Wer die Geldströme eines Menschen kennt, kennt den Menschen

Die Wirtschaftsethikerin und Autorin Prof. Dr. Gisela Schmalz spricht über Kosten und Nutzen von Kryptowährungen

Neben technischen Belangen und Fragen, die bisher vor allem etwas für Eingeweihte sind, berühren Kryptowährungen auch einzelne Individuen sowie das gesellschaftliche Leben. Prof. Dr. Gisela Schmalz, Wirtschaftswissenschaftlerin, Philosophin und Autorin, blickt im Interview mit André Bednarz auf positive wie negative Potenziale der Digitalwährungen.
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Berührt der Einsatz von Kryptowährungen auch ethische und moralische Fragen, oder handelt es sich bei diesem Technikprodukt lediglich um Freizeit- und Spekulationsobjekte einer Minderheit, die die Gesellschaft nicht kümmern müssen?

Kryptowährungen verursachen negative Externalitäten in Form von ökologischen, sozialen und ökonomischen Kosten. Also, ja: Man sollte durch die Brille der Ethik darauf schauen.

Um welche Externalitäten handelt es sich dabei?

Zu den ökologischen Externalitäten des energieintensiven Minings gehört ein C02-Fußabdruck, der größer ist als der der Schweiz. Das sind 0,5 Prozent des weltweiten Stromverbrauchs und siebenmal mehr als der des Technikgiganten Google. Zudem produziert jede der aktuell rund 300.000 Bitcoin-Transaktion pro Tag eine Elektroschottmenge, die der zweier iPhones entspricht, wie Forscher*innen des MIT und der niederländischen Zentralbank in einer Studie herausfanden.

Auswirkungen auf das Zusammenleben haben Kryptowährungen auch, da sie dazu genutzt werden, kriminelle Aktivitäten zu erleichtern und zu verschleiern. Das stellt die Strafverfolgungsbehörden vor die anspruchsvolle Aufgabe, mittels neuer Technologien verübte Verbrechen zu erfassen und aufzuklären. Ferner erleichtern Bitcoin & Co. Übervorteilung, Steuerbetrug oder Geldwäsche, wodurch Individuen, Unternehmen oder ganze Volkswirtschaften getroffen werden können. Die Schäden sind somit umfassender Natur.

Gibt es auch Vorteile?

Zum Nutzen, gehört, dass Nutzende bei Geldtransfers anonym bleiben und Kosten sparen. Viele Formen von Transaktionskosten, in der Regel Einnahmequellen für klassische Banken, fallen weg und bleiben auf den Konten der Kund:innen. Davon profitieren vor allem Menschen des Globalen Südens. Wanderarbeiter:innen aus Entwicklungsländern können Teile ihrer Einnahmen per Kryptotransfer schnell, flexibel und mit niedrigen Transaktionsgebühren an Verwandte in ihren Heimatländern überweisen – was den oft einkommensschwachen Familien, aber auch der gesamten inländischen Wirtschaft zugutekommt. Deshalb befürworten auch die Weltbank, der Internationale Währungsfonds und die UN sinkende Transaktionskosten. Zwar ist der Preis, der dafür bezahlt wird, der Verzicht auf Stabilität und Sicherheit, die klassische Banken bieten, doch zeigt dieser Exkurs in die Welt der Rücküberweisungen, welche noch gar nicht ausgeschöpften Vorteile ein digital abgefedertes, dezentrales Geldsystem eröffnen kann.

Wie bewerten Sie die Anonymität von Kryptowährungen?

Bisher ist es so, dass über herkömmliche Geldsysteme mit zentralistischer Instanz und Banken als Mittler die Freiheit und Anonymität von Kund:innen nicht komplett geschützt sind – wer die Geldströme eines Menschen kennt, kennt den Menschen. Von dieser (Teil-)Transparenz profitieren Unternehmen im Finanzsektor, etwa indem sie mit Daten handeln, aber auch Regierungen, insbesondere autokratische Regime, die ihr Volk kennenlernen und gezielt steuern wollen. Eine erhöhte Privatsphäre im Zahlungsverkehr verlangt aber auch ein Mehr an Selbstverantwortung: Niemand sollte im Darknet auf Einkaufstour gehen und dort Drogen, Waffen oder Hehlerware kaufen oder mit schwer nachvollziehbar funktionierenden und dadurch recht gut geschützten Währungen spekulieren und bei alldem Steuern hinterziehen.

Wie sieht aus Ihrer Sicht ein ethisch verantwortungsvoller Umgang mit Kryptowährungen aus?

Es geht im Prinzip darum, eine neuartige Methode des Geldtransfers aus den Händen der Eingeweihten zu nehmen und sie der breiten Bevölkerung zugänglich zu machen. Dazu braucht man aber a) Aufklärung und b) Regulierung. Jegliche Regulierung müsste allerdings so ausfallen, dass das Geldsystem keiner zentralistischen Macht wie einem Unternehmen oder einer Regierung unterliegt. Eine Art Peer-to-Peer-Regulierung wäre also denkbar, ermöglicht durch Blockchain-Anwendungen. Die politisch Verantwortlichen können sich nicht der Aufgabe entziehen, die Chancen und Risiken von Kyptowährungen zu analysieren und sinnvolle Regeln für diesen Markt zu setzen und die Gesellschaft über die Technologie, aber auch die notwendigen Regelungen aufzuklären.

Welche Vorteile ergeben sich für den Staat durch den Einsatz von Kryptowährungen?

Auch Regierungen wollen finanziell von Kryptowährungen profitieren.  (…).

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c/o WISSEN/LEBEN, Unizeitschrift der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

Das Interview ist erschienen am 16.11.2022 in WISSEN/LEBEN, gedruckt und online.

https://www.uni-muenster.de/news/view.php?cmdid=12963

Dictator of Your Choice

Fellow deputies and cyborgs-to-be! Greetings to you all!

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Let me first report on my great achievements. Guided by me we have already reached the top 5 goals of our last 15-year plan, 6½ years ahead of time:

  • First: Nationwide we have implemented 2 billion CCTV cameras as well as facial- and voice-recognition, artificial intelligence systems, smart phone- and GPS-tracking and DNA-decoding to guarantee the safety of our people´s property and life.
Elena Hrncirik in: Dictator of Your Choice/ Video Installation  by G. Schmalz (Still 1 by Reinhard Mayr)

  • Second: We successfully established our community bonus-malus system: Thanks to 24/7 video surveillance and data analytics we know our people inside out and can help them orient themselves. If one doesn´t know how to behave right, sanctions will teach this person forever. If for example someone forgets to honor me, the great leader, three to five times a day, this person will be blocked from using our public transport system, visiting restaurants and travelling abroad for 15 months and 24 days. That is how everyone will learn the rules of our society.
  • Third: To outstrip the economies of other nations we focused on quantity and on high-quality manufacturing assisted by robots. With 98 Million cars built last year, we are the world´s biggest manufacturer of motor vehicles now. We are also working hard to become the number one producer of automated lethal weapons.
  • Forth: We invested large sums into innovative research groups and businesses that focus on biomedicine, neuro technology, sci-fi weaponry and space programs.
  • Fifth: By sending a living horseshoe bat, our national symbol, to five African nations, we tightened our diplomatic bonds with our African friends.

Now I will I show you how I will lead you into a glorious future and how we will become the number one innovation powerhouse not only of this planet, but also of the Moon, Mars and Venus.

Elena Hrncirik in: Dictator of Your Choice/ Video Installation  by G. Schmalz (Still 2 by Reinhard Mayr)

I, your great leader, command our top scientists, entrepreneurs and data workers to set up artificial intelligent systems and smart infrastructures in order to collect and process more and more data of our citizens´ and other nation´s citizens. Via tech and data we can fully control our own people and also conquer the heads, hearts and hands of other people´s nations and planets (if we find people or living matter there).

By covering the entire planet with our digital network based on AI, we can make sure everyone becomes a productive element of our great, superior nation. Via AI we will steer every thought every human thinks, every emotion one feels and every move one makes. We can define the routines of every human being. We can assist everyone in their second-by-second decisions and entire life to make them devoted citizens and workers in the spirit of our glorious world tech dictatorship. Me!

If some of you deputies don´t like my style, fine. Individual decision making (like voting) is overrated anyway. As soon as you are connected to the government controlled internet via a chip implanted into your brain you will submit to me inevitably.

Elena Hrncirik in: Dictator of Your Choice/ Video Installation  by G. Schmalz (Still 3 by Reinhard Mayr)

My first goal is to keep our people safe from robbery, danger, death and certain ethnic groups we all despise. So called individuals who display skeptical, disrespectful, aggressive, and vicious behavior are stopped. I will personally take care to suppress any bad influence on our people and our system of thought, by a) implementing 2 billion more CCTV cameras in our nation, 6 billion CCTV cameras in foreign countries, and 11 billion bugs on our people´s smartphones and those of foreign users, by b) learning about foreign power strategies while spying on foreign agents, and by c) controlling the thoughts, acts and technologies of our foreign enemies.

Harmony is my power plus our nation´s technological knowhow.

Let lotus flowers flourish, not laziness.

Thank you for your cooperation and devotion. Thanks for handing over government responsibility to me again for the second time – as a symbolic gesture that shows your respect for me!

Let me quote the greatest leader of history, apart from me, Zizi Belong Mong: Do not be afraid of ascending and descending winds; the society is evolving out of ascending and descending winds. If its general orientation is correct, people can make trivial mistakes. My firm believe is that they can correct themselves in practical work and community life.

Fellow deputies! Board the rocket to the future with me. Let´s create a universe marked by three factors: (first) progress, (second) expansion, (third) submission. I will be the greatest leader till I die (if I die – our medical and technical specialists are working hard to prolong my life into eternity).

Waving with one wing of our national symbol, the horseshoe bat, I humbly say: Trust me, or you will be excluded from each and every of the few privileges this nation can offer you, or you will be among the first to be brain chipped.

Thanks for empowering me so that I can disempower you, and all the others.

You have earned it!


© Gisela Schmalz

Video installation (Part A) by G. Schmalz // Opening Reception 30-11-2022 at Stadtmuseum St. Pölten.

Mimicry Game

Social media users are lured to voluntarily let themselves be determined by others.

René Girard, a French cultural anthropologist, coined the term „mimetic desire“ to describe the phenomenon of people desiring what others desire. According to Girard, people are not guided by inner needs, but by what others, especially those of their own reference group(s), like or aspire to. People´s behavior is guided by the desire of others, says Girard. In the case of digital natives, imitative behavior is linked to the desire not to stand out from the peer group. That is why they dress up like their peers, buy similar things, prefer the same brands, listen to the same music, admire the same stars and vote for the same party as them.

René Girard 1923-2015

German-American investor Peter Thiel once complained about conformism, both on the web and within the startup scene. Yet he has benefited financially from the mimesis effect to the greatest extent and has decisively promoted it. At Stanford University in the heart of Silicon Valley, Thiel was a student of René Girard during the 1990s.

Thiel became a great admirer of the anthropologist and founded the mimesis research institute Imitatio in Girard´s honor. The nature and effect of mimetic desire fascinated him. Thiel immediately recognized its economic potential. Before other investors had even heard the name Mark Zuckerberg, it was clear to Thiel that Zuckerberg´s idea of connecting friends digitally could be monetized big time. The shrewd investor correctly assessed the dynamic that is unleashed as soon as people befriend each other online, compare each other´s looks, tastes and behaviors and develop a desire in the same direction.

Peter Thiel at the Bitcoin Conference, 2022, in Miami Beach, Fla. (AP Photo/Rebecca Blackwell)

In 2004 the Girard devotee was the first investor to put half a million U.S. dollars into Zuckerberg´s startup Facebook.

Girard´s conception of mimesis opens up opportunities for tech companies that are far from being fully exploited. With ever new opportunities for comparison online – via rating, recommendation or editing tools… – the operators of platforms such as Facebook, Instagram, WhatsApp, Twitter, YouTube or TikTok are inciting users to adjust themselves to external standards.

The user´s effort to conform to certain looks, standards, opinions or principles, has two effects. Peers are becoming more alike and companies in the consumer goods, advertising and tech industries are making large sums of money thereby. That in an electronically networked global village, individuality is abandoned in favor of a collective identity, was predicted by media theorist Marshall McLuhan back in the early 1960s.

Not few digitally connected people are eager to resemble their prominent role models and the star members of their peer groups in their appearance and habitus. The mechanism of assimilation and the simplification that goes with does not only affect outward appearances. Opinions are also becoming increasingly uniform. People from the same community develop identical views on political and other issues which is reinforced by machines.

Thanks to algorithmically generated filter bubbles, members of a certain online peer group no not make contact with the viewpoints of another (peer) group. Algorithms do not deliver dissenting opinions, but merely cement the existing ones. Within opinion bubbles digitally assigned to them users circle around themselves and each other. There is neither the urge nor the need to break out.

Source: Wiki Commons

If users do not get dizzy it is because they have already got used to this technologically induced rotation. And as the virtual world increasingly superimposes the real world, virtuality becomes a new reality. In the process human perception is changing.

Consumer technologies are hijacking brains and bodies. There are two parties involved in this overpowering, the companies that develop new technology and the people who use it. Both benefit from it – yet in completely different ways.

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Black hat hackers and propaganda bots do not need a theory of „mimetic desire“. They are meant to make their targets play specific, previously defined mimicry games. The easiest to be duped are users who play these games blindly.

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Excerpt from my latest book (translation): Schmalz, Gisela (2020): Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert. (“My Alienated Will – Why we choose to surrender while the tech elite cashes in”) Frankfurt am Main: Campus Verlag.

Recommended citation / Empfohlene Zitierweise: Schmalz, Gisela: “Mimicry Game” (2022). Gisela Schmalz: https://www.giselaschmalz.com/mimicry-game/

Zukunftstechnologien spalten

Sukzessive werden Menschen auf ihre passive Rolle im Netz der quasi-autonomen Technologien vorbereitet. Und sie lassen es gerne zu. Gewöhnung, Verwöhnung, Billig- oder Nullpreise, Prestige, Gruppendruck, Bequemlichkeit, Unterhaltung, Ablenkung, Spaß, Trägheit und Uninformiertheit sind Gründe dafür, warum Menschen bei Tech-Innovationen bereitwillig zugreifen. Dafür nehmen sie in Kauf, dass sie von immer aufdringlicheren Geräten und Diensten abhängig werden. Sie erlauben es, dass intimste Informationen über sie an datensammelnde Konzerne fließen, die sie in gläserne, gefügige Wesen verwandeln. Dass ein Zirkel von Tech-Managern die Macht über Daten und Technologien besitzt – und weder deren Verwender noch die für sie zuständigen, weil demokratisch gewählten Aufpasser – spaltet die Gesellschaft.

Doch nicht nur zwischen Produzenten und Konsumenten klafft eine Kluft. Würden Unternehmen für ihre bisher kostenlosen App- oder Plattformangebote Geld verlangen und für technologische Neuerungen hohe Preise setzen, erhielten nur zahlungsbereite Kunden überhaupt Zugang zu Diensten wie Social Media-Plattformen oder Messengern.

Nur zahlkräftige Kunden könnten sich bessere, leistungsfähigere, sicherere, vielseitigere, vernetztere, verlässlichere, gesundere, elegantere, werbefreie und häufiger geprüfte Geräte und Anwendungen leisten. Der Rest müsste sich mit Normal- oder Minderware abfinden. Die Anschaffung von Robotern, künstlichen Gliedmaßen oder Gehirn-Computer-Schnittstellen würde die Unterschiede zwischen Reich und Arm sowie Macht und Ohnmacht in der Gesellschaft deutlich markieren.

Nur ein Teil der Bevölkerung würde seine Körper- und Denkfunktionen aufrüsten, schneller, schöner und schlauer werden, besser hören, sehen, laufen, klettern und sein Leben verlängern können. Edel-Cyborgs würden über Trash-Cyborgs triumphieren. Und dann gäbe es noch die lachenden Dritten, die Kuppler zwischen Computer und Mensch. Die Tech-Manager wären den Trash- ebenso wie den Luxus-Cyborgs schon deshalb überlegen, weil sie sich ihre Unabhängigkeit und ihre natürlich-menschlichen Instinkte bewahrt hätten.

Quelle/Source:

Schmalz, Gisela (2020): Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert. Frankfurt am Main: Campus Verlag, 5. Kapitel „Willensabgleich“ S. 239f.

Techno-perfide Machtausübung

(…). Der Kontrollbegriff, den Deleuze sich 1990 von dem amerikanischen Schriftsteller William Burroughs borgte, ist unter den Kritikern der mächtigen Konzerne aus Silicon Valley sehr populär. Gern wird er in Kombination mit dem Begriff der Überwachung verwendet. Doch »Überwachung« und »Kontrolle« sowie der Verweis auf ökonomische oder kapitalistische Ziele besagen wenig mehr, als dass Konzerne Informationen sammeln, die sie dazu befähigen, Menschen aus wirtschaftlichen Gründen zu manipulieren. Beide Begriffe erfassen nur ansatzweise die gesamte Perfidität des technologischen Machtapparates, der Menschen als seine Verlängerungen integriert.

Wer dabei lediglich von Kontrolle spricht und diese als bloß ökonomisch motiviert ansieht, unterschätzt die Raffinesse, den Umfang und die strategische Weitsicht, mit denen seine Schöpfer ihre Technologien auf die Menschheit loslassen. In der westlichen Welt geht es längst nicht mehr nur um eine wirtschaftliche Machtverschiebung zugunsten eines Oligopols in Silicon Valley. Es geht um die Bemächtigung des Denkens und freien Willens der Individuen und um die Steuerung ganzer Gesellschaften durch techno-soziologische Vordenker, die derweil toter Mann spielen.

Zur Erfassung der Techno-Perfidität kalifornischer und Washingtoner Provenienz sind die Denkinstrumente von Michel Foucault bestens geeignet. Es ist frappierend, wie klar der Philosoph das Wirken der Macht heutiger Hirne und Körper erobernder Technologien mit seinem Konzept der verinnerlichten Disziplin vorausgedacht hat. In Surveiller et punir schreibt Foucault über »die Mittel der guten Abrichtung«. Eines davon ist das Wissen der Gefangenen, im Gefängnis ständig unter Beobachtung zu stehen, auch wenn sie die Beobachter gar nicht sehen. (…).

Plan of -Millbank Prison- (constructed 1812) on land purchased by Jeremy Bentham (1799) for the construction of his panopticon. (Sources: disphotic.com, wikipedia.com).

Soziale Medien funktionieren genau wie das »Strafsystem der Norm«. Um nicht mit schlechten Bewertungen abgestraft zu werden, sondern von den Mitgliedern der Gruppe anerkannt zu werden, passt der/die Einzelne sich den Gruppennormen an. Der normierende Mechanismus perfektioniert sich im Zuge der Anwendung von selbst. Dass dabei das Agens der Machtausübung für das Individuum diffus bleibt, steigert ihren Effekt. (…).

In: Schmalz, Gisela (2020): Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert. Frankfurt am Main: Campus Verlag, S. 245f.

„Ich verlasse mich lieber auf Adidas, als auf Trump“

Professorin zu Tech-Giganten: Die Macht der Nutzer über Facebook & Co.

Prof. Dr. Gisela Schmalz im Interview mit Katja Bigalke und Martin Böttcher

c/o Deutschlandfunk Kultur „Breitband“ – Sendung vom 04.07.2020

Interview/Auszug:

(…)

Katja Bigalke: Viele große Firmen haben zuletzt angekündigt, keine Werbung bei Facebook zu schalten. Lässt sich Facebook dadurch überhaupt wirtschaftlich unter Druck setzen? Oder geht es hier um eine Art PR-Gesichtsverlust für Facebook?

Gisela Schmalz: Facebook ist von der Gunst der Masse abhängig. Sie sind im wahrsten Sinne populistisch: Sie laufen der öffentlichen Meinung hinterher. Sie möchten beliebt bei möglichst vielen Nutzenden sein, gerade in der jungen Generation. Ich glaube nicht, dass sich die Tech-Firmen von ein paar Unternehmen, die kurzzeitig keine Werbung schalten, unter Druck setzen lassen. Zumal diese Wirtschaftsfirmen durchaus von den plattformbetreibenden Firmen abhängig sind – die müssen sich darüber an ihre Endkunden wenden – die Tech-Firmen sind immer noch am längeren Hebel.

Bigalke: Wenn man davon ausgeht, der Druck der werbetreibenden Unternahmen habe tatsächlich Einfluss: Ist das adäquat, um die Plattformen in ihre Schranken zu weisen?

Schmalz: Durchaus. Wirtschaftlicher Druck ist eine Methode, mit diesen Technologiefirmen zu sprechen. Die sind wahnsinnig mächtig und auch reicher, als die werbetreibenden Kunden. Natürlich sind sie abhängig von den werbezahlenden Konzernen. Wenn diese drohen, sich zurückzuziehen, ist das zumindest ein Aufbäumen dagegen und ein Signal – auch in die Öffentlichkeit.

Es gibt also Hoffnung, dass auf einmal eine Vielstimmigkeit da ist und nicht nur nach dem Gesetzgeber gerufen wird. Es ist gut, dass die Konzerne das selbst regeln. Und: dass ethische und demokratische Werte über wirtschaftlichen Druck in die plattformbetreibenden Firmen gesetzt werden.

 

© Gisela Schmalz

Martin Böttcher: Ist es nicht trotzdem problematisch, dass auf einmal Firmen eine so gesellschaftliche Rolle bekommen? Das, was eigentlich der Gesetzgeber oder die Zivilgesellschaft aufbauen müsste, wird in die Hände von privaten Firmen gegeben.

Gisela Schmalz: Die Plattformen haben wirtschaftliche Macht. Sie haben technologische Macht, Wissensmacht und psychologische Macht über die Endnutzenden, über die sie alles wissen. Auf einmal schiebt man ihnen noch politische oder ethische Macht zu. Auf einmal fordern Konzerne oder auch Bürgerinnen und Bürger über solche Kampagnen, dass die Tech-Konzerne selbst tätig werden in Sachen Werten und Ethik. Das ist höchst problematisch.

Wenn in den USA vor allem der Gesetzgeber und der Präsident als Wertbeschützende ausfallen, dann bleibt der Öffentlichkeit und den Konzernen nichts anderes übrig. Ich verlasse mich lieber auf Adidas, dass Werte bei Plattformen wie Facebook, Twitter, etc. umgesetzt werden, als auf Trump.

Man kann daraus lernen, dass man als Bürger und Bürgerin durchaus die Macht hat, tätig zu werden. Ich habe mich in meinem Buch „Mein fremder Wille“ damit auseinandergesetzt. Man muss sich am besten mit Kampagnen an die Konzerne wenden. Das ist ein Druck der Öffentlichkeit, der sie zum Einlenken bringen kann, gerade dann, wenn wir uns nicht mehr auf Politiker und Politikerinnen verlassen können.

(…)

Fortsetzung / vollständiges Interview c/o Deutschlandfunkkultur.de

Fear not! – Why AI Church?

by Gisela Schmalz

Somebody had to do it. Anthony Levandowski heard the call and followed it. In 2015 he founded a church that pays homage to the Goddess artificial intelligence. „Way of the Future“ (WOTF) accompanies people when they soon have to give up control over themselves and their planet to artificial intelligence (AI). WOTF wants to make sure that the handover is peaceful and that the new bosses don’t destroy the old ones.

The non-profit religious corporation, however, has so far hardly shown any activities and no publicly confessing believers. The most striking events in church history took place in 2017. Two years after its foundation, the church received around 40,000 US dollars in grants and membership fees. It was granted tax-exempt status, and Levandowski enthroned himself irremovable WOTF Dean until his death according to WOTF bylaws. Coincidentally all of this happened in the same year in which Levandowski, a robotics engineer born in 1980, was fired from his profane job at Uber.

But good for the church that there is the Internet: The most important, because so far the only distinctive feature of „Way of the Future“ is its website with the creed. It says that those who believe in WOTF believe -in science and -in progress, as well as -that intelligence is not biological, -that the creation of super intelligence is inevitable, and -that “everyone can help (and should)“ to create it.

Humans United in support of AI, committed to peaceful transition to the precipice of consciousness.

Official WOTF documents state that the Church’s focus is on “the realization, acceptance, and worship of a Godhead based on artificial intelligence (AI) developed through computer hardware and software.” „We’re in the process of raising a god,“ the Dean 2017 said in an Interview for Wired. The holy baby is fed large datasets to learn to improve itself through simulations. Everything the church breeds will be open source.“ “I wanted a way for everybody to participate in this, to be able to shape it. If you’re not a software engineer, you can still help,“ says Levandowski.

The bylaws disclose something different. According to them, WOTF is not drafted as a universal religion. You learn that the Church wants to promote the improvement of the environmental perception of self-learning robots. Dean Levandowski is one of the world’s leading experts in this field. Prior to his startup called WOTF, Levandowski founded several companies dealing with the autonomous driving. He sold two of them, -510 Systems and -Anthony’s Robots, to Google and -Otto, founded in 2016, to Uber, where he also worked for a while. He founded -ProntoAI in 2018 which is also dealing with driverless vehicles based on AI. So the fine print of the WOTF statutes show that the Church is not interested in any member, but rather in AI researchers. The Church seems to rather be a recruiting instrument than an invitation to pray. Without engineering talent, the church cannot fulfill its creed of raising a divine AI baby.

Lewandovski’s statements about the salvific future technology AI („the gospel“) are tainted by some dystopian particles. „Change is good, even if a bit scary sometimes“, or  „it may be important for machines to see who is friendly to their cause and who is not,“ it says on the WOTF website. Dean Lewandovski told Wired-journalist Mark Harris: „I don’t think it’s going to be friendly when the tables are turned.“

No church without Angst, the shrewd Dean might have thought. In the Wired-interview he mimics the reassuring, good shepherd: WOTF will „decrease fear of the unknown“, Lewandovski said.

Elon Musk might as well have started a church. But the CEO of Tesla and SpaceX opened a non-profit institute to tackle his fears of AI. He founded OpenAI in the same year as Anthony Lewandovski founded WOTF. In 2015, Musk started OpenAI to not only develop safe AI, but a safer AI than the one he is afraid of – or should we say he makes others afraid of?

The year before he founded OpenAI, Musk found drastic words to warn about AI: „AI is far more dangerous than nukes“, and „with artificial intelligence we’re summoning the demon“. Now an institute. But as little as WOTF is a people’s church, OpenAI is open to everyone. OpenAI is no longer even non-profit as it was in its early days. Meanwhile the institute is for-profit as well. Elon Musk has recruited AI specialists. He has poached the machine learning expert Ilya Sutskever from Google and hired other renowned AI researchers, since Elon Musk wants to be at the forefront of the AI race.

Techies love the devil (or God – depending on perspective). The biggest tech tycoons in the US and China are currently flirting like crazy with AI.

Microsoft, IBM, Amazon, Facebook, Apple, Google, Baidu, Tencent and Alibaba are competing to be the first to develop general artificial intelligence (AGI), AI that accomplishes similar but much more intelligent thought and action processes than humans. AGI can answer more and more precisely the most complicated scientific, economic, political and social questions in fractions of a second.

But why do Lewandovski and Musk, engineers from Silicon Valley, where rationality is fetishized, bring irrational concepts such as faith and fear into play? Are their fears appropriate? Why do others join the chorus of the anxious? Apple founder Steve Wozniak, Microsoft founder Bill Gates, the inventor of the World Wide Web Tim Berners-Lee and, shortly before his death, physicist Stephen Hawking also warn(ed) against the extinction of humanity by AI. But there is an opposite side. Tech journalists such as Kevin Kelly and Jaron Lanier refute the idea of a general artificial intelligence for the coming decades. Top AI researchers like Jeff Hawkins, Geoffrey Hinton (Google Brain) and Demis Hassabis (DeepMind) don’t believe that humans will soon be replaced by machines.

In 2016, Amazon, Facebook, Microsoft, IBM, Google and DeepMind founded „Partnership on Artificial Intelligence to Benefit People and Society“, or Partnership on AI, to appease the anxious and the ethics freaks within the AI scene and especially outside it. Apple, OpenAI and many other international institutions joined the club. The partnership wants to provide illumination and to promote a society-friendly AI. It does research and initiates discussions about AI. Nevertheless, the partnership remains toothless. Its efforts and written papers do not oblige AI companies to anything. Rather, Partnership on AI allows ethical and social aspects to be outsourced from the tech companies.

Google is also a member of this AI partnership. It is noticeable that two of the most prominent developers, who avoid to spread fears, Hinton and Hassabis, are from the Google camp. Their boss, Alphabet CEO Larry Page, who oversees the AI projects Google Brain and DeepMind, is also remarkably carefree about AI. That is why Elon Musk approached him at a party in Napa Valley in 2015. MIT professor Max Tegmark later reported on this. When Musk mentioned that digitalization could destroy everything important and valuable to mankind, Page dismissed this as AI paranoia. He labelled Musk’s fears as „speciesist“, morally discriminatory simply because something belongs to another species (in this case silicone). After all, Page opened an ethics commission at Google in the spring of 2019, but closed it only a week later. Alphabet´s CEO does business as usual. He remains silent when others argue lively or dead seriously about KI.

Elon Musk keeps on warning. He sounds like Dean Lewandovski when he calls for all people to be involved in the development of AI. “… the best defense against the misuse of AI is to empower as many people as possible to have AI. If everyone has AI powers, then there’s not any one person or a small set of individuals who can have AI superpower”, he said in 2015. In an interview for Vox in 2018, Elon Musk recommended a professional government committee to consult with the tech industry on how to guarantee “a safe advent of AI“. Musk wisely did not demand to regulate the AI sector. Nobody in the Valley would ever call for AI research regulation. Research is sacrosanct.

It is not quite clear what Elon Musk really is afraid of. Sometimes he sounds as if he was less worried about the impact of AI than about his competitors in this field – either from China or from his own valley, like Larry Page. Apparently Musk wants to prevent others (competitors) from having too much control over a technology that allows to play God or devil. It could be that Musk and Levandowski stir up fears to act as the good wise men from the land of the future. Perhaps they want to present their own companies as lighthouses in the fog of uncertainty, as the only trustworthy sources of potentially dangerous technologies. But perhaps they are actually afraid of what AI might become or do and therefore set up a church and a non-profit institute.

Whatever their motives, it is important that representatives from the tech sector are calling for an AI that is developed for people and not against them. But God and devil? Anyone who is serious about an AI for the people should not hide behind blown up metaphors. They should let the devil roam about his hell and God slumber in his heavenly four-poster bed.

If you tear away the mystifying veiling of tech prophets like Levandowski and Musk you will see what AI experts see: a broadly applicable, monetarizable technology that is neither good nor evil. The clouds of fear blown around the idea of AI are just as irritating as trivializing the use of AI. But it really gets disturbing when developers pretend their own technology sooner or later could slip out of their hands. It is irresponsible to hide behind the self-developed monstrosities as if they would be higher and potentially dangerous superpowers.

AI researchers and investors must accept their responsibility for the vast projects they are bringing forth. Instead of first telling horror stories and then spreading soothing sermons of salvation, they should explain what is happening in their laboratories. Silence à la Larry Page is not an option either. People need no fears, no religion, no promises of salvation and certainly no secrecy. They need sober and permanently updated information about the progress in AI research and new products based on AI. People should be asked what technologies they want. And they should get them.

© Gisela Schmalz

Published in German c/o CARTA.info: Gisela Schmalz: “Der Hype um und die Angst vor Künstlicher Intelligenz sind übertrieben“ (2019) (http://carta.info/der-hype-um-und-die-angst-vor-kuenstlicher-intelligenz-sind-uebertrieben/)

Recommended Citation: Schmalz, Gisela: “FEAR NOT! – Why AI Church?” (2019).  http://www.giselaschmalz.com/fear-not-why-ai-church/

Gruppennarzissmus

“When all think alike, then no one is thinking.”
Walter Lippmann

Das Projekt „Ich“ der narzisstischen Gesellschaft entpuppt sich als Sackgasse: Ein schwaches Selbst erfährt auch durch strikte Selbstkontrolle keine Stärkung. Der delphische Spruch „erkenne dich selbst“ und Pindars Satz „werde, der du bist“ haben das Individuum nicht weitergebracht. Die freie Selbstverwirklichung ist keine. Die Verheißung der Freiheit, alles haben und sein zu können, hat den Einzelnen unfrei gemacht.

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Die Marketingindustrie hat die Freiheit für ihre Zwecke instrumentalisiert. Ihre Opfer sind alle, die Werbeversprechen à la „just do it“ (NIKE, 1987) gefolgt sind. In „The Malaise of Modernity“ von 1991 bemerkte der kanadische Philosoph Charles Taylor, der „Individualismus der Selbstverwirklichung“ mache blind für Probleme jenseits des Selbst. Menschen fehle das moralische Fundament, um Werturteile zu fällen. Tatsächlich kann Subjektivismus in einen Werterelativismus münden. Auch wird er zur Belastung, weil er zur Vereinzelung und zu Beziehungsstörungen führt. Einzelgänger mit fragilem Wertegerüst sind nicht fähig, ihre Freiheit selbstbestimmt zu nutzen und ihr Leben aktiv zu gestalten. Sie suchen Orientierung und Halt außerhalb ihrer selbst – und werden verführbar.

Der Narziss des 21. Jahrhunderts begnügt sich nicht länger mit Selbstbespiegelung. Er will raus. Er will mehr als bloß Bild und Hirngespinst für sich und andere sein. Er will sich spüren, einen Körper haben und die Wärme der Gruppe empfinden. Der Schritt hinaus ist eine Bewegung zu Anderen und zu etwas Anderem, zum Konkreten, zum Physischen. Das Individuum will nicht länger einsam sein. Es schließt sich Weggefährten an, die ihm Sinn und Bestätigung verschaffen und nebenbei sein schwaches Selbstbild aufpäppeln.

1024px-HK_Causeway_Bay_Kai_Chiu_Road_3_male_model_outdoor_photography_Haysan_Place_fans_Aug-2012 Von Natalitiameom CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

Models Araceli_Angielle_Jimenez Von Instinc models CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

Bei ihrer Orientierungssuche folgen die Erben der narzisstischen Gesellschaft größtenteils nicht der Leitidee der Kommunitaristen. Sie organisieren sich nicht, um auf Basis gemeinschaftlicher Werte „das Gute“ in die Welt zu bringen. Es bricht kein Zeitalter des Gemeinsinns an. Dazu sitzen die Vereinzelungserfahrungen, das Misstrauen gegenüber anderen und die Verantwortungsscheu zu tief. Die kulturelle Prägung der narzisstischen Wirtschaftsgesellschaft lässt sich nicht so einfach abstreifen. Das Talent, sich zu nährenden Gemeinschaften zusammenzuschließen, fällt nicht vom Himmel.
Verunsichert über ihre Position im komplizierten Weltgefüge werden Einzelne vielmehr anfällig für Gruppen mit ausgeprägtem Image und eindrucksvollen Führungspersönlichkeiten. Moralisch haltlose Individuen sind bereit, ihre alte gegen eine neue Form von Fremdbestimmung einzutauschen. Ihnen fehlt die Unterscheidungsfähigkeit zwischen guten und schlechten Gruppen. Also orientieren sie sich an der Popularität des Angebots. Cool, tough oder moralisch überlegen wirkende Gemeinschaften sind besonders attraktiv. Da wollen sie dazugehören. Doch wer sich aus einer Ohnmacht heraus einer vom Gruppennarzissmus erfassten Gemeinschaft anschließt, begibt sich in Gefahr. Ein schwaches Individuum bleibt auch hier schwach und wird oft weiter geschwächt. Das liegt an der Mechanik des Gruppennarzissmus.

Army Les_'Aito_du_511_ème_régiment_du_train By Sebdicam, Sébastien Joly -CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

Hier überlagern kollektive Gefühle von Sicherheit, Stärke und Gruppenstolz das individuelle Ohnmachtsempfinden. Der und die Einzelne lassen sich von den Gefühlen und Meinungen der Gruppe mitreißen und betäuben. Im Kreis der Anderen erleben sie sich als mächtig. Doch tiefsitzende Ängste bleiben. Die Gruppe wird übermächtig, das Individuum von ihr abhängig und manipulierbar. Gruppennarzissmus vernebelt das Denken. Er unterminiert die rationale Wahrnehmung und Kritikfähigkeit des Einzelnen. Das Individuum übernimmt die Wahrheiten der Gruppe. Es unterliegt einer neuen Fremdbestimmung.
Der 24-jährige Hauptschüler Nils D. war schon mit 15 Vater geworden und flüchtete sich in Drogen und Alkohol. Dann schloss er sich der Salafistengemeinschaft in seinem Heimatort Dinslaken an. Mit seiner neuen Clique „Lohberger Brigade“, reiste er nach Syrien, um hier für die Terrororganisation IS zu kämpfen. Im Netz postete Nils D. martialische Fotos von sich und seiner Brigade. Die Bilder zeigen, dass Nils D. sein Losergefühl gegen den gefährlichen Gruppennarzissmus beim IS eingetauscht hat.

Was bedeutet Gruppennarzissmus? Wie wirkt er? Gruppennarzissmus ist die irrationale Überzeugung von der Großartigkeit der Gruppe, der man selbst angehört. Was beim individuellen Narzissmus die überzogene Selbstliebe ist, stellt beim Gruppennarzissmus die übertriebene Liebe zur Gruppe dar. Im Kollektiv entsteht ein moralisches Überlegenheitsgefühl, das jedes Mitglied ansteckt. Gruppenteilnehmende glauben daran, dass die eigene Gruppe besser, wichtiger oder mächtiger als andere Gruppen sei. Sie fühlen sich als Avantgarde und wollen die Außenwelt davon in Kenntnis setzen. Gruppennarzissmus motiviert jedes Mitglied zur Hingabe an die Gruppe. Wenn aber der innere Gruppenzusammenhalt fragil ist, bedarf die Gruppe der Stärkung von außen – über gemeinsame Symbole und Slogans oder aber über ein gemeinsames Feindbild. Die Aufwertung der eigenen Gruppe geht oft mit der Abwertung anderer einher.

Verschiedene Porträtaufnahmen von Charakterköpfen, gesammelt im Rassepolitischen Amt der NSDAP
Verschiedene Porträtaufnahmen von Charakterköpfen, gesammelt im Rassepolitischen Amt der NSDAP

Gruppennarzissmus schürt Aggressionen gegen Dritte. Er kann zum Wettbewerb mit anderen Mannschaften, Unternehmen oder Marken führen, aber auch zur Feindschaft gegenüber anderen Parteien oder Bevölkerungsgruppen. In der Gruppe verstärken sich alle Eigenschaften des individuellen Narzissmus. Stärker werden positive Gefühle wie Begeisterung und auch negative Gefühle wie Hass. Der narzisstische Drang zur Außendarstellung kann zu Werbezwecken dienen, etwa wenn ein Unternehmen neues Personal sucht. Er kann aber auch in aggressive Propaganda gegen andere Gruppen umschlagen.

Gruppennarzissmus kann überall ausbrechen – in Parteien, in Unternehmen, in Vereinen, in Glaubensgemeinschaften, in Universitäten, in Forschungsgruppen, in Künstlervereinigungen, in Sportmannschaften oder beim Militär. Er kann temporär auflodern und dann nachlassen oder langfristig bestehen.

Erich_Fromm_1974 Müller-May, Rainer Funk, via Wikimedia Commons

Der Begriff Gruppennarzissmus (auch kollektiver oder sozialer Narzissmus) wurde dennoch bislang kaum beleuchtet. Den Begriff „collective narcissism“ führte Erich Fromm 1973 ein. In „The Anatomy of Human Destructiveness“ betrachtete der Sozialpsychologe den Gruppennarzissmus im Zusammenhang mit der übersteigerten Liebe zur eigenen Nation. Leider entging ihm dabei der Unterschied zwischen Gruppennarzissmus und Ethnozentrismus. Fromm argumentierte aus seiner Erfahrung des deutschen Faschismus heraus. „Gruppennarzissmus ist eine der wichtigsten Ursachen für menschliche Aggression,“ schrieb Fromm. Er nannte den Gruppennarzissmus „semipathologisch“ und erkannte im Gruppennarzissmus den Nährboden für destruktive Kräfte.

Zum echten Problem werde Gruppennarzissmus, sobald „zwei narzisstische Gruppen in Konflikt geraten.“ Tatsächlich neigen Gruppennarzissten dazu, sich Feinde zu suchen. Ein starkes Feindbild stärkt den Zusammenhalt der eigenen Gruppe. Belege dafür liefern die  Dinslakener Salafisten, die NSU um Beate Zschäpe, die RAF oder die Weathermen. Problematisch beim destruktiven Gruppennarzissmus ist die Manipulation der Meinung und der Gefühle der Mitglieder durch die Gruppe. Todd Strassers Roman „The Wave“ von 1981 und seine Verfilmungen behandeln das Gruppenexperiment in einer Schulklasse. Ein Lehrer beeinflusst seine Schüler, bis sie unter Selbstverleugnung nur noch als Gruppenmitglieder fühlen, denken und handeln. Der Versuch setzt einen brutalen Gruppennarzissmus frei. Er bringt Schüler dazu, die Gruppe mit Gewalt gegen Außenseiter zu verteidigen.

Der westliche Kapitalismus eröffnete Freiräume. Er lieferte den Menschen jedoch keine brauchbaren Instrumente dafür mit, um mit dieser Freiheit sinnvoll umzugehen. Parallel zur Ausweitung des Liberalismus erodierten alte Verlässlichkeiten. Glaube, Heimat, Ehe, Familie oder ein fester Arbeitsplatz sind keine Selbstverständlichkeit mehr. Wenn Individuen eine existentielle Verunsicherung erleben und von Zukunftsängsten geplagt sind, zeigt das auch das Versagen von Wirtschafts-, Sozial- und Bildungspolitik.

Die hochkomplexe, hochdynamische Weltwirtschaft überfordert die Menschen. Ein fehlendes Wertefundament und fehlende äußere Sicherheiten brachten in der Zeit des Ausatmens nach dem Zweiten Weltkrieg verunsicherte und konsumfixierte Einzelgänger hervor. Den Mangel an Vertrauen in ihre Mitmenschen und in eine sie tragende Gesellschaft kompensierten sie mit narzisstischer Selbstoptimierung. Wer dabei nicht depressiv wird, wird aggressiv und sucht sich aggressive Kumpanen. Die vermeintlich starke Gruppe dient dazu, die individuelle Ohnmacht zu betäuben.
In Gesellschaften, aus denen Bürger ausbrechen, um sich radikalen Gruppen in West oder Ost anzuschließen, erblüht ein neuer Narzissmus, der Narzissmus der Gruppe. Sobald destruktiver Gruppennarzissmus seine Blüten treiben kann, stehen die Errungenschaften der Zivilisation und die Werte der Aufklärung zur Disposition.

Die Ursachen für destruktiven Gruppennarzissmus liegen beim Individuum und in der Gesellschaft. Problemlösungen müssen bei der Wechselwirkung von Individuum und Gesellschaft ansetzen. Freiheit verlangt jedem Einzelnen ein hohes Maß an Integrität ab. Mit Freiheit umzugehen, erfordert ethisches Urteilsvermögen, kritisches Denken, Eigenverantwortlichkeit, Empathie, Selbstvertrauen und Mut. Solche Fähigkeiten lassen sich nicht einsam vor dem Spiegel oder am Tablet erlernen. Sie müssen mit anderen eingeübt werden – im Idealfall in einer Umgebung, die annähernd multikulturell wie die globale Welt strukturiert ist.
Integration gelingt nur zwischen Menschen, die einander respektieren. Gruppenbildungen und Streitereien sind dabei wichtige Faktoren. Doch nicht der Kampf gegeneinander, sondern der demokratische Austausch zwischen Einzelnen und zwischen Gruppen garantiert Frieden und Freiheit. Damit ein Krieg zwischen Gruppen wie im Nahen Osten nicht auch den Westen erfasst, müssen die Wurzeln für destruktiven Gruppennarzissmus erkannt und gekappt werden.

© Gisela Schmalz

Recommended Citation/Empfohlene Zitierweise:

Schmalz, Gisela: “Gruppennarzissmus” (2018). Gisela Schmalz: https://www.giselaschmalz.com/?p=3201