Augenwischerei-Pads – die überflüssige Renaissance des Physischen

Apple bringt also dieses glatte Ding, erst Tablet, jetzt Pad genannt, für 499 bis 699 $ (EU wie $) auf den Markt, das aussieht wie ein iPhone mit der Lupe betrachtet. Es kann digitale Fotos, Videos, Musik, Spiele und E-Books verarbeiten. Man sollte jedoch nicht versuchen, es ans Ohr zu halten oder es anzureden, um zu telefonieren, bevor man nicht selbst zuvor Skype aufgespielt hat.

iPad-Quelle: Apple

Der Witz ist sowieso nicht das Gerät selbst, jedenfalls nicht lange, da Apple gewiss schon ein iPad nano, iPad pro oder iPad power oder wie die Apple-Nachsilben alle heißen, in petto hat. Der Witz ist das eingebaute Geschäftsmodell. Mit dem vermeintlich coolen Tisch- und Traggerät pflanzt Apple sich einen eingemauerten Garten, einen Walled Garden, bei dem digitale Inhalte an ein physisches Gerät gebunden werden. Mit den Software-Hardware-Paketen iTunes-iPod, iTunes-iPhone und App-Store-iPhone bestellt Apple bereits florierende Gärten mit Musik, Videos und Apps, die nicht nur direkte Wettbewerber von der Inhalte-Wertschöpfung ausschließen.

Der aus dem Hardwaregeschäft kommende Konzern Apple erschließt sich mit dem iPad nun auch den Buchmarkt und grätscht dabei zunächst in den Kindle-Garten von Amazon. Während Amazon digitale Bücher zum Preis von maximal 9,99 $ anbietet und beträchtliche Provisionen einbehält, lockt Apple Autoren und Verleger mit Preisen von bis zu 14,99 $ pro Buchdownload und verspricht 70-prozentige Abgaben für Urheber. Zieht Apple die Inhaltelieferanten damit in seinen iPad-Garten, könnte das den Kindle-Garten von Amazon dauerhaft vergiften. Apple würde blühen und blühen und eines Tages in anderen Gärten (Onlineplattformen) nicht mal mehr Gras wachsen.

Genau vor einem Jahr machte ich mit dem Text „Spielplatz oder Marktplatz“ bereits auf das Problem der Höherbewertung physischer Güter im Vergleich zu immateriellen Gütern aufmerksam. Menschen bezahlen eher für Gimmicks wie den Nindendo DS, die Xbox 360, das Kindle, das iPod, iPhone oder iPad, statt für digitale Texte, Bilder, Töne oder Filme. Wer die Urheber von Webinhalten überhaupt entlohnt, zahlt bloß winzige Preise, deren Hauptanteile aber schon heute meist großen Downloadplattformen wie Apple oder Paymentanbietern wie eBay (Paypal) zufließen. Als Softwarebereitsteller, Geräteproduzenten und Gartenwächter verdienen sie weit mehr als Urheber, die immaterielle Informations- und Unterhaltungsarbeit leisten.

Dabei ermöglicht das WWW doch weit innovativere und urheberfreundlichere Handelsstrukturen als die Offlinewelt sie kennt, darunter das Ausklinken der Zwischenhändler. Das WWW und die hier verfügbare Vermarktungs- und Bezahlsoftware bietet Journalisten und Künstlern direkten Zugang nicht nur zu Lesern, Hörern und Zuschauern, sondern auch zu Kunden. Doch leider ist ihnen das WWW als direkter Distributionskanal verstellt, da sie, sobald es ums Zahlen geht, auf die Ignoranz der Nutzer stoßen. Wer als Künstler nicht im iTunes-Store vertreten ist, ist von der digitalen Nahrungskette und vom Geld der Nutzer weitgehend abgeschnitten. Viele geistige Arbeiter sind daher gezwungen, sich jenseits des eigentlich offenen Gartens WWW in der physischen Welt abzustrampeln, auf Konzerttouren oder iPad (ehemals Buch-)Lesungen oder in berufungssfernen Feldern, beispielsweise als Verkäufer in Geschäften, die iPods oder iPads feilbieten.

In „Spielplatz statt Marktplatz: Gratisweb“ schrieb ich bereits über die Folgen dieser Augenwischerei-Pads für die Urheber und die Nutzer, die sich mit ihrem kurzsichtigen Gratis- oder iTunes-Konsum selbst vom freien Datenzugang im WWW abschneiden:

In seinem Buch „The Future of the Internet and how to stop it“ warnt der amerikanische Rechtsprofessor und Anwalt Jonathan Zittrain vor solchen ummauerten Gärten. Spielzeuge wie das iPhone, der BlackBerry, die PlayStation und fest zu diesen Geräten gehörige Applikationen, verhinderten, dass Nutzer Software und Content selbst aktiv mit gestalteten und verbesserten. Er spricht in dem Zusammenhang vom Tod des Internet. Das kreative Chaos, das im Web herrsche, würde durch feste Installationen auf Geräten abgetötet. Die Renaissance des Physischen stellt einen Rück- und keinen Fortschritt dar. Gratisanbieter und Gratisnutzer verspielen die wertvolle Gelegenheit, sich für die Chancen einer Web-Ökonomie zu öffnen. Sie arbeiten der Entwicklung zu einer mobilen, globalen Zukunftsgesellschaft entgegen, wenn sie bloß für materielle Güter oder daran gekoppelte Produkte Preise tolerieren, für Web-Leistungen jedoch nicht.

Eine neue Gesellschaft entledigt sich des physischen Ballasts und vermeidet es, unter hohem Ressourcenaufwand technische Apparate zu produzieren, die eines Tages verschrottet werden, um neue Produktionen anzukurbeln. Das WWW ist die umweltfreundlichere, schlankere und elegantere Alternative zur Geräteherstellung. Insbesondere, wenn es darum geht, informierende und unterhaltende Inhalte zu transportieren, ist das WWW unschlagbar in seiner Schnelligkeit, Kostengünstigkeit und Speicherkapazität. Wer braucht noch Festplatten, DVDs oder CDs, wenn das WWW alles von überall und jederzeit abrufbar bereithält. Ein festes oder ein mobiles Gerät mit Online-Zugang reichen aus, um digitale Güter zu transportieren. Datenträger sind nur überflüssige Zwischenspeicher. Wer geschlossene Gärten, also Software-Hardware-Gefängnisse, propagiert, verrät außerdem die Tugenden des WWW, Flexibilität, Offenheit, Vernetzung, Interaktivität. Wer nicht auch für digitale Leistungen zu zahlen bereit ist, beraubt sich langfristig der Möglichkeit unkompliziert über das Web auf sie zugreifen zu können. Christian Stöcker /Der Spiegel verweist darauf, dass „Torwächter“-Unternehmen für die mobile, digitale Welt bereits gelernt haben, wovon ja deren App-Politik zeugt.

Die Netzgesellschaft

Frankfurt, LPR

Statt rückwärts zu blicken, feierte die LPR Hessen ihr 20jähriges Bestehen am 4. November 2009 mit einem Blick in die Zukunft. Keynotespeaker Peter Kruse, Psychologieprofessor und Unternehmensberater aus Bremen, sprach davon, dass die Netzwerkkompetenz künftig die Medienkompetenz ablöse. Darin, dass man dem Internet und selbst seinen teils negativen Auswüchsen mit den Werkzeugen der Rundfunkaufsicht nicht beizukommen vermag, waren sich die Teilnehmer der anschließenden Debatte einig. Zum Thema „Revolution 2.0“ diskutierten die Medienökonomin Gisela Schmalz, die Kommunikationswissenschaftlerin Ingrid Paus-Hasebrink, Ulrike Reinhard, Mitinitiatorin der Plattform DNAdigital, Ibrahim Evsan, Mitbegründer der Videoplattform sevenload und LPR-Direktor Wolfgang Thaenert. Auch Ministerpräsident Roland Koch äußerte in seiner abschließenden Rede, dass die Kontrolle durch die Landesmedienanstalten schwieriger werde. Er schrieb ihnen jedoch während der Übergangszeit eine wichtige Vermittlerrolle zu.

In den Einzelinterviews mit Peter Kruse (ab Min. 1,30), Wolfgang Thaenert (ab Min. 8), Roland Koch (ab Min. 19), Gisela Schmalz (ab Min. 20,30) oder Ibrahim Evsan (ab Min. 22) kommen die unterschiedlichen Standpunkte der Podiumsteilnehmer deutlich heraus.

Hände weg, Vater Staat

Einige deutsche Medienkonzernlenker wehren sich gegen die Restrukturierung ihrer Geschäfte und ihrer Geschäftsmodelle. Sie fordern alternierend neue Gemas, Leistungsschutzrechte, Steuererleichterungen für den Medienkonsum oder erwägen gar die Kulturflatrate. Mit  ihrem Widerstand gegen die Netzlogik und ihrem Griff nach Instrumenten aus uralter Zeit gefährden sie ihre Unternehmen und ihre Mitarbeiter, statt sie zu schützen, indem sie sie digital sattelfest machen. Die digitale Technologie und deren Nutzer, die einst ihre Kunden waren, laufen ihnen davon. Das liegt aber nicht an der Technologie, sondern an ihrer Ignoranz gegenüber der Nutzergemeinde und ihrer Zeitschinderei durch den Ruf nach Vater Staat.

© gsc

Medienunternehmer sollten die Nutzer und die neuen Technologien herzlich umarmen, End- und Werbekunden als Partner einbinden, Abendschulkurse im Programmieren belegen und mit Entwicklern oder Technikunternehmen kooperieren. Medien- und Onlineunternehmen, die mit zeitgemäßen Produkten, Plattformen und Preismodellen experimentieren, wären dabei taugliche Vorbilder. Während das Wallstreet Journal mit fachspezifischen Inhalten Geld einnimmt, bieten USA Today, Burda und seine US-Partner mit Glam oder die WAZ-Gruppe mit Der Westen ihren Abonnenten und anderen Interessenten Plattformen an, die es erlauben, Artikel, Kommentare und Bewertungen zu verwalten und mit anderen Nutzern in Kontakt zu treten. Die New York Times mutiert zum Technologieentwickler, erfindet Inhalte-Aggregatoren und testet sie zusammen mit ihrer Leserschaft. Paid Content funktioniert bei so manchen Film- und Musikportalen. Konkurrenz und zugleich Vorbilder für Medienunternehmen sind nicht nur Projekte aus den eigenen Branchen, sondern auch originär digitale Phänomene wie huffingtonpost.com, iBrattleboro.com, ohmynews.com oder GoogleNews, die Qualitätsinhalte liefern oder Inhalte zu Appetithäppchen bündeln. Auch Gamepublisher und Onlinespiele-Anbieter gehören zu den Wettbewerbern, von denen sich lernen läßt. Ihnen gelingt es mittels eigener Ideen und Ideen aus ihrer Zielgruppe, nicht nur die (zahlende) Zielgruppe selbst, sondern auch Werbekunden oder Sponsoren an sich zu binden.

Inhalteanbieter müssen sich zu den Nutzern vorbewegen. Sie haben die dringende Hausaufgabe auf dem Tisch, ihre Produkte an Onlinetechnologien, Plattformen und Bezahlsysteme anzudocken, sowie Widgets, Apps oder Items zu implementieren. Auch hier ist die Einbeziehung der Nutzer wieder die wichtigste Erfolgsvoraussetzung. Erstens können im Dialog die Bedürfnisse der Nutzer ausgemacht werden, zweitens von ihnen Ideen oder Technologien eingesammelt werden, und drittens richtet sich die Entwicklung von Anfang an auf die Nutzer aus. So kann bei der Definition von Produkten und Preisen optimal auf die Kundenbedürfnisse eingegangen werden, was langfristige Beziehungen aufbauen hilft. Unternehmen sollten Fangemeinden um sich scharen und Kunden nicht mit Gesetzesdrohungen oder Zwangsgebühren verschrecken. Warum den Staat zwischen sich und den Nutzer stellen, wenn man ihn mal eben über das Netz kontaktieren kann?

Einfach wird es für Medienunternehmer nicht, originelle Mixmodelle zu zimmern, mit denen sich aus Content, Kontext und Nutzern größtmöglicher Wert schöpfen lässt. Wer aber an den Zielgruppen vorbei operiert, schaufelt sich sein Grab. Das dürfte bekannt sein, seit der Satz „Der Kunde ist König“ jedes Marketingbuch veredelt. Beim Abfassen aller Geschäftspläne muss die Sinnhaftigkeit für die Nutzer federführend sein.