Die Angriffe der Verhaltensdesigner auf Freiheit und Demokratie

Apropos Nudging: Regierungen und (Technologie)-Unternehmen versuchen das Verhalten von Bürgern und Nutzenden mit “subtilen” Stupsern zu beeinflussen. Das beschneidet die Freiheit des Einzelnen und gefährdet die Demokratie.

Aus dem Beitrag für CARTA. info von Gisela Schmalz am 10.12.2019: Autoritäres »Stupsverhalten« untergräbt die Demokratie, die von den Beiträgen autonomer Individuen lebt. (…) Die meisten Menschen wissen besser als ihre selbsternannten Väter, was gut und was schlecht für sie ist. Eigenständige Entscheidungen können sie jedoch nur dann treffen, wenn sie wahrheitsgemäß und verständlich über ihre Wahlmöglichkeiten und die Kontexte ihrer Entscheidungen informiert werden.

#ZukunftderDemokratie

Vollständiger Artikel:

Die Angriffe der Verhaltensdesigner auf Freiheit und Demokratie

 

von Gisela Schmalz

10.12.2019 veröffentlicht bei CARTA.info

 

»To nudge« heißt auf Deutsch, ganz niedlich, »stupsen«. Nudging ist aber nichts Niedliches. Es bezeichnet die subtile Modellierung von Entscheidungsarchitekturen mit dem Ziel, menschliches Verhalten ohne Anweisungen, Verbote oder Zwang in vorhersehbarer Weise zu ändern. 2008 erschien das Buch »Nudge: Improving Decisions About Health, Wealth, and Happiness« des Verhaltensökonomen Richard Thaler und des Juristen Cass Sunstein. Mit gleicher Begeisterung lasen und lesen es Leute, die andere manipulieren wollen, und Leute, die mangels Selbstbeherrschung mit Nudges zum »besseren Verhalten« angestupst werden wollen. Eine im Pissoir klebende Fliege zum Draufzielen hat noch niemandem geschadet – auch nicht die Ausgabe kleiner Essteller oder das Platzieren von Obstschalen auf Sichtniveau in Kantinen. Auch am Straßenrand aufleuchtende Smileys, wenn Autos in gedrosseltem Tempo vorbeifahren und nicht einmal die Fotos von Lungenkarzinomen, Krebsgeschwüren und Leichen auf Zigarettenschachteln stören oder schaden. Mit derlei gesetzeskonformen Tricks versuchen Arbeitgeber und Staatsbeamte ihre Schutzbefohlenen zu erziehen. Nudges sollen Menschen auf den Weg der Tugend stupsen, sie dazu bringen, gesünder zu leben, für ihr Alter vorzusorgen oder Energie zu sparen. Den US-Präsidenten Barack Obama überzeugte das Stups-Konzept, das auf behavioristischen Erkenntnissen beruht. Von 2009 bis 2012 ließ er den Nudge-Fachmann Cass Sunstein im »Office of Information and Regulatory Affairs« Nudges für US-Bürger erarbeiten. Auch der britische Premierminister David Cameron und seine Regierung ließen sich verhaltenstheoretisch inspirieren und richteten eine Nudging-Abteilung ein. Die Stups-Begeisterung der deutschen Kanzlerin Angela Merkel hielt sich zunächst in Grenzen. Sie stellte nicht, wie Barack Obama, bereits 2008 dreißig, sondern erst 2015 drei Nudging-Spezialisten ein, die Stups-Konzepte entwerfen sollten.

Doch Menschen pissen weiterhin fröhlich über Beckenränder, essen immer noch zu viel, darunter Mengen an Süßigkeiten, rauchen bis der Krebs kommt, fahren zu schnell und lassen Automotoren im Stand laufen. Nudging wirkt nicht bei jedem und jeder. Bei wiederholtem Einsatz zeigt es Abnutzungseffekte (Ekelbilder auf Zigarettenschachteln). Viele durchschauen das Nudging und auch die Rechtfertigung dafür, den Ausdruck »libertärer Paternalismus«, als Bevormundung. Die Formel »libertärer Paternalismus« ist in sich widersprüchlich. Dieses Begriffsmonstrum zeugt von der autoritären Überheblichkeit derer, die Nudging als seligmachend verkaufen wollen. Die Nudge-Heilsbringer Thaler und Sunstein stellten ihrem Terminus »Paternalismus« das Adjektiv »libertär« voraus, als wollten sie sich bei den Zielpersonen des Nudging für deren Freiheitsberaubung entschuldigen oder sie erneut austricksen. Stellen Autoritäten Menschen Obstschüsseln unter die Nasen oder lassen sie Formulare mit vorausgefülltem »ja« beim Stichwort »Organspende« unterschreiben, behandeln sie sie wie überlistbare Kinder. Sie befördern eine allgemeine Verdummung, die von schlechter Bildungspolitik vorbereitet wurde. Paternalistisches Nudging ist Manipulation. Nichts daran ist »libertär«. Freie Bürger brauchen keine väterlichen Stupser – weder von Arbeitgebern noch von Staatsbeamten – und schon gar nicht von den »Nutzererfahrungsspezialisten« der mächtigen Technologiekonzerne.

Die digitalen Stupser von datensammelnden, werbe- und propagandatreibenden Tech-Firmen sind perfider als die analogen, weil sie schlechter identifizierbar sind. Permanent auf Nutzende losgelassene Online-Nudges sollen sie zum Dauerkonsum von Social Media-, Video-, Game- und sonstigen Angeboten, zum Klicken von Werbehinweisen oder zum Konsum verleiten. In Tech-Konzernen werden Verhaltensökonomen und Psychologen derzeit hofiert. Auf der Grundlage behavioristischer Erkenntnisse, dass Menschen lieber kurz- als langfristig denken, mehr Angst vor Verlust  als Lust am Risiko bei Gewinnchancen zeigen, sich an anderen Personen (Social Influence), an vorausgegangenen Reizen (Priming) oder den unmittelbar verfügbaren Informationen (Anchoring) orientieren, basteln sie in Teams mit Entwicklern und Programmierern an verhaltensverändernden, technologischen Nudges. Sie betreiben »Psychological Engineering« oder »Social Engineering«, wenn sie für fehlbare, vertrauensselige Menschen personalisierte Entscheidungsstrukturen, stupsende Blings, Pfeile, Meldungen, rote Buttons und andere Nudges kreiieren. US-Firmen wie Facebook (Instagram, WhatsApp), Alphabet (YouTube), Amazon, Twitter oder Snapchat und chinesische Konzerne wie Tencent (WeChat) oder ByteDance (TikTok) bauen ihren Algorithmen, Apps und Plattformen »persuasives Design« ein. Ziel ist es, damit das Denken, Wahrnehmen, Fühlen und Verhalten möglichst vieler Nutzender möglichst lange zu kapern, um sie mit den Botschaften oder Waren (bezahlender) Auftraggeber konfrontieren zu können.

Mit einem Brief wandten sich im August 2018 50 US-Psychologen an die »American Psychological Association« (APA). Darin verwiesen sie auf die unethischen Praktiken ihrer Kollegen, die für Tech-Konzerne »versteckte Manipulationstechniken« designten. Sie forderten ihren Verband dazu auf, sich für den Schutz tech-dauernutzender Kinder zu engagieren. Der Experimentalpsychologe B. J. Fogg hat den Aufruf nicht unterschrieben. Der Gründer und Direktor des »Stanford Behavior Design Lab« forscht seit 1997, inzwischen auch unter dem Stichwort »Gewohnheiten«, in Stanford an den Fragen, wie Webseiten auf Nutzende glaubwürdig wirken und wie Computer die Meinungen und Handlungen von Nutzenden in zuvor festgelegter Weise beeinflussen können. Dazu kooperiert Fogg mit Konzernen wie Facebook. Einige spätere Silicon Valley-Größen, darunter die Instagram-Gründer Kevin Systrom und Mike Krieger, wurden in seinem Labor ausgebildet. Trotz des Psychologen-Apells und trotz in aller Welt immer lauter geäußerter Kritik basteln »Verhaltensarchitekten« weiterhin an süchtig machenden und »persuasiven Technologien«.

Doch genauso wenig wie Paternalismus »libertär« ist, sind Tech-Nudges persuasiv im Sinne von »überzeugend«. Sie richten sich nicht an die Ratio, sondern an das Unbewusste der Zielpersonen. Sie sind unterschwellig manipulativ. Verhaltensforscher haben festgestellt, dass Menschen Denkabkürzungen wählen, eher schnell und instinktiv, als langsam und überlegt vorgehen (Daniel Kahnemann: »Thinking, Fast and Slow«). Sie analysieren nicht misstrauisch jeden Pfeil, jedes Zeitlimit, jede Empfehlung oder jedes Autoplay, dem sie im Netz begegnen. Lieber geben sie sich dem Flow der Algorithmen, ihrer Neugier und Spiellust hin. In der Regel bleibt den Normalnutzenden sowieso nichts anderes übrig: Entscheidungsmodulationen erleichtern die Qual der Wahl. Außerdem sind sie für sie schlecht oder gar nicht identifizierbar, gerade wenn sie neu oder raffiniert sind – und neue, raffinierte Beeinflusserlein werden ständig ausprobiert. Ihre anscheinende Harmlosigkeit und Unbegreiflichkeit machen Nudges so wirkungsvoll. Menschen tappen in die auf Datenbasis speziell für sie maßgeschneiderten Fallen. Sie betrachten, klicken, kaufen, denken, wählen und tun das, wohin Nudges sie stoßen. Nudgenden Tech-Konzernen bescheren ihre Tricks nicht bloß höhere (Werbe-) Einnahmen. Neben wirtschaftlicher Macht verschaffen sie ihnen zusätzlich immer mehr politischen, sozialen und psychologischen Einfluss über Einzelpersonen, Gruppen und ganze Gesellschaften. Autoritäres »Stupsverhalten« untergräbt die Demokratie, die von den Beiträgen autonomer Individuen lebt.

Dass technologisches Bürger-Nudging breiten- und tiefenwirksam ist, illustriert das Sozialkreditsystem Chinas. In der Volksrepublik kooperieren der Zentralrat und die heimischen Tech-Konzerne erfolgreich an der Verhaltensmodulation chinesischer Bürger. Damit diesen die Gängelung Spaß macht und mögliche Befürchtungen zerstreut, ist sie wie ein großes Gesellschaftsspiel konstruiert. Wer sich nudgen lässt, wird auch genudged. Menschen sollten schleunigst System 2 (Daniel Kahnemann) anwerfen, ihr langsames, reflektiertes, überlegtes und schlussfolgerndes Nachdenken darüber, was ihnen technologisch so alles vorgesetzt wird und wie es sie und ihre Umwelt prägen könnte. Nur ihre Reflektiertheit kann sie vor den manipulierenden Designs monetär oder ideologisch getriebener Tech-Modellierer bewahren. Nutzende sollten langsamer und aufmerksamer als bisher durch technologische Welten reisen und womöglich öffentlich gegen Nudging mobilisieren. Auch Vater Staat muss hier aktiv werden, wenn er sich schon paternalistisch geriert. Regierungen des Westens sollten sparsam mit eigenen Nudges umgehen. Und sie sollten nudgenden Tech-Konzernen, die das Unbewusste, die Unkenntnis und die Trägheit von Menschen für ihre Zwecke ausschlachten, dringend Einhalt gebieten. Verhaltenssteuernde Architekturen und Technologien sind permanent zu beobachten. Die Unternehmen dahinter sind zur Offenlegung ihrer Methoden zu verpflichten. Das gelingt vermutlich nur, wenn Gesetze sie dazu zwingen, ihre Verfahren zu erklären und Nutzende jedes Mal deutlich darauf hinzuweisen, wohin welcher Stupser sie wie lenken soll. Flankierend sollten staatliche Aufklärungskampagnen und sinnvolle Bildungsmaßnahmen zur Erhellung der Nutzenden (Bürger) eingesetzt werden. Menschen brauchen Aufklärung, statt Nudges. Sie verdienen, ihre Würde und Wahlfreiheit respektierende Entscheidungsarchitekturen. Das sind Wahlsituationen, die mehrere und nicht nur ein bis drei Optionen bieten, und die die Vernunft (System 2) ansprechen, statt niedere Instinkte (System 1) auszubeuten. Die meisten Menschen wissen besser als ihre selbsternannten Väter, was gut und was schlecht für sie ist. Eigenständige Entscheidungen können sie jedoch nur dann treffen, wenn sie wahrheitsgemäß und verständlich über ihre Wahlmöglichkeiten und die Kontexte ihrer Entscheidungen informiert werden. Nudgende Regierungen und Tech-Konzerne müssen ihre Beeinflussungsvorhaben und -verfahren offenlegen. Und wollen sie Menschen für ihre Ideen, Ziele oder Produkte gewinnen, so sollten sie sie zu überzeugen versuchen, anstatt sie latent zu überrumpeln. Bürger und Kunden sind herausgefordert, bevormundende Designs aufzuspüren und besonnen auf sie zu reagieren. Nudge-Auge sei wachsam! Nur wer seine Optionen kennt und weiß, was er will und nicht will, kann selbstbestimmt und ungestupst entscheiden.

 

© Gisela Schmalz

Recommended Citation/Empfohlene Zitierweise: Schmalz, Gisela: “Die Angriffe der Verhaltensdesigner auf Freiheit und Demokratie” (2019).  https://www.giselaschmalz.com/die-angriffe-der-verhaltensdesigner-auf-freiheit-und-demokratie/

Erschienen c/o CARTA.info: Gisela Schmalz: “Die Angriffe der Verhaltensdesigner auf Freiheit und Demokratie“ (2019)

Fragen zu lösen, ist eine gemeinsame Arbeit. (Joseph Beuys)

 

Ausschnitt aus dem Film  “400 m IFF” (1969) von Lutz Mommartz.

 

Joseph Beuys war einer der größeren Fragesteller unter den Künstlern. In seinen Werken, Reden, Schriften und Aktionen widmete er sich den Sinnfragen. Vor allem fragte er danach, welche Rolle der Kunst und den Künstler/inne/n in der Industriegesellschaft zukommen könnte. Er fragte auch, wie eine bessere Gesellschaft aussehen könnte. Seine Fragen veranlassten ihn dazu, sich politisch zu engagieren. 1979 kandidierte er für das Europaparlament als Direktkandidat für „Die Grünen“, und er war 1980 beim Gründungsparteitag der „Grünen“ dabei.  Doch lange hielt Beuys es unter den Politikerinnen und Politikern nicht aus – und diese nicht mit ihm.

Die Fragen von Joseph Beuys müssen ziemlich dringlich gewesen sein, dass er sich freiwillig von der Kunst in die Politik begab. Doch dieses Heraustreten zu (großen Gruppen von) Menschen war sein Programm. Die Fragen der Menschen interessierten ihn.

 

Gruppennarzissmus

“When all think alike, then no one is thinking.”
Walter Lippmann

 

 

Das Projekt „Ich“ der narzisstischen Gesellschaft entpuppt sich als Sackgasse: Ein schwaches Selbst erfährt auch durch strikte Selbstkontrolle keine Stärkung. Der delphische Spruch „erkenne dich selbst“ und Pindars Satz „werde, der du bist“ haben das Individuum nicht weitergebracht. Die freie Selbstverwirklichung ist keine. Die Verheißung der Freiheit, alles haben und sein zu können, hat den Einzelnen unfrei gemacht.

Narziss_Benczur-narcissus_II_-commons.wikimedia.org
Die Marketingindustrie hat die Freiheit für ihre Zwecke instrumentalisiert. Ihre Opfer sind alle, die Werbeversprechen à la „just do it“ (NIKE, 1987) gefolgt sind. In „The Malaise of Modernity“ von 1991 bemerkte der kanadische Philosoph Charles Taylor, der „Individualismus der Selbstverwirklichung“ mache blind für Probleme jenseits des Selbst. Menschen fehle das moralische Fundament, um Werturteile zu fällen. Tatsächlich kann Subjektivismus in einen Werterelativismus münden. Auch wird er zur Belastung, weil er zur Vereinzelung und zu Beziehungsstörungen führt. Einzelgänger mit fragilem Wertegerüst sind nicht fähig, ihre Freiheit selbstbestimmt zu nutzen und ihr Leben aktiv zu gestalten. Sie suchen Orientierung und Halt außerhalb ihrer selbst – und werden verführbar.

Der Narziss des 21. Jahrhunderts begnügt sich nicht länger mit Selbstbespiegelung. Er will raus. Er will mehr als bloß Bild und Hirngespinst für sich und andere sein. Er will sich spüren, einen Körper haben und die Wärme der Gruppe empfinden. Der Schritt hinaus ist eine Bewegung zu Anderen und zu etwas Anderem, zum Konkreten, zum Physischen. Das Individuum will nicht länger einsam sein. Es schließt sich Weggefährten an, die ihm Sinn und Bestätigung verschaffen und nebenbei sein schwaches Selbstbild aufpäppeln.

 

1024px-HK_Causeway_Bay_Kai_Chiu_Road_3_male_model_outdoor_photography_Haysan_Place_fans_Aug-2012 Von Natalitiameom CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

 

 

 

Models Araceli_Angielle_Jimenez Von Instinc models CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei ihrer Orientierungssuche folgen die Erben der narzisstischen Gesellschaft größtenteils nicht der Leitidee der Kommunitaristen. Sie organisieren sich nicht, um auf Basis gemeinschaftlicher Werte „das Gute“ in die Welt zu bringen. Es bricht kein Zeitalter des Gemeinsinns an. Dazu sitzen die Vereinzelungserfahrungen, das Misstrauen gegenüber anderen und die Verantwortungsscheu zu tief. Die kulturelle Prägung der narzisstischen Wirtschaftsgesellschaft lässt sich nicht so einfach abstreifen. Das Talent, sich zu nährenden Gemeinschaften zusammenzuschließen, fällt nicht vom Himmel.
Verunsichert über ihre Position im komplizierten Weltgefüge werden Einzelne vielmehr anfällig für Gruppen mit ausgeprägtem Image und eindrucksvollen Führungspersönlichkeiten. Moralisch haltlose Individuen sind bereit, ihre alte gegen eine neue Form von Fremdbestimmung einzutauschen. Ihnen fehlt die Unterscheidungsfähigkeit zwischen guten und schlechten Gruppen. Also orientieren sie sich an der Popularität des Angebots. Cool, tough oder moralisch überlegen wirkende Gemeinschaften sind besonders attraktiv. Da wollen sie dazugehören. Doch wer sich aus einer Ohnmacht heraus einer vom Gruppennarzissmus erfassten Gemeinschaft anschließt, begibt sich in Gefahr. Ein schwaches Individuum bleibt auch hier schwach und wird oft weiter geschwächt. Das liegt an der Mechanik des Gruppennarzissmus.

Army Les_'Aito_du_511_ème_régiment_du_train By Sebdicam, Sébastien Joly -CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

Hier überlagern kollektive Gefühle von Sicherheit, Stärke und Gruppenstolz das individuelle Ohnmachtsempfinden. Der und die Einzelne lassen sich von den Gefühlen und Meinungen der Gruppe mitreißen und betäuben. Im Kreis der Anderen erleben sie sich als mächtig. Doch tiefsitzende Ängste bleiben. Die Gruppe wird übermächtig, das Individuum von ihr abhängig und manipulierbar. Gruppennarzissmus vernebelt das Denken. Er unterminiert die rationale Wahrnehmung und Kritikfähigkeit des Einzelnen. Das Individuum übernimmt die Wahrheiten der Gruppe. Es unterliegt einer neuen Fremdbestimmung.
Der 24-jährige Hauptschüler Nils D. war schon mit 15 Vater geworden und flüchtete sich in Drogen und Alkohol. Dann schloss er sich der Salafistengemeinschaft in seinem Heimatort Dinslaken an. Mit seiner neuen Clique „Lohberger Brigade“, reiste er nach Syrien, um hier für die Terrororganisation IS zu kämpfen. Im Netz postete Nils D. martialische Fotos von sich und seiner Brigade. Die Bilder zeigen, dass Nils D. sein Losergefühl gegen den gefährlichen Gruppennarzissmus beim IS eingetauscht hat.

 

Was bedeutet Gruppennarzissmus? Wie wirkt er? Gruppennarzissmus ist die irrationale Überzeugung von der Großartigkeit der Gruppe, der man selbst angehört. Was beim individuellen Narzissmus die überzogene Selbstliebe ist, stellt beim Gruppennarzissmus die übertriebene Liebe zur Gruppe dar. Im Kollektiv entsteht ein moralisches Überlegenheitsgefühl, das jedes Mitglied ansteckt. Gruppenteilnehmende glauben daran, dass die eigene Gruppe besser, wichtiger oder mächtiger als andere Gruppen sei. Sie fühlen sich als Avantgarde und wollen die Außenwelt davon in Kenntnis setzen. Gruppennarzissmus motiviert jedes Mitglied zur Hingabe an die Gruppe. Wenn aber der innere Gruppenzusammenhalt fragil ist, bedarf die Gruppe der Stärkung von außen – über gemeinsame Symbole und Slogans oder aber über ein gemeinsames Feindbild. Die Aufwertung der eigenen Gruppe geht oft mit der Abwertung anderer einher.

 

Verschiedene Porträtaufnahmen von Charakterköpfen, gesammelt im Rassepolitischen Amt der NSDAP
Verschiedene Porträtaufnahmen von Charakterköpfen, gesammelt im Rassepolitischen Amt der NSDAP

 

Gruppennarzissmus schürt Aggressionen gegen Dritte. Er kann zum Wettbewerb mit anderen Mannschaften, Unternehmen oder Marken führen, aber auch zur Feindschaft gegenüber anderen Parteien oder Bevölkerungsgruppen. In der Gruppe verstärken sich alle Eigenschaften des individuellen Narzissmus. Stärker werden positive Gefühle wie Begeisterung und auch negative Gefühle wie Hass. Der narzisstische Drang zur Außendarstellung kann zu Werbezwecken dienen, etwa wenn ein Unternehmen neues Personal sucht. Er kann aber auch in aggressive Propaganda gegen andere Gruppen umschlagen.

Gruppennarzissmus kann überall ausbrechen – in Parteien, in Unternehmen, in Vereinen, in Glaubensgemeinschaften, in Universitäten, in Forschungsgruppen, in Künstlervereinigungen, in Sportmannschaften oder beim Militär. Er kann temporär auflodern und dann nachlassen oder langfristig bestehen.

 

 

 

 

Erich_Fromm_1974 Müller-May, Rainer Funk, via Wikimedia CommonsDer Begriff Gruppennarzissmus (auch kollektiver oder sozialer Narzissmus) wurde dennoch bislang kaum beleuchtet. Den Begriff „collective narcissism“ führte Erich Fromm 1973 ein. In „The Anatomy of Human Destructiveness“ betrachtete der Sozialpsychologe den Gruppennarzissmus im Zusammenhang mit der übersteigerten Liebe zur eigenen Nation. Leider entging ihm dabei der Unterschied zwischen Gruppennarzissmus und Ethnozentrismus. Fromm argumentierte aus seiner Erfahrung des deutschen Faschismus heraus. „Gruppennarzissmus ist eine der wichtigsten Ursachen für menschliche Aggression,“ schrieb Fromm. Er nannte den Gruppennarzissmus „semipathologisch“ und erkannte im Gruppennarzissmus den Nährboden für destruktive Kräfte.

 

Zum echten Problem werde Gruppennarzissmus, sobald „zwei narzisstische Gruppen in Konflikt geraten.“ Tatsächlich neigen Gruppennarzissten dazu, sich Feinde zu suchen. Ein starkes Feindbild stärkt den Zusammenhalt der eigenen Gruppe. Belege dafür liefern die  Dinslakener Salafisten, die NSU um Beate Zschäpe, die RAF oder die Weathermen. Problematisch beim destruktiven Gruppennarzissmus ist die Manipulation der Meinung und der Gefühle der Mitglieder durch die Gruppe. Todd Strassers Roman „The Wave“ von 1981 und seine Verfilmungen behandeln das Gruppenexperiment in einer Schulklasse. Ein Lehrer beeinflusst seine Schüler, bis sie unter Selbstverleugnung nur noch als Gruppenmitglieder fühlen, denken und handeln. Der Versuch setzt einen brutalen Gruppennarzissmus frei. Er bringt Schüler dazu, die Gruppe mit Gewalt gegen Außenseiter zu verteidigen.

 

Der westliche Kapitalismus eröffnete Freiräume. Er lieferte den Menschen jedoch keine brauchbaren Instrumente dafür mit, um mit dieser Freiheit sinnvoll umzugehen. Parallel zur Ausweitung des Liberalismus erodierten alte Verlässlichkeiten. Glaube, Heimat, Ehe, Familie oder ein fester Arbeitsplatz sind keine Selbstverständlichkeit mehr. Wenn Individuen eine existentielle Verunsicherung erleben und von Zukunftsängsten geplagt sind, zeigt das auch das Versagen von Wirtschafts-, Sozial- und Bildungspolitik.

 

Die hochkomplexe, hochdynamische Weltwirtschaft überfordert die Menschen. Ein fehlendes Wertefundament und fehlende äußere Sicherheiten brachten in der Zeit des Ausatmens nach dem Zweiten Weltkrieg verunsicherte und konsumfixierte Einzelgänger hervor. Den Mangel an Vertrauen in ihre Mitmenschen und in eine sie tragende Gesellschaft kompensierten sie mit narzisstischer Selbstoptimierung. Wer dabei nicht depressiv wird, wird aggressiv und sucht sich aggressive Kumpanen. Die vermeintlich starke Gruppe dient dazu, die individuelle Ohnmacht zu betäuben.
In Gesellschaften, aus denen Bürger ausbrechen, um sich radikalen Gruppen in West oder Ost anzuschließen, erblüht ein neuer Narzissmus, der Narzissmus der Gruppe. Sobald destruktiver Gruppennarzissmus seine Blüten treiben kann, stehen die Errungenschaften der Zivilisation und die Werte der Aufklärung zur Disposition.

Die Ursachen für destruktiven Gruppennarzissmus liegen beim Individuum und in der Gesellschaft. Problemlösungen müssen bei der Wechselwirkung von Individuum und Gesellschaft ansetzen. Freiheit verlangt jedem Einzelnen ein hohes Maß an Integrität ab. Mit Freiheit umzugehen, erfordert ethisches Urteilsvermögen, kritisches Denken, Eigenverantwortlichkeit, Empathie, Selbstvertrauen und Mut. Solche Fähigkeiten lassen sich nicht einsam vor dem Spiegel oder am Tablet erlernen. Sie müssen mit anderen eingeübt werden – im Idealfall in einer Umgebung, die annähernd multikulturell wie die globale Welt strukturiert ist.
Integration gelingt nur zwischen Menschen, die einander respektieren. Gruppenbildungen und Streitereien sind dabei wichtige Faktoren. Doch nicht der Kampf gegeneinander, sondern der demokratische Austausch zwischen Einzelnen und zwischen Gruppen garantiert Frieden und Freiheit. Damit ein Krieg zwischen Gruppen wie im Nahen Osten nicht auch den Westen erfasst, müssen die Wurzeln für destruktiven Gruppennarzissmus erkannt und gekappt werden.

 

© Gisela Schmalz

2.8.2016

US-Regierung arbeitet mit Google- und Microsoft-Strategen

Am 28.4.9 verkündet US-Präsident Barack Obama, dass unter den 20 Beratern seines President’s Council of Advisors on Science and Technology der Google-CEO Eric Schmidt und der Strategie-Leiter von Microsoft, Craig Mundie, seien. Schmidt hatte Obama im Wahlkampf 2008 beraten und galt zeitweise als Kandidat für die Stelle des Chief Technology Officers (CTO) der US-Regierung. Offenbar wollen Schmidt und Mundie sich ihre Unabhängigkeit bewahren und doppelgleisig fahren – für ihr Land und für ihre Konzerne.

Bürgerrechtler fordern in einem Brief an Obama eine Balance bei der Beraterbesetzung und sprechen sich gegen die Benennung von IT-Managern aus. Stimmen aus der US-Unterhaltungsindustrie zeugen davon, dass man mit der Postenvergabe hier zufrieden ist.