Jenseits von offensichtlichem Chaos wirken wieder und weiterhin Algorithmen auf US-Wähler ein

“Ich ist eine Zielscheibe

Tech-Firmen modellieren die Wünsche und das Verhalten von Nutzenden. Sie antizipieren und beeinflussen sie in ihrem (meist ökonomischen) Sinne oder in politischer Hinsicht, je nach Auftrag und Auftraggeber. Genutzt werden alle Daten, deren sie habhaft werden können, darunter Bewegungsdaten oder Daten aus Social-Media-Profilen.

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Semantisches Targeting führt umso eher zum Erfolg (= Produktkauf), je mehr Informationen der Tech-Konzern über die Nutzer hat. Am besten, man kennt neben den sozio- und geografischen obendrein die verhaltensbezogenen und psychografischen Daten. Über Targeting gelingt es genauso, Autos zu verkaufen, wie Wähler zur Wahl einer Partei zu bewegen. Letzteres gelang der Firma Cambridge Analytica (CA) vor den US-Wahlen im Jahr 2016.

CA nutzte »psychografisches Targeting«. Man griff dafür auf die zuvor ermittelte Einteilung US-amerikanischer Facebook-Nutzer in fünf verschiedene Persönlichkeitskategorien zurück, die sogenannten OCEAN-Faktoren: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Dank dieser Kategorien konnte CA den einzelnen US-Wählern über Facebook die zur Persönlichkeit passende Werbebotschaft zuleiten. Den extrovertierten Typen wurden andere Botschaften über den republikanischen Kandidaten Donald Trump und dessen Partei zugespielt als den Perfektionisten. Diese kleinzielgruppenspezifische digitale Agitation nennt man auch Mikrotargeting. Sie ist zielführend, wie der Sieg von Donald Trump und andere erfolgreich von CA lancierte Online-Kampagnen beweisen.

 

Das Votum für den Brexit im Jahr 2016 hat CA ebenfalls mitbeeinflusst. Die damit liebäugelnden britischen Wähler wurden über die CA-Algorithmen identifiziert und daraufhin mit Appellen für eine Brexit-Entscheidung angefüttert, ohne dass ihnen das aufgefallen wäre.(…).”

 

Auszug aus: Schmalz, Gisela (2020): Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert. Frankfurt am Main: Campus Verlag, S. 179f.