von aufgeklärten Nutzenden. Was technologisch mit den Köpfen von Menschen und mit den Infrastrukturen von Gesellschaften passiert, ist womöglich bald so krass und irreversibel wie die Klimakatastrophe.

 

Die Autorin
Gisela Schmalz, Ökonomin und Philosophin, lehrt als Professorin Strategisches Management und Wirtschaftsethik und arbeitet als Strategieberaterin und Publizistin. Sie interessiert sich für den Zusammenhang von Freiheit, Demokratie und Ökonomie sowie für Machtstrukturen in der technologisierten Welt.

 

Quelle: Campus.de, Frankfurt 24.02.2020. Die Fragen stellte Nina Schellhase.

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SEISMOGRAPHEN DER GESELLSCHAFT – Zum Internationalen Frauentag 2020

Wie fortschrittlich eine Gesellschaft ist, zeigt sich an der Situation der Frauen in dieser Gesellschaft. Seit 109 Jahren gibt es den Internationalen Frauentag. Die heutigen Anliegen sind allerdings noch dieselben wie die von 1911: Gleichberechtigung, Wahlrecht, Anrecht auf öffentliche Ämter, Emanzipation und Anti-Diskriminierung am Arbeitsplatz. Dass die Themen immer noch akut sind, egal in welcher Nation, ob im Süden, Norden, Osten oder Westen der Erde, und egal wie reich oder wissenschaftlich aufgeklärt eine Gesellschaft ist, und dass deshalb noch im Jahr 2020 Frauentage begangen werden müssen, ist skandalös. In unterschiedlichen Ländern, Branchen und Kontexten gibt es feine bis grobe Unterschiede im Umgang mit Frauen. Diese eignen sich als Maß zum Vergleich von sozialem Fortschritt. Doch jeder Vergleich erübrigt sich, wenn das Mindset der überwiegenden Mehrheit der Weltbevölkerung so aussieht, wie es der gerade veröffentlichte Gender Social Norms Index (GSNI) der UN zeigt. Demnach hegen nahezu 90 Prozent aller Menschen weltweit Vorurteile gegen Frauen.

 

 

 

Der Index misst, wie sein Titel besagt, die Geschlechtervorstellungen, die derzeit als Norm oder als normal erachtet werden. Im Rahmen des „United Nations Development Programme“ wurden Daten zur Gleichstellung von Frauen in den Bereichen Haushalt, Ausbildung, Politik, Beruf und Gesundheit in 75 Ländern erhoben. Gefragt wurde beispielsweise nach politischen Leitfiguren oder danach, wer eine bessere Ausbildung erhalten und mehr Geld verdienen sollte, Frauen oder Männer. Die für die UN-Studie gesammelten Meinungen und Haltungen belegen, dass das männliche Prinzip (weiterhin) als Maß fast aller Dinge gilt.

 

Für neun von zehn Frauen und Männern ist der Standard-Mensch männlich. Diese sehen das männliche Prinzip oder Männer als Norm oder als normal an. Und was normal ist, wird auch als gut, richtig und erstrebenswert betrachtet. Diese Auffassung stärkt das Männliche in der Welt. Gratis liefert sie einen Freifahrtschein dafür mit, alles abzuurteilen, was von der Norm = Mann abweicht. Was ihr entspricht, wird geachtet und nachgeahmt, und was nicht, wird in Wort oder Tat missachtet und abgewertet. Dieser logische Fehlschluss vom Ist- zum Soll-Zustand ist gängige Theorie, aber auch Praxis. Das gesellschaftliche Bewusstsein bestimmt das gesellschaftliche Sein.

28 Prozent der für den GSNI befragten Personen denken, ein Mann habe das Recht, seine Frau zu schlagen. Dieses „normale“ Denken bildet dann auch die Vorlage für „normales“ Handeln. So kommt es, so die UN-Studie „Human Development Perspectives“, dass 2020 nur 24 Prozent der Parlamentssitze weltweit von Frauen besetzt sind. Von 193 Regierungen werden nur 10 von Frauen geführt (und soeben zog sich mit Elizabeth Warren eine qualifizierte Kandidatin aus dem Wettbewerb um den US-Präsidentenposten zurück). Weniger als sechs Prozent der 500 größten börsennotierten US-Unternehmen haben weibliche CEOs.

Die ersten 10 der Forbes-Liste „The World’s 100 Most Powerful Women“ von 2019

 

Und genau wie noch vor 100 Jahren arbeiten Frauen mehr als Männer, verdienen aber weniger. Zu diesen breiten Macht- und Einkommensklüften gesellen sich andere, handfestere Schikanierungen und Misshandlungen von Frauen. Für fast jede Frau gehören sie in irgendeiner Form zum Alltag. Doch dürfen sie deshalb nicht als Standard wahrgenommen oder womöglich akzeptiert werden. Frauen stellen 50 Prozent der Menschheit, und müssten schon rein rechnerisch zu 50 Prozent gleichgestellt sein – also weder aus humanitären Gründen noch aus Liebe zu den Frauen. Die Gründe dafür, Frauen gleichberechtigt zu behandeln, überall einzubeziehen und in höhere Positionen einziehen zu lassen, sind auch praktischer Natur. In einer zunehmend komplexen Weltsituation werden alle Talente und Fähigkeiten zur Gestaltung einer lebenswerten Zukunft benötigt. Nur paritätisch und integrativ organisierte Gesellschaften können echte und umfassende Fortschritte liefern, statt bloß bereichsbezogene Fortschrittchen. Damit würde der Begriff Fortschritt für alle gelten und nicht bloß für einige und so letztlich gar nicht.

Aktuell sehen wir erhebliche wissenschaftliche, technologische und auch wirtschaftliche, die allgemeine Grundversorgung und Umverteilung betreffende Fortschritte. Aber die sozialen und moralischen Fortschritte hinken weit hinterher, weswegen man auch deshalb kaum von Fortschritt sprechen kann. Zu beobachten sind derzeit sogar Rückschritte – und das ausgerechnet in den sich avanciert wähnenden westlichen Bevölkerungen. Hier wächst die Verunsicherung. Ängste vor sozialem und ökonomischem Abstieg, vor der Ersetzung menschlicher Arbeitskraft durch neue Technologien, vor Überwachung, Klimakatastrophen, Migrationsbewegungen, Kriegen und neuerdings Virus-Epidemien lähmen die Menschen oder machen sie aggressiv. Die bisher in Sicherheit und Wohlstand gebadeten Bewohner der westlichen Welt fürchten um ihren Status und ihren Besitz.

 

 

Zu der Sorge, dass ihnen etwas weggenommen werden könnte, addiert sich ein Ohnmachtsgefühl. Das kratzt stark am Selbstbewusstsein. Wer in einer solchen depressiven Lage Ursachen und Wirkungen nicht begreifen kann oder will, wer sich nicht selbst befragt oder in Frage stellt, externalisiert seine Ängste. Die Unzufriedenheit mit sich und der Welt äußert sich in Wut gegen Dritte. Als Sündenböcke bieten sich „Andersartige“ an, Menschen, die höher oder niedriger gestellt sind, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit anderer Meinung, mit anderer sexueller Orientierung oder mit anderem Geschlecht. Alles, was nicht als Norm definiert ist, darunter Frauen und das weibliche Prinzip (falls so etwas existiert), wird zum Wutablassen benutzt. Da Frauen überall und in großer Zahl verfügbar sind, scheinen sie sich hervorragend dafür anzubieten, um diffuse Ängste auszuagieren.

Und ausgerechnet eine Errungenschaft der Aufklärung und moderner Naturwissenschaften, der technologische  Fortschritt, begünstigt derlei Regression. Bei Social Media-Plattformen steigt der Hate Speech-Pegel an. Incels („involuntary celibates“, unfreiwillig zölibatär lebende, heterosexuelle Männer), MGTOWs (Vertreter der anti-feministischen Männerbewegung „Men Going Their Own Way“), Alt-Right-Anhänger, Rechtspopulisten oder Nazis sondern online Dinge von Beleidigungen über Flüche bis hin zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen gegen Frauen ab. Und sie erhalten dafür Zuspruch.

Je mehr ihnen online zujubeln, desto eher trauen sie sich, lauter zu werden, sich öfter und vehementer zu äußern und offline tätlich zu werden. Insbesondere den Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, öffentliche Figuren sind und öffentliche Posten wahrnehmen, wird anonymisierter und unterdrückt-versteckter oder offener Hass entgegen gebracht. Zu den Betroffenen zählen deutsche Politikerinnen aller Parteien oder eine, die eher noch ein Mädchen ist, Greta Thunberg.

Genauso wenig wie der Norm-Mann existiert, gibt es die Norm-Frau, die sich pauschal als anders, fremd oder anormal abstempeln ließe. Und Frauen sind schon gar nicht „normale“ Opfer. Frauen sind keine Opfer. Sie eignen sich jedoch als Spiegel. Ihre Situation dient allen Frauen und Männern, die Frauen den Rang der Gleichberechtigung absprechen, dazu, ihre eigenen Ängste und ihr Versagen im selbstverantwortlichen Umgang mit diesen zu reflektieren. Frauen sind soziale Seismographen. An ihrer Lage im sozialen Raum lassen sich zwar keine Bodenbewegungen wie bei Erdbeben oder Atomexplosionen ablesen, aber sehr wohl gesellschaftliche Erschütterungen. Derzeit registriert dieses sozio-seismische System viele und erschütternd hohe Frequenzen – Hinweise auf starke Ausschläge in aller Welt.

 

© Gisela Schmalz

Empfohlene Zitierweise/Recommended Citation: Schmalz, Gisela: “Seismographen der Gesellschaft – Zum Internationalen Frauentag 2020” (2020).  http://carta.info/seismographen-der-gesellschaft-zum-internationalen-frauentag-2020/

Erschienen c/o CARTA.info: Gisela Schmalz: “Seismographen der Gesellschaft – Zum Internationalen Frauentag 2020” (2020)

 

 

Mein fremder Wille

Neues Buch von Gisela Schmalz.

Erscheinungstermin: 11. März 2020

Campus Verlag, Frankfurt a. M., 296 S.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Thema ist eine neuartige freiwillige Selbstunterwerfung :

Gedankenlos geben wir intimste Informationen an uns unbekannte Mächte ab. Durch die Nutzung von Smartphones, Fitness-Trackern, Apps, Social Media- und anderen Plattformen werden wir zunehmend berechen- und steuerbar. Wie konnten wir in so starke Abhängigkeit von technischen Diensten und deren Kontrolleuren geraten? Gisela Schmalz, Ökonomin und Philosophin, geht dem Phänomen auf den Grund. Sie zeigt, wem die »totale Vernetzung« nutzt, wohin sie führt und wie wir der Macht der Tech-Elite entfliehen können.

 

In fünf Kapiteln spannt Schmalz einen Bogen, der bei den Nutzenden und Nutznießenden der technologischen Errungenschaften beginnt, unsere freiwillige Komplizenschaft mit den Tech-Erfindern erklärt und mit den Gründen dafür endet, warum wir dringend gegenlenken sollten. Sie zeichnet nach, wie Menschen der Generation Y und Z vorgegebenen Standards nacheifern, weil sie glauben, in einer komplexen Welt sonst nicht bestehen zu können. Sie erläutert die Inzucht in den Tech-Ökosystemen des Silicon Valley und kontrastiert sie mit der Tech-Industrie in China. Sie wirft ein Schlaglicht auf die Menschen hinter den manipulierenden Technologien – und deren teils überraschend analoges Privatleben. Und sie zeigt an fünf Schlüsselbereichen, Tracking, Social Media, Smarte Vernetzung, Künstliche Intelligenz und Gehirnimplantate, wie moderne Technologien unser Denken, Fühlen und Verhalten sukzessive (um-)gestalten. Schließlich analysiert sie die freiwillige Unterwerfung unter einen fremden Willen.

Doch Gisela Schmalz gibt auch Anlass zur Hoffnung, indem sie zeigt, wie wir unsere Willens- und Handlungsfreiheit zurückerobern können, ohne dabei auf die Vorteile neuartiger Technologien verzichten zu müssen. Der Autorin ist ein umfassendes und differenziertes Bild der aktuellen, von innovativen Technologien beherrschten Welt gelungen.

Sie ist überzeugt: Zu durchschauen, wie die Tech-Elite funktioniert, heißt zu begreifen, wohin die wirtschaftliche, politische, militärische und gesellschaftliche Zukunft gesteuert wird. Ihr Appell an die Nutzer ist eindeutig: Informiert Euch! Lest! Beweist Euren freien Willen. Auf der Grundlage eines freiheitlichen Menschenbildes regt sie dazu an, sich aus der Gängelung der Tech-Kontrolleure zu befreien und die neuesten Innovationen aktiv mitzugestalten.

 

„Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert“ von Gisela Schmalz

erscheint am  11.03.2020:

c/o Campus Verlag, Frankfurt am Main 2020

296 Seiten, kartoniert, ISBN 9783593512266

 

Fear not! – Why AI Church?

by Gisela Schmalz

 

Somebody had to do it. Anthony Levandowski heard the call and followed it. In 2015 he founded a church that pays homage to the Goddess artificial intelligence. „Way of the Future“ (WOTF) accompanies people when they soon have to give up control over themselves and their planet to artificial intelligence (AI). WOTF wants to make sure that the handover is peaceful and that the new bosses don’t destroy the old ones.

 

The non-profit religious corporation, however, has so far hardly shown any activities and no publicly confessing believers. The most striking events in church history took place in 2017. Two years after its foundation, the church received around 40,000 US dollars in grants and membership fees. It was granted tax-exempt status, and Levandowski enthroned himself irremovable WOTF Dean until his death according to WOTF bylaws. Coincidentally all of this happened in the same year in which Levandowski, a robotics engineer born in 1980, was fired from his profane job at Uber.

But good for the church that there is the Internet: The most important, because so far the only distinctive feature of „Way of the Future“ is its website with the creed. It says that those who believe in WOTF believe -in science and -in progress, as well as -that intelligence is not biological, -that the creation of super intelligence is inevitable, and -that “everyone can help (and should)“ to create it.

 

Humans United in support of AI, committed to peaceful transition to the precipice of consciousness.

 

Official WOTF documents state that the Church’s focus is on “the realization, acceptance, and worship of a Godhead based on artificial intelligence (AI) developed through computer hardware and software.” „We’re in the process of raising a god,“ the Dean 2017 said in an Interview for Wired. The holy baby is fed large datasets to learn to improve itself through simulations. Everything the church breeds will be open source.“ “I wanted a way for everybody to participate in this, to be able to shape it. If you’re not a software engineer, you can still help,“ says Levandowski.

The bylaws disclose something different. According to them, WOTF is not drafted as a universal religion. You learn that the Church wants to promote the improvement of the environmental perception of self-learning robots. Dean Levandowski is one of the world’s leading experts in this field. Prior to his startup called WOTF, Levandowski founded several companies dealing with the autonomous driving. He sold two of them, -510 Systems and -Anthony’s Robots, to Google and -Otto, founded in 2016, to Uber, where he also worked for a while. He founded -ProntoAI in 2018 which is also dealing with driverless vehicles based on AI. So the fine print of the WOTF statutes show that the Church is not interested in any member, but rather in AI researchers. The Church seems to rather be a recruiting instrument than an invitation to pray. Without engineering talent, the church cannot fulfill its creed of raising a divine AI baby.

 

Lewandovski’s statements about the salvific future technology AI („the gospel“) are tainted by some dystopian particles. „Change is good, even if a bit scary sometimes“, or  „it may be important for machines to see who is friendly to their cause and who is not,“ it says on the WOTF website. Dean Lewandovski told Wired-journalist Mark Harris: „I don’t think it’s going to be friendly when the tables are turned.“

No church without Angst, the shrewd Dean might have thought. In the Wired-interview he mimics the reassuring, good shepherd: WOTF will „decrease fear of the unknown“, Lewandovski said.

Elon Musk might as well have started a church. But the CEO of Tesla and SpaceX opened a non-profit institute to tackle his fears of AI. He founded OpenAI in the same year as Anthony Lewandovski founded WOTF. In 2015, Musk started OpenAI to not only develop safe AI, but a safer AI than the one he is afraid of – or should we say he makes others afraid of?

 

The year before he founded OpenAI, Musk found drastic words to warn about AI: „AI is far more dangerous than nukes“, and „with artificial intelligence we’re summoning the demon“. Now an institute. But as little as WOTF is a people’s church, OpenAI is open to everyone. OpenAI is no longer even non-profit as it was in its early days. Meanwhile the institute is for-profit as well. Elon Musk has recruited AI specialists. He has poached the machine learning expert Ilya Sutskever from Google and hired other renowned AI researchers, since Elon Musk wants to be at the forefront of the AI race.

Techies love the devil (or God – depending on perspective). The biggest tech tycoons in the US and China are currently flirting like crazy with AI.

 

 

Microsoft, IBM, Amazon, Facebook, Apple, Google, Baidu, Tencent and Alibaba are competing to be the first to develop general artificial intelligence (AGI), AI that accomplishes similar but much more intelligent thought and action processes than humans. AGI can answer more and more precisely the most complicated scientific, economic, political and social questions in fractions of a second.

But why do Lewandovski and Musk, engineers from Silicon Valley, where rationality is fetishized, bring irrational concepts such as faith and fear into play? Are their fears appropriate? Why do others join the chorus of the anxious? Apple founder Steve Wozniak, Microsoft founder Bill Gates, the inventor of the World Wide Web Tim Berners-Lee and, shortly before his death, physicist Stephen Hawking also warn(ed) against the extinction of humanity by AI. But there is an opposite side. Tech journalists such as Kevin Kelly and Jaron Lanier refute the idea of a general artificial intelligence for the coming decades. Top AI researchers like Jeff Hawkins, Geoffrey Hinton (Google Brain) and Demis Hassabis (DeepMind) don’t believe that humans will soon be replaced by machines.

 

In 2016, Amazon, Facebook, Microsoft, IBM, Google and DeepMind founded „Partnership on Artificial Intelligence to Benefit People and Society“, or Partnership on AI, to appease the anxious and the ethics freaks within the AI scene and especially outside it. Apple, OpenAI and many other international institutions joined the club. The partnership wants to provide illumination and to promote a society-friendly AI. It does research and initiates discussions about AI. Nevertheless, the partnership remains toothless. Its efforts and written papers do not oblige AI companies to anything. Rather, Partnership on AI allows ethical and social aspects to be outsourced from the tech companies.

 

Google is also a member of this AI partnership. It is noticeable that two of the most prominent developers, who avoid to spread fears, Hinton and Hassabis, are from the Google camp. Their boss, Alphabet CEO Larry Page, who oversees the AI projects Google Brain and DeepMind, is also remarkably carefree about AI. That is why Elon Musk approached him at a party in Napa Valley in 2015. MIT professor Max Tegmark later reported on this. When Musk mentioned that digitalization could destroy everything important and valuable to mankind, Page dismissed this as AI paranoia. He labelled Musk’s fears as „speciesist“, morally discriminatory simply because something belongs to another species (in this case silicone). After all, Page opened an ethics commission at Google in the spring of 2019, but closed it only a week later. Alphabet´s CEO does business as usual. He remains silent when others argue lively or dead seriously about KI.

 

Elon Musk keeps on warning. He sounds like Dean Lewandovski when he calls for all people to be involved in the development of AI. “… the best defense against the misuse of AI is to empower as many people as possible to have AI. If everyone has AI powers, then there’s not any one person or a small set of individuals who can have AI superpower”, he said in 2015. In an interview for Vox in 2018, Elon Musk recommended a professional government committee to consult with the tech industry on how to guarantee “a safe advent of AI“. Musk wisely did not demand to regulate the AI sector. Nobody in the Valley would ever call for AI research regulation. Research is sacrosanct.

It is not quite clear what Elon Musk really is afraid of. Sometimes he sounds as if he was less worried about the impact of AI than about his competitors in this field – either from China or from his own valley, like Larry Page. Apparently Musk wants to prevent others (competitors) from having too much control over a technology that allows to play God or devil. It could be that Musk and Levandowski stir up fears to act as the good wise men from the land of the future. Perhaps they want to present their own companies as lighthouses in the fog of uncertainty, as the only trustworthy sources of potentially dangerous technologies. But perhaps they are actually afraid of what AI might become or do and therefore set up a church and a non-profit institute.

Whatever their motives, it is important that representatives from the tech sector are calling for an AI that is developed for people and not against them. But God and devil? Anyone who is serious about an AI for the people should not hide behind blown up metaphors. They should let the devil roam about his hell and God slumber in his heavenly four-poster bed.

 

If you tear away the mystifying veiling of tech prophets like Levandowski and Musk you will see what AI experts see: a broadly applicable, monetarizable technology that is neither good nor evil. The clouds of fear blown around the idea of AI are just as irritating as trivializing the use of AI. But it really gets disturbing when developers pretend their own technology sooner or later could slip out of their hands. It is irresponsible to hide behind the self-developed monstrosities as if they would be higher and potentially dangerous superpowers.

AI researchers and investors must accept their responsibility for the vast projects they are bringing forth. Instead of first telling horror stories and then spreading soothing sermons of salvation, they should explain what is happening in their laboratories. Silence à la Larry Page is not an option either. People need no fears, no religion, no promises of salvation and certainly no secrecy. They need sober and permanently updated information about the progress in AI research and new products based on AI. People should be asked what technologies they want. And they should get them.

 

 

© Gisela Schmalz

Recommended Citation: Schmalz, Gisela: “FEAR NOT! – Why AI Church?” (2019).  http://www.giselaschmalz.com/fear-not-why-ai-church/

German Version: Schmalz, Gisela: “FÜRCHTET EUCH NICHT! – Wozu eine KI-rche?” (2019). Gisela Schmalz. http://www.giselaschmalz.com/4211-2/

Published c/o CARTA.info: Gisela Schmalz: “Der Hype um und die Angst vor Künstlicher Intelligenz sind übertrieben“ (2019)

http://carta.info/der-hype-um-und-die-angst-vor-kuenstlicher-intelligenz-sind-uebertrieben/

 

Fragen zu lösen, ist eine gemeinsame Arbeit. (Joseph Beuys)

 

Ausschnitt aus dem Film  „400 m IFF“ (1969) von Lutz Mommartz.

 

Joseph Beuys war einer der größeren Fragesteller unter den Künstlern. In seinen Werken, Reden, Schriften und Aktionen widmete er sich den Sinnfragen. Vor allem fragte er danach, welche Rolle der Kunst und den Künstler/inne/n in der Industriegesellschaft zukommen könnte. Er fragte auch, wie eine bessere Gesellschaft aussehen könnte. Seine Fragen veranlassten ihn dazu, sich politisch zu engagieren. 1979 kandidierte er für das Europaparlament als Direktkandidat für „Die Grünen“, und er war 1980 beim Gründungsparteitag der „Grünen“ dabei.  Doch lange hielt Beuys es unter den Politikerinnen und Politikern nicht aus – und diese nicht mit ihm.

Die Fragen von Joseph Beuys müssen ziemlich dringlich gewesen sein, dass er sich freiwillig von der Kunst in die Politik begab. Doch dieses Heraustreten zu (großen Gruppen von) Menschen war sein Programm. Die Fragen der Menschen interessierten ihn.

 

Gruppennarzissmus

“When all think alike, then no one is thinking.”
Walter Lippmann

 

 

Das Projekt „Ich“ der narzisstischen Gesellschaft entpuppt sich als Sackgasse: Ein schwaches Selbst erfährt auch durch strikte Selbstkontrolle keine Stärkung. Der delphische Spruch „erkenne dich selbst“ und Pindars Satz „werde, der du bist“ haben das Individuum nicht weitergebracht. Die freie Selbstverwirklichung ist keine. Die Verheißung der Freiheit, alles haben und sein zu können, hat den Einzelnen unfrei gemacht.

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Die Marketingindustrie hat die Freiheit für ihre Zwecke instrumentalisiert. Ihre Opfer sind alle, die Werbeversprechen à la „just do it“ (NIKE, 1987) gefolgt sind. In „The Malaise of Modernity“ von 1991 bemerkte der kanadische Philosoph Charles Taylor, der „Individualismus der Selbstverwirklichung“ mache blind für Probleme jenseits des Selbst. Menschen fehle das moralische Fundament, um Werturteile zu fällen. Tatsächlich kann Subjektivismus in einen Werterelativismus münden. Auch wird er zur Belastung, weil er zur Vereinzelung und zu Beziehungsstörungen führt. Einzelgänger mit fragilem Wertegerüst sind nicht fähig, ihre Freiheit selbstbestimmt zu nutzen und ihr Leben aktiv zu gestalten. Sie suchen Orientierung und Halt außerhalb ihrer selbst – und werden verführbar.

Der Narziss des 21. Jahrhunderts begnügt sich nicht länger mit Selbstbespiegelung. Er will raus. Er will mehr als bloß Bild und Hirngespinst für sich und andere sein. Er will sich spüren, einen Körper haben und die Wärme der Gruppe empfinden. Der Schritt hinaus ist eine Bewegung zu Anderen und zu etwas Anderem, zum Konkreten, zum Physischen. Das Individuum will nicht länger einsam sein. Es schließt sich Weggefährten an, die ihm Sinn und Bestätigung verschaffen und nebenbei sein schwaches Selbstbild aufpäppeln.

 

1024px-HK_Causeway_Bay_Kai_Chiu_Road_3_male_model_outdoor_photography_Haysan_Place_fans_Aug-2012 Von Natalitiameom CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

 

 

 

Models Araceli_Angielle_Jimenez Von Instinc models CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei ihrer Orientierungssuche folgen die Erben der narzisstischen Gesellschaft größtenteils nicht der Leitidee der Kommunitaristen. Sie organisieren sich nicht, um auf Basis gemeinschaftlicher Werte „das Gute“ in die Welt zu bringen. Es bricht kein Zeitalter des Gemeinsinns an. Dazu sitzen die Vereinzelungserfahrungen, das Misstrauen gegenüber anderen und die Verantwortungsscheu zu tief. Die kulturelle Prägung der narzisstischen Wirtschaftsgesellschaft lässt sich nicht so einfach abstreifen. Das Talent, sich zu nährenden Gemeinschaften zusammenzuschließen, fällt nicht vom Himmel.
Verunsichert über ihre Position im komplizierten Weltgefüge werden Einzelne vielmehr anfällig für Gruppen mit ausgeprägtem Image und eindrucksvollen Führungspersönlichkeiten. Moralisch haltlose Individuen sind bereit, ihre alte gegen eine neue Form von Fremdbestimmung einzutauschen. Ihnen fehlt die Unterscheidungsfähigkeit zwischen guten und schlechten Gruppen. Also orientieren sie sich an der Popularität des Angebots. Cool, tough oder moralisch überlegen wirkende Gemeinschaften sind besonders attraktiv. Da wollen sie dazugehören. Doch wer sich aus einer Ohnmacht heraus einer vom Gruppennarzissmus erfassten Gemeinschaft anschließt, begibt sich in Gefahr. Ein schwaches Individuum bleibt auch hier schwach und wird oft weiter geschwächt. Das liegt an der Mechanik des Gruppennarzissmus.

Army Les_'Aito_du_511_ème_régiment_du_train By Sebdicam, Sébastien Joly -CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

Hier überlagern kollektive Gefühle von Sicherheit, Stärke und Gruppenstolz das individuelle Ohnmachtsempfinden. Der und die Einzelne lassen sich von den Gefühlen und Meinungen der Gruppe mitreißen und betäuben. Im Kreis der Anderen erleben sie sich als mächtig. Doch tiefsitzende Ängste bleiben. Die Gruppe wird übermächtig, das Individuum von ihr abhängig und manipulierbar. Gruppennarzissmus vernebelt das Denken. Er unterminiert die rationale Wahrnehmung und Kritikfähigkeit des Einzelnen. Das Individuum übernimmt die Wahrheiten der Gruppe. Es unterliegt einer neuen Fremdbestimmung.
Der 24-jährige Hauptschüler Nils D. war schon mit 15 Vater geworden und flüchtete sich in Drogen und Alkohol. Dann schloss er sich der Salafistengemeinschaft in seinem Heimatort Dinslaken an. Mit seiner neuen Clique „Lohberger Brigade“, reiste er nach Syrien, um hier für die Terrororganisation IS zu kämpfen. Im Netz postete Nils D. martialische Fotos von sich und seiner Brigade. Die Bilder zeigen, dass Nils D. sein Losergefühl gegen den gefährlichen Gruppennarzissmus beim IS eingetauscht hat.

 

Was bedeutet Gruppennarzissmus? Wie wirkt er? Gruppennarzissmus ist die irrationale Überzeugung von der Großartigkeit der Gruppe, der man selbst angehört. Was beim individuellen Narzissmus die überzogene Selbstliebe ist, stellt beim Gruppennarzissmus die übertriebene Liebe zur Gruppe dar. Im Kollektiv entsteht ein moralisches Überlegenheitsgefühl, das jedes Mitglied ansteckt. Gruppenteilnehmende glauben daran, dass die eigene Gruppe besser, wichtiger oder mächtiger als andere Gruppen sei. Sie fühlen sich als Avantgarde und wollen die Außenwelt davon in Kenntnis setzen. Gruppennarzissmus motiviert jedes Mitglied zur Hingabe an die Gruppe. Wenn aber der innere Gruppenzusammenhalt fragil ist, bedarf die Gruppe der Stärkung von außen – über gemeinsame Symbole und Slogans oder aber über ein gemeinsames Feindbild. Die Aufwertung der eigenen Gruppe geht oft mit der Abwertung anderer einher.

 

Verschiedene Porträtaufnahmen von Charakterköpfen, gesammelt im Rassepolitischen Amt der NSDAP
Verschiedene Porträtaufnahmen von Charakterköpfen, gesammelt im Rassepolitischen Amt der NSDAP

 

Gruppennarzissmus schürt Aggressionen gegen Dritte. Er kann zum Wettbewerb mit anderen Mannschaften, Unternehmen oder Marken führen, aber auch zur Feindschaft gegenüber anderen Parteien oder Bevölkerungsgruppen. In der Gruppe verstärken sich alle Eigenschaften des individuellen Narzissmus. Stärker werden positive Gefühle wie Begeisterung und auch negative Gefühle wie Hass. Der narzisstische Drang zur Außendarstellung kann zu Werbezwecken dienen, etwa wenn ein Unternehmen neues Personal sucht. Er kann aber auch in aggressive Propaganda gegen andere Gruppen umschlagen.

Gruppennarzissmus kann überall ausbrechen – in Parteien, in Unternehmen, in Vereinen, in Glaubensgemeinschaften, in Universitäten, in Forschungsgruppen, in Künstlervereinigungen, in Sportmannschaften oder beim Militär. Er kann temporär auflodern und dann nachlassen oder langfristig bestehen.

 

 

 

 

Erich_Fromm_1974 Müller-May, Rainer Funk, via Wikimedia CommonsDer Begriff Gruppennarzissmus (auch kollektiver oder sozialer Narzissmus) wurde dennoch bislang kaum beleuchtet. Den Begriff „collective narcissism“ führte Erich Fromm 1973 ein. In „The Anatomy of Human Destructiveness“ betrachtete der Sozialpsychologe den Gruppennarzissmus im Zusammenhang mit der übersteigerten Liebe zur eigenen Nation. Leider entging ihm dabei der Unterschied zwischen Gruppennarzissmus und Ethnozentrismus. Fromm argumentierte aus seiner Erfahrung des deutschen Faschismus heraus. „Gruppennarzissmus ist eine der wichtigsten Ursachen für menschliche Aggression,“ schrieb Fromm. Er nannte den Gruppennarzissmus „semipathologisch“ und erkannte im Gruppennarzissmus den Nährboden für destruktive Kräfte.

 

Zum echten Problem werde Gruppennarzissmus, sobald „zwei narzisstische Gruppen in Konflikt geraten.“ Tatsächlich neigen Gruppennarzissten dazu, sich Feinde zu suchen. Ein starkes Feindbild stärkt den Zusammenhalt der eigenen Gruppe. Belege dafür liefern die  Dinslakener Salafisten, die NSU um Beate Zschäpe, die RAF oder die Weathermen. Problematisch beim destruktiven Gruppennarzissmus ist die Manipulation der Meinung und der Gefühle der Mitglieder durch die Gruppe. Todd Strassers Roman „The Wave“ von 1981 und seine Verfilmungen behandeln das Gruppenexperiment in einer Schulklasse. Ein Lehrer beeinflusst seine Schüler, bis sie unter Selbstverleugnung nur noch als Gruppenmitglieder fühlen, denken und handeln. Der Versuch setzt einen brutalen Gruppennarzissmus frei. Er bringt Schüler dazu, die Gruppe mit Gewalt gegen Außenseiter zu verteidigen.

 

Der westliche Kapitalismus eröffnete Freiräume. Er lieferte den Menschen jedoch keine brauchbaren Instrumente dafür mit, um mit dieser Freiheit sinnvoll umzugehen. Parallel zur Ausweitung des Liberalismus erodierten alte Verlässlichkeiten. Glaube, Heimat, Ehe, Familie oder ein fester Arbeitsplatz sind keine Selbstverständlichkeit mehr. Wenn Individuen eine existentielle Verunsicherung erleben und von Zukunftsängsten geplagt sind, zeigt das auch das Versagen von Wirtschafts-, Sozial- und Bildungspolitik.

 

Die hochkomplexe, hochdynamische Weltwirtschaft überfordert die Menschen. Ein fehlendes Wertefundament und fehlende äußere Sicherheiten brachten in der Zeit des Ausatmens nach dem Zweiten Weltkrieg verunsicherte und konsumfixierte Einzelgänger hervor. Den Mangel an Vertrauen in ihre Mitmenschen und in eine sie tragende Gesellschaft kompensierten sie mit narzisstischer Selbstoptimierung. Wer dabei nicht depressiv wird, wird aggressiv und sucht sich aggressive Kumpanen. Die vermeintlich starke Gruppe dient dazu, die individuelle Ohnmacht zu betäuben.
In Gesellschaften, aus denen Bürger ausbrechen, um sich radikalen Gruppen in West oder Ost anzuschließen, erblüht ein neuer Narzissmus, der Narzissmus der Gruppe. Sobald destruktiver Gruppennarzissmus seine Blüten treiben kann, stehen die Errungenschaften der Zivilisation und die Werte der Aufklärung zur Disposition.

Die Ursachen für destruktiven Gruppennarzissmus liegen beim Individuum und in der Gesellschaft. Problemlösungen müssen bei der Wechselwirkung von Individuum und Gesellschaft ansetzen. Freiheit verlangt jedem Einzelnen ein hohes Maß an Integrität ab. Mit Freiheit umzugehen, erfordert ethisches Urteilsvermögen, kritisches Denken, Eigenverantwortlichkeit, Empathie, Selbstvertrauen und Mut. Solche Fähigkeiten lassen sich nicht einsam vor dem Spiegel oder am Tablet erlernen. Sie müssen mit anderen eingeübt werden – im Idealfall in einer Umgebung, die annähernd multikulturell wie die globale Welt strukturiert ist.
Integration gelingt nur zwischen Menschen, die einander respektieren. Gruppenbildungen und Streitereien sind dabei wichtige Faktoren. Doch nicht der Kampf gegeneinander, sondern der demokratische Austausch zwischen Einzelnen und zwischen Gruppen garantiert Frieden und Freiheit. Damit ein Krieg zwischen Gruppen wie im Nahen Osten nicht auch den Westen erfasst, müssen die Wurzeln für destruktiven Gruppennarzissmus erkannt und gekappt werden.

 

© Gisela Schmalz

2.8.2016

Netzwerke der Macht

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Gisela Schmalz vergleicht in ihrem Buch „Cliquenwirtschaft – Die Macht der Netzwerke“ vier globale Netzwerke: Goldman Sachs, die katholische Kirche, Google und die Mafia.

Diese Netzwerke der Macht bieten mannigfaltige Ansätze zur Recherche.

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Am 4. Juli 2015 bei der Jahreskonferenz von „netzwerk recherche“ beim NDR Fernsehen in Hamburg stellt Gisela Schmalz die zentralen Thesen ihres Buches vor.

Drei Journalisten berichten im Anschluss aus ihrem Arbeitsalltag und diskutieren mit der Moderatorin Petra Sorge (Cicero) und Gisela Schmalz die Notwendigkeit, solche Strukturen zu untersuchen und darüber zu berichten.

Veranstaltungstitel: Netzwerke der Macht – Wie Datenjournalismus den Schleier lüften kann

High Context – Low Context

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The American anthropologist Edward T. Hall (1914-2009) developed the concept of „social cohesion“. One of his less known social theories involves the distinction between „high context culture“ and „low context culture“. Hall observes a difference between Southern and Eastern cultures/nations on one hand and Northern and Western cultures/nations on the other hand when it gets to bonding.

Within regions that exhibit high context cultures – regions in the South and in the East of this planet- businesses are likely to be structured via cliques or families. The chapters about the Catholic Church and about the Sizilian Mafia in Gisela Schmalz´s book: Cliquenwirtschaft (October 2014) document that Hall is quite right about Southern Europe. Thanks to tight and long-term personal relationships businesses in Italy do flourish – or not.

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Cliquenwirtschaft – Frankfurter Buchmesse

Besonders gut arbeitet es sich in übersichtlichen Cliquen Gleichgesinnter – aber abgeschottete Kreise können auch großen Schaden anrichten. „Cliquenwirtschaft“ heißt das neue Buch der Kölner Wirtschaftsprofessorin Gisela Schmalz.

Am Stand des Deutschlandradio auf der Frankfurter Buchmesse sagte sie, was das bedeutet und wie Cliquenwirtschaft zum Selbermachen geht: Interview von Georg Ehring mit Gisela Schmalz: „Kleine Gruppe, große Wirkung“

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