Wozu Fragen?

I Fragen haben mit Wissenssammlung und mit Kreativität zu tun… Fragen können:

  1. Verwirrung (und Angst) vermindern oder eliminieren,
  2. Klarheit schaffen,
  3. zeigen, wie viel und wie wenig jemand weiß,
  4. Wissen sammeln (z. B. in Form einer wissenschaftlichen Forschungsfrage und als Ausgangspunkt für ein Forschungsprojekt),
  5. einen Sachverhalt klären
  6. eine/n Schuldige/n finden (durch Fragen z. B. von Polizeibeamtinnen, Rechtspflegern, Anwältinnen, Richtern)
  7. die Entwicklung von Ideen anstoßen,
  8. Kreativität anregen,
  9. Probleme lösen,
  10. Ausgangpunkte für weitere Fragen sein….

 

Vic Sage aka Question

 

II Fragen haben auch mit Kommunikation zu tun. Fragen helfen bei der Kontaktaufnahme. Sie bringen in Kontakt und erhalten Kontakt/e… Fragen können:

  1. Aufmerksamkeit erregen/einfangen,
  2. eine Beziehung anbahnen,
  3. eine Beziehung vertiefen,
  4. in ein kurzes oder langes Gespräch verwickeln,
  5. ein Gespräch lenken oder beeinflussen,
  6. jemanden manipulieren (dessen Meinung oder Gefühle),
  7. jemanden bloßstellen,
  8. jemanden entlarven,
  9. jemanden überführen,
  10. Angst auslösen,
  11. Machtdarstellung sein oder…
  12. … (im Gegenteil) dazu dienen, sich als Opfer zu präsentieren (mit z. B. vorwurfsvollen Fragen),
  13. Bescheidenheit ausdrücken,
  14. Respekt oder Distanz ausdrücken,
  15. dafür sorgen, dass ein Gegenüber sich wichtig fühlt (z. B. im Interview)
  16. jemanden dazu anregen, sich selbst zu entdecken oder zu erforschen (als Aufgabe z. B. von Psychotherapeuten, Analytikerinnen, Ärzten),
  17. die Selbst(er)kenntnis fördern,
  18. Empathie ausdrücken,
  19. Nähe herstellen und erhalten,
  20. aus einer fremde(re)n eine vertraute(re) Person machen….

 

 

 

III Fragen sind kleine Kraftwerke. Oft kürzer als Antworten haben sie die Anmutung von Haikus. Fragen mögen harmlos wirken, können aber Entscheidendes auslösen, Verheerendes („Wollt ihr den totalen Krieg?“) genauso wie Verblüffendes („Wie verläuft der Seeweg nach Indien?“), Trennendes („Liebst Du mich?“) genauso wie Verbindendes („Liebst Du mich?“)…

 

IV Fragen dienen der Wahrheitsfindung. Wer fragt, will in der Regel nicht belogen oder mit Fake News oder Olds abgespeist werden. Fragende wollen (etwas) wissen. Gerade in Situationen und Zeiten, in denen postfaktisch herumbehauptet und -gelogen wird, müssen Fragen formuliert werden. Sie müssen Schönrednern, Phantastinnen, Lügnern ebenso wie Wahrheitsverliebten gestellt werden – und sei es nur, um zu zeigen, dass mit unbelegten, unbegründeten, selbstbeweihräuchernden Stories oder Antworten niemand durchkommt.

 

V Wer fragt, kann andere Leute auf Mängel, Probleme oder Veränderungsbedarf stoßen, sie dadurch beunruhigen und verängstigen, aber auch aufrütteln und zum (Er)Finden kreativer Lösungen, die in Handlungen münden, anregen.

 

VI Wer fragt, rebelliert. Wer andere mit Fragen zum Weiterfragen anstiftet, zettelt eine Fragerevolution an. Fragen bilden die Voraussetzung für Veränderung/en, für eine Revolutionen der Tat/en.

 

VII Fragen sind Antworten überlegen. Sie öffnen, statt zu schließen. Sie beginnen etwas, statt etwas zu beenden. Das signalisert auch das suchend-geschlängelte Symbol am Ende einer Frage, im Unterschied zum definitiv-stockartigen Strich am Schluss eines Ausrufs.

Ist ein kurviges Fragezeichen nicht reizvoller als ein verstocktes Ausrufezeichen? Ist eine Frage nicht verlockender eine Antwort?

 

2000 Fragen erscheinen am 15. Oktober 2018 in: DAS KLEINE BUCH DER GROSSEN FRAGEN von Gisela Schmalz (Goldmann Verlag, München).

 

© Gisela Schmalz

Empfohlene Zitierweise: Schmalz, Gisela: “Wozu Fragen?” (2018). Gisela Schmalz. http://www.giselaschmalz.com/wozu-fragen/