Wer die Geldströme eines Menschen kennt, kennt den Menschen

Die Wirtschaftsethikerin und Autorin Prof. Dr. Gisela Schmalz spricht über Kosten und Nutzen von Kryptowährungen

Neben technischen Belangen und Fragen, die bisher vor allem etwas für Eingeweihte sind, berühren Kryptowährungen auch einzelne Individuen sowie das gesellschaftliche Leben. Prof. Dr. Gisela Schmalz, Wirtschaftswissenschaftlerin, Philosophin und Autorin, blickt im Interview mit André Bednarz auf positive wie negative Potenziale der Digitalwährungen.
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Berührt der Einsatz von Kryptowährungen auch ethische und moralische Fragen, oder handelt es sich bei diesem Technikprodukt lediglich um Freizeit- und Spekulationsobjekte einer Minderheit, die die Gesellschaft nicht kümmern müssen?

Kryptowährungen verursachen negative Externalitäten in Form von ökologischen, sozialen und ökonomischen Kosten. Also, ja: Man sollte durch die Brille der Ethik darauf schauen.

Um welche Externalitäten handelt es sich dabei?

Zu den ökologischen Externalitäten des energieintensiven Minings gehört ein C02-Fußabdruck, der größer ist als der der Schweiz. Das sind 0,5 Prozent des weltweiten Stromverbrauchs und siebenmal mehr als der des Technikgiganten Google. Zudem produziert jede der aktuell rund 300.000 Bitcoin-Transaktion pro Tag eine Elektroschottmenge, die der zweier iPhones entspricht, wie Forscher*innen des MIT und der niederländischen Zentralbank in einer Studie herausfanden.

Auswirkungen auf das Zusammenleben haben Kryptowährungen auch, da sie dazu genutzt werden, kriminelle Aktivitäten zu erleichtern und zu verschleiern. Das stellt die Strafverfolgungsbehörden vor die anspruchsvolle Aufgabe, mittels neuer Technologien verübte Verbrechen zu erfassen und aufzuklären. Ferner erleichtern Bitcoin & Co. Übervorteilung, Steuerbetrug oder Geldwäsche, wodurch Individuen, Unternehmen oder ganze Volkswirtschaften getroffen werden können. Die Schäden sind somit umfassender Natur.

Gibt es auch Vorteile?

Zum Nutzen, gehört, dass Nutzende bei Geldtransfers anonym bleiben und Kosten sparen. Viele Formen von Transaktionskosten, in der Regel Einnahmequellen für klassische Banken, fallen weg und bleiben auf den Konten der Kund:innen. Davon profitieren vor allem Menschen des Globalen Südens. Wanderarbeiter:innen aus Entwicklungsländern können Teile ihrer Einnahmen per Kryptotransfer schnell, flexibel und mit niedrigen Transaktionsgebühren an Verwandte in ihren Heimatländern überweisen – was den oft einkommensschwachen Familien, aber auch der gesamten inländischen Wirtschaft zugutekommt. Deshalb befürworten auch die Weltbank, der Internationale Währungsfonds und die UN sinkende Transaktionskosten. Zwar ist der Preis, der dafür bezahlt wird, der Verzicht auf Stabilität und Sicherheit, die klassische Banken bieten, doch zeigt dieser Exkurs in die Welt der Rücküberweisungen, welche noch gar nicht ausgeschöpften Vorteile ein digital abgefedertes, dezentrales Geldsystem eröffnen kann.

Wie bewerten Sie die Anonymität von Kryptowährungen?

Bisher ist es so, dass über herkömmliche Geldsysteme mit zentralistischer Instanz und Banken als Mittler die Freiheit und Anonymität von Kund:innen nicht komplett geschützt sind – wer die Geldströme eines Menschen kennt, kennt den Menschen. Von dieser (Teil-)Transparenz profitieren Unternehmen im Finanzsektor, etwa indem sie mit Daten handeln, aber auch Regierungen, insbesondere autokratische Regime, die ihr Volk kennenlernen und gezielt steuern wollen. Eine erhöhte Privatsphäre im Zahlungsverkehr verlangt aber auch ein Mehr an Selbstverantwortung: Niemand sollte im Darknet auf Einkaufstour gehen und dort Drogen, Waffen oder Hehlerware kaufen oder mit schwer nachvollziehbar funktionierenden und dadurch recht gut geschützten Währungen spekulieren und bei alldem Steuern hinterziehen.

Wie sieht aus Ihrer Sicht ein ethisch verantwortungsvoller Umgang mit Kryptowährungen aus?

Es geht im Prinzip darum, eine neuartige Methode des Geldtransfers aus den Händen der Eingeweihten zu nehmen und sie der breiten Bevölkerung zugänglich zu machen. Dazu braucht man aber a) Aufklärung und b) Regulierung. Jegliche Regulierung müsste allerdings so ausfallen, dass das Geldsystem keiner zentralistischen Macht wie einem Unternehmen oder einer Regierung unterliegt. Eine Art Peer-to-Peer-Regulierung wäre also denkbar, ermöglicht durch Blockchain-Anwendungen. Die politisch Verantwortlichen können sich nicht der Aufgabe entziehen, die Chancen und Risiken von Kyptowährungen zu analysieren und sinnvolle Regeln für diesen Markt zu setzen und die Gesellschaft über die Technologie, aber auch die notwendigen Regelungen aufzuklären.

Welche Vorteile ergeben sich für den Staat durch den Einsatz von Kryptowährungen?

Auch Regierungen wollen finanziell von Kryptowährungen profitieren.  (…).

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c/o WISSEN/LEBEN, Unizeitschrift der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

Das Interview ist erschienen am 16.11.2022 in WISSEN/LEBEN, gedruckt und online.

https://www.uni-muenster.de/news/view.php?cmdid=12963

Dictator of Your Choice

Fellow deputies and cyborgs-to-be! Greetings to you all!

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Let me first report on my great achievements. Guided by me we have already reached the top 5 goals of our last 15-year plan, 6½ years ahead of time:

  • First: Nationwide we have implemented 2 billion CCTV cameras as well as facial- and voice-recognition, artificial intelligence systems, smart phone- and GPS-tracking and DNA-decoding to guarantee the safety of our people´s property and life.
Elena Hrncirik in: Dictator of Your Choice/ Video Installation  by G. Schmalz (Still 1 by Reinhard Mayr)

  • Second: We successfully established our community bonus-malus system: Thanks to 24/7 video surveillance and data analytics we know our people inside out and can help them orient themselves. If one doesn´t know how to behave right, sanctions will teach this person forever. If for example someone forgets to honor me, the great leader, three to five times a day, this person will be blocked from using our public transport system, visiting restaurants and travelling abroad for 15 months and 24 days. That is how everyone will learn the rules of our society.
  • Third: To outstrip the economies of other nations we focused on quantity and on high-quality manufacturing assisted by robots. With 98 Million cars built last year, we are the world´s biggest manufacturer of motor vehicles now. We are also working hard to become the number one producer of automated lethal weapons.
  • Forth: We invested large sums into innovative research groups and businesses that focus on biomedicine, neuro technology, sci-fi weaponry and space programs.
  • Fifth: By sending a living horseshoe bat, our national symbol, to five African nations, we tightened our diplomatic bonds with our African friends.

Now I will I show you how I will lead you into a glorious future and how we will become the number one innovation powerhouse not only of this planet, but also of the Moon, Mars and Venus.

Elena Hrncirik in: Dictator of Your Choice/ Video Installation  by G. Schmalz (Still 2 by Reinhard Mayr)

I, your great leader, command our top scientists, entrepreneurs and data workers to set up artificial intelligent systems and smart infrastructures in order to collect and process more and more data of our citizens´ and other nation´s citizens. Via tech and data we can fully control our own people and also conquer the heads, hearts and hands of other people´s nations and planets (if we find people or living matter there).

By covering the entire planet with our digital network based on AI, we can make sure everyone becomes a productive element of our great, superior nation. Via AI we will steer every thought every human thinks, every emotion one feels and every move one makes. We can define the routines of every human being. We can assist everyone in their second-by-second decisions and entire life to make them devoted citizens and workers in the spirit of our glorious world tech dictatorship. Me!

If some of you deputies don´t like my style, fine. Individual decision making (like voting) is overrated anyway. As soon as you are connected to the government controlled internet via a chip implanted into your brain you will submit to me inevitably.

Elena Hrncirik in: Dictator of Your Choice/ Video Installation  by G. Schmalz (Still 3 by Reinhard Mayr)

My first goal is to keep our people safe from robbery, danger, death and certain ethnic groups we all despise. So called individuals who display skeptical, disrespectful, aggressive, and vicious behavior are stopped. I will personally take care to suppress any bad influence on our people and our system of thought, by a) implementing 2 billion more CCTV cameras in our nation, 6 billion CCTV cameras in foreign countries, and 11 billion bugs on our people´s smartphones and those of foreign users, by b) learning about foreign power strategies while spying on foreign agents, and by c) controlling the thoughts, acts and technologies of our foreign enemies.

Harmony is my power plus our nation´s technological knowhow.

Let lotus flowers flourish, not laziness.

Thank you for your cooperation and devotion. Thanks for handing over government responsibility to me again for the second time – as a symbolic gesture that shows your respect for me!

Let me quote the greatest leader of history, apart from me, Zizi Belong Mong: Do not be afraid of ascending and descending winds; the society is evolving out of ascending and descending winds. If its general orientation is correct, people can make trivial mistakes. My firm believe is that they can correct themselves in practical work and community life.

Fellow deputies! Board the rocket to the future with me. Let´s create a universe marked by three factors: (first) progress, (second) expansion, (third) submission. I will be the greatest leader till I die (if I die – our medical and technical specialists are working hard to prolong my life into eternity).

Waving with one wing of our national symbol, the horseshoe bat, I humbly say: Trust me, or you will be excluded from each and every of the few privileges this nation can offer you, or you will be among the first to be brain chipped.

Thanks for empowering me so that I can disempower you, and all the others.

You have earned it!


© Gisela Schmalz

Video installation (Part A) by G. Schmalz // Opening Reception 30-11-2022 at Stadtmuseum St. Pölten.

Mimicry Game

Social media users are lured to voluntarily let themselves be determined by others.

René Girard, a French cultural anthropologist, coined the term „mimetic desire“ to describe the phenomenon of people desiring what others desire. According to Girard, people are not guided by inner needs, but by what others, especially those of their own reference group(s), like or aspire to. People´s behavior is guided by the desire of others, says Girard. In the case of digital natives, imitative behavior is linked to the desire not to stand out from the peer group. That is why they dress up like their peers, buy similar things, prefer the same brands, listen to the same music, admire the same stars and vote for the same party as them.

René Girard 1923-2015

German-American investor Peter Thiel once complained about conformism, both on the web and within the startup scene. Yet he has benefited financially from the mimesis effect to the greatest extent and has decisively promoted it. At Stanford University in the heart of Silicon Valley, Thiel was a student of René Girard during the 1990s.

Thiel became a great admirer of the anthropologist and founded the mimesis research institute Imitatio in Girard´s honor. The nature and effect of mimetic desire fascinated him. Thiel immediately recognized its economic potential. Before other investors had even heard the name Mark Zuckerberg, it was clear to Thiel that Zuckerberg´s idea of connecting friends digitally could be monetized big time. The shrewd investor correctly assessed the dynamic that is unleashed as soon as people befriend each other online, compare each other´s looks, tastes and behaviors and develop a desire in the same direction.

Peter Thiel at the Bitcoin Conference, 2022, in Miami Beach, Fla. (AP Photo/Rebecca Blackwell)

In 2004 the Girard devotee was the first investor to put half a million U.S. dollars into Zuckerberg´s startup Facebook.

Girard´s conception of mimesis opens up opportunities for tech companies that are far from being fully exploited. With ever new opportunities for comparison online – via rating, recommendation or editing tools… – the operators of platforms such as Facebook, Instagram, WhatsApp, Twitter, YouTube or TikTok are inciting users to adjust themselves to external standards.

The user´s effort to conform to certain looks, standards, opinions or principles, has two effects. Peers are becoming more alike and companies in the consumer goods, advertising and tech industries are making large sums of money thereby. That in an electronically networked global village, individuality is abandoned in favor of a collective identity, was predicted by media theorist Marshall McLuhan back in the early 1960s.

Not few digitally connected people are eager to resemble their prominent role models and the star members of their peer groups in their appearance and habitus. The mechanism of assimilation and the simplification that goes with does not only affect outward appearances. Opinions are also becoming increasingly uniform. People from the same community develop identical views on political and other issues which is reinforced by machines.

Thanks to algorithmically generated filter bubbles, members of a certain online peer group no not make contact with the viewpoints of another (peer) group. Algorithms do not deliver dissenting opinions, but merely cement the existing ones. Within opinion bubbles digitally assigned to them users circle around themselves and each other. There is neither the urge nor the need to break out.

Source: Wiki Commons

If users do not get dizzy it is because they have already got used to this technologically induced rotation. And as the virtual world increasingly superimposes the real world, virtuality becomes a new reality. In the process human perception is changing.

Consumer technologies are hijacking brains and bodies. There are two parties involved in this overpowering, the companies that develop new technology and the people who use it. Both benefit from it – yet in completely different ways.

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Black hat hackers and propaganda bots do not need a theory of „mimetic desire“. They are meant to make their targets play specific, previously defined mimicry games. The easiest to be duped are users who play these games blindly.

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Excerpt from my latest book (translation): Schmalz, Gisela (2020): Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert. (“My Alienated Will – Why we choose to surrender while the tech elite cashes in”) Frankfurt am Main: Campus Verlag.

Recommended citation / Empfohlene Zitierweise: Schmalz, Gisela: “Mimicry Game” (2022). Gisela Schmalz: https://www.giselaschmalz.com/mimicry-game/

Zukunftstechnologien spalten

Sukzessive werden Menschen auf ihre passive Rolle im Netz der quasi-autonomen Technologien vorbereitet. Und sie lassen es gerne zu. Gewöhnung, Verwöhnung, Billig- oder Nullpreise, Prestige, Gruppendruck, Bequemlichkeit, Unterhaltung, Ablenkung, Spaß, Trägheit und Uninformiertheit sind Gründe dafür, warum Menschen bei Tech-Innovationen bereitwillig zugreifen. Dafür nehmen sie in Kauf, dass sie von immer aufdringlicheren Geräten und Diensten abhängig werden. Sie erlauben es, dass intimste Informationen über sie an datensammelnde Konzerne fließen, die sie in gläserne, gefügige Wesen verwandeln. Dass ein Zirkel von Tech-Managern die Macht über Daten und Technologien besitzt – und weder deren Verwender noch die für sie zuständigen, weil demokratisch gewählten Aufpasser – spaltet die Gesellschaft.

Doch nicht nur zwischen Produzenten und Konsumenten klafft eine Kluft. Würden Unternehmen für ihre bisher kostenlosen App- oder Plattformangebote Geld verlangen und für technologische Neuerungen hohe Preise setzen, erhielten nur zahlungsbereite Kunden überhaupt Zugang zu Diensten wie Social Media-Plattformen oder Messengern.

Nur zahlkräftige Kunden könnten sich bessere, leistungsfähigere, sicherere, vielseitigere, vernetztere, verlässlichere, gesundere, elegantere, werbefreie und häufiger geprüfte Geräte und Anwendungen leisten. Der Rest müsste sich mit Normal- oder Minderware abfinden. Die Anschaffung von Robotern, künstlichen Gliedmaßen oder Gehirn-Computer-Schnittstellen würde die Unterschiede zwischen Reich und Arm sowie Macht und Ohnmacht in der Gesellschaft deutlich markieren.

Nur ein Teil der Bevölkerung würde seine Körper- und Denkfunktionen aufrüsten, schneller, schöner und schlauer werden, besser hören, sehen, laufen, klettern und sein Leben verlängern können. Edel-Cyborgs würden über Trash-Cyborgs triumphieren. Und dann gäbe es noch die lachenden Dritten, die Kuppler zwischen Computer und Mensch. Die Tech-Manager wären den Trash- ebenso wie den Luxus-Cyborgs schon deshalb überlegen, weil sie sich ihre Unabhängigkeit und ihre natürlich-menschlichen Instinkte bewahrt hätten.

Quelle/Source:

Schmalz, Gisela (2020): Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert. Frankfurt am Main: Campus Verlag, 5. Kapitel „Willensabgleich“ S. 239f.

Techno-perfide Machtausübung

(…). Der Kontrollbegriff, den Deleuze sich 1990 von dem amerikanischen Schriftsteller William Burroughs borgte, ist unter den Kritikern der mächtigen Konzerne aus Silicon Valley sehr populär. Gern wird er in Kombination mit dem Begriff der Überwachung verwendet. Doch »Überwachung« und »Kontrolle« sowie der Verweis auf ökonomische oder kapitalistische Ziele besagen wenig mehr, als dass Konzerne Informationen sammeln, die sie dazu befähigen, Menschen aus wirtschaftlichen Gründen zu manipulieren. Beide Begriffe erfassen nur ansatzweise die gesamte Perfidität des technologischen Machtapparates, der Menschen als seine Verlängerungen integriert.

Wer dabei lediglich von Kontrolle spricht und diese als bloß ökonomisch motiviert ansieht, unterschätzt die Raffinesse, den Umfang und die strategische Weitsicht, mit denen seine Schöpfer ihre Technologien auf die Menschheit loslassen. In der westlichen Welt geht es längst nicht mehr nur um eine wirtschaftliche Machtverschiebung zugunsten eines Oligopols in Silicon Valley. Es geht um die Bemächtigung des Denkens und freien Willens der Individuen und um die Steuerung ganzer Gesellschaften durch techno-soziologische Vordenker, die derweil toter Mann spielen.

Zur Erfassung der Techno-Perfidität kalifornischer und Washingtoner Provenienz sind die Denkinstrumente von Michel Foucault bestens geeignet. Es ist frappierend, wie klar der Philosoph das Wirken der Macht heutiger Hirne und Körper erobernder Technologien mit seinem Konzept der verinnerlichten Disziplin vorausgedacht hat. In Surveiller et punir schreibt Foucault über »die Mittel der guten Abrichtung«. Eines davon ist das Wissen der Gefangenen, im Gefängnis ständig unter Beobachtung zu stehen, auch wenn sie die Beobachter gar nicht sehen. (…).

Plan of -Millbank Prison- (constructed 1812) on land purchased by Jeremy Bentham (1799) for the construction of his panopticon. (Sources: disphotic.com, wikipedia.com).

Soziale Medien funktionieren genau wie das »Strafsystem der Norm«. Um nicht mit schlechten Bewertungen abgestraft zu werden, sondern von den Mitgliedern der Gruppe anerkannt zu werden, passt der/die Einzelne sich den Gruppennormen an. Der normierende Mechanismus perfektioniert sich im Zuge der Anwendung von selbst. Dass dabei das Agens der Machtausübung für das Individuum diffus bleibt, steigert ihren Effekt. (…).

In: Schmalz, Gisela (2020): Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert. Frankfurt am Main: Campus Verlag, S. 245f.

„Ich verlasse mich lieber auf Adidas, als auf Trump“

Professorin zu Tech-Giganten: Die Macht der Nutzer über Facebook & Co.

Prof. Dr. Gisela Schmalz im Interview mit Katja Bigalke und Martin Böttcher

c/o Deutschlandfunk Kultur „Breitband“ – Sendung vom 04.07.2020

Interview/Auszug:

(…)

Katja Bigalke: Viele große Firmen haben zuletzt angekündigt, keine Werbung bei Facebook zu schalten. Lässt sich Facebook dadurch überhaupt wirtschaftlich unter Druck setzen? Oder geht es hier um eine Art PR-Gesichtsverlust für Facebook?

Gisela Schmalz: Facebook ist von der Gunst der Masse abhängig. Sie sind im wahrsten Sinne populistisch: Sie laufen der öffentlichen Meinung hinterher. Sie möchten beliebt bei möglichst vielen Nutzenden sein, gerade in der jungen Generation. Ich glaube nicht, dass sich die Tech-Firmen von ein paar Unternehmen, die kurzzeitig keine Werbung schalten, unter Druck setzen lassen. Zumal diese Wirtschaftsfirmen durchaus von den plattformbetreibenden Firmen abhängig sind – die müssen sich darüber an ihre Endkunden wenden – die Tech-Firmen sind immer noch am längeren Hebel.

Bigalke: Wenn man davon ausgeht, der Druck der werbetreibenden Unternahmen habe tatsächlich Einfluss: Ist das adäquat, um die Plattformen in ihre Schranken zu weisen?

Schmalz: Durchaus. Wirtschaftlicher Druck ist eine Methode, mit diesen Technologiefirmen zu sprechen. Die sind wahnsinnig mächtig und auch reicher, als die werbetreibenden Kunden. Natürlich sind sie abhängig von den werbezahlenden Konzernen. Wenn diese drohen, sich zurückzuziehen, ist das zumindest ein Aufbäumen dagegen und ein Signal – auch in die Öffentlichkeit.

Es gibt also Hoffnung, dass auf einmal eine Vielstimmigkeit da ist und nicht nur nach dem Gesetzgeber gerufen wird. Es ist gut, dass die Konzerne das selbst regeln. Und: dass ethische und demokratische Werte über wirtschaftlichen Druck in die plattformbetreibenden Firmen gesetzt werden.

 

© Gisela Schmalz

Martin Böttcher: Ist es nicht trotzdem problematisch, dass auf einmal Firmen eine so gesellschaftliche Rolle bekommen? Das, was eigentlich der Gesetzgeber oder die Zivilgesellschaft aufbauen müsste, wird in die Hände von privaten Firmen gegeben.

Gisela Schmalz: Die Plattformen haben wirtschaftliche Macht. Sie haben technologische Macht, Wissensmacht und psychologische Macht über die Endnutzenden, über die sie alles wissen. Auf einmal schiebt man ihnen noch politische oder ethische Macht zu. Auf einmal fordern Konzerne oder auch Bürgerinnen und Bürger über solche Kampagnen, dass die Tech-Konzerne selbst tätig werden in Sachen Werten und Ethik. Das ist höchst problematisch.

Wenn in den USA vor allem der Gesetzgeber und der Präsident als Wertbeschützende ausfallen, dann bleibt der Öffentlichkeit und den Konzernen nichts anderes übrig. Ich verlasse mich lieber auf Adidas, dass Werte bei Plattformen wie Facebook, Twitter, etc. umgesetzt werden, als auf Trump.

Man kann daraus lernen, dass man als Bürger und Bürgerin durchaus die Macht hat, tätig zu werden. Ich habe mich in meinem Buch „Mein fremder Wille“ damit auseinandergesetzt. Man muss sich am besten mit Kampagnen an die Konzerne wenden. Das ist ein Druck der Öffentlichkeit, der sie zum Einlenken bringen kann, gerade dann, wenn wir uns nicht mehr auf Politiker und Politikerinnen verlassen können.

(…)

Fortsetzung / vollständiges Interview c/o Deutschlandfunkkultur.de

„Technologische Quarantäne“: OR1/ORF-Interview mit Gisela Schmalz

„Während wir aus der Epidemie-bedingten Quarantäne relativ schnell herauskommen, werden wir aus der technologischen Quarantäne nicht so schnell herauskommen.“

Gisela Schmalz im Heimstudio-Gespräch mit Wolfgang Ritschl am 29. Mai 2020.

© Gisela Schmalz

ÖSTERREICHISCHER RUNDFUNK, ORF

Radio Österreich 1

Diktatoren, Füchse, Chinesen und die US-Tech-Elite

Kontext – Sachbücher und Themen

 

„Mein fremder Wille“: Gisela Schmalz über unseren Umgang mit Apps und die Profite der Tech-Elite
(Buch: Campus Verlag)

Redaktion und Moderation: Wolfgang Ritschl

Interview (14 Minuten): ÖR1 Kontext-Interview -Mein fremder Wille- G. Schmalz 29.5.2020

Die Sexpartys des Silicon Valley

In Silicon Valley wurden regelmäßig Orgien gefeiert. Dann legte SARS-CoV-2 derlei Gepflogenheiten lahm. In ihren Labors, geheimen X- oder Visions-Abteilungen überschreiten die Vertreter der Tech-Szene immer wieder gedankliche Grenzen. Ihre körperlichen Grenzen testen sie in Gefährten auf der Straße, auf dem Meer oder im All sowie bei den jährlichen „Burning Man“-Events. Die Grenzen des Körpers, der Keuschheit und des Anstands erproben sie bei exklusiven Sexpartys. Hier loten die Männer allerdings weniger ihre eigenen Grenzen aus als vielmehr die der weiblichen Teilnehmer. Bei ihren sexuellen Grenzüberschreitungen folgen sie strikten Mustern, die so ähnlich für die ganze Industrie gelten. Männliche, weiße, junge, erfolgreiche und wohlhabende Branchenvertreter bestimmen die Einladungslisten für die Partys und welche Varianten von Sex hier zugelassen sind. Die Gastgeber sind in der Regel männlich, genau wie ihre wichtigsten Gäste, darunter Manager, Gründer und Kapitalgeber. In einer Zeit, in der Polyamorie Trend ist, zeigt sich die Tech-Elite Konzepten wie der offenen Beziehung, Gruppensex oder BDSM gegenüber aufgeschlossen. Sie gibt sich experimentierfreudig  – aber nur bis zu einem gewissen Grad.

Werden die exklusiven Einladungen zu Sexpartys an wechselnden Orten in und um San Francisco verschickt, folgen sie einem Motto, etwa „Edge of the earth“ oder „Bondage“. Das berichtet die Bloomberg-Journalistin Emily Chang in ihrem Buch „Brotopia: Breaking Up the Boys’ Club of Silicon Valley“ von 2018. Darin klärt sie zudem darüber auf, dass eingeladene Männer so viele Frauen, wie sie möchten, mitbringen könnten, während eingeladene Frauen nur in Begleitung anderer Frauen, nicht aber von (womöglich szenefremden) Männern, kommen dürften. So entsteht ein Verhältnis zwischen Männern und Frauen von 1 zu 2. Das hat System. Hätten drei Leute miteinander Sex, so sei immer nur ein Mann mit zwei Frauen zugange, schreibt Chang. Ein Dreier mit einer Frau und zwei Männern sei bei den Valley-Orgien genauso tabu wie Sex unter Männern. Nicht tabu sei es jedoch, wenn Ehemänner und Familienväter sich mit irgendwelchen Frauen vergnügten oder Ehepaare für einen Dreier eine Frau hinzuzögen.

Chang hält fest, dass Sexorgien häufig zwischen Gründer-Teams und deren Haupt-Risikokapitalgebern stattfinden. Anscheinend betreiben die Männer des Silicon Valley ihre Partys so wie ihre Businesses: unter- und füreinander. Frauen sind dabei Nebensache und haben eher dienende Funktion. Viele von Changs Gesprächspartnern, Männer und Frauen, hätten berichtet, dass bei Orgien Geschäfte eingefädelt würden. Es sei also für Männer und Frauen wichtig, daran teilzunehmen. Wer bei Sexpartys fehle, sei schnell außen vor. Doch für Frauen wird diese Körper-Kopf-Business-Vermengung offenbar zur heiklen Gratwanderung. Bei diesen nächtlichen Geschäftsterminen befinden sich die Tech-Frauen meist in der schlechteren Verhandlungsposition, so wie tagsüber auch. Zu den Motto-Orgien werden sie weniger als Geschäftspartnerinnen eingeladen als primär in der Funktion von Lustobjekten für die männlichen Szenemitglieder.

Viele männliche Partygäste hielten den Großteil der anwesenden Frauen sowieso für „founder hounder“, für „Gründer-Jägerinnen“, die nichts anderes wollten, als mit einem Gründer Sex zu haben oder sich ihn als boyfriend oder als Ehemann zu angeln. Das konstatiert Emily Chang in „Brotopia“. Frauen, die von den männlichen Gästen nicht ernst genommen werden, betäube man mit Alkohol oder mit Molly (MDMA). Dadurch könnten die Männer mit ihnen für paar Stunden oder einige Tage am Stück unter Ausschluss der Nicht-Szenewelt Orgien feiern, ohne selbst die Kontrolle abgeben zu müssen.

Frauen aus der Tech-Szene, die solchen Partys beigewohnt haben, vertrauten der Journalistin Chang an, dass Männer sich untereinander bezüglich der Frauen abgesprochen hätten – mit Folgen für ihre weitere Karrieren. Bei einigen Frauen habe die Teilnahme an einer Orgie dazu geführt, dass sie im beruflichen Umfeld von Fremden sexuell angemacht worden seien. Andere Frauen hätten im Berufsalltag Probleme bekommen. Offenbar sind die männlichen Szenevertreter nicht in der Lage, Rollenmuster oder die „Biologie“ im Kopf zu überwinden. Das Schriftstück eines ehemaligen Google-Ingenieurs belegt, dass in der Tech-Szene hanebüchene Stereotypen herumgeistern: „2017 kritisierte James Damore die offene Kultur und die Diversitäts-Bemühungen bei seiner Arbeitgeberin Google. Nachdem er bei Google ein Diversitätsprogramm durchlaufen hatte, notierte Damore: `Die Verteilung der Präferenzen und Fähigkeiten von Männern und Frauen unterscheidet sich zum Teil aufgrund biologischer Ursachen, und diese Unterschiede können erklären, warum wir Frauen in Technologie und Management nicht im gleichen Ausmaß vertreten sehen.´ (…). Man sollte seine Bemerkungen nicht zu ernst nehmen, selbst wenn die Google-Geschäftsführung sie ernst genommen und den Mann entlassen hat. Doch was verleitet einen Ingenieur zu einer unbelegten Aussage? Und warum fanden sich dafür erstaunlich viele Unterstützer in der Szene? Damores verunglückte Auskünfte und die Vielzahl von deren Fürsprechern signalisieren, dass es in der Tech-Szene offenbar vielfach für `normal´ oder `biologisch´ gehalten wird, dass die Norm männlich ist. Diese Haltung wirkt sich auf die Personalauswahl und diese sich wiederum auf die Ergebnisse der Arbeit in und von Tech-Firmen aus. Dann programmieren hier Männer Code für Männer, und es entstehen Produkte und Services von Männern für Männer.“ (Quelle: „Mein fremder Wille“ von Gisela Schmalz, Campus Verlag, 2020, S. 103). Auch die Sexorgien im Valley veranstalten Männern für Männer. Diese beleben das Business unter ihnen, aber be- oder verhindern gleichzeitig Geschäftsbeziehungen zwischen Männern und Frauen.

Spiele, darunter Rollenspiele, gestehen Männer nur einander zu. Frauen werden aus der Zuschreibung der Unterlegenen nicht nur nicht entlassen, sondern darin eingepfercht. Dabei müssen sich männliche genauso wie weibliche Gründer prostituieren, um an das Geld mächtiger und reicher Kapitalgeber zu gelangen. Versuchen Männer, möglichen Investoren die nötigen Summen für ihre Geschäfte zu entlocken, ist das auch eine Form von Prostitution. Sie wird nur nicht als solche bezeichnet.

In der Tech-Welt, in der normalerweise alles möglich ist, dürfen während des virusbedingten Shutdowns keine Orgien stattfinden. Das bedeutet nicht, dass die kalifornischen Tech-Manager anderen Menschen Sexpartys, Datings oder Speed Datings vorenthielten. Mit ihren smarten und extra für die Viruskrise (auch eine Kennenlern- und Sex-mit-Fremden-Krise) hochgerüsteten Live-Streaming-, Messaging-, Video-Chat- und Video-Conferencing-Diensten heizen sie das Partyleben an. Während der Pandemie sind Körperkontakte weltweit tabu, selbst die in San Francisco so beliebten Kuschelpartys. Dennoch gelingt es der Tech-Elite, Nähe, Liebe oder Sex suchenden Menschen Befriedigung zu verschaffen. Für Interessierte, oft sortiert nach Altersgruppen, sexuellen Vorlieben oder Hautfarben, schalten Matching-Dienstleister virtuelle Räume frei.

Innerhalb strikt definierter Zeitfenster können Menschen hier zu allem virtuell Machbaren zusammenfinden. Für die Veranstaltung SAN FRANCISCO VIRTUAL SPEED DATING 20s-40s (ON ZOOM) wird per Eventbrite so geworben: „Mix, meet & mingle with singles from the safety and comfort of your own home! You may be single and stuck at home but that doesn’t mean you can’t meet other singles and have fun! Grab a cocktail and your favorite snacks because we’re bringing a singles party directly to your home.” Wer Zutritt zu den einzelnen 4- bis 6-minütigen Dating-Gesprächen mit bis zu 20 lokalen Singles erhalten will, muss ein Bewerbungsformular ausfüllen und je nach Anmeldetermin einen Preis ab 20 US-Dollar zahlen.

Das vorläufige Ende der Sexorgien in der Tech-Szene markiert den Anfang der virtuellen Sexpartys für Normalos. Es entstehen neue, interaktive Geschäftsmodelle, die die Nutzenden dankend und zahlend annehmen. Auch ohne Intimität und Körpereinsatz florieren die Geschäfte der Silicon Valley-Konzerne – gerade ohne Intimität und ohne Körpereinsatz. Deren Managern sowie findigen Online-Dienstleistern gelingt es, ihre sterilen Anwendungen an die berührungshungrige Party Crowd zu verkaufen.

Für Frauen und Schwächere haben Online-Partys allerdings einen großen Vorteil gegenüber Live-Sexorgien. Der virtuelle Raum bietet ihnen Schutz, Chancen des Schaltens und Waltens sowie des Rückzugs. Hier behalten sie die Kontrolle und können gewisse Macht ausspielen. Doch das gesamte Spiel dominieren weiterhin die Manager der Tech-Konzerne. Sie stellen die Infrastrukturen für die auf Datenbasis individuell zugeschneiderten Services bereit. Sie setzen die Regeln für das geschlossene Ökosystem, das aus ihnen selbst besteht, den Dienstleitern, die Technologien einsetzen, und den Endkunden. Aus diesem System kommen Letztere weniger leicht heraus, als nach dem Shutdown aus ihren Wohnungen, zumal sie sich den Vorgaben der Tech-Elite freiwillig unterwerfen.

Nach der Viruskrise werden die Partys der Tech-Clique weitergehen – im Valley und online. Und die mächtigsten Mitglieder werden die Gästeliste, das Motto und den Zugangspreis vorgeben.


Quelle/Source:

Schmalz, Gisela (2020) in: hier: Carta.info: http://carta.info/die-sexpartys-des-silicon-valley/ (12.5.2020).

Recommended Citation/Empfohlene Zitierweise:

Schmalz, Gisela: “ Die Sexpartys des Silicon Valley” (2020). Gisela Schmalz: http://www.giselaschmalz.com/die-sexpartys-des-silicon-valley/?preview_id=4699&preview_nonce=a7ee7cd8bd&_thumbnail_id=-1&preview=true

Weiterführende Lektüre: Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert.

© Gisela Schmalz

Podcast: So klingt Wirtschaft (Handelsblatt)

Gisela Schmalz: „Unsere Werte müssen mehr in Technologien einfließen“

Der Gesellschaft gehen die Individualisten aus, sagt Wirtschaftswissenschaftlerin und Philosophin Gisela Schmalz.  Sie fordert im Business-Talk der Solutions by Handelsblatt mehr Mut zum freien und Andersdenken.

Interview mit Thorsten Giersch  (Chefredakteur Business bei der Verlagsgruppe Handelsblatt, 08.04.2020).
Hier hören:

Oder hier (HANDELSBLATT) hören.

Forscher und Unternehmen gieren im Kampf gegen das Coronavirus nach verwertbaren Daten. Ihre Hoffnung: Informationen über Verbreitung und Vorkommen der neuartigen Viruserkrankung Covid-19 gewinnen. Wirtschaftswissenschaftlerin Gisela Schmalz sieht das kritisch. Sie plädiert für einen wertbasierten und achtsamen Umgang mit Daten – nach europäischen Werten. Start-ups und Tech-Riesen müssten umdenken. Wie und in welche Richtung, das verrät sie im Podcast.