Zukunftstechnologien spalten

Sukzessive werden Menschen auf ihre passive Rolle im Netz der quasi-autonomen Technologien vorbereitet. Und sie lassen es gerne zu. Gewöhnung, Verwöhnung, Billig- oder Nullpreise, Prestige, Gruppendruck, Bequemlichkeit, Unterhaltung, Ablenkung, Spaß, Trägheit und Uninformiertheit sind Gründe dafür, warum Menschen bei Tech-Innovationen bereitwillig zugreifen. Dafür nehmen sie in Kauf, dass sie von immer aufdringlicheren Geräten und Diensten abhängig werden. Sie erlauben es, dass intimste Informationen über sie an datensammelnde Konzerne fließen, die sie in gläserne, gefügige Wesen verwandeln. Dass ein Zirkel von Tech-Managern die Macht über Daten und Technologien besitzt – und weder deren Verwender noch die für sie zuständigen, weil demokratisch gewählten Aufpasser – spaltet die Gesellschaft.

Doch nicht nur zwischen Produzenten und Konsumenten klafft eine Kluft. Würden Unternehmen für ihre bisher kostenlosen App- oder Plattformangebote Geld verlangen und für technologische Neuerungen hohe Preise setzen, erhielten nur zahlungsbereite Kunden überhaupt Zugang zu Diensten wie Social Media-Plattformen oder Messengern.

Nur zahlkräftige Kunden könnten sich bessere, leistungsfähigere, sicherere, vielseitigere, vernetztere, verlässlichere, gesundere, elegantere, werbefreie und häufiger geprüfte Geräte und Anwendungen leisten. Der Rest müsste sich mit Normal- oder Minderware abfinden. Die Anschaffung von Robotern, künstlichen Gliedmaßen oder Gehirn-Computer-Schnittstellen würde die Unterschiede zwischen Reich und Arm sowie Macht und Ohnmacht in der Gesellschaft deutlich markieren.

Nur ein Teil der Bevölkerung würde seine Körper- und Denkfunktionen aufrüsten, schneller, schöner und schlauer werden, besser hören, sehen, laufen, klettern und sein Leben verlängern können. Edel-Cyborgs würden über Trash-Cyborgs triumphieren. Und dann gäbe es noch die lachenden Dritten, die Kuppler zwischen Computer und Mensch. Die Tech-Manager wären den Trash- ebenso wie den Luxus-Cyborgs schon deshalb überlegen, weil sie sich ihre Unabhängigkeit und ihre natürlich-menschlichen Instinkte bewahrt hätten.

Auszug aus: Schmalz, Gisela (2020): Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert. Frankfurt am Main: Campus Verlag, 5. Kapitel “Willensabgleich” S. 239f.