Gruppennarzissmus

“When all think alike, then no one is thinking.”
Walter Lippmann

 

 

Das Projekt „Ich“ der narzisstischen Gesellschaft entpuppt sich als Sackgasse: Ein schwaches Selbst erfährt auch durch strikte Selbstkontrolle keine Stärkung. Der delphische Spruch „erkenne dich selbst“ und Pindars Satz „werde, der du bist“ haben das Individuum nicht weitergebracht. Die freie Selbstverwirklichung ist keine. Die Verheißung der Freiheit, alles haben und sein zu können, hat den Einzelnen unfrei gemacht.

Narziss_Benczur-narcissus_II_-commons.wikimedia.org
Die Marketingindustrie hat die Freiheit für ihre Zwecke instrumentalisiert. Ihre Opfer sind alle, die Werbeversprechen à la „just do it“ (NIKE, 1987) gefolgt sind. In „The Malaise of Modernity“ von 1991 bemerkte der kanadische Philosoph Charles Taylor, der „Individualismus der Selbstverwirklichung“ mache blind für Probleme jenseits des Selbst. Menschen fehle das moralische Fundament, um Werturteile zu fällen. Tatsächlich kann Subjektivismus in einen Werterelativismus münden. Auch wird er zur Belastung, weil er zur Vereinzelung und zu Beziehungsstörungen führt. Einzelgänger mit fragilem Wertegerüst sind nicht fähig, ihre Freiheit selbstbestimmt zu nutzen und ihr Leben aktiv zu gestalten. Sie suchen Orientierung und Halt außerhalb ihrer selbst – und werden verführbar.

Der Narziss des 21. Jahrhunderts begnügt sich nicht länger mit Selbstbespiegelung. Er will raus. Er will mehr als bloß Bild und Hirngespinst für sich und andere sein. Er will sich spüren, einen Körper haben und die Wärme der Gruppe empfinden. Der Schritt hinaus ist eine Bewegung zu Anderen und zu etwas Anderem, zum Konkreten, zum Physischen. Das Individuum will nicht länger einsam sein. Es schließt sich Weggefährten an, die ihm Sinn und Bestätigung verschaffen und nebenbei sein schwaches Selbstbild aufpäppeln.

 

1024px-HK_Causeway_Bay_Kai_Chiu_Road_3_male_model_outdoor_photography_Haysan_Place_fans_Aug-2012 Von Natalitiameom CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

 

 

 

Models Araceli_Angielle_Jimenez Von Instinc models CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei ihrer Orientierungssuche folgen die Erben der narzisstischen Gesellschaft größtenteils nicht der Leitidee der Kommunitaristen. Sie organisieren sich nicht, um auf Basis gemeinschaftlicher Werte „das Gute“ in die Welt zu bringen. Es bricht kein Zeitalter des Gemeinsinns an. Dazu sitzen die Vereinzelungserfahrungen, das Misstrauen gegenüber anderen und die Verantwortungsscheu zu tief. Die kulturelle Prägung der narzisstischen Wirtschaftsgesellschaft lässt sich nicht so einfach abstreifen. Das Talent, sich zu nährenden Gemeinschaften zusammenzuschließen, fällt nicht vom Himmel.
Verunsichert über ihre Position im komplizierten Weltgefüge werden Einzelne vielmehr anfällig für Gruppen mit ausgeprägtem Image und eindrucksvollen Führungspersönlichkeiten. Moralisch haltlose Individuen sind bereit, ihre alte gegen eine neue Form von Fremdbestimmung einzutauschen. Ihnen fehlt die Unterscheidungsfähigkeit zwischen guten und schlechten Gruppen. Also orientieren sie sich an der Popularität des Angebots. Cool, tough oder moralisch überlegen wirkende Gemeinschaften sind besonders attraktiv. Da wollen sie dazugehören. Doch wer sich aus einer Ohnmacht heraus einer vom Gruppennarzissmus erfassten Gemeinschaft anschließt, begibt sich in Gefahr. Ein schwaches Individuum bleibt auch hier schwach und wird oft weiter geschwächt. Das liegt an der Mechanik des Gruppennarzissmus.

Army Les_'Aito_du_511_ème_régiment_du_train By Sebdicam, Sébastien Joly -CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

Hier überlagern kollektive Gefühle von Sicherheit, Stärke und Gruppenstolz das individuelle Ohnmachtsempfinden. Der und die Einzelne lassen sich von den Gefühlen und Meinungen der Gruppe mitreißen und betäuben. Im Kreis der Anderen erleben sie sich als mächtig. Doch tiefsitzende Ängste bleiben. Die Gruppe wird übermächtig, das Individuum von ihr abhängig und manipulierbar. Gruppennarzissmus vernebelt das Denken. Er unterminiert die rationale Wahrnehmung und Kritikfähigkeit des Einzelnen. Das Individuum übernimmt die Wahrheiten der Gruppe. Es unterliegt einer neuen Fremdbestimmung.
Der 24-jährige Hauptschüler Nils D. war schon mit 15 Vater geworden und flüchtete sich in Drogen und Alkohol. Dann schloss er sich der Salafistengemeinschaft in seinem Heimatort Dinslaken an. Mit seiner neuen Clique „Lohberger Brigade“, reiste er nach Syrien, um hier für die Terrororganisation IS zu kämpfen. Im Netz postete Nils D. martialische Fotos von sich und seiner Brigade. Die Bilder zeigen, dass Nils D. sein Losergefühl gegen den gefährlichen Gruppennarzissmus beim IS eingetauscht hat.

 

Was bedeutet Gruppennarzissmus? Wie wirkt er? Gruppennarzissmus ist die irrationale Überzeugung von der Großartigkeit der Gruppe, der man selbst angehört. Was beim individuellen Narzissmus die überzogene Selbstliebe ist, stellt beim Gruppennarzissmus die übertriebene Liebe zur Gruppe dar. Im Kollektiv entsteht ein moralisches Überlegenheitsgefühl, das jedes Mitglied ansteckt. Gruppenteilnehmende glauben daran, dass die eigene Gruppe besser, wichtiger oder mächtiger als andere Gruppen sei. Sie fühlen sich als Avantgarde und wollen die Außenwelt davon in Kenntnis setzen. Gruppennarzissmus motiviert jedes Mitglied zur Hingabe an die Gruppe. Wenn aber der innere Gruppenzusammenhalt fragil ist, bedarf die Gruppe der Stärkung von außen – über gemeinsame Symbole und Slogans oder aber über ein gemeinsames Feindbild. Die Aufwertung der eigenen Gruppe geht oft mit der Abwertung anderer einher.

 

Verschiedene Porträtaufnahmen von Charakterköpfen, gesammelt im Rassepolitischen Amt der NSDAP
Verschiedene Porträtaufnahmen von Charakterköpfen, gesammelt im Rassepolitischen Amt der NSDAP

 

Gruppennarzissmus schürt Aggressionen gegen Dritte. Er kann zum Wettbewerb mit anderen Mannschaften, Unternehmen oder Marken führen, aber auch zur Feindschaft gegenüber anderen Parteien oder Bevölkerungsgruppen. In der Gruppe verstärken sich alle Eigenschaften des individuellen Narzissmus. Stärker werden positive Gefühle wie Begeisterung und auch negative Gefühle wie Hass. Der narzisstische Drang zur Außendarstellung kann zu Werbezwecken dienen, etwa wenn ein Unternehmen neues Personal sucht. Er kann aber auch in aggressive Propaganda gegen andere Gruppen umschlagen.

Gruppennarzissmus kann überall ausbrechen – in Parteien, in Unternehmen, in Vereinen, in Glaubensgemeinschaften, in Universitäten, in Forschungsgruppen, in Künstlervereinigungen, in Sportmannschaften oder beim Militär. Er kann temporär auflodern und dann nachlassen oder langfristig bestehen.

 

 

 

 

Erich_Fromm_1974 Müller-May, Rainer Funk, via Wikimedia CommonsDer Begriff Gruppennarzissmus (auch kollektiver oder sozialer Narzissmus) wurde dennoch bislang kaum beleuchtet. Den Begriff „collective narcissism“ führte Erich Fromm 1973 ein. In „The Anatomy of Human Destructiveness“ betrachtete der Sozialpsychologe den Gruppennarzissmus im Zusammenhang mit der übersteigerten Liebe zur eigenen Nation. Leider entging ihm dabei der Unterschied zwischen Gruppennarzissmus und Ethnozentrismus. Fromm argumentierte aus seiner Erfahrung des deutschen Faschismus heraus. „Gruppennarzissmus ist eine der wichtigsten Ursachen für menschliche Aggression,“ schrieb Fromm. Er nannte den Gruppennarzissmus „semipathologisch“ und erkannte im Gruppennarzissmus den Nährboden für destruktive Kräfte.

 

Zum echten Problem werde Gruppennarzissmus, sobald „zwei narzisstische Gruppen in Konflikt geraten.“ Tatsächlich neigen Gruppennarzissten dazu, sich Feinde zu suchen. Ein starkes Feindbild stärkt den Zusammenhalt der eigenen Gruppe. Belege dafür liefern die  Dinslakener Salafisten, die NSU um Beate Zschäpe, die RAF oder die Weathermen. Problematisch beim destruktiven Gruppennarzissmus ist die Manipulation der Meinung und der Gefühle der Mitglieder durch die Gruppe. Todd Strassers Roman „The Wave“ von 1981 und seine Verfilmungen behandeln das Gruppenexperiment in einer Schulklasse. Ein Lehrer beeinflusst seine Schüler, bis sie unter Selbstverleugnung nur noch als Gruppenmitglieder fühlen, denken und handeln. Der Versuch setzt einen brutalen Gruppennarzissmus frei. Er bringt Schüler dazu, die Gruppe mit Gewalt gegen Außenseiter zu verteidigen.

 

Der westliche Kapitalismus eröffnete Freiräume. Er lieferte den Menschen jedoch keine brauchbaren Instrumente dafür mit, um mit dieser Freiheit sinnvoll umzugehen. Parallel zur Ausweitung des Liberalismus erodierten alte Verlässlichkeiten. Glaube, Heimat, Ehe, Familie oder ein fester Arbeitsplatz sind keine Selbstverständlichkeit mehr. Wenn Individuen eine existentielle Verunsicherung erleben und von Zukunftsängsten geplagt sind, zeigt das auch das Versagen von Wirtschafts-, Sozial- und Bildungspolitik.

 

Die hochkomplexe, hochdynamische Weltwirtschaft überfordert die Menschen. Ein fehlendes Wertefundament und fehlende äußere Sicherheiten brachten in der Zeit des Ausatmens nach dem Zweiten Weltkrieg verunsicherte und konsumfixierte Einzelgänger hervor. Den Mangel an Vertrauen in ihre Mitmenschen und in eine sie tragende Gesellschaft kompensierten sie mit narzisstischer Selbstoptimierung. Wer dabei nicht depressiv wird, wird aggressiv und sucht sich aggressive Kumpanen. Die vermeintlich starke Gruppe dient dazu, die individuelle Ohnmacht zu betäuben.
In Gesellschaften, aus denen Bürger ausbrechen, um sich radikalen Gruppen in West oder Ost anzuschließen, erblüht ein neuer Narzissmus, der Narzissmus der Gruppe. Sobald destruktiver Gruppennarzissmus seine Blüten treiben kann, stehen die Errungenschaften der Zivilisation und die Werte der Aufklärung zur Disposition.

Die Ursachen für destruktiven Gruppennarzissmus liegen beim Individuum und in der Gesellschaft. Problemlösungen müssen bei der Wechselwirkung von Individuum und Gesellschaft ansetzen. Freiheit verlangt jedem Einzelnen ein hohes Maß an Integrität ab. Mit Freiheit umzugehen, erfordert ethisches Urteilsvermögen, kritisches Denken, Eigenverantwortlichkeit, Empathie, Selbstvertrauen und Mut. Solche Fähigkeiten lassen sich nicht einsam vor dem Spiegel oder am Tablet erlernen. Sie müssen mit anderen eingeübt werden – im Idealfall in einer Umgebung, die annähernd multikulturell wie die globale Welt strukturiert ist.
Integration gelingt nur zwischen Menschen, die einander respektieren. Gruppenbildungen und Streitereien sind dabei wichtige Faktoren. Doch nicht der Kampf gegeneinander, sondern der demokratische Austausch zwischen Einzelnen und zwischen Gruppen garantiert Frieden und Freiheit. Damit ein Krieg zwischen Gruppen wie im Nahen Osten nicht auch den Westen erfasst, müssen die Wurzeln für destruktiven Gruppennarzissmus erkannt und gekappt werden.

 

© Gisela Schmalz

2.8.2016

Augenwischerei-Pads – die überflüssige Renaissance des Physischen

Apple bringt also dieses glatte Ding, erst Tablet, jetzt Pad genannt, für 499 bis 699 $ (EU wie $) auf den Markt, das aussieht wie ein iPhone mit der Lupe betrachtet. Es kann digitale Fotos, Videos, Musik, Spiele und E-Books verarbeiten. Man sollte jedoch nicht versuchen, es ans Ohr zu halten oder es anzureden, um zu telefonieren, bevor man nicht selbst zuvor Skype aufgespielt hat.

iPad-Quelle: Apple

Der Witz ist sowieso nicht das Gerät selbst, jedenfalls nicht lange, da Apple gewiss schon ein iPad nano, iPad pro oder iPad power oder wie die Apple-Nachsilben alle heißen, in petto hat. Der Witz ist das eingebaute Geschäftsmodell. Mit dem vermeintlich coolen Tisch- und Traggerät pflanzt Apple sich einen eingemauerten Garten, einen Walled Garden, bei dem digitale Inhalte an ein physisches Gerät gebunden werden. Mit den Software-Hardware-Paketen iTunes-iPod, iTunes-iPhone und App-Store-iPhone bestellt Apple bereits florierende Gärten mit Musik, Videos und Apps, die nicht nur direkte Wettbewerber von der Inhalte-Wertschöpfung ausschließen.

Der aus dem Hardwaregeschäft kommende Konzern Apple erschließt sich mit dem iPad nun auch den Buchmarkt und grätscht dabei zunächst in den Kindle-Garten von Amazon. Während Amazon digitale Bücher zum Preis von maximal 9,99 $ anbietet und beträchtliche Provisionen einbehält, lockt Apple Autoren und Verleger mit Preisen von bis zu 14,99 $ pro Buchdownload und verspricht 70-prozentige Abgaben für Urheber. Zieht Apple die Inhaltelieferanten damit in seinen iPad-Garten, könnte das den Kindle-Garten von Amazon dauerhaft vergiften. Apple würde blühen und blühen und eines Tages in anderen Gärten (Onlineplattformen) nicht mal mehr Gras wachsen.

Genau vor einem Jahr machte ich mit dem Text „Spielplatz oder Marktplatz“ bereits auf das Problem der Höherbewertung physischer Güter im Vergleich zu immateriellen Gütern aufmerksam. Menschen bezahlen eher für Gimmicks wie den Nindendo DS, die Xbox 360, das Kindle, das iPod, iPhone oder iPad, statt für digitale Texte, Bilder, Töne oder Filme. Wer die Urheber von Webinhalten überhaupt entlohnt, zahlt bloß winzige Preise, deren Hauptanteile aber schon heute meist großen Downloadplattformen wie Apple oder Paymentanbietern wie eBay (Paypal) zufließen. Als Softwarebereitsteller, Geräteproduzenten und Gartenwächter verdienen sie weit mehr als Urheber, die immaterielle Informations- und Unterhaltungsarbeit leisten.

Dabei ermöglicht das WWW doch weit innovativere und urheberfreundlichere Handelsstrukturen als die Offlinewelt sie kennt, darunter das Ausklinken der Zwischenhändler. Das WWW und die hier verfügbare Vermarktungs- und Bezahlsoftware bietet Journalisten und Künstlern direkten Zugang nicht nur zu Lesern, Hörern und Zuschauern, sondern auch zu Kunden. Doch leider ist ihnen das WWW als direkter Distributionskanal verstellt, da sie, sobald es ums Zahlen geht, auf die Ignoranz der Nutzer stoßen. Wer als Künstler nicht im iTunes-Store vertreten ist, ist von der digitalen Nahrungskette und vom Geld der Nutzer weitgehend abgeschnitten. Viele geistige Arbeiter sind daher gezwungen, sich jenseits des eigentlich offenen Gartens WWW in der physischen Welt abzustrampeln, auf Konzerttouren oder iPad (ehemals Buch-)Lesungen oder in berufungssfernen Feldern, beispielsweise als Verkäufer in Geschäften, die iPods oder iPads feilbieten.

In „Spielplatz statt Marktplatz: Gratisweb“ schrieb ich bereits über die Folgen dieser Augenwischerei-Pads für die Urheber und die Nutzer, die sich mit ihrem kurzsichtigen Gratis- oder iTunes-Konsum selbst vom freien Datenzugang im WWW abschneiden:

In seinem Buch „The Future of the Internet and how to stop it“ warnt der amerikanische Rechtsprofessor und Anwalt Jonathan Zittrain vor solchen ummauerten Gärten. Spielzeuge wie das iPhone, der BlackBerry, die PlayStation und fest zu diesen Geräten gehörige Applikationen, verhinderten, dass Nutzer Software und Content selbst aktiv mit gestalteten und verbesserten. Er spricht in dem Zusammenhang vom Tod des Internet. Das kreative Chaos, das im Web herrsche, würde durch feste Installationen auf Geräten abgetötet. Die Renaissance des Physischen stellt einen Rück- und keinen Fortschritt dar. Gratisanbieter und Gratisnutzer verspielen die wertvolle Gelegenheit, sich für die Chancen einer Web-Ökonomie zu öffnen. Sie arbeiten der Entwicklung zu einer mobilen, globalen Zukunftsgesellschaft entgegen, wenn sie bloß für materielle Güter oder daran gekoppelte Produkte Preise tolerieren, für Web-Leistungen jedoch nicht.

Eine neue Gesellschaft entledigt sich des physischen Ballasts und vermeidet es, unter hohem Ressourcenaufwand technische Apparate zu produzieren, die eines Tages verschrottet werden, um neue Produktionen anzukurbeln. Das WWW ist die umweltfreundlichere, schlankere und elegantere Alternative zur Geräteherstellung. Insbesondere, wenn es darum geht, informierende und unterhaltende Inhalte zu transportieren, ist das WWW unschlagbar in seiner Schnelligkeit, Kostengünstigkeit und Speicherkapazität. Wer braucht noch Festplatten, DVDs oder CDs, wenn das WWW alles von überall und jederzeit abrufbar bereithält. Ein festes oder ein mobiles Gerät mit Online-Zugang reichen aus, um digitale Güter zu transportieren. Datenträger sind nur überflüssige Zwischenspeicher. Wer geschlossene Gärten, also Software-Hardware-Gefängnisse, propagiert, verrät außerdem die Tugenden des WWW, Flexibilität, Offenheit, Vernetzung, Interaktivität. Wer nicht auch für digitale Leistungen zu zahlen bereit ist, beraubt sich langfristig der Möglichkeit unkompliziert über das Web auf sie zugreifen zu können. Christian Stöcker /Der Spiegel verweist darauf, dass „Torwächter“-Unternehmen für die mobile, digitale Welt bereits gelernt haben, wovon ja deren App-Politik zeugt.

Die Netzgesellschaft

Frankfurt, LPR

Statt rückwärts zu blicken, feierte die LPR Hessen ihr 20jähriges Bestehen am 4. November 2009 mit einem Blick in die Zukunft. Keynotespeaker Peter Kruse, Psychologieprofessor und Unternehmensberater aus Bremen, sprach davon, dass die Netzwerkkompetenz künftig die Medienkompetenz ablöse. Darin, dass man dem Internet und selbst seinen teils negativen Auswüchsen mit den Werkzeugen der Rundfunkaufsicht nicht beizukommen vermag, waren sich die Teilnehmer der anschließenden Debatte einig. Zum Thema „Revolution 2.0“ diskutierten die Medienökonomin Gisela Schmalz, die Kommunikationswissenschaftlerin Ingrid Paus-Hasebrink, Ulrike Reinhard, Mitinitiatorin der Plattform DNAdigital, Ibrahim Evsan, Mitbegründer der Videoplattform sevenload und LPR-Direktor Wolfgang Thaenert. Auch Ministerpräsident Roland Koch äußerte in seiner abschließenden Rede, dass die Kontrolle durch die Landesmedienanstalten schwieriger werde. Er schrieb ihnen jedoch während der Übergangszeit eine wichtige Vermittlerrolle zu.

In den Einzelinterviews mit Peter Kruse (ab Min. 1,30), Wolfgang Thaenert (ab Min. 8), Roland Koch (ab Min. 19), Gisela Schmalz (ab Min. 20,30) oder Ibrahim Evsan (ab Min. 22) kommen die unterschiedlichen Standpunkte der Podiumsteilnehmer deutlich heraus.

Hände weg, Vater Staat

Einige deutsche Medienkonzernlenker wehren sich gegen die Restrukturierung ihrer Geschäfte und ihrer Geschäftsmodelle. Sie fordern alternierend neue Gemas, Leistungsschutzrechte, Steuererleichterungen für den Medienkonsum oder erwägen gar die Kulturflatrate. Mit  ihrem Widerstand gegen die Netzlogik und ihrem Griff nach Instrumenten aus uralter Zeit gefährden sie ihre Unternehmen und ihre Mitarbeiter, statt sie zu schützen, indem sie sie digital sattelfest machen. Die digitale Technologie und deren Nutzer, die einst ihre Kunden waren, laufen ihnen davon. Das liegt aber nicht an der Technologie, sondern an ihrer Ignoranz gegenüber der Nutzergemeinde und ihrer Zeitschinderei durch den Ruf nach Vater Staat.

© gsc

Medienunternehmer sollten die Nutzer und die neuen Technologien herzlich umarmen, End- und Werbekunden als Partner einbinden, Abendschulkurse im Programmieren belegen und mit Entwicklern oder Technikunternehmen kooperieren. Medien- und Onlineunternehmen, die mit zeitgemäßen Produkten, Plattformen und Preismodellen experimentieren, wären dabei taugliche Vorbilder. Während das Wallstreet Journal mit fachspezifischen Inhalten Geld einnimmt, bieten USA Today, Burda und seine US-Partner mit Glam oder die WAZ-Gruppe mit Der Westen ihren Abonnenten und anderen Interessenten Plattformen an, die es erlauben, Artikel, Kommentare und Bewertungen zu verwalten und mit anderen Nutzern in Kontakt zu treten. Die New York Times mutiert zum Technologieentwickler, erfindet Inhalte-Aggregatoren und testet sie zusammen mit ihrer Leserschaft. Paid Content funktioniert bei so manchen Film- und Musikportalen. Konkurrenz und zugleich Vorbilder für Medienunternehmen sind nicht nur Projekte aus den eigenen Branchen, sondern auch originär digitale Phänomene wie huffingtonpost.com, iBrattleboro.com, ohmynews.com oder GoogleNews, die Qualitätsinhalte liefern oder Inhalte zu Appetithäppchen bündeln. Auch Gamepublisher und Onlinespiele-Anbieter gehören zu den Wettbewerbern, von denen sich lernen läßt. Ihnen gelingt es mittels eigener Ideen und Ideen aus ihrer Zielgruppe, nicht nur die (zahlende) Zielgruppe selbst, sondern auch Werbekunden oder Sponsoren an sich zu binden.

Inhalteanbieter müssen sich zu den Nutzern vorbewegen. Sie haben die dringende Hausaufgabe auf dem Tisch, ihre Produkte an Onlinetechnologien, Plattformen und Bezahlsysteme anzudocken, sowie Widgets, Apps oder Items zu implementieren. Auch hier ist die Einbeziehung der Nutzer wieder die wichtigste Erfolgsvoraussetzung. Erstens können im Dialog die Bedürfnisse der Nutzer ausgemacht werden, zweitens von ihnen Ideen oder Technologien eingesammelt werden, und drittens richtet sich die Entwicklung von Anfang an auf die Nutzer aus. So kann bei der Definition von Produkten und Preisen optimal auf die Kundenbedürfnisse eingegangen werden, was langfristige Beziehungen aufbauen hilft. Unternehmen sollten Fangemeinden um sich scharen und Kunden nicht mit Gesetzesdrohungen oder Zwangsgebühren verschrecken. Warum den Staat zwischen sich und den Nutzer stellen, wenn man ihn mal eben über das Netz kontaktieren kann?

Einfach wird es für Medienunternehmer nicht, originelle Mixmodelle zu zimmern, mit denen sich aus Content, Kontext und Nutzern größtmöglicher Wert schöpfen lässt. Wer aber an den Zielgruppen vorbei operiert, schaufelt sich sein Grab. Das dürfte bekannt sein, seit der Satz „Der Kunde ist König“ jedes Marketingbuch veredelt. Beim Abfassen aller Geschäftspläne muss die Sinnhaftigkeit für die Nutzer federführend sein.

Kultur? Flatrate? Eine 3sat-Diskussion

Das Internet und die Kulturflatrate: Im Buchmesse-„Studio“ von 3sat begrüßte Cécile Schortmann am 16.10.2009 vier Gäste, die sich intensiv mit den Vor- und Nachteilen der Idee auseinandersetzen: die Medienökonomin Gisela Schmalz, den Schriftsteller Burkhard Spinnen, den Verleger Günter Berg, Geschäftsführer von Hoffmann und Campe und den Journalisten Wolfgang Michal.

Gespräch Teil 1: hier herunterladen.

Gespräch Teil 2: hier herunterladen.

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Freiheit statt Angst – Demonstration in Berlin

Jede Woche ist das Nadelöhr zwischen Philharmonie und Bundestag, also das Areal Potsdamer Platz in Berlin, mindestens zweimal gesperrt. Am Samstag, dem 12.9.9 ist die Straße wieder zu. Diesmal fährt kein Staatsgast hindurch und auch kein wichtiger deutscher Politiker, sondern Bürgervertreter beanspruchen diesen heiligen, straßengesperrten Ort mit allen Polizeikräften drum herum, die sonst nur Politikern vergönnt sind. Bürgerrechtler aus Deutschland und anderen Ländern sowie Mitglieder von Verbänden und diverser Parteien, darunter von den Grünen, der FDP und der Piratenpartei demonstrieren gegen die Überwachung und Datenspeicherung durch den Staat und Unternehmen. Ihr Motto heißt etwas pathetisch „Freiheit statt Angst“, was für Nichtsahnende vielleicht verwirrend ist.

Von fern am kenntlichsten sind die orangefarbenen Fahnen der Piratenpartei. Das liegt gewiss daran, dass diese auffallend oft schwarz tragenden und (für Parteifunktionäre) auffallend jungen Fahnenschwenker, die sich Privatsphäre und Datenschutz eben auf diese Fahnen geschrieben haben, zuhauf angereist sind.

Piraten GS Berlin 12.9.9

Die Piraten treten für eine weitgehende Freiheit der Bürger und so auch für die Freiheit im Netz an. Zu Recht setzen sie sich gegen den Sicherheitswahn öffentlicher und privater Organisationen ein, welche argumentieren, Daten zu sammeln, um Bürger zu schützen. Doch wovor sollen deutsche Bürger geschützt werden? Vor Kriminalität hört man von (Noch-)Regierungsseite und gibt wertvolle Steuergelder für unsinnige und freiheitsbeschränkende Überwachungstechnologien und –strukturen aus. Macht man das, weil die Amerikaner das mit dem Speichern auch machen? Versucht man, mit ähnlicher Angstmacherei vor Terroristen, anderen Fremden und noch ungeahnten Übeln wie sie die US-Regierung unter Bush betrieb, die Deutschen einzuschüchtern, damit sie ihre Daten von selbst ausliefern? Wieso sollten Bürger, daran interessiert sein, ausspioniert zu werden? Vielleicht sollten Polizei, Geheimdienste, Militär und Politik mal genauer arbeiten und gezielt identifizieren, von wem es sich lohnt, Daten zu haben. Willkürliche, flächendeckende Vorratsdatenspeicherung braucht nicht nur Deutschland nicht.

Kulturflatrate: Thomas Brussig, Monika Griefahn, Sascha Lobo, Hans-Joachim Otto und Gisela Schmalz diskutieren

Der Berliner Autor Thomas Brussig, der sich vor allem mit dem Drehbuch für den Film „Sonnenallee“ einen Namen gemacht hat, hat eine Lanze für die derzeit heiß diskutierte Kulturflatrate gebrochen. Allerdings sieht der Schriftsteller in dem Modell weniger ein Mittel zur Legalisierung von Filesharing geschützter Werke. Mit der Einführung der neuen Pauschalgebühr „zahlen wir für ein qualitativ hochwertiges Internet“, sagte Brussig bei einer Podiumsdiskussion am Mittwochabend beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Berlin. Die ihn weniger überzeugende Alternative sei ein Medium voller Mautstationen, in dem der Nutzer vor fast allen Inhalten zur Kasse gebeten werde….. mehr bei Heise.de

Individuell, gemeinsam, offen (These 15)

Nichts geht in einer YES ECONOMY ohne die Nutzer/Anwender/Konsumenten. Sie bestimmern nicht länger bloß die Konsum- sondern zunehmend auch die Produktions- und Distributionsprozesse. Open Innovation, Mass Customization und Crowdsourcing prägen das WWW von heute und der Zukunft, weshalb Unternehmen/Onlineunternehmen/Onlineanbieter ihre Strukturen mehr und mehr für (onlinekompetente) Nutzer und Pronliner mit eigenen Geschäftsmodellen öffnen müssen. Nutzer und Anbieter werden künftig zu Partnern, wenn sie nicht schon, wie die Pronliner, beides in Userunion sind.

Berlinkaraoke ©gs

Netz der Monopole (These 10)

Eine NO ECONOMY begünstigt die Entstehung von Monopolen: in einem Web ohne Regeln, ohne Preise und ohne Urheberschutz können umsatzstarke Onlineunternehmer auf Basis der Gratisleistungen Dritter, etwa  kreativer Hobbyuploader, oder durch den Kauf professioneller Onlineleistungen starke Marken schaffen. Diese wirken dann im Web wie Filter und ziehen nicht nur die Aufmerksamkeit von Endnutzern auf sich, sondern auch die von Werbekunden und anderen Investoren.

Monopoly (These 11)

Markenanbieter ziehen die meisten Nutzer und Werbekunden oder Kapitalinvestoren auf ihre Webseiten, generieren höhere (Werbe-)Umsätze, kaufen mehr digitale Qualitätsleistungen ein (Technologien, Content), investieren noch mehr in Markenbildung, ziehen noch mehr Nutzer und Werbekunden an und verdrängen konsequent unbekannte Kleinanbieter. In dieser Aufwärtsspirale entwickeln sich Webmonopolisten.