Mikromärkte – neugebaute und eingestürzte Idee?

Die Berliner Band Einstürzende Neubauten finanzierte sich ab 2002 über das „Supporter-Modell“. Unter Ausschluss der Musikindustrie mobilisierten die Neubauten ihre internationale Fangemeinde. Ab 35 Euro erhielten die Fans exklusive CDs, DVDs, Downloads, eigene Email-Adressen sowie Zugang zu einem Live-Stream. Über den Stream waren die Fans mit im Studio, als die Band ihr neues Album aufnahm. “Das haben wir von der Pornoindustrie abgeschaut”, erläuterte Bassist Alexander Hacke 2007 dem ORF.

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Kein schlechtes Vorbild – denn das 2003´er Album konnte komplett über die Community finanziert werden. Hacke erklärte dem ORF auch, er glaube, dass das Supporter-Modell auch für andere Bands funktionieren könnte.

Danke an Tim Renner für den Hinweis auf das Experiment, das mich erst hoffnungsvoll stimmte und das ja in abgewandelter Form auch Bands wie Angelika Express oder der britische Musiker Patrick Wolf durchführen. Doch nun finde ich das hier: “Thank you for your interest and support, but the five year, three phase experiment known as the neubauten.org supporter project is now over.” Aus und Schluß mit dem Supportsystem! Wo ist die Fangemeinde und deren Geld geblieben? Reicht deren Begeisterung nur für eine Saison, um danach ihre Lieblingskünstler im Stich zu lassen und sich eine neue zu suchen? Funktioniert der Handel über Mikromärkte etwa doch nur bei unkopierbaren, handgestrickten Waren wie bei Etsy oder DaWanda? Muss doch eine Flatrate für Content her?

Nutzer als Motivatoren (These 8)

Pronliner, produzierende Onliner, stellen interessante, innovative Qualitätsgüter ins Netz. Von diesen Gütern können alle profitieren. Und wenn auch die Pronliner selbst von ihren Uploads und Postings profitieren wollen, etwa durch positive Kommentare oder Geldeinheiten, sollten Nutzer solchen Wünschen nachkommen, allein schon um ihre Lieblingspronliner zu weiteren hochwertigen Kreationen zu motivieren.

Im Netz herrscht eine No (go) Economy (These 1)

“We live in an amazing time! The world is getting flatter, the tail longer, and everything is free”, Blogger im Blog von Chris Anderson, 2008 (http://www.thelongtail.com/)

Stimmt eigentlich – doch wenn alle Webleistungen weiterhin vorwiegend gratis und illegal kursieren, wird das Webgeschehen nicht länger amazing/amusing bleiben. Wenn das Web nicht bald verlässliche Marktregeln kennenlernt, werden hier Oligopole oder Monopole bestimmen, was geht und nicht geht.

Dem Netzgeschehen fehlen die grundlegenden Rahmenbedingungen für einen Markt:

  • Preise für digitale Infrastrukturen und Inhalte
  • ein eindeutiges Eigentumsrecht
  • eine ausgewogene Wettbewerbssituation.

NO ECONOMY bezeichnet eine (Online-)wirtschaft, bei der genau diese Elemente einer Marktwirtschaft fehlen. Ohne Marktstrukturen und Preise wird das Netz der Zukunft von Qualitätsmängeln, Redundanz und unfairer ökonomischer Verteilung geprägt sein.

© gsc

Gratiswahn (These 2)

Digitale Infrastrukturen, etwa Communityplattformen und Content wie Texte, Töne, Bilder, Bewegtbilder oder Spiele sind Nutzern selten Geld wert. Außerdem scheren sich viele Nutzer, ob sie als Privatnutzer oder als kommerzielle Anbieter auftreten, wenig um Urheberrechte, so dass es im Web außer zu Gratiskonsum auch zu illegalem Konsum immaterieller Güter kommt.

Gratis hat seinen Preis (These 4)

Im Gegenzug für ihre Umsonstangebote im Web speichern kommerzielle Onlineunternehmer die Suchhistorien und Datenprofile ihrer Homepagebesucher. Sie sammeln, analysieren und synthetisieren sie, um damit Werbekunden anzuwerben, Datenhandelsgeschäfte zu treiben oder sie an Dritte mit sonstigen Interessen weiterzugeben. Die Nutzer zahlen also doch Preise, wenn sie gratis Webleistungen beziehen: sie zahlen mit der Preisgabe ihrer persönlichen Daten.