National Business Parkway Clique

In June 2013 it was revealed to the public that the NSA runs two far-reaching spy programs named Boundless Informant and PRISM (Planning Tool for Resource Integration, Synchronization and Management). Shortly before an ex-freelancer for the technology consulting firm Booz Allen Hamilton, Edward Snowdon, had informed journalists of the British newspaper The Guardian about the US´s most clandestine operations.

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… American private companies, such as the Boeing subsidiary Narus, firms like CSC, Logicon or Palantir, supply the national intelligence services with technologies. Like Booz Allen Hamilton these companies also support the government spying actions and make a fortune with it.

Palantir Technologies Inc. was cofounded in 2004 by early Facebook investor Peter Thiel. Thiel is also a cofounder of PayPal which makes him a member of the so called PayPal Mafia. This clique includes by now prominent and rich Silicon Valley business men such as Elon Musk (SpaceX, Tesla), Reid Hoffman (LinkedIn) or Max Levchin (Slide, Yelp).

Thiel´s company Palantir develops security and financial software and distributes it to the authorities, to intelligence services or companies from the financial sector. Palantir Technologies is headquartered in Palo Alto, where Thiel´s payment service PayPal was also founded. Palantir´s division Palantir Government creates analysis tools for US authorities that deal with counter-terrorism. It develops so-called link analysis software that could also be interesting for the NSA.

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(…)

On a road in Maryland, with much apropos called National Business Parkway, many technology, engineering and IT companies have settled close to the headquarters of the NSA - Booz Allen Hamilton, BAE Systems and the civil and military aircraft manufacturer The Boeing Company included.

Those responsible in the US intelligence agencies, the US military and the US private sector are geographically and also personally close – thanks to revolving doors that are twirling and twirling. From 1992 to 1996 Admiral John Michael McConnell was Director of the NSA. During the administration of George W. Bush, son of the former US president and former Carlyle consultant George H. W. Bush, Admiral McConnell, was the Director of National Intelligence (DNI). From 2007 to 2009 he supervised all US intelligence agencies.

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In 2009, the admiral took a new job. He supervised the business section named “National Security” at Booz Allen Hamilton, Snowdon´employer. The change of personnel between the public security and the military sector on the one hand and the private IT sector on the other hand brings forth a new remarkable concentration of power.

This concentration has its in roots in cliquishness – which is the topic of the book Clique Economy - The power of networks: Goldman Sachs, the Church, Google, the Mafia…” by Gisela Schmalz.

Download full Exposé: Clique-Economy -Exposé- by Gisela Schmalz

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Starke Beziehungen - schwer zu finden

Netzwerke der Macht bieten mannigfaltige Ansätze zur Recherche. In ihrem Buch “Cliquenwirtschaft - Die Macht der Netzwerke” vergleicht die Wirtschaftswissenschaftlerin Gisela Schmalz vier globale Netzwerke: Goldman Sachs, die katholische Kirche, Google und die Mafia.

Während “weak ties”, schwache soziale Beziehungen, in Onlinenetzwerken leicht zu finden und nachzuvollziehen sind, lassen sich die relevanten “strong ties”, die starken Verbindungen z. B. zwischen gesellschaftsschädigenden Cliquenwirtschaftlern, nur finden, wenn man sich in solche Cliquen hinein oder ganz in deren Nähe begibt - … und darüber berichtet, ohne sich dabei korrumpieren zu lassen.

“Strong ties” sind kaum oder gar nicht über Daten und Datenjournalismus aufspürbar, so Gisela Schmalz. Bei der Jahreskonferenz 2015 der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche am 3. Juli in Hamburg stellte Gisela Schmalz die zentralen Thesen ihres Buches vor und diskutierte darüber mit Investigativ- und Datenjournalisten.

Stream hier.

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Marco Maas, Julian Schmidli, Petra Sorge (Moderation), Prof. Dr. Gisela Schmalz, Frederik Obermaier

Netzwerke der Macht

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Gisela Schmalz vergleicht in ihrem Buch “Cliquenwirtschaft - Die Macht der Netzwerke” vier globale Netzwerke: Goldman Sachs, die katholische Kirche, Google und die Mafia.

Diese Netzwerke der Macht bieten mannigfaltige Ansätze zur Recherche.

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Am 4. Juli 2015 bei der Jahreskonferenz von “netzwerk recherche” beim NDR Fernsehen in Hamburg stellt Gisela Schmalz die zentralen Thesen ihres Buches vor.

Drei Journalisten berichten im Anschluss aus ihrem Arbeitsalltag und diskutieren mit der Moderatorin Petra Sorge (Cicero) und Gisela Schmalz die Notwendigkeit, solche Strukturen zu untersuchen und darüber zu berichten.

Veranstaltungstitel: Netzwerke der Macht - Wie Datenjournalismus den Schleier lüften kann

High Context - Low Context

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The American anthropologist Edward T. Hall (1914-2009) developed the concept of “social cohesion”. One of his less known social theories involves the distinction between “high context culture” and “low context culture”. Hall observes a difference between Southern and Eastern cultures/nations on one hand and Northern and Western cultures/nations on the other hand when it gets to bonding.

Within regions that exhibit high context cultures - regions in the South and in the East of this planet- businesses are likely to be structured via cliques or families. The chapters about the Catholic Church and about the Sizilian Mafia in Gisela Schmalz´s book: Cliquenwirtschaft (October 2014) document that Hall is quite right about Southern Europe. Thanks to tight and long-term personal relationships businesses in Italy do flourish - or not.

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Bankencliquenwirtschaft

Gorillageschäfte

“If we get this right today“, sagt er mit stechendem Blick ins Mikrofon. Seine Zunge schnellt in den linken Mundwinkel. „I hope we’ll squeeze some of those shorts.” Das Wort “squeeze” zieht er in die Länge. Mit “squeeze” meint er “auspressen”, mit “shorts” meint er “shortseller”, Leerverkäufer. Nach kurzem Lacher fährt er fort, “and squeeze ‘em hard. ” Er fängt an zu schreien, “not that I wanna hurt ‘em, don’t get that please, cause that’s just not who I am.” Die Stimme wird weich, “I am soft, I am loveable.” Die Zunge schnellt in den rechten Mundwinkel. “But what I really wanna do is, I wanna reach in, rip out their heart .“ Gebleachte Zähne blitzen auf, „and eat it, before they die.” Mit leerem Blick starrt der Redner ins Publikum. Das lacht kurz auf, zögert und applaudiert dann seinem Chef.

Siehe hier.

Richard S. Fuld, Chairman und CEO von Lehman Brothers, trat 1969 mit 23 Jahren als Wertpapierhändler in der Firma ein. Er holte seinen M.B.A.-Abschluss feierabends nach und arbeitete sich zielstrebig an die Spitze. Seit seiner Ernennung zum Lehman-CEO im Jahr 1994 galt er als einer der mächtigsten Männer der internationalen Finanzwelt. In dieser Welt respektierte man Richard Fuld, auch Dick genannt, für seine erfolgreichen Deals und auch dafür, dass er die Firma durch zwei schwere Krisen geboxt hatte. Unter seiner Leitung meisterte die Bank die Liquiditätskrise im Jahr 1998 und drei Jahre später, beim Anschlag auf das World Trade Center, auch die Zerstörung der Zentrale sowie des Daten- und Rechenzentrums ohne große Blessuren. Wegen seiner plumpen, aber effektiven Art trug Fuld auch den Namen Gorilla. Der gefiel ihm. In einem seltenen Anfall von Selbstironie hatte er einen ausgestopften Gorilla in sein Büro gestellt.

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Fuld hatte Bewunderer, es gab Leute, die gerne gehabt hätten, was er hatte, Geld, Ruhm und Macht. Die Claqueure im Saal, die Fulds interner Rede im Jahr 2007 lauschten, meist Männer, wenige Frauen, richteten sich an Fuld aus. Fulds Untergebene, wie er selbst mit mathematischer Intelligenz begabt und von Ehrgeiz und Zockerlust angetrieben, waren Finanzjongleure wie er, seinesgleichen.

Nach Fulds Vorbild und wie alle anderen Banker in New York, London, Frankfurt oder Tokyo kämpfen sich Jungbanker in der Unternehmenshierarchie nach oben. Sie laufen dahin, wo am schnellsten das meiste Geld zu verdienen ist, zu Investmentbanken, zu Börsenparketts, den Zahlen, den anderen Männern, um sich hier im Wettbewerb zu messen, um zu steigern, was zählbar ist, Geld, Ruhm und Macht, um mehr zu ergattern als der Rest. Banker genießen es, in klarem Rahmen nach klaren Regeln zu kämpfen - unter sich zu sein. Nicht wenige von ihnen halten sich für Eliten oder Masters of the Universe.

Das Szenario lässt etwas von der homoerotischen Stimmung erahnen, die auf den Fluren von Investmentbanken herrscht und die Branche für manche attraktiv zu machen scheint. Banker orientieren sich an Kollegen, die professioneller, reicher, schneller und schlauer sind als sie selbst. Sie versuchen ihnen ähnlich oder zumindest nahe zu sein. Sie wollen die Besseren übertrumpfen, da der Triumph wiederum andere, jüngere Männer anzieht, die sich am Anfang ihrer Karriere freiwillig instrumentalisieren lassen. Diese Erotik des Vergleichens und Angleichens befeuert das Bankenspiel, in das sich überwiegend Männer täglich voller Lust hineinwerfen. Erfolge und Misserfolge schlagen sich unmittelbar in Kennzahlen, Größe und Gewicht des Firmennetzwerks nieder sowie in der Vergabe von Jobtiteln.

Die grundsätzliche Banalität des eigenen Lebensentwurfs blenden die meisten von ihnen aus. Denn was macht ein Banker anderes, als sich in eine Hierarchie einzuklinken, eine ausgetretene Karriereleiter aufzusteigen und einem Herdentrieb mit dem eindimensionalen Ziel namens Gewinn zu folgen. Banker wollen es übersichtlich, die Kontrolle wahren, Jahresbelohnungen und Respekt ernten. Sie agieren im Sinne des Firmenzwecks und mehren tatsächliches oder fiktives Kapital.

Dazu wenden sie die immergleichen Siegerstrategien an und konzipieren als Highlights hin und wieder bis zur Unverständlichkeit komplexe Finanzprodukte, um höhere Einnahmen aus mehr Quellen zu saugen und dafür Anerkennungspunkte aus der Clique sowie Boni einzuheimsen. Dabei passiert es schon mal, dass um Energie und um Nahrungsmittel spekuliert wird oder um Hypothekenkredite für eher ungern gesehene, wenig begüterte Kunden. Man nimmt in Kauf, dass solche Deals die Preise für Normalverbraucher in die Höhe treiben und Kunden in die Armut stürzen können - so gesehen in der Finanzkrise um 2007/8. Über Gerechtigkeit oder Ressourcenerhalt nachzudenken, erscheint dem Normalbanker als Ressourcenverschwendung. Solche Gedanken kosten Zeit, die Geld bedeutet, und machen sein Leben unnötig kompliziert.

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Die Finanzkrise um 2008 war immerhin für die breite Bankenoutsider-Öffentlichkeit ein Augenöffner. Die meisten Großbanker kniffen die Augen zusammen. Sie saßen die Krise aus und nahmen alsbald ihre bekannte Jagd nach dem Profit wieder auf. Ein paar von ihnen waren auch während der Krise höchst aktiv, operierten mit Produktinnovationen oder nutzten Gesetzeslücken aus und verdienten an der Krise. Ihre Gewinnspiele betreiben internationale Investmentbanker nach der Krise weiterhin, da bis auf Basel III kaum ordnungspolitische Schlussfolgerungen gezogen wurden. Die Blender der Finanzwelt durften Ausblender bleiben. Manch einer hielt sich sogar damals für heldenhaft, obwohl die Krise ihn persönlich traf.

Die weltweit agierende New Yorker Investmentbank Lehman Brothers beschäftigte im Jahr 2007 rund 28.600 Angestellte. Sie alle unterstanden Dick Gorilla Fuld, der sich mit schlecht bewerteten Hypothekenkrediten verzockt hatte, was dazu führte, dass seine Institution 2008 insolvent war. Dick Fuld stand plötzlich ohne Job, ohne Claquere und ohne Lebenssinn da. Sein Korsett, das ihn stützte, seit er 23 Jahre alt war, brach weg. Dabei hat Fuld sich als „Lehman lifer”, als lebenslänglichen Lehman, gesehen. Trotz seines Falls konnte Fuld sich damals dennoch des Rückhalts der internationalen Investmentbankerszene sicher sein.

Die Jungs von Morgan Stanley, JP Morgan Chase, Goldman Sachs und Co. schützen Banker mit Insiderwissen. Schließlich brauchen sie sein Know How, seine Kontakte und seinen Unterhaltungswert. Sie wollen dabei sein, nicht nur zusehen, sondern davon profitieren, wenn ein solcher Gorilla wieder loslegt, Geld für sich und sie erzockt und frische Herzen schreddert. Vor allem aber brauchen die Co-Banker das Schweigen eines Insiders. Keiner von der Wall Street will einen Imageschaden erleiden. Heute verdingt sich Gorilla Fuld wieder als Finanzberater in New York. Seine Anwesen und Autos hat er behalten, und er kann nun öfter als zuvor segeln gehen. Immerhin krönte Condé Nast Portfolio ihn 2009 zum schlechtesten US-CEO aller Zeiten.

Goldmen spielen Götter

Goldman Sachs galt Fuld als langjährige Benchmark für seine Bank Lehman Brothers. Immer wieder versuchte Fuld mit Lehman den obersten Platz in der Bankenbestenliste zu ergattern. Doch Goldman Sachs besiegte Lehman regelmäßig und meist auch die übrigen Konkurrenzbanken. Gemäß des Bloomberg-Rankings der globalen Investmentbanken nimmt Goldman Sachs beim Stichwort Gesamtvergütung regelmäßig vordere Plätze ein, im Umfeld von Morgan Stanley, JP Morgan Chase, Bank of Amerika Merrill Lynch oder der Deutschen Bank.

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Goldman Sachs-Banker sind hochprofessionell wie ihre Konkurrenten, doch scheinen sie smarter als der Rest der Bankenclique zu taktieren. Zum Beispiel setzte die Firma vor und während der Finanzkrise nicht nur auf den Verkauf von Hypothekenkreditpapieren, wie etwa Lehman. Auch wettete man nicht nur gegen diese Papiere. Goldman Sachs begab sich auf die Metaebene und jonglierte mit beiden Geschäftsmodellen. Die Bank trat als Makler zwischen den Parteien auf, die entweder die einen oder die anderen Papiere wollten, und strich vor allen anderen Bankern ganz entspannt, sofort und krisensicher Provisionen ein.

Goldman kassierte ab, als die ganze Welt die Auswirkungen der Kreditausfällle zu spüren bekam. Die Bank schien unantastbar während und blieb so gut wie unangetastet nach der Krise. Trotz einiger Einschnitte während der Krisenzeit verzeichnete Goldman Sachs schon im Geschäftsjahr 2011 wieder 28,8 Milliarden US-Dollar an Umsatz und 2,5 Milliarden US-Dollar an Gewinn. Goldman hat von allen Investmentbanken die Finanzkrise wohl am besten bewältigt.

Dick Gorilla Fuld fehlte das, was die CEOs von Goldman Sachs so erfolgreich machte: die hervorragenden Kontakte zur Politik und die Originalität. Fuld besaß nicht das Potential, über gegebene Strukturen und Grenzen hinaus unorthodoxe Verknüpfungen herzustellen und über Bilanzziele hinausreichende Pläne zu entwickeln. Außerdem bewies er im Umgang mit Menschen wenig Talent. Er trat im Firmeninnern als Machtfigur und nach außen eher wie ein Underdog auf. Er machte sich Feinde, er polarisierte. Mangels Brillanz und mangels diplomatischen Geschicks erhielt er keinen Zugang zu den wahrhaft entscheidenden Leuten. Fuld gelang es nicht, aus seiner Firma eine Bank mit Systemrelevanz zu machen, die aus der Finanzkrise als zu bestätigender Machtfaktor hervor gegangen wäre.

Die Traditionsbank Goldman Sachs, 1869, neunzehn Jahre nach Lehman Brothers gegründet, rekrutiert das allerbeste Personal und schult es zielführend. Goldman-Angestellte sind geistig agile Personen, die ihre Bankenscheuklappen ablegen und auch synthetisierend, anstatt rein analytisch denken können. Offenbar setzen sie außerdem ihre Ziele höher und werfen ihre Netze weiter aus, als Fuld und andere Gorillas sich vorstellen können. Goldmen haben ausgeprägte Egos und Chuzpe. Sie halten sich nicht für Gorillas, sondern für Götter.

Im November 2011 erklärte der Goldman-CEO Lloyd Blankfein einem Journalisten, seine Bank verrichte “God’s work”. Die meisten wunderten sich, ärgerten sich oder machten darüber Witze.

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Doch Blankfein lag mit seiner Einschätzung nicht völlig daneben, zumindest was die irdische Welt der Wirtschaft und zunehmend auch die der Politik angeht. Damals sagte der Kleinanleger Alessio Rastani, der im Herbst 2011 im BBC-Interview vorgaukelte, als Arbitragehändler und Spekulant Handel auf Finanzmärkten zu betreiben, im Herbst 2011 gegenüber der BBC: “Most traders don’t really care about fixing the economy. If you know what to do, if you have the right plan set up, you can make a lot of money from this [recession] (…). This is not a time right now for wishful thinking that governments are going to sort things out. Governments don’t rule the world. Goldman Sachs rules the world.” Auch Rastanis Aussage war nicht ganz falsch. Sie wurde daher 2011 vielfach von der Presse zitiert, bevor bekannt wurde, dass sie von einem falschen Fachmann kam.

In der US-Politik ist es der Normalfall, bei Spitzenvertretern aus der Wirtschaft Rat zu suchen oder Schlüsselfiguren zu rekrutieren. George W. Bush ernannte Hank Paulson 2006 zum US-Finanzminister. Paulsen ist davor CEO von Goldman Sachs gewesen. In seiner neuen Funktion als “United States Secretary of the Treasury” hatte Banker Paulson im September 2008 über das Leben und Sterben amerikanischer Finanzinstitutionen und somit über globale Wirtschaftsnetze zu entscheiden. Zusammen mit dem Präsidenten des Federal Reserve Board Ben Bernanke und dem damaligen Präsidenten der Federal Reserve Bank of New York, Timothy F. Geithner, war Paulson dafür verantwortlich, dass Dick Fuld für Lehman Brothers kein Rettungsgeld vom Staat bekam.

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Die 2008 aufgrund zu hoher Investments im Subprimesektor tief verschuldete Bank Lehman Brothers sterben zu lassen, wird Paulson nicht leicht gefallen sein. Allzu viele Unwägbarkeiten waren im Spiel. Keiner konnte die Auswirkungen der Lehman-Insolvenz auf die Bankenwelt und auf die Weltwirtschaft voraussehen. Paulsons Entscheidung würde das Wohlergehen der Weltbevölkerung beeinflussen, doch inwieweit, war unklar. Am Tag vor der schwersten Wirtschaftskrise seit dem 2. Weltkrieg, am 15. September 2008, hielt US-Finanzminister Paulson nicht bloß die wirtschaftliche Zukunft des eigenen Landes, sondern die der ganzen Welt in der Hand. Ob er wollte oder nicht, Hank Paulson musste Gott (für die Wirtschaftswelt) spielen.
In solchen Momenten geht die Firmenphilosophie von Goldman Sachs auf. Ein Goldman sitzt im Cockpit, hört sich den Rat von Kollegen und Konkurrenten an, bestimmt jedoch letztlich allein Flughöhe und Flugrichtung.

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Finanzweltbewegendes strebt auch der EZB-Präsident Mario Draghi an. Als am 14 Januar 2015 der Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof (EuGH), Pedro Cruz Villalón, verkündete, die Notenbanker dürften unter bestimmten Bedingungen Staatsanleihen kaufen, wird Draghi sich gefreut haben. Schließlich fordert er seit geraumer Zeit grünes Licht für Staatsanleihekäufe, um darüber die Euro-Zone zu stärken. Auch Finanzfachmann Draghi ist ehemaliger Mitarbeiter der renommierten Goldman Sachs Group.

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Mehr darüber im Buch von Gisela Schmalz: “Cliquenwirtschaft. Die Macht der Netzwerke: Goldman Sachs, Kirche, Google, Mafia & Co.” Kösel Verlag, 336 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-466-34595-3.

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Dunkle Seiten der Cliquenwirtschaft

von Georg Ehring, Deutschlandfunk

zum Buch von Gisela Schmalz: “Cliquenwirtschaft. Die Macht der Netzwerke: Goldman Sachs, Kirche, Google, Mafia & Co.” Kösel Verlag, 336 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-466-34595-3.

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(dpa/Oliver Berg)

Netzwerke dienen der Pflege von persönlichen und beruflichen Kontakten. Dabei geht es um gegenseitige Unterstützung und Kooperation - oder um Seilschaften und Klüngeln. Der Schritt zur Vetternwirtschaft oder gar kriminellen Machenschaften scheint da nicht allzu groß. Die Ökonomin Gisela Schmalz hat sich mit der Macht von Netzwerken auseinandergesetzt.

Was haben das Bankhaus Goldman Sachs, die Katholische Kirche, Google und die Mafia gemeinsam? An der Spitze steht jeweils eine kleine Clique eng miteinander verbundener Personen, und das ist kein Zufall - solche Kleingruppen sind sogar entscheidend für Erfolg oder Misserfolg von Firmen, Vereinen und sogar Weltkonzernen. Zu diesem Ergebnis ist die Kölner Wirtschaftsprofessorin Gisela Schmalz gekommen. Herrschaftsstrukturen, die seit Jahrhunderten funktionieren, bestimmen ihrer Ansicht nach auch heute unsere Welt. Doch nicht nur das: Oft wirtschaften kleine Cliquen vorbei an Recht, Gesetz sowie am eigentlichen Zweck der Organisation in die eigene Tasche. Wie funktionieren solche Gruppen? Wem nutzen und wem schaden sie? Wie kann der Leser sie durchschauen und für sich nutzen? Und nicht zuletzt: Wie bilde ich meine eigene Clique? Um solche Fragen geht es in dem Buch. Ohne Definitionen geht es freilich nicht:

“Cliquenwirtschaft ist die mehr oder weniger gezielte Nutzung von Freundschaften und Bekanntschaften zu bestimmten Zwecken. Sie entsteht, sobald Menschen einen Rat, Arbeit, Geld, Ruhm, Einfluss oder etwas anderes haben wollen und sich daher an einen überschaubaren Kreis von vertrauten Personen wenden, denen sie im Gegenzug etwas zurückgeben.”

Die optimale Clique hat genau sechs Mitglieder - das hat der Internet-Konzern Google ausgerechnet. Gisela Schmalz hat diese Zahl nicht überrascht.

“Weil wir Familienstrukturen alle kennen, neigen wir dazu, uns so was wieder im Freundeskreis zu suchen und vielleicht eben auch im Arbeitskontext. Das können wir gerade noch so bewältigen. Wir fühlen uns da geborgen und gleichzeitig auch motiviert und deswegen ist das eine ganz gute Größe.”

Mit dem Blick einer Ökonomin

Schmalz nähert sich ihrem Thema mit dem Blick einer Ökonomin und sie fragt: Wie zahlt sich Cliquenwirtschaft in Euro und Cent aus? Dazu nimmt sie vier Bereiche unter die Lupe und präsentiert viele Beispiele und Geschichten aus der mehr oder weniger verschwiegenen Welt der Cliquen und Netzwerke.

“Das Gemeinsame ist, das alle vier Organisationen, die ich untersucht habe, Kirche, Goldman Sachs, Google und Mafia, Weltorganisationen sind oder sogenannte Transnationale Organisationen, die teilweise schon sehr lange existieren. Und wieso existieren die so lange? Weil sie sich gut organisiert haben. Und so ein Riesenschiff, wie die Kirche oder wie Google, lässt sich am besten eben durch einen Führungsstab, da hat man schon Cliquierungen, oder eben durch kleine Teams und Untergruppen, Gemeinden, oder eben auch Teams bei Google organisieren und erhalten. Also insofern ist das ähnlich.”

Cliquenwirtschaft hat auch eine dunkle Seite und ihr widmet sich die Autorin mit besonderer Hingabe. Bei der Mafia als Organisation, die vom Verbrechen lebt, ist sie sozusagen der Vereinszweck. Spannender ist hier der Blick auf Goldman Sachs oder in die katholische Kirche. Gerade hier haben verschwiegene Gruppen nach den Recherchen von Gisela Schmalz gewaltige Summen auf zweifelhafte Weise verdient. Die herrschenden Strukturen förderten dies bis in die Gegenwart und verhinderten Strafverfolgung auch in anderen Bereichen:

“Nicht einmal Kinderschänder wurden belangt. Fehler wurden aus dem System Kirche nicht ausgemerzt, sondern uminterpretiert und vertuscht. So konnten sich Filz, Machtkämpfe, Vorteilsnahme, Misswirtschaft, Korruption und Erpressung zu dauerhaft belastenden Phänomenen im inneren Führungszirkel der Kirche auswachsen. Die Strukturen verkrusteten. Überholte Regeln, eingeschliffene Abläufe und Kuriencliquenwirtschaft machen es schwer, hier reformierend einzugreifen.”

Schmalz beschreibt die Zusammenhänge im Detail. Ihre Belege über anrüchige bis kriminelle Vorgänge aus der verschwiegenen Welt der Cliquenwirtschaft sind allerdings oft dünn. Die Autorin muss sich an vielen Stellen auf Mutmaßungen beschränken oder sie gibt Gerüchte und Berichte aus zweiter Hand wieder. Das ist unbefriedigend - doch andererseits kann der Quellenmangel auch nicht wirklich überraschen.

Google betreibt gezielt Cliquenbildung

Besonders lesenswert ist das Kapitel über Google - ein Unternehmen, das die Cliquenbildung fördert wie die anderen großen Organisationen auch - aber doch ein bisschen anders. Google betreibt Cliquenbildung ganz gezielt, um mehr Leistung aus den Beschäftigten heraus zu holen und sie an das Unternehmen zu binden. Der Internet-Riese aus Kalifornien gehe vergleichsweise offen mit den eigenen Strukturen um, und Gisela Schmalz zeigt sich beeindruckt:

“Google möchte, dass die Mitarbeitenden im Konzern bleiben, auch nach der offiziellen Arbeitszeit. Google möchte, dass die Leute, die dort arbeiten, auch Freunde sind: Freundschaften zu Seilschaften, das ist Cliquenwirtschaft. Und: Wenn Mitarbeitende sich eben in Schwulen- und Lesbengruppen, Fotografiergruppen, Hundefreundegruppen und so weiter zusammentun, dann haben die was Gemeinsames wie eine Clique neben ihrem Job und tragen das hoffentlich auch noch in ihr Privatleben.”

Damit wären die Beschäftigten auch in der Freizeit irgendwie bei der Arbeit - und das sogar freiwillig. Das Schlusskapitel schildert Essenzen gelungener Cliquenwirtschaft - eine Synthese aus allen vier untersuchten Beispielen. Was also macht kleine Gruppen erfolgreich? Es ist unter anderem der Größenwahn:

“Zur Umsetzung hoher Ziele müssen Cliquen bereit sein, Grenzen zu sprengen. Die Vorstellung, weiter als andere zu gehen und dabei Tabus zu brechen, erweckt den Abenteurer im Cliquenwirtschaftler. Grenzensuchende und Grenzenüberwinder kennen keine Furcht vor neuen Aufgaben, Situationen, Personen, Territorien oder Kulturen.”

Das Buch verspricht auch eine Gebrauchsanleitung zum Nachmachen, doch die bietet es allenfalls in Ansätzen. Spannend zu lesen sind vor allem die Erkenntnisse über die dunklen Seiten verschwiegener Kleingruppen. Wer das Werk am Ende zugeklappt hat, wird skeptisch reagieren auf alle Zirkel, die das Licht der Öffentlichkeit scheuen. Allein das ist ein Verdienst - und die Autorin lenkt in Zeiten großer Netzwerke und einer nur scheinbar offenen Gesellschaft den Blick auf Welten, die sich auch heute noch abschotten und gerade deshalb ihren Einfluss wahren - wie seit Jahrhunderten. Besonders erfolgreich sind sie vielleicht dann, wenn sie, wie der Internetriese Google, trotzdem im modernen Gewand daher kommen.

Gespräch über “Cliquenwirtschaft” bei CORRECT!V

Mit CORRECT!V-Geschäftsführer Christian Humborg sprach Prof. Dr. Gisela Schmalz am 4. November 2014 über ihr neues Buch „Cliquenwirtschaft – Die Macht der Netzwerke”. Darin vergleicht sie vier globale, mächtige Netzwerke: Goldman Sachs, die katholische Kirche, Google und die Mafia.

Welche Mechanismen nutzen sie, wie funktionieren sie und wie ist ihr Handeln zu bewerten? Auch für den Journalismus ergeben sich spannende Fragen: In welchem Verhältnis stehen Geheimhaltung und Transparenz? Wodurch werden Wir-Gefühle erzeugt und wie werden diese instrumentalisiert? Zum Interview: Videoausschnitt hier.

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Die Wirtschaftswissenschaftlerin Gisela Schmalz promovierte an der Freien Universität Berlin und der Columbia University in New York. Sie arbeitete in der Produktion und Vermarktung internationaler Filme sowie als Strategieberaterin, Autorin für Print-, TV- und Onlinepublikationen. Seit 2005 ist Schmalz Professorin für Strategisches Management und Wirtschaftsethik an der Rheinischen Fachhochschule Köln. Nach „No Economy – Warum der Gratiswahn das Internet zerstört“ ist „Cliquenwirtschaft“ ihr zweites Buch.

Christian Humborg wird ab dem 1. November CORRECT!V als kaufmännischer Geschäftsführer unterstützen. Die vergangenen acht Jahre leitete der promovierte Betriebswirt Transparency International in Deutschland. Die deutsche Sektion wurde unter seiner Führung zur wichtigsten Institution für Transparenz in Politik und Wirtschaft. Bei CORRECT!V wird sich Christian um eine transparente Mittelverwendung und die Anwerbung neuer Unterstützer kümmern.

(Text: Julia Brötz c/o CORRECT!V)

Die Macht der Cliquen - Prof. Dr. G. Schmalz bei WDR 5

Cliquenwirtschaft kommt in allen Ländern, Branchen und Einkommensklassen vor. Wer an der Macht ist, weiß oft auch, die richtigen Strippen zu ziehen. Gisela Schmalz hat hinter den Kulissen der Macht geforscht. Darüber spricht sie bei WDR 5 in der Sendung “Neugier genügt” mit Jürgen Wiebicke.

Großorganisationen wie die Mafia und die Bank Goldman Sachs (die etwa zeitgleich entstanden sind), die katholische Kirche und Google organisierten ihre Weltexpansionspläne generalstabsmäßig, in dem sie Freundschaften und Bekanntschaften zu bestimmten Zwecken strategisch ausnutzten.

Die Wirtschaftswissenschaftlern Gisela Schmalz meint, dass die von ihr behandelten Weltorganisationen bewusst auf Cliquen für die Durchsetzung ihrer Weltmachtansprüche setzten - anstatt auf Netzwerke.

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Obwohl Geheimhaltung für den Erfolg der Cliquenwirtschaft in der Vergangenheit ein wesentlicher Erfolgsfaktor war, könnte das in der Zukunft ein Problem für Unternehmen wie z. B. Google werden. Auch wenn Google auf Transparenz setze bleibt Gisela Schmalz skeptisch: “Transparenz wäre bei einer weiter fortgeschrittenen Digitalisierung aber möglicherweise der neue Deckmantel für Macht.” (Redaktion: Gundi Große, WDR 5)

Literaturhinweis: Cliquenwirtschaft - Die Macht der Netzwerke von Gisela Schmalz. Kösel Verlag, München, Oktober 2014. Informationen zum Buch hier.

Cliquenwirtschaft - Frankfurter Buchmesse

Besonders gut arbeitet es sich in übersichtlichen Cliquen Gleichgesinnter – aber abgeschottete Kreise können auch großen Schaden anrichten. “Cliquenwirtschaft” heißt das neue Buch der Kölner Wirtschaftsprofessorin Gisela Schmalz.

Am Stand des Deutschlandradio auf der Frankfurter Buchmesse sagte sie, was das bedeutet und wie Cliquenwirtschaft zum Selbermachen geht: Interview von Georg Ehring mit Gisela Schmalz: “Kleine Gruppe, große Wirkung”

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Wirtschaftsstrategin will europäisches Digitalprojekt

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Den Abschluss der “Google Serie” (8. Teil) des Magazins W&V - Werben & Verkaufen (Ausgabe 27. Juli 2014) bildet das Interview mit Prof. Dr. Gisela Schmalz: “Es ist höchste Zeit für ein europäisches Digitalprojekt” über die Macht von Google Inc., die katholische Kirche, ein konkurrenzfähiges europäisches Digitalprojekt und ihr Buch “Cliquenwirtschaft” (Erscheinungstermin 6. Oktober 2014).

Styria und die Macht internationaler Medienkonzerne - eine TV-Debatte

Internationale Mediengruppen haben die Öffnung der Märkte und die Gunst der marktwirtschaftlichen Stunde genutzt, um in die Medienszene des Donauraums zu investieren. Nicht selten bestimmen seither ökonomische Zwänge das journalistische Leben. Doch wie stark regiert der Markt wirklich? Und was macht eine funktionierende Medienszene aus?

Diesen Fragen widmen sich die Doku “Styria im Lande” sowie eine hochkarätig besetzte Studiodiskussion, die am 8. Februar 2014 in Wien stattfand - unter der Leitung von Radovan Grahovac (Regisseur, Autor) und Vedran Džihić (Politologe).

Zu Gast sind: Gisela Schmalz (Wirtschaftswissenschaftlerin, Journalistin, Autorin) | Irene Neverla (Professorin für Journalistik und Kommunikationswissenschaft, Uni Hamburg) | Ante Gavranović (ehem. Präsident des kroatischen JournalistInnenverbands).

Hier zum Stream (Interview etwa ab der Hälfte): Live-Diskussion - Styria und internationale Medienkonzerne

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(Language) Enrichment

Chrematistics, derived from Greek, χρηματιστική, means the accumulation of money. Thales of Miletus defined chrematistics as the art of getting rich, just to be rich. Aristotle denotes this activity as unnatural, since it would dehumanize anyone who practices it. Aristotle also establishes a difference between chrematistics and economics. According to Aristotle, economics is a natural activity, that involves the production, distribution and consumption of goods.

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Nevertheless, there is such a thing like a necessary chrematistic economy, even for Aristotle. According to the philosopher BC, a chrematistic economy is licit, if the sale of goods is made between producer and buyer directly and at the right price. It would be o.k., if such deals would not generate added value for either of the traders. As soon as the producer purchases for resale to consumers for a higher price, in acting somehow driven by moneymaking, the activity would be illicit. Aristotle states, money must be only a medium of exchange and a measure of value - nothing else - and above all: without added value.

Aristotle bared his thoughts about the role of money, money makers and money fetishists long before society gave birth to the international banking system and to the rest of our economy … .

Hooray chrematistics. R.I.P. Aristotle.

Google´s clandestine offline strategy

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This is the evidence of a new strategy for world dominiation. Found in a little corner shop in Tuy Hòa (see also: Google Maps).

Cheesy Proportions

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Secure Income

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Anonymous - Ethikinstanz des Netzes

Vielleicht gibt es eines Tages so etwas wie eine strapazierfähige Internetethik. Heute fehlen verlässliche Ethikstandards für den Netzgebrauch. Diskutiert wird hier und da, genauer und ungenauer, mit Verweis auf nationale Rechte und ohne, über Themen wie Netiquette, Urheberrechte, Handelsregeln, Datenschutz, Werberichtlinien, Menschen- oder Persönlichkeitsrechte. Doch weder herrscht Einigkeit bezüglich eines Einzelthemas, noch hat jemand ansatzweise die Zusammenhänge zwischen ihnen aufgezeigt. Das verwundert jedoch angesichts der Komplexität des Internets und seiner Möglichkeiten nicht.
Daher hat sich bis dato wenig entwickelt, seit das IAB im Januar 1989 fünf unethische Verhaltensweisen beim Umgang mit dem Netz definiert hat. Man mag diese Hinweise für offensichtlich und für simplifizierend halten. Auch könnte man die geringe Zahl 5 kritisch betrachten, doch bieten diese Verurteilungen immerhin eine Art Referenz, die sich im Notfall schnell aus der Tasche oder aus der Datei ziehen lässt.

Das IAB verurteilt jede Aktion, die absichtlich (characterized as unethical and unacceptable any activity which purposely):

1. Seeks to gain unauthorized access to the resources of the Internet.
2. Disrupts the intended use of the Internet.
3. Wastes resources (people, capacity, computer) through such actions.
4. Destroys the integrity of computer-based information.
5. Compromises the privacy of users.

Dass es bislang kein Unterrichtsfach, kein Forschungsgebiet, kein zusammenhängendes nationales oder internationales Ethik- und Rechtsverständnis und nicht einmal belastbare, allseits bekannte Grundstandards im Umgang mit dem Netz gibt, ist bedauerlich. Womöglich wird es sie nie geben.
Denn wie soll man jedes ethisch aufgeladene Internet-Teilgebiet in eine Disziplin der Internetethik fassen? Soll man einfach irgendwo anfangen und darauf los moralisieren? Soll man gar exekutiv werden und das Wohl der Menschheit aktiv vollstrecken (weil man ja weiß, was „das Wohl der Menschheit“ ist)?
Hemdsärmelig und mit dem nötigen Handwerkszeug ausgestattet, greifen sich Anonymous regelmäßig moralisch fragwürdige Netzaspekte heraus und theoretisieren darüber nicht lange. Sie handeln und promoten ihre Handlungen.

anonymous-op-pedochat
Anonymous Message: #OpPedoChat

Anfang Juli 2012 brachten Anonymous-Hacktivisten die “Operation PedoChat” an den Start. Sie nahmen sich des Themas Pädophilenwebsites an und legten innerhalb weniger Tage offenbar 100 führende Sites mittels DDoS-Attacken lahm. Zudem veröffentlichten sie E-Mail-Adressen und teilweise auch E-Mail-Verkehr von Admins und Besuchern einschlägiger Webangebote bei Pastebin .

Ist das gut oder schlecht? Gegen Operation Darknet wurde Ende 2011 auch nichts gesagt oder getan. Damals, im November 2011 hatte Anonymous etwa 40 kinderpornographische Webangebote sowie um die 1.600 vermeintliche Nutzernamen und deren Twitter-Accounts öffentlich gemacht. Darf man das? Soll man das unterstützen oder wenigstens schneidig finden? Wir wissen es nicht, da es keine verlässlichen Ethikstandards für das Internet gibt.

Facebook - offline

switch-off

Sonntag, 1.7.2012, ca. 18h in der Berliner Ringbahn zwischen „Westend“ und „Westhafen“:

Zwei Mädchen in engen T-Shirts und Miniröcken steigen in die Bahn. Links und rechts der Tür stellen sie sich einander gegenüber. Sie nehmen die Stöpsel aus den Ohren und schauen raus zu den Gleisen.

Hab ich neulich Freundschaftsanfrage bekommen von einer.

Ah, ja?

Hmm.

Von wem?

Weiß nicht.

Wie?

Die Tür geht auf, Leute steigen ein.

Weiß nicht.

Kennst du nicht?

Ne, kenne ich nicht.

Ah.

Frag ich, was willst du, mach die Anfrage weg.

Dann?

Die Tür geht auf, die Mädchen steigen aus.

Schreibt die zurück, mach doch selbst weg.

Ah, ja.

Zucotti Park

the sun is shining
temperatures are low
winter in new york city

clerks, traders, tourists, tramps
the sculpture double check
on the lunch break
on the dole
on the edge
of this stone desert
shiny granite blocks to sit on
shiny blocks to put sandwiches
chinese fast food, backpacks, bags, purses, mobiles on

no flowers yet
just shiny stones
filled with brushwood
greenish scrubs
no plastic cups, no wraps, no left-overs, no rubbish
anywhere

one block from the world phallus center
the old one
the hole one
the holes called memorial pools
the new one called one world phallus center

the one to build up
with safety
in safety
to ensure safety
banking security
with dead certainty
it will reach out for the sky
again

shadowing zucotti park
again
like on 9/11
when debris and ashes
covered the shanks
of this granite island
between broadway, trinity place, cedar street and liberty street

born in 1968
under the name liberty plaza park
of united states steel

reborn in 2006
of brookfield office properties
renamed zucotti park

the properties dropped the liberty
to name drop
to call the park after their chairman john e. zuccotti

the one percent
named and renamed
their private park for public use
their stone desert

radiating
below stones
between stones
only
when it´s sunlit
otherwise it´s dreary
except for two months
long after the name-dropping

in September 2011
people fell upon the park
brought banners, bedrolls
tarps, tents
kitchens
music
peaceful barricades
a library

to stay
for a spring
in fall

arab spring technique
no violence
safety for all participants
promised earlier by an anonymous call

there it was
liberty again
light

bands played
people discussed
embraced
orated
laptops sat on granite blocks
protest buttons were spread out
food for thought
food was served
around
beside
bronze man double check

people
people
people came
unrolled their banners
stretched their bedding
covered the adamant stones
haydayed
hay dated
hydrated

fall became spring
a sit-in
a sleep-in
a wake-up call
to remind the one percent
of them
their fears, pains, wishes, longings and love
their existence

99 percent as one
addressed one
protesting for justice, jobs, equality
against greed, corruption, poverty
environmental devastation

the #ows
called
for a better society
a global change
an ethic of commons
a world that dignifies it´s occupiers

99 percent as one
addressed one
for a change of thinking
for a change of things
for worldwide humanity

they called for more
action
asambleas
on streets, in corners, in backyards, in homes
everyplace

to go against conspiracies
between politicians, police and properties
businessmen and businessmen
to break their shady dealings
peacefully
to build upon the demolition debris
a new society

utopia
maybe
the no place
the impossible according to judith butler

impossible demands
they demanded them
within a spring in fall
on the edge
of this stone desert
once again
called liberty plaza park

within a timeframe
a frame with a prospect
single frames
with unspoiled sights
together
they were true

in october the properties called their buddy
the mayor of new york
together
they uttered
their concerns
about the cleanness of the park
“it has not been cleaned since friday, september 16th, and as a result, sanitary conditions have reached unacceptable levels”

oh, ah, öh

the ows yawned
they sat-in
they slept-in
gave their wake-up calls
as usual
that spring

a girl tied a fresh bandana
around double check´s eyes
the sculpture
cast by a one percenter´s grandson
an uncle of a one percenter´s filmmaker

john s. johnson II ceded his artwork
to merrill lynch
in the eighties
to posh up liberty plaza park

no need for double check
that spring
in fall
the bandana girl knows
no need for control
heteronomy
external schedules

her formula is:
we
her heyday is:
now
her beauty
her blooming

the beauty
the blooming
of the actual liberty park

on november 15th
this beauty was spoiled
this blooming was blight
the nypd wiped the ows out
cleared
cleaned the park

for the tramps, clerks, tourists, traders
the bronze double check
of today

done with liberty
back to john e. again

doesn´t it look arcadian
so spick and span
unshaded
shiny granite blocks
under sunny skies
despite winter
welcoming benign individuals
to stay
temporarily
preferably by daylight

the properties pay
poor people
to clean
their pseudo public park
every weeknight
according to their plans

zuccotti park
to shine
to fake springtime
to wait
for new shadows
to be built
for the debris and ashes
that will follow

if not a secret overlies
this park
a memory that may be future
a dream of indulgence
softness
the softness of banners and bedrolls
of bandanas
the softness of liberty
of summer.

zuccotti-park-double-check-2011-by-gatewaypundit

Declaration

Declaration Flowchart-

Declaration Flowchart-

by Rachel Schragis
to source.

ACTA als Türöffner für einen Multistakeholder-Dialog

Die internationalen Unterhändler nennen ihr geplantes Handelsabkommen in doppelter Negation ACTA: Anti-Counterfeiting Trade Agreement. Die deutsche Übertragung ist noch eindeutiger darin, seine verschwurbelte Ungenauigkeit zu unterstreichen: Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen. Ziel der umstrittenen Rahmenregelung ist die Eindämmung von Urheberrechtsverletzungen und Produktpiraterie auf internationalem Terrain. Nun liegt ACTA, an dem bereits seit dem G8-Gipfel in Sankt Petersburg im Jahr 2006 laboriert wird, vorläufig auf Eis, und da soll es erfrieren.

poland-g-fawkes

Schon TRIPS, der Vorläufer von ACTA, ist fragwürdig. Das “Agreement on Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights”, kurz TRIPS, ist ein internationales Abkommen zu handelsbezogenen Aspekten der Rechte an geistigem Eigentum. TRIPS definiert Minimalanforderungen für nationale Regeln im Bereich von Immaterialgütern wie Rechten, Patenten, Lizenzen oder Rezepturen. Wichtigstes Ziel von TRIPS ist die Gewährleistung internationaler Warenflüsse. Damit die Waren, die rechtmäßig über internationale Grenzen hin und her fließen, jederzeit ungestört fließen können, will TRIPS dafür sorgen, dass individuelle Maßnahmen und Verfahren zur Durchsetzung von Rechten des geistigen Eigentums keine Beschränkungen darstellen. TRIPS wurde gleichzeitig mit der Ablösung von GATT (General Agreement on Tariffs and Trade) durch die WTO (World Trade Organization) am 15. April 1994, gegen Ende der so genannten Uruguay-Runde, beschlossen. Federführend bei der Herbeiführung des TRIPS-Abkommens sind 13 US-amerikanische Konzerne, die der Weltgemeinschaft den Zusammenhang von Freihandel und geistigen Eigentumsrechten einimpften. Die Konzerne, die sich 1994 “Intellectual Property Committee” nannten, waren: Bristol Myers, DuPont, General Electric, General Motors, Hewlett Packard, IBM, Johnson and Johnson, Merck & Co., Inc., Monsanto, Pfizer, Rockwell International und Time-Warner. Welches dieser Unternehmen interessiert sich nicht für die Durchsetzung und den Schutz der eigenen Patente? Konzertiert und proaktiv und sorgten diese Konzerne mit höchst unterschiedlichen Geschäftsmodellen dafür, dass die Einkünfte aus ihren Rechten sicher in die eigenen Taschen flossen.

Nun will also eine ähnliche Liga ACTA (Anti-Counterfeiting Trade Agreement) durchsetzen. Wie TRIPS soll ACTA zu einem multilateralen und völkerrechtlich verbindlichen Handelsabkommen werden. Unterschreibende Nationen und Staatenbünde wollen via ACTA internationale Standards einführen, die es ihnen ermöglichen gegen Produktpiraterie und gegen Urheberrechtsverletzungen vorzugehen. ACTA ist vage gehalten, damit die einzelnen Unterzeichnerstaaten ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen. Sie können also mehr oder weniger drakonische Regeln daraus ableiten. Möglich wäre es für Deutschland zum Beispiel deutsche, musikstreamende Privatpersonen strafverfolgen zu lassen.

Die vorläufige und wahrscheinlich langfristige Abschmetterung von ACTA ist ein Sieg der Internetaktivisten und intelligenter Analysten weltweit. Sie ist ein Sieg, weil hierbei der gesunde Menschenverstand den ungesunden Politikverstand korrigiert. Folgende zwei Hauptargumente sprechen für die ACTA-Gegner und die Schredderung von ACTA in der jetzigen Form.

a) ACTA behandelt Rechte aller Art unterschiedslos, oberflächlich und vernebelnd. Die ACTA-Gegner kritisieren das Offensichtliche, dass innerhalb des ACTA-Textes Äpfel, Birnen und noch mehr zusammen geschmissen werden. ACTA wirft Patente, Lizenzen, Rezepturen und Urheberrechte oder kommerzelle und nicht-kommerzielle Verwertungsweisen von Rechten in eine politische Suppe, die die Einzelstaaten verfeinern sollen, damit die Bevölkerung sie dann auslöffelt. ACTA umfasst Produktfälschungen und digitale Rechtsverletzungen ohne auf die unterschiedlichen Voraussetzungen und Usancen in der physischen und digitalen Welt und innerhalb der Welten einzugehen.
Es mag sein, dass Patentdiebe und einzelne illegale Plattformbetreiber durch ACTA zur Rechenschaft gezogen werden können. Doch insbesondere das ACTA-Kapitel, das digitale Copyrights betrifft, ignoriert die organisch entwickelte und sich entwickelnde, weitgehend sich selbst regulierende Netzkultur, wozu die Kultur des Teilens zählt. Dass im Netz neue ökonomische Bedingungen geschaffen wurden, die neuartige Copyright-Regeln verlangen, wird von der politischen Altherrenriege aus Unwissenheit und von den die Politiker flankierenden Konzernvertretern (Lobbyisten) bewusst ignoriert, weil hier überkommene Regeln in eine neue, digitale Umgebung herüber gerettet werden sollen.
Die Onlinegemeinde sieht in ACTA einen Türöffner zu weltweit abgekarteter Internetzensur und eine Innovationsbremse. Auch die Beschränkung der Verbreitung bestimmter Patente, die geeignet sind, Saatgut und Arzneien insbesondere an ärmere Länder weiterzugeben, wird von Anti-ACTA-Aktivisten scharf kritisiert. Man könnte ACTA im derzeitigen Zustand auch übersetzen mit “All Copyright Issues Treated As One (dt. Alle Rechte sind im Grunde ein und dasselbe)”.

b) Die Königs- und Rahmenkritik an ACTA ist die, dass ACTA, ähnlich wie TRIPS, hinter verschlossenen Türen auf den Weg gesetzt wurde. Ein Gesetz, das Politiker und Konzernvertreter an Bürgern vorbei verabschieden will, die vom Thema mehr verstehen, ist nicht ungeschickt, sondern dumm. An den Gepflogenheiten von Bürgern und Usern vorbei zu regulieren, negiert Realitäten, die sich längst (z. B. im Netz) manifestiert haben. Endlich haben Regeln, die Bürger ignorieren, (wiederum dank des Netzes), keine Chance mehr, ernst genommen zu werden und organisieren Bürger (dank des Netzes) schlagkräftigen, internationalen Widerstand.

Das Einfrieren des ACTA-Abkommens ist ein Sieg der Demokratie auf internationaler Ebene. Der Sieg der Aktivisten zeigt einmal mehr, dass internationale Abkommen und insbesondere Abkommen zu Digitalthemen auf Multistakeholder-Ebene erfolgen müssen, wenn ihre mühsamen und kostenintensiven Vorarbeiten und Konferenzen keine ergebnislose Ressourcenverschleuderungsveranstaltung sein sollen. Internet- und Urheberrechtsregeln betreffen Menschen weltweit. Also muss der Dialog darüber international erfolgen und die drei betroffenen Gruppen: Regierungen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft (i. d. R. vertreten durch Nichtregierungsorganisationen) an einen Tisch bringen. Ein Multistakeholder-Dialog ist der einzige Weg, um der Komplexität von Wirtschaftspolitik genügend komplex und zielführend zu begegnen.

Die ACTA-Kontroverse könnte diesen notwendigen Multistakeholder-Dialog anstoßen. ACTA ist zwar nicht der leichteste Anfang, um ein neues Demokratieverfahren zu testen, aber ein inhaltlich und formal langfristig lohnender.

“Amerika ist wunderbar”* ** - apathetic

The sun is shining and temperatures are low - springtime in New York City this February, but no Occupy Wall Streeters in Zuccotti Park.

Zuccotti Park February 2012

Zuccotti Park February 2012

Same day, same weather around Wall Street and no busy traders on their mobile phones either.

Next to Wallstreet February 2012

Next to Wallstreet February 2012

Quitetude, because Wall Street is closed in preparation for it´s more or less private Super Bowl 2012.

Wallstreet / corner February 2012

Wallstreet / corner February 2012

An old legend knows that if an AFC team wins, markets will decline. That is why Wall Street wanted the New England Patriots to lose Super Bowl. On Super Ball Day, Febr. 5th, The Patriots lost and the New York Giants won.

Is that a good or a bad sign for all the Off-Wallstreeters worldwide? Do people care? Who cares who runs for President for the Conservatives during the election 2012? Who cares that President Barack Obama is running for a second and final term? Who cares who wins the United States presidential election this year? Some Americans whisper, they wanted a second party, cause up to now there was only one, the election game´s winner and loser party with President C or D.

Where is the alternative? Not in Zuccotti Park, not this February.

* Soundtrack
** Lyrics

Platon - Ideengeber für das Internet

Platon entfaltet in seinem Werk „Politeia“ (entstanden um 347 v. Chr.) das Konzept von der „öffentlichen Sache“. Politeia (Πολιτεία) heißt auf Deutsch auch „Staat“ und auf Lateinisch “res publica”. Die Ideenlehre Platons und seine „Politeia“ könnten wieder als Modell für aktuelle Staatsgebilde, sowie neu für Internetstrukturen und für politische Plattformen wie respublica.org herangezogen werden. Wie das aussehen könnte und was Aristoteles davon gehalten hätte, wird hier kurz skizziert.

Platons Ideen

Höchste Idee und somit Bedingung für alle anderen Ideen ist für Platon die Idee des Guten (agathón). Sie ist als höchste Idee auch Voraussetzung für die Vernunft und für die Tugend Gerechtigkeit (dikaiosýnē). Die Idee des Guten ermöglicht vernünftiges Wirken, das Gerechtigkeit hervorbringt. In einem gerechten Staatsgebilde zeigt sich die Rückbindung an die Idee des Guten. Da Platon leider kein reales Vorbild für eine gerechte Staatsform fand, beschrieb er in seinem Werk „Politeia“ (entstanden um 347 v. Chr.) seine Idee vom gerechten Staat. Platons Idealstaat taugt zwar nicht als Blaupause für aktuelle Staatsgebilde und auch nicht zur Modellierung einer Internetökologie oder -ökonomie. Doch finden sich in der „Politeia“ Aspekte, die an Phänomene des derzeitigen Internets erinnern, etwa die Argumentation gegen Privateigentum. In Platons Idealstaat sind Personen, Güter und Wohnungen Gemeingüter. Sie gehören allen Staatsbewohnern. In diesem Essay wird Platon als Inspirator für eine Netzökonomie präsentiert.

Der großgeschriebene Staat

In seinem Hauptwerk „Politeia“ (gr. Πολιτεία, lat. res publica, dt. Staat) entwirft Platon eine Idee und keine Utopie des Staates. Platon setzt bei der Frage des Sokrates nach dem Wesen der Gerechtigkeit an. Sokrates stellt die sophistische These auf, das Gerechte sei dasselbe wie das dem Stärkeren Nützliche. Als Reaktion darauf konzipiert Platon seine Idee des Staates. Diese Idealvorstellung weicht von faktischen Staatsformen ab, Platons Idealstaat ist vollkommen und gut. Er ist der platonischen Idee des Guten unterworfen, welche die Bedingung für die Vernunft, das rationale Denken und Handeln, darstellt. Der Staat ist gut, wenn er die Tugenden Weisheit, Tapferkeit und Besonnenheit vereint. Nur in dieser Vereinigung, die nur die Vernunft herstellen kann, ist der (ideale) Staat gut.
Der gute Staat basiert auf der Arbeitsteilung, die sich aus den natürlichen Anlagen der Menschen zu verschiedenen Tätigkeiten ergibt und durch Vertrag. Die Philosophenkönige, die die Idee des Guten gesehen haben und daher vernünftig handeln können, entscheiden, zu welchem Stand ein Junge oder Mädchen gehören wird. So entstehen drei Stände, der Stand der Regierenden (Philosophen), der Stand der Krieger (Wächter) und der Stand der Bauern und Handwerker. Der Staat ist weise durch die Weisheit (Vernunft) der Regierenden. Tapfer ist er dank der tapferen (mutigen) Wächter. Besonnen (gemäßigt oder genügsam) ist der Staat durch den Bauern- und Handwerkerstand.

plato-neues-museum-© gsc-3-111

Gerechtigkeit, so Platon, besteht nun darin, dass jeder das Seine und jede das Ihre tut, die Regenten also weise, die Wächter tapfer und die Bauern und Handwerker besonnen sind. Nicht alle Menschen erhalten die gleiche Erziehung. Bauern und Handwerker usw. bekommen nur eine Grundausbildung, Wächter und ihre Frauen werden länger ausgebildet, nicht jedoch so lange wie die Regierenden und ihre Frauen. Mittels der Vernunft des rationalen Seelenteils der Regierenden (Philosophen) lässt sich eine Vereinigung der drei Stände im Staat herstellen. Daher regieren die vernunftgeleiteten Philosophen. Die noch fehlende Tugend, die Gerechtigkeit, um die es in der Frage des Sokrates geht, besteht nun nach Platon darin, dass jede/r gemäß seiner/ihrer Anlagen und seines/ihres Standes, den Aufgaben nachgeht, die ihm/ihr eigen sind, und nicht etwa in unpassende Stellen drängt. Andernfalls widerfahre dem Staat Unheil in Form von Ungerechtigkeit.

Der kleingeschriebene Staat

Die Ausbildung der Männer und Frauen ist von Unterrichtungen in Musik und in Gymnastik geprägt. Ziel ist es, in allen Menschen eine innere Harmonie auszubilden. Platon bezeichnet den großgeschriebenen Menschen auch als kleingeschriebenen Staat, da die drei Seelenvermögen des Menschen den drei Tugenden der Stände entsprechen. So wie die Stände im Staat müssen die Seelenteile des Menschen in Harmonie zueinander stehen. Die Seelenteile des Menschen sind das Vernünftige, das Muthafte (Emotionale) und das Begehrliche. Der vernünftige Seelenteil lenkt die anderen Teile. Im Idealfall kommt der Vernunft (Weisheit) die Regentschaft über das Emotionale und das Begehrliche zu. Nur dann herrscht im Individuum Gerechtigkeit.
Bei Disharmonie der Seelenanteile kommt es zu inneren Konflikten, vergleichbar einer Empörung oder einer zerstörenden Krankheit. So wie es im Menschen zu innerer Ungerechtigkeit kommt, sobald die Vernunft (Weisheit) die übrigen Teile nicht mehr vereinigen kann, entsteht im Staat Ungerechtigkeit, sobald ein Stand die Überhand über den vernunftbegabten Stand der Regierenden (Philosophen) gewinnt.

In der „Politeia“ (VIII, 543 a-576 b) setzt Platon sich auch mit der Lehre von den faktischen Verfassungen und Ursachen auseinander. Sich wandelnde, reale Staaten tendieren nach Platon zur Entartung. Schlechte, ungerechte Staatsformen stehen im Kontrast zum gerechten und guten (Ideal-)Staat. Als beste, vorgefundene Staatsform gilt Platon die Monarchie (auch Aristokratie). Verfallsformen des Staates sieht Platon in der Timokratie, der Oligarchie, der Demokratie und der Tyrannis. Diese entarteten Staatsformen spiegeln jeweils bestimmte, nicht zur Einheit kommende Seelenverfassungen.

Ökonomie ohne Privateigentum

Laut Platon ist der Staat zur Erreichung des höheren Ziels der Gerechtigkeit da. Der Staat entsteht zum Zweck der Arbeitsteilung, da kein Mensch sich selbst genügen oder versorgen kann. Den platonischen Idealstaat prägen daher Arbeitsteilung und Spezialisierung, wodurch wirtschaftliche Effizienz erreicht wird. Privateigentum ist für Platon -kontraeffizient- und in seinem Staatsentwurf nicht vorgesehen. So wenig wie Menschen Güter eignen, gehören Frauen und Kinder jemandem. Im platonischen Idealstaat kennen Kinder ihre Eltern nicht, und Frauen haben keine fest zugehörigen Männer. Kinder und Frauen gehören Kriegern und Regierenden gemeinsam. Es gibt keine festen Bindungen. Für alle wird gesorgt, allen Mädchen und Jungen wird die in Grundzügen gleiche musische Ausbildung zuerkannt. Menschen und die Güter, die sie herstellen, gehören der Allgemeinheit. Auch Wohnraum ist in Platons Idealstaat allen zugänglich. Selbst die Wohnungen der Regierenden sind öffentlicher Raum. Jede Art Vermögen ist Gemeingut des Staates.

Idealstaat Internet?

Vergleiche zwischen Platons Idealstaat und der kommunistischen Staatsform sind oft gezogen worden. Doch in keinem kommunistischen System gingen Regierende bisher so weit, auf ihre Vorrechte und auf Besitz zu verzichten, wie Platon es gefallen würde, im Gegenteil. Daraus kann man ableiten, dass Platons Staatsmodell mit faktischen kommunistischen Staaten nicht und überhaupt (noch) nie vollständig verwirklicht wurde. Sollte man überhaupt, und gibt es überhaupt eine Chance, Platons Idealstaat in der Realität abzubilden? Wie sieht es mit der Umsetzung von Platons Staatsmodell im Netz aus? Ist das Internet oder sind Onlineunternehmen wie Google, Facebook, Twitter oder Saugstuben, deren Netzhandlungen (um nicht hier schon „Netzhandel“ zu sagen) sich um digitalen Güterverkehr ranken, bereits Vorstufen der (Im)materialisierung von Platons „Politeia“?

Onlineunternehmer (Regierende) machen den Nutzern (Menschen aller Stände) über ihre Plattformen (große Wohnungen) Content und User Generated Content (Güter) sowie Nutzerprofile (kleine Wohnungen) -quasigratis- zugänglich. Nur anscheinend beschenken sie die User. Gehören digitale Daten allen? Vollzieht sich die Umverteilung von Daten oder von digitalem Content nach Platons Vorstellung von Gerechtigkeit? Keineswegs. Die Regierenden im Netz, zuständig für die Umverteilung, sind alles andere als platonische Philosophen. Lenker der Onlinekonzerne und der zugehörigen Plattformen sind keine vernünftigen und gerechten Regierenden im Sinne Platons. Nanosekündlich produzieren sie Ungerechtigkeiten zwischen den Ständen. Sie erheben sich über die Wächter- und Handwerkerstände, indem sich unter dem Schleier der Offenheits- und Gratiskultur deren Daten bedienen, um mit ihnen Handel zu treiben. Das ganz unplatonische Ziel der Onlinekonzerne ist es, über den Handel mit Fremddaten Eigentum anzuhäufen.
Anders als im Idealstaat existieren im Netz Eigentumsverhältnisse. Auch wenn nicht alle Vertreter aller Stände Eigentum beanspruchen und viele User Daten zum freien Gebrauch ins Netz stellen, so profitieren vielleicht nicht sie, jedoch die Netzregenten ökonomisch von deren Nichtbeanspruchung. Was den denen einen Allgemeingüter sind, verwandeln andere in Wirtschaftsgüter und ziehen aus der Diskrepanz in der Definition wirtschaftlichen Nutzen. Aus unterschiedlichen Definitionen und Handlungsarten entstehen im Netz Marktverzerrungen und Rechtsunsicherheiten. Diese würde Platon als Krankheitssymptome oder Signale der Ungerechtigkeit diagnostizieren. Platon würde das Netz und Netzwerke als entartete Staaten bezeichnen. Disharmonien im Zusammenspiel der Onlinestände verhindern, dass im Gesamtgebilde Internet oder bei bestimmten Internetplattformen platonische Gerechtigkeit entsteht.

Es ist nicht verwunderlich, dass weder der Kommunismus, noch das Internet gerechte Idealstaaten verkörpern. Die Herausforderungen sind groß. Für seine „Politeia“ muss Platon eben auch allzu radikale Grundannahmen treffen. Zum einen nimmt er an, es gebe eine höchste Idee des Guten und zum anderen, dass alle Menschen dieser und den daraus abgeleiteten Ideen, auch der Idee der Gerechtigkeit, verpflichtet seien. Eine weitere, implizite Annahme Platons lautet: Alle oder keiner. Seine Ideenleere funktioniert nur, wenn ihr alle Folge leisten. Doch wie im Netz zu beobachten, gibt es unterschiedliche Ansichten in Bezug auf Definitionen von und die Umgangsweisen mit digitalen Gütern. Durch solche Disharmonien ergeben sich notwendigerweise wirtschaftliche Ineffizienzen sowie Ungerechtigkeiten.

Zur Fixierung des Alle- oder Keiner-Modells bedarf das Platonische System einer ordnenden Einheit. Platon nennt sie Vernunft und rechnet sie (ausgerechnet) dem Stand der Regierenden zu. Doch offensichtlich kann ja schon der kleine Staat, der Mensch, also auch der regierende, der philosophische Mensch, seine drei Seelenteile, nicht harmonisch zusammenbringen. Wie kann Platon da von den regierenden Philosophen verlangen, dass diese die Stände, alle Teile des Staates, unter einen Hut kriegt? Die beobachtbare, menschliche Unvernunft, auch die der Regierenden im Netz, verhindert die Evolution eines platonischen Idealstaats. Wohl niemals werden die Teile des Internet harmonisch zueinander angeordnet sein. Die Seelenteile der User sind es ja auch nicht.

Platons Entwurf in der „Politeia“ scheitert am Menschlichen im Menschen, seiner Unvernunft. Deshalb ist Platons Staat ja auch eine Idee. Platon hat nie behauptet, der Idealstaat sei beobachtbare Realität. Er weiß auch, dass die von ihm favorisierte Staatsform der Aristokratie, nicht gerecht und nicht ideal ist. Platon geht es in der „Politeia“ in erster Linie darum, Sokrates zu zeigen, was Gerechtigkeit ist. Darüber mit Platon nachzudenken, kann auch Staatlenkern, Internetregulatoren, -unternehmern und –nutzern nicht schaden. Platons Denken erfrischt.
Doch um das Funktionieren von Platons Gedankenarchitektur zu widerlegen, hätte man gar nicht bis zum Kommunismus oder zum Internet abschweifen müssen. Schon ein paar Jahre nach Erscheinen von Platons „Politeia“ machte sich Aristoteles daran, die Gedanken seines Lehrers philosophisch zu widerlegen. Seine Kritik an Platon bekräftigten viele, spätere Kollegen des Aristoteles, darunter Thomas von Aquin.

platon-aristoteles-schule-von-athen

Aristoteles versus Platon

Aristoteles richtet sich mit seinem Werk „Politica“ (gr. Πολιτικά, dt. die politischen Dinge; entstanden im 4. Jh. vor Chr.) gegen das Wirtschaftsmodell seines Lehrers Platon. Aristoteles geht in „Politica“ bekanntermaßen vom Menschen als Zoon politicon (ζῷον πολιτικόν) aus. Nach Aristoteles gehört es zur Natur des Menschen, in Gemeinschaft zu leben. Nur im Staat kann der Mensch das gute Leben verwirklichen. Allerdings sieht er für das gute Leben in Gemeinschaften Über- und Unterordnungsverhältnisse vor. Er schreibt: „Wo immer Eines aus Mehreren zusammengesetzt ist und ein Gemeinsames entsteht, da zeigt sich ein Herrschendes und ein Beherrschtes, und zwar findet sich dies bei den beseelten Lebewesen aufgrund ihrer gesamten Natur“ (Pol. 1254 a 29-32). Im Staat des Aristoteles sind Frauen, Kinder und Sklaven den Herren unterworfen. Für Frauen sei es besser, von Männern beherrscht zu werden, weil ihre Urteilskraft schwächer als die männliche sei (Pol. I 5, 1254b10-15; I 13, 1259a12). Außerdem geht Aristoteles von der natürlichen Existenz von Sklaven aus.

Aristoteles postuliert zudem das Privateigentum als legitimen und festen Bestandteil des praktischen Lebens: „Zwei Dinge erwecken vor allem die Fürsorge und die Liebe des Menschen: Das Eigene und das Geschützte.“ (Pol. 1262 b 22-23) Für Privateigentum spricht, so Aristoteles, dass der Einzelne sich mehr um die Güter sorge als es die Gemeinschaft tun würde. (Pol. 1262 b 3) Mit dem Konzept des Eigentums gehen bei Aristoteles auch Rechtsansprüche an das Eigentum einher. (Pol 1263 a 15-16) In rechtem Maße dürfe jeder sein Eigentum genießen: „Es gehört auch zum Großartigen, sein Haus entsprechend seinem Reichtum einzurichten (denn auch dieser ist eine Zier) und vor allem für dauerhafte Werke Aufwendungen zu machen (denn diese sind die schönsten) und in allem das Angemessene zu beachten.“ (Nikomachische Ethik IV, 1123 a 6-10) Aristoteles sieht in einer angemessenen Besitzverteilung also eine wichtige Grundlage für eine den Anlagen des Menschen angemessene Staatsform.

Im Unterschied zum Idealisten Platon geht Aristoteles empirisch oder induktiv vor. So werden Platons Staatsideen von Aristoteles, und von der Realität sowieso (Kommunismus, Internet), überrollt. Doch muss auch Aristoteles bestimmte philosophische Annahmen treffen, damit seine Theorie aufgehen kann. Beispielsweise setzt er das (zu seiner Zeit) Beobachtete, etwa die Sklavenhaltung, dem Natürlichen gleich, um daraus Thesen abzuleiten.

Dinge beobachten und Thesen aufstellen, können wir auch. Daher ist die platonische Ideenlehre zum Zweck der Frage nach Internetregeln oder sozialen Normen im Netz die theoretisch interessantere und obendrein nutzenversprechendere. Die Inspiration, die Platons „Politeia“ liefert, liegt in der Verpflichtung der Mitglieder einer Staats- oder Onlinegemeinschaft auf eine gemeinsame Idee des Guten, folglich einer Vorstellung des Vernünftigen und des Gerechten. Diese geteilten Konzepte könnten sich als geschriebene oder ungeschriebene soziale Norm(en) manifestieren. Wollte man daraus konkrete Regeln ableiten, böte sich nach dem Modell Platons eine Regelhierarchie an. Aus der Idee des Guten ließen sich, analog zur Ableitung von Unternehmenszielen aus Mission Statements, (netz-)gesellschaftliche Wertsätze, Bestimmungen und Ziele deduzieren. Diese würden unterhalb der Idee des Guten in eine Ordnung gebracht und in ein Regelsystem überführt werden können. Als höchster, gemeinsamer Nenner würde die Idee des Guten das Denken, Definieren und Handeln innerhalb einer Gemeinschaft überstrahlen. Die Umsetzung der Idee des Guten und der Tugend des Gerechten würde nicht einer Kleingruppe von vermeintlich vernünftig Regierenden (1%) überlassen. Alle Stände (1% + 99%) würden die Idee des Guten verfolgen. Sie diente allen als mahnendes, gleichwohl glänzendes Ziel.

Literatur

Platon: Sämtliche Dialoge, übersetzt von Otto Apelt, Leipzig 1916–1937 (1.–3. Auflage), unveränderter Nachdruck in sieben Bänden: Felix Meiner Verlag, Hamburg 2004.

Aristoteles: Politik. Band 9 der Werke in dt. Übersetzung, Hg. Hellmut Flashar, Akademie Verlag, Berlin ab 1991.

TExt gespiegelt hier: http://blog.respublica.org/?p=271

school_of_athens-totale

Alternative Websites

Gastbeitrag von Désirée Bolten:

Ich habe das Buch „No Economy“ von Gisela Schmalz gelesen und bin dabei auf viele alternative Seiten aufmerksam geworden, die Sie hin und wieder in Ihrem Buch erwähnt haben. Als junger und Internet affiner Mensch kannte ich die meisten Websites gar nicht, von vielen hatte ich noch nie gehört. Und hier liegt das Problem. Wenn man wirklich etwas gegen ein Informationsmonopol wie Google oder Apple unternehmen möchte, muss man in meinen Augen genau zwei Dinge tun.

gsc 2011

1. Die Verbraucher aufklären.

Was kann man mit seinem eigenen Userverhalten beeinflussen? Welche Dinge sollte man unbedingt vermeiden? Welche Spuren hinterlasse ich im Web und vor allem: Will ich diese Daten wirklich hinterlassen? Wenn mich jemand auf der Straße fragt, welche Websites ich gestern aufgerufen  und wo ich mich am Tag zuvor abends aufgehalten habe, gebe ich diesem Fremden mit Sicherheit keine Auskünfte. Im Web sind die meisten Menschen irgendwie sehr viel freizügiger, warum? Liegt es an der Anonymität des Mediums als solches?

Leider ist genau das passiert, was Gisela Schmalz in Ihrem Buch beschrieben hat- Monopole beherrschen die (einstig?) vielseitige Weblandschaft. Jetzt sind die User gefragt, durch Ihr Verhalten und boykottieren bestimmter Seiten können Sie die werbefinanzierte Wirtschaft (nennen wir es mal so) ändern. Warum wird den Big Playern im Netz so viel Vertrauen geschenkt, dass man sie unsere Informationen steuern, selektieren und existieren lässt? Gab es nicht mal was von Meinungsvielfalt? Genau die sollte doch durch das Internet gefördert werden, aber ist das wirklich so? Wie viele Seiten mit interessanten Informationen existieren denn außerhalb der Google-Welt? Wie viele Seiten werden gar nicht erst auf Google veröffentlicht? Warum nicht? Wer entscheidet das? Warum werden wir nicht gefragt? usw.

2. Verbraucher anregen

Es wird nicht pro aktiv sein, stets den Zeigefinger zu erheben und zu klagen, wie naiv und gedankenlos sich manche User und Marktteilnehmer verhalten. Deshalb kam mir die Idee einfach mal die andere Seite zu beleuchten: Die Seiten im Internet, die qualitativ mit den Monopolisten auf Augenhöhe sind. Quasi ein leichter Schups in eine andere Richtung. Einfach mal ausprobieren. Ich selbst war positiv überrascht und hoffe, dass diese kleine Aufstellung von Alternativ-Sites weiter geführt wird und künftig ein vielfältiges Portfolio reflektieren.

  • Metager ² , http://metager2.de/index.php  (Metasuchmaschine, Weiterentwicklung von Metager), Finanzierung über Spenden des SUMA e.V.- Verein für freien Wissenszugang
  • Yacy, Dezentrale Websuche,  Finanzierung über Sponsoren
  • Scroogle, Finanzierung über Spenden http://www.scroogle.org/donatesc.html
  • Startpage, “Die diskreteste Suchmaschine der Welt”, empowerd by Google, aber schütze die Privatsphäre.
  • Wolframalpha, keine Suchmaschine im klassischen Sinne, sondern eine „Antwort Maschine“, der man auch komplexere Fragen stellen kann, jedenfalls in englischer Sprache.
  • Genious, Online-Wirtschaftsinformationen, Tochterunternehmen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Verlagsgruppe Handelsblatt. Finanzierung über kostenpflichtige Inhalte http://www.genios.de/preise
  • Dict.cc, Finanzierung über Werbung aber: Jeder User, der selbst Übersetzungen bearbeitet oder erstellt, erhält  Punkte. Ab 10 Punkte kann die Seite werbefrei genutzt werden
  • Beolingus, Sprachsuchmaschine für Englisch, Spanisch, Deutsch und Portugiesisch. Online-Wörterbuch der Technischen Universität Chemnitz. Finanzierung über Spenden und Sponsoren


Suchmaschinen und Enzyklopädien

•    http://www.metacrawler.com/ (Metasuchmaschine)
•    http://www.eric.ed.gov/
•    http://vivisimo.com/
•    http://search.yippy.com/
•    http://www.quintura.com/
•    http://www.wdl.org/en/

•    Digitale Bibliothek: http://eol.org/
•    Enzyklopädie: http://www.kidsclick.org/

Gaga´s Pop-Politik

Lady Gaga, von ihren Eltern einst Stefani Joanne Angelina Germanotta und heute von manchen Fans Mama Monster genannt, ist eine Künstlern mit politischer Haltung und Schlagkraft. Ihre Stimme reicht so weit, dass normale Leute weltweit hinhören, nicht nur wenn sie singt. Die Lady hat auch das Potential, ein politsches Gewissen zu prägen und ihre Fans zum Handeln anzuregen.

Bei einem Konzert in Las Vegas am 24. September 2011 verkündete sie: “We lost a Little Monster this week.” Daraufhin widmete sie ihren Song „Hair“ dem 14-jährigen Jamey Rodemeyer, der in der Woche zuvor tot vor dem Haus seiner Eltern in Buffalo, N.Y. gefunden wurde. Jamey hatte sich nach einer langen Leidensphase das Leben genommen. Seine Mitschüler hatten nicht aufgehört, ihn on- und offline wegen seiner Bisexualität zu hänseln. Jamey widmete seine letzten Facebook-Postings dem Popstar Lady Gaga. Einmal zitierte er aus dem Gaga-Song „The Queen“: “Don’t forget me when I come crying to heaven’s door.” Und sein allerletztes Blogposting enthielt einen Dank an Mama Monster.

„Hair“ sei ein Song über Befreiung, so Gaga in Las Vegas. Bevor sie in Erinnerung an Jamey Rodemeyer “Hair” anstimmte, erklärte sie dem Publikum: “I wrote this record about how your identity is really all you’ve got when you’re in school … so tonight, Jamey, I know you’re up there looking at us, and you’re not a victim. You’re a lesson to all of us. I know it’s a bit of a downer, but sometimes the right thing is more important than the music.”

Gaga plant nun offenbar, US-Präsident Barack Obama zu treffen und mit ihm über Mobbing zu sprechen. Das Thema Mobbing ist nicht das erste, zum dem die 24-Jährige Künstlerin aus New York, Stellung bezieht. Im Jahr zuvor, im September 2010, hielt die Künstlerin in Portland, Maine, eine Rede mit dem Titel „The Prime Rib of America“. Darin unterstützte sie die geplante Aufhebung der 17 Jahre alten Don’t Ask, Don’t Tell-Regel des US-Militärs.

Laut der Regel dürfen Homo- und Bisexuelle nur solange beim Militär dienen, wie sie ihre sexuellen Vorlieben verschweigen und unterdrücken. “Equality is the prime rib of America, but because I am gay, I don’t get to enjoy the greatest cut of meat my country has to offer,” entschlüsselte Gaga die eigenartige Überschrift ihrer Ansprache.

Auf Prime Ribs bezog sich auch das Gaga-Outfit bei den MTV Video Music Awards im letzten Jahr. Sie trat im berühmten Kleid aus Steaks auf. Eskortiert wurde sie damals von ehemaligen schwulen Offizieren.

lady gaga´s meat dress

Für ihren Besuch in der Show der öffentlich als Lesbe lebenden Ellen DeGeneres schlüpfte Lady Gaga erneut in ihr Fleischkleid, um nochmals gegen Don’t Ask, Don’t Tell zu rebellieren. Eine weitere politische Aktion startete die 25-Jährige Sängerin mit italienischen Vorfahren und dünner Gesangsstimme gegen die schwulenfeindliche Westboro Baptist Church in Kansas. Über diese Vereinigung urteilte Mama Monster: „Their message is of hatred and divisiveness, but inside at the Monsterball we preach love and unity.” Außerdem trat Lady Gaga gegen das Verbot der Homosexuellen-Ehe in Kalifornien und gegen die strikten Immigrationsgesetze in Arizona ein.

Die Lady mit mehr Facebookfans als Barack Obama ist ein politisches Schwergewicht. Sie erreicht über ihre Musik, ihre Konzerte, TV-Shows und mit ihren Facebook- und Twitter-Postings nicht nur eine junge, amerikanische Zielgruppe. Laut dem Forbes Magazine ist die kleine New Yorker Lady eine der machtvollsten und einflussreichsten Menschen der Welt. Auf der aktuellen Forbes-Liste der mächtigsten Frauen der Welt rangiert sie auf Platz 11.

Auch andere singende Persönlichkeiten, etwa Bob Geldorf mit seiner Band-Aid oder Bono warben für politische oder soziale Ziele. Die erste, die Soziale Medien effektiv einsetzt und PR-Profis und Politikern zeigt, wie politische Aktivierung im Netz funktioniert, ist Lady Gaga. Sie versteht nicht nur die Kunst der Inszenierung, sondern auch, wie man kunstvoll Agenda Setting über mediale und virale Kampagnen betreibt.

Lady Gaga vereint beide Künste mit leichter Hand. Der gefeierte Popstar macht Politik und erreicht mit seinen Aktionen auch Menschen, die nicht zu Gagas kleinen Monstern zählen. Lady Gaga fällt allen auf, durch ihre Stylings und ihre Reden, von denen glücklicherweise auch offlinige, deutsche und internationale Provinzmedien berichten. Man muss Gagas Singstimme nicht mögen, um ihre politische Stimme zu schätzen. Für viele klingt sie gewiss viel schöner als altväterliche Stimmen von Politikern.

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Dieser Text ist “ausgeliehen” vom Blog Respublica.org.

Die Piraten – eine Verlaufsform

Ein Mädchen dreht sich zu ihren beiden Freunden und erklärt: „Also ich habe die Piraten gewählt.“ „Hast du, ach so.“ „Und wisst ihr was mein Vater eben am Abendessenstisch gesagt hat, ich erzähle so, dass ich die Piraten gewählt habe, da sagt mein Vater, ich auch.“ „Krass.“ Der Dialog fand am Sonntag, dem 18.9.2011, in der Nacht nach den Abgeordnetenhauswahlen in der Berliner U2 statt. Abgesehen von dem Nebensatz über den Vater gaben an dem Tag wohl viele junge Menschen über ganz Berlin verteilt ähnliche Bekenntnisse ab.

Immerhin haben 8,9% der Berliner Wähler die Piratenpartei gewählt. An zwei Wahlstellen im Berliner Bezirk Friedrichshain wählten sogar um die 20% die Partei mit dem Flaggenlogo. Im Durchschnitt 14,7% Bewohner von Friedrichshain-Kreuzberg und in Pankow immerhin 10,5% entschieden sich für die Piratenpartei. Man weiß, dass in Friedrichshain Studierende und sehr junge Eltern leben. Außerdem gibt es Berechnungen darüber, die zeigen, dass die meisten Piratenwähler unter 30 Jahre alt sind. Im konservativeren und eher von einer älteren Generation bewohnten Steglitz-Zehlendorf kamen die Piraten „nur“ auf einen Stimmenanteil von 6,4%.

piratenlogo-wikipedia

In Berlin zieht die Piratenpartei nun erstmals in das Parlament eines deutschen Bundeslandes ein. 15 (fünfzehn) Sitze des Abgeordnetenhauses dürfen die Piraten legal entern. Keiner von der FDP wird mit ihnen im Haus sitzen, dafür Vertreter von SPD, CDU, den Grünen- und der Linken. Die Piraten wurden also beauftragt, Politik zu machen. Andreas Baum, der Berliner Spitzenkandidat der Piraten, erklärte gleich nach den ersten Hochrechnungen in der ihm eigenen, unverschnörkelten Sprache: „Wir gehen jetzt in die Arbeit rein. Wir werden von uns hören lassen.“ Eine App zur Messung des Berliner Schuldenstands hatte Baum bereits nach seinem Eingeständnis der Ahnungslosigkeit über eben denselben entwickelt.

Warum haben so viele Wähler für die Piraten gestimmt? Was wollen sie mit ihrer Stimme sagen? Und was erwarten sie? Haben 8,9% die Piratenpartei gewählt, weil die Partei sich mit Internetstrukturen auskennt, klare Forderungen bezüglich bedingungsloser Grundeinkommen, Copyrights und Patenten vertritt und dem Volk die Staatsgewalt zurückgeben will? Trauen die Piratenwähler ihren Vertretern zu, dass sie dieseThemen verteidigen können? Glauben die Wähler zudem, dass die Piraten sich rasch in all die anderen, offlineigeren Themen einarbeiten und neue Konzepte zum Wählerwohlgefallen durchsetzen können?
Wählten die 8,9% proaktiv oder vielmehr aus Überdruss die Piratenpartei? Waren die Abwanderer von anderen Parteien (auch die SPD verlor Stimmen an die Piraten) nicht vor allem Protestwähler? Dachte der Vater des U2-Mädchens an seinen Nachwuchs oder an sich, als er sich für die Piratenpartei entschied? Dass er die Piraten wählte, damit sein Spross kostenlos U-Bahn fahren und jenseits der Augen der Polizei demonstrieren kann, ist eher unwahrscheinlich. Aber fühlte er sich selbst von den Jungs auf den senfgelb-weiß-schwarzen Wahlplakaten repräsentiert? Oder war er vielleicht ein Protestwähler?

Wir wissen es nicht. Wir wissen bloß, dass das auf Understatement frisierte On- und Offline-Marketing genial funktioniert hat und dass das schmale und noch grob geschnitzte Parteiprogramm einen Berliner Nerv getroffen hat, der sicherlich nicht lange allein Berlin vorbehalten bleibt. Der Nerv liegt frei. Ältere und Jüngere protestierten in ihrer Wahlzelle höchstwahrscheinlich zumeist gegen Bürgerferne und gegen politische Machtspiele.

Mit den Piraten wurde keine Partei, sondern eine neue Form von Politik gewählt. Diese gewünschte, neue Politik ist authentisch, jung, sie lügt nicht und denkt und lebt in communities, statt in Machtzentralen. Sie nimmt den Bürger ernst, hört ihm zu und bezieht ihn in Gestaltungsprozesse ein – über das Internet und über offene Schnittstellen. Diese Politik ist aktiv und interaktiv. Die Piratenpartei selbst gab zur Ursache ihres Erfolges folgende Einschätzung ab: „Das Votum der Wähler zeigt, dass der Bürger sich in Zukunft transparent, themenorientiert und basisdemokratisch direkt am politischen Geschehen der Hauptstadt Deutschlands beteiligen will.”

Politik von Menschen wie du und ich für Menschen wie dich und mich wünschen sich 8,9% der Berliner Wähler. Sie wollen etwas anderes als klassische Parteienpolitik, ohne zu wissen, was das genau wäre. Die Piraten wissen das vielleicht etwas besser. Sie gehen davon aus, dass ihre Wähler ernst genommen und in die Politik einbezogen werden wollen, dass authentische Köpfe und direkte Worte statt Machtgehabe und Schwurbelsätze gefragt sind. Das Problem ist allerdings, wie und ob die Piratenpartei neue Formen bürgernaher Politik umsetzen kann. Die Piratenpartei selbst ist schließlich nicht hierarchiefrei und entfernt von Macht- und Muskelspielen. Der Frauenanteil innerhalb der Partei ist zum Beispiel noch geringer als der in der Piratenwählerschaft. Susanne Graf, einstige Chaos Computer Club (CCC)-Aktive, ist die einzige Frau auf der Landesliste. Und die Piraten verzeichneten den höchsten Anteil männlicher Wähler bei den Berliner Wahlen. Neuen Personen und Impulsen darf die Partei sich nicht verschließen. Das Parteiprogramm bedarf einer Ergänzung, Überarbeitung und Konkretisierung. Auch wünscht man sich eindeutige Aussagen zur Art, wie Bürger ins Boot der Piratenpolitik einsteigen könnten. In Berlin wählten 8,9% das offene Prinzip, das Nette, das Unfertige, die Verlaufsform. Die Piraten wurden auf See geschickt, sie haben ihre Chance.