WER WILL WELCHES INTERNET?

Gut, dass vor der Entscheidung über die EU-Urheberrechtsreform am 26. März 2019 weit und breit debattiert wurde. Aber wie die Diskussionen geführt wurden, war befremdlich – in trocken sachlicher Bürokraten- und Juristensprache einerseits und mittels Rhetorik und Kurzformeln wie „Memes“, „Uploadfilter, „Zensur“, „censorship machine“ und „link tax“ andererseits. Beidseitig, bei vielen Befürwortern und bei vielen Gegnern der Urheberrechtsreform in ganz Europa, fehlte offenbar das Interesse an den Argumenten der Gegenseite plus die nötige Sachkenntnis auf deren Feldern.

 

(Demonstration gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform, Köln, 2019-03-23, By Geolina163 – Own work, CC BY-SA 4.0)

 

Da wurden Chancen verpasst. Es könnte ja sein, dass die zwei Gruppen am Ende dasselbe wollten. Durch das Aneinander-vorbei-Reden oder –Agitieren wurden Fronten geschaffen, von denen vor allem eine dritte Partei profitiert – die aktuell das Internet definierenden und dominierenden, werbetreibenden Techkonzerne.

Da weiter diskutiert werden muss, um ein Netz von Nutzenden für Nutzende (wieder) zu reklamieren und (endlich) zu schaffen, gilt es, sachlich über sämtliche Aspekte der Digitalisierung aufzuklären.

Jeder und jede, die dazu beitragen will, ein zukünftiges Netz ohne Machtasymmetrien und mit fairen Regeln zu schaffen, sollte versuchen, die eigene Internetkompetenz weiter zu stärken. Internetkompetenz besteht m. E. aus mehreren Einzelkompetenzen. Aus aktuellem Anlass poste ich diesen Text aus dem Jahr … 2010 erneut:

 

Die Kompetenzen der Internetkompetenz

 

Oberholz, Berlin,
© gsc

 

 

 

 

 

 

 

  1. Werkzeugkompetenz: praktisches und theoretisches Verständnis der aktuellen digitalen Technologien, der Hard- und Software, um diese zielführend einzusetzen.
  2. Adaptionskompetenz: Fähigkeit, neue Soft- und Hardwaretechnologien zu verstehen, eine intelligente Auswahl zwischen ihnen zu treffen, mit ihnen umgehen zu erlernen und womöglich deren Weiterentwicklung zu betreiben.
  3. Quellenkompetenz: Einschätzungsvermögen der Güte von Format und Herkunft von Netzdaten sowie Wissen über den Zugang zu Quellen von Qualität.
  4. Sozialkompetenz: a) Verständnis der gesellschaftlichen Bedeutung digitaler Technologien und Inhalte, b) Verständnis sozialer Dynamiken im Netz und ihren Auswirkungen.
  5. Kritikfähigkeit: Distanz zu den neuen Technologien, um Qualität und Nichtqualität, Nutzen und Aufwand sowie Chancen und Risiken abwägen zu können.
  6. Ökonomische Kompetenz: Wissen über die ökonomischen Zusammenhänge im Netz, Einschätzung der Kosten digitaler Leistungen, Kenntnis von Geschäftsmodellen, Fähigkeit zu eigenem Wirtschaftshandeln.
  7. Ethische und rechtliche Kompetenz: Grundlagenwissen zu u. a. Menschenrechten, Urheberrechten, Wirtschaftsrechten und über Gesetzesentstehungsprozesse unter Einsatz neuer Technologien.
  8. Kreative Kompetenz: a) Anwendung technologischer, graphischer etc. Werkzeuge, um Ideen in digitale Form zu bringen, b) Fähigkeit zum Aufbau und zur Pflege kreativer Netzgemeinschaften, c) Kenntnis und Einschätzung der Onlinekontexte zur Einbettung eigener Werke, d) Geschäftsmodellierung.

 

Quelle:

Gisela Schmalz (2010): Wie nachhaltiges Digitales Wirtschaften gelingt. In: Burda, H./Döpfner M./Hombach, B./Rütters J. (Hg.): 2020 – Gedanken zur Zukunft des Internets. Essen: Klartext Verlagsgesellschaft. S. 97-103.

Vgl. auch:

Gisela Schmalz (2009). No Economy – Warum der Gratiswahn das Internet zerstört. Frankfurt am Main: Eichborn Verlag.