Jenseits von offensichtlichem Chaos wirken wieder und weiterhin Algorithmen auf US-Wähler ein

“Ich ist eine Zielscheibe

Tech-Firmen modellieren die Wünsche und das Verhalten von Nutzenden. Sie antizipieren und beeinflussen sie in ihrem (meist ökonomischen) Sinne oder in politischer Hinsicht, je nach Auftrag und Auftraggeber. Genutzt werden alle Daten, deren sie habhaft werden können, darunter Bewegungsdaten oder Daten aus Social-Media-Profilen.

(…).

Semantisches Targeting führt umso eher zum Erfolg (= Produktkauf), je mehr Informationen der Tech-Konzern über die Nutzer hat. Am besten, man kennt neben den sozio- und geografischen obendrein die verhaltensbezogenen und psychografischen Daten. Über Targeting gelingt es genauso, Autos zu verkaufen, wie Wähler zur Wahl einer Partei zu bewegen. Letzteres gelang der Firma Cambridge Analytica (CA) vor den US-Wahlen im Jahr 2016.

CA nutzte »psychografisches Targeting«. Man griff dafür auf die zuvor ermittelte Einteilung US-amerikanischer Facebook-Nutzer in fünf verschiedene Persönlichkeitskategorien zurück, die sogenannten OCEAN-Faktoren: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Dank dieser Kategorien konnte CA den einzelnen US-Wählern über Facebook die zur Persönlichkeit passende Werbebotschaft zuleiten. Den extrovertierten Typen wurden andere Botschaften über den republikanischen Kandidaten Donald Trump und dessen Partei zugespielt als den Perfektionisten. Diese kleinzielgruppenspezifische digitale Agitation nennt man auch Mikrotargeting. Sie ist zielführend, wie der Sieg von Donald Trump und andere erfolgreich von CA lancierte Online-Kampagnen beweisen.

 

Das Votum für den Brexit im Jahr 2016 hat CA ebenfalls mitbeeinflusst. Die damit liebäugelnden britischen Wähler wurden über die CA-Algorithmen identifiziert und daraufhin mit Appellen für eine Brexit-Entscheidung angefüttert, ohne dass ihnen das aufgefallen wäre.(…).”

 

Auszug aus: Schmalz, Gisela (2020): Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert. Frankfurt am Main: Campus Verlag, S. 179f.

 

 

Techno-perfide Machtausübung

(…). Der Kontrollbegriff, den Deleuze sich 1990 von dem amerikanischen Schriftsteller William Burroughs borgte, ist unter den Kritikern der mächtigen Konzerne aus Silicon Valley sehr populär. Gern wird er in Kombination mit dem Begriff der Überwachung verwendet. Doch »Überwachung« und »Kontrolle« sowie der Verweis auf ökonomische oder kapitalistische Ziele besagen wenig mehr, als dass Konzerne Informationen sammeln, die sie dazu befähigen, Menschen aus wirtschaftlichen Gründen zu manipulieren. Beide Begriffe erfassen nur ansatzweise die gesamte Perfidität des technologischen Machtapparates, der Menschen als seine Verlängerungen integriert.

Wer dabei lediglich von Kontrolle spricht und diese als bloß ökonomisch motiviert ansieht, unterschätzt die Raffinesse, den Umfang und die strategische Weitsicht, mit denen seine Schöpfer ihre Technologien auf die Menschheit loslassen. In der westlichen Welt geht es längst nicht mehr nur um eine wirtschaftliche Machtverschiebung zugunsten eines Oligopols in Silicon Valley. Es geht um die Bemächtigung des Denkens und freien Willens der Individuen und um die Steuerung ganzer Gesellschaften durch techno-soziologische Vordenker, die derweil toter Mann spielen.

Zur Erfassung der Techno-Perfidität kalifornischer und Washingtoner Provenienz sind die Denkinstrumente von Michel Foucault bestens geeignet. Es ist frappierend, wie klar der Philosoph das Wirken der Macht heutiger Hirne und Körper erobernder Technologien mit seinem Konzept der verinnerlichten Disziplin vorausgedacht hat. In Surveiller et punir schreibt Foucault über »die Mittel der guten Abrichtung«. Eines davon ist das Wissen der Gefangenen, im Gefängnis ständig unter Beobachtung zu stehen, auch wenn sie die Beobachter gar nicht sehen. (…).

 

Plan of -Millbank Prison- (constructed 1812) on land purchased by Jeremy Bentham (1799) for the construction of his panopticon. (Sources: disphotic.com, wikipedia.com).

 

Soziale Medien funktionieren genau wie das »Strafsystem der Norm«. Um nicht mit schlechten Bewertungen abgestraft zu werden, sondern von den Mitgliedern der Gruppe anerkannt zu werden, passt der/die Einzelne sich den Gruppennormen an. Der normierende Mechanismus perfektioniert sich im Zuge der Anwendung von selbst. Dass dabei das Agens der Machtausübung für das Individuum diffus bleibt, steigert ihren Effekt. (…).

 

In: Schmalz, Gisela (2020): Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert. Frankfurt am Main: Campus Verlag, S. 245f.

 

 

 

„Ich verlasse mich lieber auf Adidas, als auf Trump“

Professorin zu Tech-Giganten: Die Macht der Nutzer über Facebook & Co.

 

Prof. Dr. Gisela Schmalz im Interview mit Katja Bigalke und Martin Böttcher

c/o Deutschlandfunk Kultur „Breitband“ – Sendung vom 04.07.2020

 

Interview/Auszug:

(…)

Katja Bigalke: Viele große Firmen haben zuletzt angekündigt, keine Werbung bei Facebook zu schalten. Lässt sich Facebook dadurch überhaupt wirtschaftlich unter Druck setzen? Oder geht es hier um eine Art PR-Gesichtsverlust für Facebook?

Gisela Schmalz: Facebook ist von der Gunst der Masse abhängig. Sie sind im wahrsten Sinne populistisch: Sie laufen der öffentlichen Meinung hinterher. Sie möchten beliebt bei möglichst vielen Nutzenden sein, gerade in der jungen Generation. Ich glaube nicht, dass sich die Tech-Firmen von ein paar Unternehmen, die kurzzeitig keine Werbung schalten, unter Druck setzen lassen. Zumal diese Wirtschaftsfirmen durchaus von den plattformbetreibenden Firmen abhängig sind – die müssen sich darüber an ihre Endkunden wenden – die Tech-Firmen sind immer noch am längeren Hebel.

Bigalke: Wenn man davon ausgeht, der Druck der werbetreibenden Unternahmen habe tatsächlich Einfluss: Ist das adäquat, um die Plattformen in ihre Schranken zu weisen?

Schmalz: Durchaus. Wirtschaftlicher Druck ist eine Methode, mit diesen Technologiefirmen zu sprechen. Die sind wahnsinnig mächtig und auch reicher, als die werbetreibenden Kunden. Natürlich sind sie abhängig von den werbezahlenden Konzernen. Wenn diese drohen, sich zurückzuziehen, ist das zumindest ein Aufbäumen dagegen und ein Signal – auch in die Öffentlichkeit.

Es gibt also Hoffnung, dass auf einmal eine Vielstimmigkeit da ist und nicht nur nach dem Gesetzgeber gerufen wird. Es ist gut, dass die Konzerne das selbst regeln. Und: dass ethische und demokratische Werte über wirtschaftlichen Druck in die plattformbetreibenden Firmen gesetzt werden.

 

Water Vertigo © Gisela Schmalz  – giselaschmalzphotography.com

 

 

Martin Böttcher: Ist es nicht trotzdem problematisch, dass auf einmal Firmen eine so gesellschaftliche Rolle bekommen? Das, was eigentlich der Gesetzgeber oder die Zivilgesellschaft aufbauen müsste, wird in die Hände von privaten Firmen gegeben.

Gisela Schmalz: Die Plattformen haben wirtschaftliche Macht. Sie haben technologische Macht, Wissensmacht und psychologische Macht über die Endnutzenden, über die sie alles wissen. Auf einmal schiebt man ihnen noch politische oder ethische Macht zu. Auf einmal fordern Konzerne oder auch Bürgerinnen und Bürger über solche Kampagnen, dass die Tech-Konzerne selbst tätig werden in Sachen Werten und Ethik. Das ist höchst problematisch.

Wenn in den USA vor allem der Gesetzgeber und der Präsident als Wertbeschützende ausfallen, dann bleibt der Öffentlichkeit und den Konzernen nichts anderes übrig. Ich verlasse mich lieber auf Adidas, dass Werte bei Plattformen wie Facebook, Twitter, etc. umgesetzt werden, als auf Trump.

Man kann daraus lernen, dass man als Bürger und Bürgerin durchaus die Macht hat, tätig zu werden. Ich habe mich in meinem Buch „Mein fremder Wille“ damit auseinandergesetzt. Man muss sich am besten mit Kampagnen an die Konzerne wenden. Das ist ein Druck der Öffentlichkeit, der sie zum Einlenken bringen kann, gerade dann, wenn wir uns nicht mehr auf Politiker und Politikerinnen verlassen können.

(…)

Fortsetzung / vollständiges Interview c/o Deutschlandfunkkultur.de

“Technologische Quarantäne”: OR1/ORF-Interview mit Gisela Schmalz

 

“Während wir aus der Epidemie-bedingten Quarantäne relativ schnell herauskommen, werden wir aus der technologischen Quarantäne nicht so schnell herauskommen.”

Gisela Schmalz im Heimstudio-Gespräch mit Wolfgang Ritschl am 29. Mai 2020.

Technological Quarantine © Gisela Schmalz – giselaschmalzphotography.com

 

 

 

 

 

 

 

ÖSTERREICHISCHER RUNDFUNK, ORF

Radio Österreich 1

Diktatoren, Füchse, Chinesen und die US-Tech-Elite

Kontext – Sachbücher und Themen

 

“Mein fremder Wille”: Gisela Schmalz über unseren Umgang mit Apps und die Profite der Tech-Elite
(Buch: Campus Verlag)

Redaktion und Moderation: Wolfgang Ritschl

 

Interview (14 Minuten): ÖR1 Kontext-Interview -Mein fremder Wille- G. Schmalz 29.5.2020

Die Sexpartys des Silicon Valley

In Silicon Valley wurden regelmäßig Orgien gefeiert. Dann legte SARS-CoV-2 derlei Gepflogenheiten lahm. In ihren Labors, geheimen X- oder Visions-Abteilungen überschreiten die Vertreter der Tech-Szene immer wieder gedankliche Grenzen. Ihre körperlichen Grenzen testen sie in Gefährten auf der Straße, auf dem Meer oder im All sowie bei den jährlichen „Burning Man“-Events. Die Grenzen des Körpers, der Keuschheit und des Anstands erproben sie bei exklusiven Sexpartys. Hier loten die Männer allerdings weniger ihre eigenen Grenzen aus als vielmehr die der weiblichen Teilnehmer. Bei ihren sexuellen Grenzüberschreitungen folgen sie strikten Mustern, die so ähnlich für die ganze Industrie gelten. Männliche, weiße, junge, erfolgreiche und wohlhabende Branchenvertreter bestimmen die Einladungslisten für die Partys und welche Varianten von Sex hier zugelassen sind. Die Gastgeber sind in der Regel männlich, genau wie ihre wichtigsten Gäste, darunter Manager, Gründer und Kapitalgeber. In einer Zeit, in der Polyamorie Trend ist, zeigt sich die Tech-Elite Konzepten wie der offenen Beziehung, Gruppensex oder BDSM gegenüber aufgeschlossen. Sie gibt sich experimentierfreudig  – aber nur bis zu einem gewissen Grad.

 

Werden die exklusiven Einladungen zu Sexpartys an wechselnden Orten in und um San Francisco verschickt, folgen sie einem Motto, etwa „Edge of the earth“ oder „Bondage“. Das berichtet die Bloomberg-Journalistin Emily Chang in ihrem Buch „Brotopia: Breaking Up the Boys’ Club of Silicon Valley“ von 2018. Darin klärt sie zudem darüber auf, dass eingeladene Männer so viele Frauen, wie sie möchten, mitbringen könnten, während eingeladene Frauen nur in Begleitung anderer Frauen, nicht aber von (womöglich szenefremden) Männern, kommen dürften. So entsteht ein Verhältnis zwischen Männern und Frauen von 1 zu 2. Das hat System. Hätten drei Leute miteinander Sex, so sei immer nur ein Mann mit zwei Frauen zugange, schreibt Chang. Ein Dreier mit einer Frau und zwei Männern sei bei den Valley-Orgien genauso tabu wie Sex unter Männern. Nicht tabu sei es jedoch, wenn Ehemänner und Familienväter sich mit irgendwelchen Frauen vergnügten oder Ehepaare für einen Dreier eine Frau hinzuzögen.

 

Chang hält fest, dass Sexorgien häufig zwischen Gründer-Teams und deren Haupt-Risikokapitalgebern stattfinden. Anscheinend betreiben die Männer des Silicon Valley ihre Partys so wie ihre Businesses: unter- und füreinander. Frauen sind dabei Nebensache und haben eher dienende Funktion. Viele von Changs Gesprächspartnern, Männer und Frauen, hätten berichtet, dass bei Orgien Geschäfte eingefädelt würden. Es sei also für Männer und Frauen wichtig, daran teilzunehmen. Wer bei Sexpartys fehle, sei schnell außen vor. Doch für Frauen wird diese Körper-Kopf-Business-Vermengung offenbar zur heiklen Gratwanderung. Bei diesen nächtlichen Geschäftsterminen befinden sich die Tech-Frauen meist in der schlechteren Verhandlungsposition, so wie tagsüber auch. Zu den Motto-Orgien werden sie weniger als Geschäftspartnerinnen eingeladen als primär in der Funktion von Lustobjekten für die männlichen Szenemitglieder.

Viele männliche Partygäste hielten den Großteil der anwesenden Frauen sowieso für „founder hounder“, für „Gründer-Jägerinnen“, die nichts anderes wollten, als mit einem Gründer Sex zu haben oder sich ihn als boyfriend oder als Ehemann zu angeln. Das konstatiert Emily Chang in „Brotopia“. Frauen, die von den männlichen Gästen nicht ernst genommen werden, betäube man mit Alkohol oder mit Molly (MDMA). Dadurch könnten die Männer mit ihnen für paar Stunden oder einige Tage am Stück unter Ausschluss der Nicht-Szenewelt Orgien feiern, ohne selbst die Kontrolle abgeben zu müssen.

 

 

Frauen aus der Tech-Szene, die solchen Partys beigewohnt haben, vertrauten der Journalistin Chang an, dass Männer sich untereinander bezüglich der Frauen abgesprochen hätten – mit Folgen für ihre weitere Karrieren. Bei einigen Frauen habe die Teilnahme an einer Orgie dazu geführt, dass sie im beruflichen Umfeld von Fremden sexuell angemacht worden seien. Andere Frauen hätten im Berufsalltag Probleme bekommen. Offenbar sind die männlichen Szenevertreter nicht in der Lage, Rollenmuster oder die „Biologie“ im Kopf zu überwinden. Das Schriftstück eines ehemaligen Google-Ingenieurs belegt, dass in der Tech-Szene hanebüchene Stereotypen herumgeistern: „2017 kritisierte James Damore die offene Kultur und die Diversitäts-Bemühungen bei seiner Arbeitgeberin Google. Nachdem er bei Google ein Diversitätsprogramm durchlaufen hatte, notierte Damore: `Die Verteilung der Präferenzen und Fähigkeiten von Männern und Frauen unterscheidet sich zum Teil aufgrund biologischer Ursachen, und diese Unterschiede können erklären, warum wir Frauen in Technologie und Management nicht im gleichen Ausmaß vertreten sehen.´ (…). Man sollte seine Bemerkungen nicht zu ernst nehmen, selbst wenn die Google-Geschäftsführung sie ernst genommen und den Mann entlassen hat. Doch was verleitet einen Ingenieur zu einer unbelegten Aussage? Und warum fanden sich dafür erstaunlich viele Unterstützer in der Szene? Damores verunglückte Auskünfte und die Vielzahl von deren Fürsprechern signalisieren, dass es in der Tech-Szene offenbar vielfach für `normal´ oder `biologisch´ gehalten wird, dass die Norm männlich ist. Diese Haltung wirkt sich auf die Personalauswahl und diese sich wiederum auf die Ergebnisse der Arbeit in und von Tech-Firmen aus. Dann programmieren hier Männer Code für Männer, und es entstehen Produkte und Services von Männern für Männer.“ (Quelle: „Mein fremder Wille“ von Gisela Schmalz, Campus Verlag, 2020, S. 103). Auch die Sexorgien im Valley veranstalten Männern für Männer. Diese beleben das Business unter ihnen, aber be- oder verhindern gleichzeitig Geschäftsbeziehungen zwischen Männern und Frauen.

 

 

Spiele, darunter Rollenspiele, gestehen Männer nur einander zu. Frauen werden aus der Zuschreibung der Unterlegenen nicht nur nicht entlassen, sondern darin eingepfercht. Dabei müssen sich männliche genauso wie weibliche Gründer prostituieren, um an das Geld mächtiger und reicher Kapitalgeber zu gelangen. Versuchen Männer, möglichen Investoren die nötigen Summen für ihre Geschäfte zu entlocken, ist das auch eine Form von Prostitution. Sie wird nur nicht als solche bezeichnet.

In der Tech-Welt, in der normalerweise alles möglich ist, dürfen während des virusbedingten Shutdowns keine Orgien stattfinden. Das bedeutet nicht, dass die kalifornischen Tech-Manager anderen Menschen Sexpartys, Datings oder Speed Datings vorenthielten. Mit ihren smarten und extra für die Viruskrise (auch eine Kennenlern- und Sex-mit-Fremden-Krise) hochgerüsteten Live-Streaming-, Messaging-, Video-Chat- und Video-Conferencing-Diensten heizen sie das Partyleben an. Während der Pandemie sind Körperkontakte weltweit tabu, selbst die in San Francisco so beliebten Kuschelpartys. Dennoch gelingt es der Tech-Elite, Nähe, Liebe oder Sex suchenden Menschen Befriedigung zu verschaffen. Für Interessierte, oft sortiert nach Altersgruppen, sexuellen Vorlieben oder Hautfarben, schalten Matching-Dienstleister virtuelle Räume frei.

 

Innerhalb strikt definierter Zeitfenster können Menschen hier zu allem virtuell Machbaren zusammenfinden. Für die Veranstaltung SAN FRANCISCO VIRTUAL SPEED DATING 20s-40s (ON ZOOM) wird per Eventbrite so geworben: „Mix, meet & mingle with singles from the safety and comfort of your own home! You may be single and stuck at home but that doesn’t mean you can’t meet other singles and have fun! Grab a cocktail and your favorite snacks because we’re bringing a singles party directly to your home.” Wer Zutritt zu den einzelnen 4- bis 6-minütigen Dating-Gesprächen mit bis zu 20 lokalen Singles erhalten will, muss ein Bewerbungsformular ausfüllen und je nach Anmeldetermin einen Preis ab 20 US-Dollar zahlen.

Das vorläufige Ende der Sexorgien in der Tech-Szene markiert den Anfang der virtuellen Sexpartys für Normalos. Es entstehen neue, interaktive Geschäftsmodelle, die die Nutzenden dankend und zahlend annehmen. Auch ohne Intimität und Körpereinsatz florieren die Geschäfte der Silicon Valley-Konzerne – gerade ohne Intimität und ohne Körpereinsatz. Deren Managern sowie findigen Online-Dienstleistern gelingt es, ihre sterilen Anwendungen an die berührungshungrige Party Crowd zu verkaufen.

 

 

Für Frauen und Schwächere haben Online-Partys allerdings einen großen Vorteil gegenüber Live-Sexorgien. Der virtuelle Raum bietet ihnen Schutz, Chancen des Schaltens und Waltens sowie des Rückzugs. Hier behalten sie die Kontrolle und können gewisse Macht ausspielen. Doch das gesamte Spiel dominieren weiterhin die Manager der Tech-Konzerne. Sie stellen die Infrastrukturen für die auf Datenbasis individuell zugeschneiderten Services bereit. Sie setzen die Regeln für das geschlossene Ökosystem, das aus ihnen selbst besteht, den Dienstleitern, die Technologien einsetzen, und den Endkunden. Aus diesem System kommen Letztere weniger leicht heraus, als nach dem Shutdown aus ihren Wohnungen, zumal sie sich den Vorgaben der Tech-Elite freiwillig unterwerfen.

Nach der Viruskrise werden die Partys der Tech-Clique weitergehen – im Valley und online. Und die mächtigsten Mitglieder werden die Gästeliste, das Motto und den Zugangspreis vorgeben.

 

 

Der Text basiert auf einem Abschnitt, der nicht in das Buch von Gisela Schmalz „Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert“ (Campus Verlag, 2020) gefunden hat. Erstmals erschienen ist er hier: Carta.info: http://carta.info/die-sexpartys-des-silicon-valley/ (12.5.2020).

Recommended Citation/Empfohlene Zitierweise:

Schmalz, Gisela: “ Die Sexpartys des Silicon Valley” (2020). Gisela Schmalz: https://www.giselaschmalz.com/die-sexpartys-des-silicon-valley/?preview_id=4699&preview_nonce=a7ee7cd8bd&_thumbnail_id=-1&preview=true

 

© Gisela Schmalz

Podcast: So klingt Wirtschaft (Handelsblatt)

Gisela Schmalz: „Unsere Werte müssen mehr in Technologien einfließen“

Der Gesellschaft gehen die Individualisten aus, sagt Wirtschaftswissenschaftlerin und Philosophin Gisela Schmalz.  Sie fordert im Business-Talk der Solutions by Handelsblatt mehr Mut zum freien und Andersdenken.

Interview mit Thorsten Giersch  (Chefredakteur Business bei der Verlagsgruppe Handelsblatt, 08.04.2020).
Hier hören:

Oder hier (HANDELSBLATT) hören.

Forscher und Unternehmen gieren im Kampf gegen das Coronavirus nach verwertbaren Daten. Ihre Hoffnung: Informationen über Verbreitung und Vorkommen der neuartigen Viruserkrankung Covid-19 gewinnen. Wirtschaftswissenschaftlerin Gisela Schmalz sieht das kritisch. Sie plädiert für einen wertbasierten und achtsamen Umgang mit Daten – nach europäischen Werten. Start-ups und Tech-Riesen müssten umdenken. Wie und in welche Richtung, das verrät sie im Podcast.

Globale Körper und Antikörper

Was irgendein Tier im zentralchinesischen Wuhan freigesetzt hat, mündete in eine weltweite Katastrophe. Das Virus Sars-CoV-19 macht auf einmal alle Menschen gleich – sterblich. Es wirft sie auf ihre Körper und ihre Angst um die Zukunft zurück. Könnte das Virus statt die Menschen bloß zu vereinheitlichen, auch vereinen? Die erste Pandemie des 21. Jahrtausends böte dazu die Chance. Sie besteht darin, auf der Grundlage des technologischen Fortschritts einen moralischen Fortschritt zu wagen.

Biologische Wesen haben begrenzte Anlagen und Fähigkeiten, um sich gegen ein neues schädliches und tödliches Virus zu wehren. Das Virus A/H1N1 verursachte 1918 die Spanische Grippe, die bis 1920 zwischen 50 und 100 Millionen Menschenleben gefordert hat. Vom US-amerikanischen Kansas aus, wo heute die meisten Forscher seinen Ursprung vermuten, breitete sich das gefährlichste Virus des 20. Jahrhunderts in der ganzen Welt aus. In Europa traf es auf kriegsbedingt geschwächte Menschen und in Indien auf Menschen, die inmitten einer Hungersnot steckten. Allein in den USA sollen 675.000 durch die Spanische Grippe gestorben sein. Insgesamt kamen 3 bis 5 Prozent der Weltbevölkerung um.

 

 

Es gab kein Anti-A/H1N1-Medikament. Gegen das Virus und die Grippe setzten die Gesundheitsbehörden nach dem 1. Weltkrieg auf ein Mischpaket aus verschiedenen Maßnahmen und Heilmethoden. Quarantäne wurde angeordnet. Mancherorts in den USA herrschte Mundschutz-Zwang. Weltweit wurden Bürger dazu angehalten, Ansammlungen zu meiden, ihre Wohnungen zu lüften, saubere, luftige Kleidung zu tragen, ihre Körper sauber zu halten und ihre Hände vor und nach den Mahlzeiten zu waschen. Hausmittel wie Schwitzkuren, heiße Bäder, Umschläge oder Heißluft kamen zum Einsatz. Diverse Arzneien, vor allem Acetylsalicylsäure (Aspirin), wurden angewandt. Gegen Schmerzen verabreichte man Opiate, Heroin oder Kokain. Nichts wirkte durchschlagend gegen die Influenza, die auch Blauer Tod genannt wurde.

 

 

Unter den vermutlich mindestens 50 Millionen Opfern der Spanischen Grippe waren der französische Schriftsteller Guillaume Apollinaire, der österreichische Maler Egon Schiele, der britische Politiker Mark Sykes oder der deutsche Soziologe Max Weber. Laut der Trump-Biographin Gwenda Blair soll im Alter von 49 Jahren auch der im rheinland-pfälzischen Kallstadt geborene Frederick Trump in den USA an der Spanischen Grippe gestorben sein. Dessen Enkel Donald Trump, als US-Präsident Hauptverantwortlicher für die Sars-CoV-19-Bekämpfung in seinem Land, tat im März 2020, als sich das neue Virus bereits US-weit eingenistet hatte, dennoch öffentlich kund: “When I was hearing the amount of people that died with the flu, I was shocked to hear it.” Ignorante und geschockte Führungspersönlichkeiten sind in Krisenzeiten keine Hilfe. Sie behindern Hilfsbereite vielmehr und stellen so eine Gefahr für die Allgemeinheit dar.

 

 

Mit dem Abklingen der Spanischen Grippe sind nicht gleichzeitig die menschlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten verschwunden. Doch blitzte und blitzt in den letzten 100 Jahren hier und da ein bestimmter Typus menschlicher Intelligenz auf. Vor allem an der US-Westküste und in China entwickelten naturwissenschaftlich, technisch, ökonomisch und strategisch beschlagene Personen bahnbrechende neue Technologien. Ihnen ist es zu verdanken, dass Menschen heute, anders als nach dem 1. Weltkrieg, vernetzte Instrumente besitzen, die sie zusätzlich zu medizinischen Therapien zur Eindämmung einer Pandemie einsetzen können.

 

 

Die vielfältigen Möglichkeiten, Technologien zur Virus-Eindämmung zu nutzen, fordern Verantwortlichen im Gesundheitssektor, in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft allerdings Kenntnisse und moralische Stärke ab. Unter Zeitdruck müssen Entscheidungen getroffen, Maßnahmen ausgewählt, eingeleitet und neue Regeln formuliert werden, um Leben zu retten ohne dabei gesellschaftliche und wirtschaftliche Grundstrukturen zu schädigen. Zur Beobachtung und Bekämpfung der derzeitigen Pandemie bietet die globale, technologische Vernetzung gleich auf mehreren Ebenen (lebens-)entscheidende Chancen. Das Internet transportiert permanent aktuelle Erkenntnisse rund um Sars-CoV-19 in alle Welt, über das Virus selbst, seine Verbreitung, seine Wirkung oder die Effektivität von Gegenstrategien.

Vom Wissen und von den Erfahrungen früh vom Virus betroffener Länder können die Regierenden von später heimgesuchten Nationen profitieren. Tech-Werkzeuge erleichtern die Zusammenarbeit von politisch Verantwortlichen genauso wie von internationalen Wissenschaftlern, die epidemiologische Langzeit-Forschung betreiben. Auf der Basis von Daten, Soft- und Hardware lassen sich nicht bloß Informationen austauschen, sondern außerdem regionale, nationale oder globale Sofortmaßnahmen einleiten. Dazu zählen:

  • die Bedarfsermittlung und Koordination von Krankenhauspersonal und intensivmedizinischen Betten,
  • die Bedarfsermittlung, Produktion und Verteilung von Hilfsmitteln wie Schutzkleidung, Beatmungsgeräten, Mundschutz und Arzneien.
  • die Bedarfsermittlung, Bereitstellung und Verteilung von wirtschaftlichen Soforthilfen
  • die Datenerhebung zur akuten Epidemie-Bekämpfung.

 

 

Die Notlage einer Pandemie rechtfertigt die zentralistisch organisierte Verwaltung und Verteilung von Daten, Sachen und Personal mittels neuer Technologien. Der Schutz der Allgemeinheit kann überdies kurzfristig auch die Ausweitung der Datenerhebung begründen. Doch wie bei jeder so ist auch bei der Sars-CoV-19-bezogenen Verwendung von Daten auf deren Anonymisierung zu achten, auf die personelle, räumliche und zeitliche Begrenzung von deren Nutzung sowie auf transparentes Vorgehen. Soweit möglich, ist auch das Einverständnis der Betroffenen einzuholen. Erhöht der besonnene Einsatz von Technologien und Daten kurz- und mittelfristig die Chancen, Menschenleben zu retten, ist er nicht nur moralisch geboten, sondern moralisch verpflichtend. Dem würden utilitaristisch genauso wie deontologisch ausgerichtete Moralphilosophen zustimmen.

Doch könnten Regierungsvertreter sich dazu verführt sehen, die Notsituation ausnutzen. Sie könnten Personen tracken lassen und breitangelegt und dauerhaft (Gesundheits-)Daten erheben, um auf dieser Basis „Sondermaßnahmen“ einzuleiten. Mithilfe neuer Technologien könnte ein Regime generelle oder personalisierte Vorschriften erlassen, Restriktionen und Sanktionen einführen, um darüber unerwünschte Personen oder Personengruppen zu diskreditieren und die eigene Machtposition zu stabilisieren. Ob, wie, von wem, aus welchem Grund und zu welchen Zwecken Sars-CoV-19-bezogene Daten kurz- und langfristig erhoben, gespeichert und von Autoritäten verwendet werden, ist deshalb rechtzeitig und jederzeit zu prüfen. Werden im Zusammenhang mit der Pandemie Gesundheits- oder Bewegungsdaten für die Forschung erhoben, gespeichert und von Wissenschaftlern in aller Welt geteilt, was richtig und wichtig ist, müssen auch dabei die Verhältnismäßigkeit gewahrt und Datenschutzrichtlinien eingehalten werden.

 

 

Der akute Zweck (Lebensrettung) mag im Moment Ausnahme-Aktionen, darunter die Verwendung einiger technologischer Mittel heiligen, jedoch keineswegs zwingend in der Zukunft. Notstandsregeln dürfen nach der Pandemie nicht in dauerhafte Gesetzesänderungen münden. Notstandsregeln müssen Notstandsregeln, und Verfassungen müssen Verfassungen bleiben. Die Kunst der politischen Führung liegt jetzt darin, auf Sicht und zugleich mit Weitblick zu agieren – Notstandsregeln schnell, aber dabei stets verfassungsbewahrend zu erlassen. Weise Regierungschefs missbrauchen die Krise weder zur Selbst- oder Parteiprofilierung, noch zu grundlegenden Verfassungsbrüchen. Sie setzen neue Technologien zur Analyse und Eindämmung der Viruskrise ein, nicht aber zu systematischen Verstößen gegen Gesetze und die Moral.

 

 

Seit der Zeit nach der Spanischen Grippe verzeichnen wir auf dem Sektor der vernetzten und lernenden Systeme technologische Fortschritte. Gibt es seither auch einen moralischen Fortschritt? Darüber könnte die Bewältigung der 2020´er-Viruskrise Aufschluss geben. Doch wie ließe sich moralischer Fortschritt feststellen? Anders als technologische Fortschritte lassen sich moralische Fortschritte nicht einmal in der jetzigen Daten- Zahlen- und Fakten-dominierten Ära messen. Utilitaristisch könnte man immerhin argumentieren, dass geringe Infektions- oder Todeszahlen im Rahmen der Covid-19-Eindämmung Ausweis ethisch korrekten Handelns seien. Schließlich geht es ja um das Ziel der Lebensrettung. Dabei könnte die Logik gelten, dass je mehr Überlebende eine Handlung hervorbringt, sie desto moralisch höherwertiger anzusehen wäre. Daraus ließe sich noch zweierlei ableiten, einmal dass es daher auch moralisch geboten sei, Überlebenszahlen zu maximieren und Todeszahlen zu minimieren und zum anderen, dass zur Erreichung dieser Maxi-Min-Ziele alle Mittel eingesetzt werden dürften. Beim Utilitarismus, einer konsequenzialistischen Ethik, zählt nur der Effekt, messbar zum Beispiel in geringen Todeszahlen. Doch so ein Kalkül ist problematisch.

Die utilitaristische Formel vom „maximalen Glück und minimalen Leid für eine maximale Zahl“ und dessen Bewertung in Zahlen, Größenmaßen oder Geldeinheiten mag in der Wirtschaftspolitik handlungsleitend sein können. Sie versagt aber kläglich, wenn es um die Gesundheit und das Leben von Menschen geht. Das würden jedenfalls Vertreter der deontologischen Philosophie sagen, unter ihnen Immanuel Kant. Für Kant ist ein Menschenleben ein Wert an sich selbst. Nach Kant wäre es unzulässig, den moralischen Erfolg etwa eines Regierungsteams während oder nach einer Pandemie danach zu bemessen, wie viele Menschenleben es gerettet hat. Die Frage nach Lebens- oder Sterbezahlen erübrigt sich für Kant, da für ihn die Rettung jeden Menschenlebens eine Selbstverständlichkeit ist – egal, wer die zu rettende Person ist und egal, wer die Rettungsanstrengungen unternimmt. Der Mensch ist „Zweck an sich selbst“. Er ist „niemals bloß als Mittel“ anzusehen, auch nicht als Mittel zum Zweck der Messung der Moral von Regierenden, Wirtschaftsmanagern oder anderen. Aus demselben Grund ist der Vergleich von Sterberaten zwischen einzelnen Nationen, zu dem die Covid-19-Statistiken der Johns Hopkins-Universität und anderer Institutionen einzuladen scheinen, moralisch inakzeptabel. Rankings führen in die Irre, wenn es um die Erfüllung der moralischen Pflicht des Lebenserhaltes geht.

 

Durchaus bewerten und vergleichen lässt sich hingegen die Effektivität von Maßnahmen, Tools oder Technologien bei der Pandemie-Bekämpfung. Geringe Infektions- und Sterberaten können etwas über die Wirksamkeit von Mitteln aussagen, nicht aber über die Moralität derer, die diese einsetzen. Jemand, der während der Viruskrise gar nichts tut, und genauso jemand, der blind gegenüber Fakten, Voraussetzungen und Nebenwirkungen sowie aus purem Selbstinteresse handelt, könnte Menschenleben retten. Und eine Person, die Leben retten will und dabei nach bestem Wissen und Gewissen, regelgetreu und unter persönlichen Opfern vorgeht, könnte scheitern. Der Effekt liefert kein passendes Maß für moralisches Verhalten.

Wie auch immer die Problemlage aussieht, die zu moralischen Entscheidungen zwingt, und wie auch immer sie gelöst wird – die moralische Verantwortung hört nach der Rettung einer gewissen Personenanzahl nicht plötzlich auf. Sie ist weder auf eine Influenza, noch auf Personen, Zeiträume oder geographische Räume beschränkt. Moralität macht eben nicht an Grundstücks- oder Ländergrenzen halt. Sobald ein Privathaushalt, eine Region oder Nation die eigene, unmittelbare (Gesundheits-)Versorgung im Griff hat, beginnt die Mitverantwortung eines Politikers, einer Unternehmerin, eines Wissenschaftlers, einer Ärztin oder einer Privatperson für Menschen anderer Haushalte, Regionen oder Staaten, deren Versorgung noch nicht gesichert ist. Ein globales Virus sollte global und im Blick auf das, was nach ihm kommt, kooperativ eingefangen werden. Dazu muss der Kompass des Denkens und des Handelns selbst moralisch– genauer globalsolidarisch, zeitlich unbefristet und ergebnisoffen – sein.

 

 

 

Es geht um alle oder keinen. Wer anfängt, Menschen zu zählen, blamiert sich. Gemäß der deontologischen Theorie, ist das Erforderliche, δέον (deon), zu denken und zu tun. Ethisches Handeln ist dabei zunächst unabhängig von konkreten möglichen oder aktualisierten Folgewirkungen. Ergebnisse sind zweitrangig. Die deontologische Haltung stellt einen Prozess aus Analyse, Abwägung und Akt dar. Sie ist ebenso dynamisch wie die Folgen des daraus hervorgehenden Handelns. Moralität erweist sich im Vollzug. Theoretisch konvergiert die moralische Verantwortung des Menschen gegen Unendlich. Praktisch setzt ihr die Realität enge Grenzen. Jeder und jede ist ein moralischer Agent mit begrenzten Kapazitäten. Doch die moralische Herausforderung besteht gerade darin, sich in der Beschränkung, unter den Bedingungen der unvollständigen Information und der Unsicherheit (darüber, wie ein erwartetes oder beabsichtigtes Ergebnis tatsächlich ausfällt), für das „Gute“, ethisch Richtige, zu entscheiden. Am um- und weitsichtigen, empathisch-altruistischen Denken und Handeln jedes Individuums während der aktuellen Pandemie zeigt es sich, ob außer technologischem auch moralischer Fortschritt existiert oder dabei ist zu entstehen – oder eben nicht. Fällen Menschen derzeit moralisch bessere Entscheidungen als im bisherigen Verlauf der Geschichte? Falls ja, wäre moralischer Fortschritt zu verzeichnen. Und hier kommen erneut Technologien ins Spiel. Diese helfen nicht nur bei der pragmatischen Einhegung der Pandemie. Sie können auch dazu beitragen, dass Menschen moralisch besser als noch vor 100 Jahren handeln. Neue Technologien erleichtern es, das Schwierige zu wagen und moralische Verantwortung zu übernehmen.

 

 

Sie versorgen gewählte Volksrepräsentanten, andere Krisenverantwortliche oder auch die Manager von Tech-Konzernen mit Fakten, Daten und Handwerkszeugen, dank derer sie zusammen oder getrennt voneinander Schutzmaterialien organisieren, Tracking-Werkzeuge implementieren oder Virus-Tests und Auswertungsverfahren bereitstellen können. Nicht nur Vertreter von öffentlichen Institutionen und Unternehmen, sondern alle, die Zugang zum Internet haben, erhalten die Gelegenheit, sich auszutauschen, komplexe Zusammenhänge zu analysieren und aktiv zu werden. Vor dem Internet konnten die Menschen sich aus der Verantwortlichkeit mit Unwissenheit herausreden. Dank der Informierbarkeit (nicht zwingend Informiertheit) und vielfältiger, technologischer Aktionsmöglichkeiten kann eine ethische Haltung entwickelt und diese unmittelbar in eine gemeinsame Praxis übersetzt werden.

In Zeiten der Pandemie ist es ein passiv-sozialer Akt, soziale Körperkontakte einzuschränken. Aktives, soziales Vorgehen besteht darin, technologische Errungenschaften mit Bedacht und Weitsicht zur Lösung pandemie-bezogener Probleme einzusetzen. Trotz Abstandsetiketten und -pflichten muss niemand mit seinen Gedanken und Ängsten, bei seinen Entscheidungen und Vorhaben alleine bleiben. Internet, Apps und Plattformen erlauben lokal oder weltweit einen Gedanken- und Gefühlsaustausch zwischen Menschen über das Virus, die Influenza und damit verbundene gesundheitliche, wirtschaftliche und technologie-bedingte Sorgen und Probleme. Vernetzte Instrumente können obendrein dazu dienen, gemeinschaftliche Lösungen zu finden, beispielsweise zu Therapieformen, zu Verhaltensfragen, zu technik-ethischen Fragen wie dem Personentracking oder zu moralischen Dilemmata wie der Triage. Außer Gesprächen erleichtern technologische Werkzeuge die Planung, Organisation und Umsetzung der von vielen erarbeiteten und unterstützten Ideen. Neue Technologien setzen solidarische Aktionen frei. Sie erweisen sich als wertvolle Werkzeuge im Dienste der Moral.

 

 

Begreifen die Menschen, dass Sars-CoV-19 jedes Individuum betrifft und damit Sache der Weltgemeinschaft ist, kann ihr moralisches Verantwortungsgefühl nicht hinter dem eigenen Bildschirm oder der eigenen Türschwelle aufhören. Moralisch fortschrittlich wäre es, dieses Gefühl geographisch auszudehnen und ihm auch zeitlich keine Grenzen zu setzen. Schließlich wird die Moralität auch nach der Krise weiter beansprucht werden – genauso wie die daraus folgenden solidarischen Aktionen. Nur in globaler Solidarität und langfristig kann eine Pandemie eingehegt, ihre Folgeschäden abgemildert und Vorsorge für weitere Katastrophen getroffen werden. Will die Weltbevölkerung nach dem Wüten des Schreckensviruses nicht vor einem Desaster stehen, sollte sie ab sofort kooperativ vorgehen. Außerdem sollte sie sich gemeinsam auf die Zukunft vorbereiten, um den nächsten Gefahren nicht schon wieder unvorbereitet ausgeliefert zu sein. Das nächste Virus kommt bestimmt, in welcher Form auch immer – und viele andere Probleme sind längst da und werden verdrängt, etwa Kriege, Hunger- und Klimakatastrophen.

Die Chance, die in der aktuellen Pandemie liegt, konstruktiv zu nutzen, fordert den Verantwortlichen und denen, die sie unterstützen, aber auch kritisch beobachten, Umsicht, Mut und Tatkraft ab. Es ist einfacher, die aktuelle Chance zu verspielen oder sie zu destruktiven Zwecken auszuschlachten, als sich auf das Neue, das Sars-CoV-19 in die Welt bringt, einzulassen. Das Virus verlangt jedem die Neuerfindung der eigenen Haltung zum Leben ab. Dieser Anstrengung auszuweichen und dem Neuen nicht neu, sondern so wie immer zu begegnen, ist simpel. Ängstlich-vorgestrig denkende Führungspersonen reagieren auf das Neue mit altbekannten Mustern, mit persönlichem oder nationalistischem Egoismus, top down-Management und hierarchisch-diktatorischen Strukturen. Die geeignetere Antwort auf die globale und neuartige Herausforderung Virus ist jedoch die Innovation, darunter die Selbstinnovation – auch und gerade auf moralischer Ebene.

Innovationsbedürftig sind auch die neuen Technologien. Ihre Entwicklung und ihr Einsatz sollten ethischen Standards entsprechen. Beispielsweise wären nicht-diskriminierende Algorithmen zu programmieren sowie bei der Programmierung Menschenrechts-, Privatsphäre- oder Datenschutz-Prinzipien zu berücksichtigen. Der gleichberechtigte Zugang zu und die freie Teilnahme an demokratischen Debatten  wären technisch genauso wie politisch zu unterstützen. Führungskräfte in Wirtschaft und Politik, die den leichten Weg wählen und Diskussionen  abwürgen, statt zu stimulieren, und mit unterkomplexen, reaktionären und autoritären Rezepten wedeln, sollten kritisier- oder abwählbar sein – erst recht während einer über Leben und Tod entscheidenden Krise.

 

 

Nach dem Abklingen der Pandemie wird die Welt eine andere sein. Es wird weniger Menschen auf der Erde geben. Unter den Davongekommenen wird es mehr Leid und Armut als zuvor geben. Die ungerechte Verteilung von Gesundheit, Gütern und Geld wird eklatanter als bereits vor dem Schicksalsjahr 2020 hervortreten. Ohne kollegiales Nachdenken und Wirken werden Regierungen zum Nationalismus zurückkehren. Durch mentale und physische Grenzen voneinander isoliert, werden Staaten in ihre je eigenen sozialen und ökonomischen Krisen schlittern. Einige werden bald wieder herauskommen. Andere werden in Krisen rasen, statt hineinzuschlittern, und sie werden dauerhaft darin verweilen. Womöglich gibt es nach Sars-CoV-19 weniger verfassungstreue Regierungen und stattdessen mehr mächtige Krisengewinnler-Regenten, rigide Staatschefs oder neue Regenten wie zum Beispiel Manager von datenkontrollierenden Technologie-Konzernen. Werden bestimmte Akteure während der Notsituation nicht aufmerksam beobachtet und gegebenenfalls ausgebremst, könnten sie den Bürgern die Privatsphäre geraubt haben, um sie zentral über Daten regieren und kontrollieren zu können. Der technologische Fortschritt kann moralischen Fortschritt begünstigen. Doch nur mutige, innovative und moralisch gefestigte Führungspersönlichkeiten lassen sich auf derlei Schritte ein und gestalten die gemeinsame Zukunft auch gemeinsam. Verängstigte, reaktionäre Persönlichkeiten klammern sich an hergebrachte Machtkonzepte. Sie setzen Technologien dazu ein, um ihre Autorität zu zementieren und stoppen damit nicht nur den Fortschritt, sondern leiten den moralischen Rückschritt ein.

Technologien verlocken Staats- oder Konzernchefs während Krisen- und Umbruchszeiten zu deren Missbrauch. Doch die vielen, kleinen technologischen Disruptionen öffnen derzeit gleichzeitig einen Raum für eine große und echte Disruption – für einen moralischen Paradigmenwechsel auf globalem Niveau. Wie neue Technologien während und nach der Virus-Pandemie eingesetzt werden, wird die Zukunft der Menschen und ihres Lebensraums für lange Zeit prägen.

 

© Gisela Schmalz

Empfohlene Zitierweise/Recommended Citation: Schmalz, Gisela: “Globale Körper und Antikörper” (2020). Gisela Schmalz  https://www.giselaschmalz.com/globale-koerper-und-antikoerper-technologien-als-moralische-chance-waehrend-und-nach-der-pandemie/

Wir dürfen die Vernunft nicht den „Souveränen“ allein überlassen

Gedanken zum Text des Philosophen Byung-Chul Han: „Wir dürfen die Vernunft nicht dem Virus überlassen“ (23.03.2020 c/o Welt.de)

 

Danke, Byung-Chul Han, für Sätze wie: „… die Fremdausbeutung der freiwilligen Selbstausbeutung und Selbstoptimierung“ oder die “ganze Kultur des Gefällt-mir, baut die Negativität des Widerstandes ab“. Damit erfasst er zentrale Themen  meines neuen Buches „Mein fremder Wille“. Han liefert obendrein viele weitere Thesen zur tech-basierten Epidemie-Bekämpfung durch Regierungen. Einigen stimme ich zu, aber keineswegs allen.

Für einen „unsichtbaren Feind von außen“ halte ich nicht bloß, so wie Han, das Virus SARS-CoV-2, sondern auch die massive Zunahme der Datensammlung und –analyse zur Viruseindämmung, wie sie in Asien bereits big time praktiziert und im Westen bald adaptiert wird. Wir Westler sind eben keine Konfuzianer. Uns sind Freiheit und Privatsphäre (noch?) nicht egal. Einblicke in die Unterschiede zwischen östlichen und westlichen Philosophien und was daraus für den Einsatz neuer Technologien durch souveräne Institutionen folgt, gibt „Mein fremder Wille“.

Und ja: „Corona-Masken“ mit Nano-Filtern – gerne, her damit!  Aber:  Propagiert Han ernsthaft auch für den Westen die Totalüberwachung?

 

Temperaturmessung per Drohnen durch die chinesische Polizei. Bildquelle: dailymail.co.uk

 

Wen meint Byung-Chul Han denn mit „Souverän“? Das sind jedenfalls nicht die Bürger, sondern nur und ausschließlich Regierungen und die Tech-Konzerne, mit denen sie enger oder weniger eng zusammenarbeiten. Bürger sind leichter zu regieren, wenn sie eben nicht souverän, sondern leicht zu dominieren sind – etwa dadurch, dass sie sich freiwillig und vorauseilend selbst entmündigen, indem sie dauernd online sind und widerstandslos zulassen, dass sie dauerobserviert werden und irgendwann bevormundet werden.

 

Temperaturmessung per Drohnen durch die chinesische Polizei. Bildquelle: dailymail.co.uk

 

Und was soll an der „neuen Definition der Souveränität“ neu sein? Ob im Westen oder Osten praktiziert – Souveränitäts-Zurschaustellung ist nichts Neues. Auch die Mittel waren schon immer egal – die Mittel zur Machtdurchsetzung – denn hier geht es um Macht. Technologien ergänzen bloß das längst vorhandene, vielfältige Arsenal  um smartere tools. Letztere nutzt China schneller und effektiver als andere Staaten, um die Virus-Verbreitung zu bremsen, darunter Kameras und Drohnen mit Temperaturmessgeräten und 24/7 Tracking über vernetzte Mobilgeräte. Deshalb hat Han recht: „China wird seinen digitalen Überwachungsstaat als Erfolgsmodell gegen die Epidemie verkaufen. China wird die Überlegenheit seines Systems mit noch mehr Stolz demonstrieren.“ In dem Kontext behauptet Han allerdings, Slavoj Žižek beschwöre einen “obskuren Kommunismus. Er glaubt, dass das Virus Chinas Regime zu Fall bringen würde. Zizek irrt sich”.  Doch  an genau welcher Stelle und warum Žižek das beschworen haben soll, belegt Han leider nicht.

Hierin stimme ich Han ebenfalls zu: „Der Schock ist ein günstiger Moment, er erlaubt, ein neues Herrschaftssystem zu etablieren.“ China hat sein 9/11  – genau wie andere Staaten, die mit technologischer Überwachung mehr als nur flirten.

Um Macht durchzusetzen, etwa unter anderem um eine Epidemie zu bekämpfen, setzt der chinesische Zentralrat jetzt schon alle Mittel ein – technologische Mittel der Überwachung und der (Selbst-)Disziplinierung (Sozialkreditsystem) sowie ganz alte, handfeste Mittel. Anfang des Jahres 2020 wurden in der vom Virus stark betroffenen Hauptstadt Wuhan der Provinz Hubei Menschen in ihren Wohnungen eingeschweißt oder mit Fieber aus ihren Wohnungen gezerrt etc..

Dieser Tage gilt es, die Verbreitung der Virus-Epidemie genauso scharf zu beobachten, wie die Mittel, mit denen sie eingedämmt werden soll.

 

Textbasis:

Byung-Chul Han: „Wir dürfen die Vernunft nicht dem Virus überlassen“, erschienen am 23.03.2020 c/o welt.de .

Slavoj Žižek: Der Mensch wird nicht mehr derselbe gewesen sein: Das ist die Lektion, die das Coronavirus für uns bereithält”, erschienen am 13.03.2020 c/o nzz.ch.

Gisela Schmalz: „Mein fremder Wille- Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert“, erschienen im März 2020 c/o Campus Verlag.

 

 

© Gisela Schmalz

Recommended Citation/Empfohlene Zitierweise: Schmalz, Gisela: “Wir dürfen die Vernunft nicht den „Souveränen“ allein überlassen” (2020). Gisela Schmalz https://www.giselaschmalz.com/wir-duerfen-die-vernunft-nicht-den-souveraenen-allein-ueberlassen/

Mein fremder Wille – Das Ich, die Anderen, die Konzerne und das übermächtige Andere

»You’re a machine!« »Eres una maquina!« »T’es une machine!« »Du bist eine Maschine!« ist ein Kompliment unter männlichen Millennials, die ihre Körper hart trainieren und ihr Privat- und Berufsleben effizient organisieren. Diese Männer verhalten sich tatsächlich maschinenähnlich, wenn sie mit angeheftetem, elektronischem Activity-Tracker Gewichte stemmen, laufen oder schwimmen, ihre Schlafrhythmen oder ihre Ernährung überwachen und per Smartphone ihre straffen Tagespensen koordinieren. Sie passen sich den Zielen der Maschine an und funktionieren wie Rädchen in einem System. »Yes Sir. Wie die Muskelpartien schaffen! Du bist eine Maschine«, feuert das Publikum der TV-Show Ninja Warrior Switzerland den Elektromonteur und Feuerwehrmann Hufi an. In seinem Podcast Bewohnerfrei lobt der Influencer Tobias Beck den 25-jährigen Ex-Fußballprofi Robin Söder: »Du bist eine Maschine!«, weil Söder seinen 2016 gegründeten Founder Summit zu einem der größten Start-up-Events Deutschlands ausgebaut hat.

 

 

Populär ist das Maschinenkompliment unter jungen Männern aller Bildungsgrade und Berufsgruppen, weltweit. Besonders gut passt es in die Gründer-Szene, wo überproportional viele Männer unterwegs sind und sich alles um technologische Verbesserungen und Möglichkeiten ihrer Monetarisierung dreht. Junge Frauen nennen sich gegenseitig eher nicht Maschine. Aber auch sie tracken ihre sportlichen Aktivitäten. Auch sie optimieren ihre Performance, ihr Aussehen und ihren Alltag mithilfe von Hard- und Software, egal ob sie Angestellte, Studentinnen, Gründerinnen, Mütter oder alles gleichzeitig sind.

Die Vertreter und Vertreterinnen der Generationen Y und Z wollen alles richtig machen. Sie glauben, anders nicht in der beschleunigten, komplexen Welt bestehen zu können. Ihren Maßstab für das, was »richtig« ist, finden sie auf den Anzeigen ihrer Apps und Tracker, vor allem aber auf den Profilseiten befreundeter oder bewunderter Nutzer von Social-Media- oder Video-Plattformen. Regelmäßig konsultieren sie online die aktuellen Fotos, Videos und sonstigen Beiträge ihrer Mitmenschen. Diesen entnehmen sie den Standard, dem sie entsprechen wollen. Übertreffen wollen sie ihn meist nicht. Standard reicht. Und posten sie dann die Ergebnisse ihrer eigenen Optimierungsanstrengungen, setzen sie neue Standards, an denen sich wiederum andere orientieren.

Das Internet ist eine gigantische Vergleichs- und Angleichungsmaschine. Sie verleitet dazu, das zu sein, was andere sind, und das zu wollen, was andere wollen – dazu, sich freiwillig fremdbestimmen zu lassen. »Mimetisches Begehren« nannte der französische Kulturanthropologe René Girard das Phänomen, dass Menschen das begehren, was auch andere begehren. Laut Girard orientieren sich Menschen nicht an inneren Bedürfnissen, sondern daran, was andere, insbesondere die Personen aus der eigenen Bezugsgruppe, mögen oder anstreben. Ihr Verhalten wird gesteuert vom Begehren der anderen. Bei den Digital Natives ist das Nachahmungsverhalten mit dem Wunsch verbunden, möglichst nicht aus der Peergroup herauszustechen. Deshalb kleiden und stylen sie sich wie die anderen, kaufen die gleichen Dinge und Marken, hören dieselbe Musik, verehren dieselben Stars und wählen dieselbe Partei wie ihre Freunde.

 

Der deutsch-amerikanische Investor Peter Thiel beklagt den Konformismus, sowohl im Netz als auch innerhalb der Start-up-Szene. Dabei hat er finanziell mit am stärksten vom Mimesis-Effekt profitiert. Und er hat ihn sogar entscheidend befördert. Während der 1990er Jahre hörte Thiel an der Stanford Universität im Herzen des Silicon Valley Vorlesungen bei René Girard, wurde zum Bewunderer des Anthropologen und rief ihm zu Ehren das Mimesis-Forschungsinstitut Imitatio ins Leben. Wesen und Wirkung des mimetischen Begehrens haben Thiel fasziniert. Er erkannte unmittelbar das Potenzial, das darin steckt. Noch bevor andere Investoren den Namen Zuckerberg überhaupt gehört hatten, war Thiel klar, dass sich dessen Idee, Freunde digital zu vernetzen, monetarisieren lässt. Der gewiefte Investor schätzte die fruchtbringende Dynamik richtig ein, die losgetreten wird, sobald sich Menschen über eine virtuelle Plattform anfreunden, sich darüber vergleichen und ein Begehren in dieselbe Richtung entwickeln. Als erster Geldgeber steckte der Girard-Anhänger 2004 eine halbe Million US-Dollar in das Start-up Facebook.

Das Girardsche Phänomen eröffnet Tech-Firmen Möglichkeiten, die noch längst nicht ausgeschöpft wurden. Mit immer neuen Vergleichsmöglichkeiten – über Bewertungs-, Empfehlungs- oder Bearbeitungstools – stacheln die Betreiber von Plattformen wie Facebook, Instagram, WhatsApp, Twitter, YouTube oder TikTok die Nutzenden dazu an, sich an äußeren Standards zu orientieren. Das Bemühen um Anpassung an Ideale, Stars, Marken oder Meinungen hat zwei Effekte: Die Menschen werden einander immer ähnlicher. Und die Konsumgüter-, Werbe- und Tech-Industrie verdienen enorme Summen daran. Im elektronisch geprägten Global Village wird Individualität mehr und mehr zugunsten einer kollektiven Identität aufgegeben. Diese Entwicklung hat der Medientheoretiker Marshall McLuhan bereits Anfang der 1960er Jahre vorausgesagt. Junge digital Vernetzte ähneln in ihrem Erscheinungsbild und ihrem Habitus den prominenten Vorbildern und den Mitgliedern ihrer Bezugsgruppe immer mehr. Der Angleichungs- und damit verbundene Simplifizierungsmechanismus zeigt nicht nur bei Äußerlichkeiten Wirkung.

 

 

Auch Meinungen werden zunehmend uniform. Dass Menschen dieselben Ansichten zu politischen oder anderen Themen haben wie die übrigen Vertreter aus ihrer Community, wird maschinell unterstützt. Dank algorithmisch erzeugter Filterblasen kommen sie online überhaupt nicht mehr mit Standpunkten anderer Gruppen in Kontakt. Abweichende Meinungen blendet der Plattform-Algorithmus nicht ein. Dadurch kreisen die Nutzenden in den ihnen zugewiesenen Meinungsblasen nur um sich selbst und umeinander. Dass ihnen dabei nicht schwindelig wird, liegt nur daran, dass sie sich an derlei technologisch bedingte Selbstumdrehungen bereits gewöhnt haben. Sie erleben auch ständig, wie die virtuelle Welt sich über ihre reale Welt legt und zu ihrer neuen Wirklichkeit wird. Die menschliche Wahrnehmung verändert sich. Neue Technologien kapern Gehirne und Körper. Sie schieben sich zwischen Ich und Welt, seit Menschen ständig online sind. Und beide an dieser Überwältigung beteiligte Parteien, die Firmen, die die Technologien entwickeln, und die Menschen, die sie nutzen, profitieren davon – jedoch auf völlig unterschiedliche Weise.

»Soziale« Online-Medien, lernende Algorithmen, smarte Infrastrukturen, virtuelle Realitäten oder Neuroprothesen wirken stark auf das Selbstverständnis und auf die zwischenmenschlichen Beziehungen der Menschen ein. Neue Technologien krempeln die Machtverhältnisse um – in den Köpfen der Einzelnen und in der Gesellschaft. Der Rahmen des individuellen Erlebens und des kollektiven Zusammenlebens wird durch die Innovationen weniger, mächtiger Tech-Firmen komplett neu abgesteckt. Auf einmal irrlichtert das Individuum in einer Zwischenzone von Selbst- und Fremdbestimmung herum. Und die Gesellschaft befindet sich in einem Paradigmenwechsel, seit Privatkonzerne psychologisches und soziales Design über Daten und Technologien betreiben.

In dieser Zeit der Übergänge sollten Bürgerinnen und Bürger sowie diejenigen, die politisch (noch) für sie verantwortlich sind, das Unerwartete tun. Die Reaktion auf die fundamentale Okkupation des Menschen durch Tech-Konzerne sollte das Gegenteil braver Anpassung an die technologischen Erfordernisse sein. Der dreiste Zugriff der Bereitsteller innovativer Technologien verlangt umfassendes Neudenken und großangelegtes Gegenlenken. Statt ständig Fragen in Suchmaschinen zu tippen, sollten sich Menschen zunächst einmal selbst in Frage stellen und fragen: Was ist der Mensch? Was will er? Wohin treiben ihn neue Technologien? Was machen diese mit und aus ihm? Denkt und fühlt der elektronisch vernetzte Mensch noch selbstständig? Kann er wollen, was er will? Oder wird sein Wollen unmerklich gelenkt? Ist er fähig, sich für oder gegen etwas zu entscheiden und nach freiem Willen zu handeln? Oder wird er technologisch fremdbestimmt? Agiert er unter dem Einfluss von Pop-ups, Link-Hierarchien, Amazon-Sternen, Twitter-Kommentaren oder YouTube-Influencern noch als er selbst?

 

 

Wie frei ist ein Mensch, wenn er zunehmend von smarten Geräten, Apps, Algorithmen und Robotern abhängt oder davon, dass ihm sein Gehirnchip Impulse sendet? Online-Nutzenden werden permanent manipulative Entscheidungsarchitekturen und algorithmische Reize untergejubelt. Oft reagieren sie prompt und pawlowsch und bestätigen damit die Reiz-Reaktions-Muster, auf die hin sie programmiert werden sollen.

Indem sie sich wie Automaten verhalten, untergraben sie, was sie zu freien Wesen macht. Unterliegt der Mensch, der mit Technologien umgeht, einem fremden Willen? Falls ja, so kann er für diese neue Art der Fremdbestimmung nicht die Entwickler und Bereitsteller neuer Technologien allein verantwortlich machen. Schließlich scheint der Mensch das zu wollen. Offenbar will er, dass Fremde oder Fremdes ihm vermitteln, was er will und wo es lang gehen soll.

 

 

 

Dieser Text ist die gekürzte Einleitung zum Buch von Gisela Schmalz „Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert“, erschienen im März 2020 im Campus Verlag, Frankfurt, 296 Seiten, 19,95 Euro.

Sonderveröffentlichung c/o CARTA.info: Gisela Schmalz: “Mein fremder Wille – das Ich, die Anderen, die Konzerne und das übermächtige Andere” (11.3.2020)

Menschen unterwerfen sich neuen Technologien von sich aus

»Wir lassen uns technologisch fremdbestimmen, während die Tech-Elite kassiert«, sagt Professorin Gisela Schmalz. In ihrem Buch enttarnt sie die Geschäftsmodelle aus dem Silicon Valley und aus China und fordert uns Nutzer dazu auf, endlich aufzuwachen.

Im Interview mit campus.de spricht die Ökonomin und Philosophin über ihr aktuelles Buch »Mein fremder Wille«.

 

 

»Mein fremder Wille« lautet der Titel Ihres aktuellen Buches. Sie beschreiben uns darin als Sklaven der Technik, die ihren freien Willen geopfert haben. Wie groß ist das Ausmaß der Unfreiheit?

Gisela Schmalz: Ich beschreibe die Nutzenden als freiwillige Sklaven. Sie unterwerfen sich den existierenden und immer neuen Technologien von sich aus. Sie machen sich dabei so unfrei, wie sie es selbst zulassen. Jeder über 18 ist mündig und kann selbst entscheiden, wie er oder sie Technologien wozu nutzt und ob er oder sie Fremdmeinungen einfach so für sich adaptiert. Die Verantwortung für den Gebrauch von Social Media, smarten Anwendungen und anderen Hard- oder Softwareprodukten kann leider nicht auf böse Dritte abgewälzt werden, jedenfalls nicht immer.

 

Durch Tracking und die Welt der Sozialen Netzwerke wird das Denken und Entscheiden umgestaltet. Können Sie beschreiben, wie das genau funktioniert?

GS: Menschen neigen dazu, ihre Perspektive zu wechseln, wenn sie Social Media-Plattformen oder Tracker nutzen. Auf einmal betrachten sie ihr Äußeres, ihre Ideen oder ihre Werke (Social Media) und sogar ihre Körperlichkeit oder ihr Essverhalten (Fitnesstracker) aus einer externen Perspektive. Sie nehmen sich von außen und nicht länger von innen wahr. Sie übernehmen die Ansichten anderer Leute, die auf derselben Plattform posten, oder der Mitglieder aus der Selbstvermesser-Community auf sich selbst – beziehungsweise die über Daten und Algorithmen vermittelte Sichtweise über das eigene Ich.

 

Betrifft dieses Phänomen alle gesellschaftlichen Schichten gleichermaßen?

GS: Ja und nein. Jeder ist anfällig für die Verführungen neuer Technologien – schon weil sie praktisch sind und weil die Mitglieder der Bezugsgruppe sie nutzen. Zu beobachten ist aber, dass gewisse Bildungsschichten sich selbst und ihre Kinder zu einem reduzierten und kritischen Umgang mit innovativen Tech-Produkten hintrainieren, während der Rest alles, was da kommt, unreflektiert übernimmt. Die Schere zwischen Tech-Vorsichtigen und Tech-Gefährdeten geht derzeit immer weiter auf.

 

Die Figur des Influencers ist mit der Ära des Internets aufgekommen. Für viele sind das »Lichtgestalten«, die sie bewundern. Wie blicken Sie auf diese neue Berufsgruppe?

GS: Das Phänomen der Influencer ist ja nicht so neu. Prominente oder Fachleute auf ihren Gebieten haben stets mehr Einfluss als Personen ohne mediale Reichweite. Als Gatekeeper haben Influencer filternde Wirkung. In einer komplexen Online-Umgebung, in der unzählige Styling-Tipps, Meinungen und Ratschläge miteinander konkurrieren, bieten die Ansichten von Influencern Orientierung. Das Problem jedoch ist, dass anders als das Fernsehen, Zeitungen- oder Zeitschriften, niemand die Influencer-Flut filtert. Jedes Superhirn und jeder Idiot kann sich zum Influencer aufschwingen und irrwitzigen Einfluss erlangen – eben auch auf (junge) Menschen.

 

Sie beleuchten nicht nur die beruflichen Biografien der Tech-Elite, sondern beleuchten auch deren Privatleben. Was ist Ihnen dabei aufgefallen?

GS: Silicon Valley-Manager, -Programmierer oder -Marketingspezialisten halten sich und ihre Familien von den Tech-Produkten ihrer eigenen Firmen fern. Im Buch zeige ich auf, wie deren private Wenig- und Null-Tech-Strategien aussehen.

 

In Ihrem Buch liefern Sie vielfältige Vorschläge, wie Menschen ihre Willens- und Handlungsfreiheit zurückerobern können, ohne dabei auf die Vorteile neuer Technologien verzichten zu müssen. Wie sehen diese Vorschläge aus. Nennen Sie uns ein Beispiel?

GS: Um der wirklich umfassenden Macht von Big Tech-Konzernen von der US-Westküste und aus China zu begegnen, bieten sich individuelle, gruppenbezogene, nationale und übernationale Handlungsmöglichkeiten an.  Im Buch rufe ich nicht bloß nach einer Regulierung der Tech-Branche, wobei diese sicher wichtig ist. Ich fordere vielmehr politisch Verantwortliche und Nutzende dazu auf, endlich aufzuwachen. Konkret schlage ich wirtschaftliche und bildungspolitische Maßnahmen vor, fordere (Selbst-)Aufklärung und Aktionen von aufgeklärten Nutzenden. Was technologisch mit den Köpfen von Menschen und mit den Infrastrukturen von Gesellschaften passiert, ist womöglich bald so krass und irreversibel wie die Klimakatastrophe.

 

Die Autorin
Gisela Schmalz, Ökonomin und Philosophin, lehrt als Professorin Strategisches Management und Wirtschaftsethik und arbeitet als Strategieberaterin und Publizistin. Sie interessiert sich für den Zusammenhang von Freiheit, Demokratie und Ökonomie sowie für Machtstrukturen in der technologisierten Welt.

 

Quelle: Campus.de, Frankfurt 24.02.2020. Die Fragen stellte Nina Schellhase.

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SEISMOGRAPHEN DER GESELLSCHAFT – Zum Internationalen Frauentag 2020

Wie fortschrittlich eine Gesellschaft ist, zeigt sich an der Situation der Frauen in dieser Gesellschaft. Seit 109 Jahren gibt es den Internationalen Frauentag. Die heutigen Anliegen sind allerdings noch dieselben wie die von 1911: Gleichberechtigung, Wahlrecht, Anrecht auf öffentliche Ämter, Emanzipation und Anti-Diskriminierung am Arbeitsplatz. Dass die Themen immer noch akut sind, egal in welcher Nation, ob im Süden, Norden, Osten oder Westen der Erde, und egal wie reich oder wissenschaftlich aufgeklärt eine Gesellschaft ist, und dass deshalb noch im Jahr 2020 Frauentage begangen werden müssen, ist skandalös. In unterschiedlichen Ländern, Branchen und Kontexten gibt es feine bis grobe Unterschiede im Umgang mit Frauen. Diese eignen sich als Maß zum Vergleich von sozialem Fortschritt. Doch jeder Vergleich erübrigt sich, wenn das Mindset der überwiegenden Mehrheit der Weltbevölkerung so aussieht, wie es der gerade veröffentlichte Gender Social Norms Index (GSNI) der UN zeigt. Demnach hegen nahezu 90 Prozent aller Menschen weltweit Vorurteile gegen Frauen.

 

 

 

Der Index misst, wie sein Titel besagt, die Geschlechtervorstellungen, die derzeit als Norm oder als normal erachtet werden. Im Rahmen des „United Nations Development Programme“ wurden Daten zur Gleichstellung von Frauen in den Bereichen Haushalt, Ausbildung, Politik, Beruf und Gesundheit in 75 Ländern erhoben. Gefragt wurde beispielsweise nach politischen Leitfiguren oder danach, wer eine bessere Ausbildung erhalten und mehr Geld verdienen sollte, Frauen oder Männer. Die für die UN-Studie gesammelten Meinungen und Haltungen belegen, dass das männliche Prinzip (weiterhin) als Maß fast aller Dinge gilt.

 

Für neun von zehn Frauen und Männern ist der Standard-Mensch männlich. Diese sehen das männliche Prinzip oder Männer als Norm oder als normal an. Und was normal ist, wird auch als gut, richtig und erstrebenswert betrachtet. Diese Auffassung stärkt das Männliche in der Welt. Gratis liefert sie einen Freifahrtschein dafür mit, alles abzuurteilen, was von der Norm = Mann abweicht. Was ihr entspricht, wird geachtet und nachgeahmt, und was nicht, wird in Wort oder Tat missachtet und abgewertet. Dieser logische Fehlschluss vom Ist- zum Soll-Zustand ist gängige Theorie, aber auch Praxis. Das gesellschaftliche Bewusstsein bestimmt das gesellschaftliche Sein.

28 Prozent der für den GSNI befragten Personen denken, ein Mann habe das Recht, seine Frau zu schlagen. Dieses „normale“ Denken bildet dann auch die Vorlage für „normales“ Handeln. So kommt es, so die UN-Studie “Human Development Perspectives”, dass 2020 nur 24 Prozent der Parlamentssitze weltweit von Frauen besetzt sind. Von 193 Regierungen werden nur 10 von Frauen geführt (und soeben zog sich mit Elizabeth Warren eine qualifizierte Kandidatin aus dem Wettbewerb um den US-Präsidentenposten zurück). Weniger als sechs Prozent der 500 größten börsennotierten US-Unternehmen haben weibliche CEOs.

Die ersten 10 der Forbes-Liste “The World’s 100 Most Powerful Women” von 2019

 

Und genau wie noch vor 100 Jahren arbeiten Frauen mehr als Männer, verdienen aber weniger. Zu diesen breiten Macht- und Einkommensklüften gesellen sich andere, handfestere Schikanierungen und Misshandlungen von Frauen. Für fast jede Frau gehören sie in irgendeiner Form zum Alltag. Doch dürfen sie deshalb nicht als Standard wahrgenommen oder womöglich akzeptiert werden. Frauen stellen 50 Prozent der Menschheit, und müssten schon rein rechnerisch zu 50 Prozent gleichgestellt sein – also weder aus humanitären Gründen noch aus Liebe zu den Frauen. Die Gründe dafür, Frauen gleichberechtigt zu behandeln, überall einzubeziehen und in höhere Positionen einziehen zu lassen, sind auch praktischer Natur. In einer zunehmend komplexen Weltsituation werden alle Talente und Fähigkeiten zur Gestaltung einer lebenswerten Zukunft benötigt. Nur paritätisch und integrativ organisierte Gesellschaften können echte und umfassende Fortschritte liefern, statt bloß bereichsbezogene Fortschrittchen. Damit würde der Begriff Fortschritt für alle gelten und nicht bloß für einige und so letztlich gar nicht.

Aktuell sehen wir erhebliche wissenschaftliche, technologische und auch wirtschaftliche, die allgemeine Grundversorgung und Umverteilung betreffende Fortschritte. Aber die sozialen und moralischen Fortschritte hinken weit hinterher, weswegen man auch deshalb kaum von Fortschritt sprechen kann. Zu beobachten sind derzeit sogar Rückschritte – und das ausgerechnet in den sich avanciert wähnenden westlichen Bevölkerungen. Hier wächst die Verunsicherung. Ängste vor sozialem und ökonomischem Abstieg, vor der Ersetzung menschlicher Arbeitskraft durch neue Technologien, vor Überwachung, Klimakatastrophen, Migrationsbewegungen, Kriegen und neuerdings Virus-Epidemien lähmen die Menschen oder machen sie aggressiv. Die bisher in Sicherheit und Wohlstand gebadeten Bewohner der westlichen Welt fürchten um ihren Status und ihren Besitz.

 

 

Zu der Sorge, dass ihnen etwas weggenommen werden könnte, addiert sich ein Ohnmachtsgefühl. Das kratzt stark am Selbstbewusstsein. Wer in einer solchen depressiven Lage Ursachen und Wirkungen nicht begreifen kann oder will, wer sich nicht selbst befragt oder in Frage stellt, externalisiert seine Ängste. Die Unzufriedenheit mit sich und der Welt äußert sich in Wut gegen Dritte. Als Sündenböcke bieten sich „Andersartige“ an, Menschen, die höher oder niedriger gestellt sind, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit anderer Meinung, mit anderer sexueller Orientierung oder mit anderem Geschlecht. Alles, was nicht als Norm definiert ist, darunter Frauen und das weibliche Prinzip (falls so etwas existiert), wird zum Wutablassen benutzt. Da Frauen überall und in großer Zahl verfügbar sind, scheinen sie sich hervorragend dafür anzubieten, um diffuse Ängste auszuagieren.

Und ausgerechnet eine Errungenschaft der Aufklärung und moderner Naturwissenschaften, der technologische  Fortschritt, begünstigt derlei Regression. Bei Social Media-Plattformen steigt der Hate Speech-Pegel an. Incels („involuntary celibates”, unfreiwillig zölibatär lebende, heterosexuelle Männer), MGTOWs (Vertreter der anti-feministischen Männerbewegung „Men Going Their Own Way“), Alt-Right-Anhänger, Rechtspopulisten oder Nazis sondern online Dinge von Beleidigungen über Flüche bis hin zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen gegen Frauen ab. Und sie erhalten dafür Zuspruch.

Je mehr ihnen online zujubeln, desto eher trauen sie sich, lauter zu werden, sich öfter und vehementer zu äußern und offline tätlich zu werden. Insbesondere den Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, öffentliche Figuren sind und öffentliche Posten wahrnehmen, wird anonymisierter und unterdrückt-versteckter oder offener Hass entgegen gebracht. Zu den Betroffenen zählen deutsche Politikerinnen aller Parteien oder eine, die eher noch ein Mädchen ist, Greta Thunberg.

Genauso wenig wie der Norm-Mann existiert, gibt es die Norm-Frau, die sich pauschal als anders, fremd oder anormal abstempeln ließe. Und Frauen sind schon gar nicht „normale“ Opfer. Frauen sind keine Opfer. Sie eignen sich jedoch als Spiegel. Ihre Situation dient allen Frauen und Männern, die Frauen den Rang der Gleichberechtigung absprechen, dazu, ihre eigenen Ängste und ihr Versagen im selbstverantwortlichen Umgang mit diesen zu reflektieren. Frauen sind soziale Seismographen. An ihrer Lage im sozialen Raum lassen sich zwar keine Bodenbewegungen wie bei Erdbeben oder Atomexplosionen ablesen, aber sehr wohl gesellschaftliche Erschütterungen. Derzeit registriert dieses sozio-seismische System viele und erschütternd hohe Frequenzen – Hinweise auf starke Ausschläge in aller Welt.

 

© Gisela Schmalz

Empfohlene Zitierweise/Recommended Citation: Schmalz, Gisela: “Seismographen der Gesellschaft – Zum Internationalen Frauentag 2020” (2020).  http://carta.info/seismographen-der-gesellschaft-zum-internationalen-frauentag-2020/

Erschienen c/o CARTA.info: Gisela Schmalz: “Seismographen der Gesellschaft – Zum Internationalen Frauentag 2020” (2020)

 

 

Mein fremder Wille

Neues Buch von Gisela Schmalz.

Erscheinungstermin: 11. März 2020

Campus Verlag, Frankfurt a. M., 296 S.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Thema ist eine neuartige freiwillige Selbstunterwerfung :

Gedankenlos geben wir intimste Informationen an uns unbekannte Mächte ab. Durch die Nutzung von Smartphones, Fitness-Trackern, Apps, Social Media- und anderen Plattformen werden wir zunehmend berechen- und steuerbar. Wie konnten wir in so starke Abhängigkeit von technischen Diensten und deren Kontrolleuren geraten? Gisela Schmalz, Ökonomin und Philosophin, geht dem Phänomen auf den Grund. Sie zeigt, wem die »totale Vernetzung« nutzt, wohin sie führt und wie wir der Macht der Tech-Elite entfliehen können.

 

In fünf Kapiteln spannt Schmalz einen Bogen, der bei den Nutzenden und Nutznießenden der technologischen Errungenschaften beginnt, unsere freiwillige Komplizenschaft mit den Tech-Erfindern erklärt und mit den Gründen dafür endet, warum wir dringend gegenlenken sollten. Sie zeichnet nach, wie Menschen der Generation Y und Z vorgegebenen Standards nacheifern, weil sie glauben, in einer komplexen Welt sonst nicht bestehen zu können. Sie erläutert die Inzucht in den Tech-Ökosystemen des Silicon Valley und kontrastiert sie mit der Tech-Industrie in China. Sie wirft ein Schlaglicht auf die Menschen hinter den manipulierenden Technologien – und deren teils überraschend analoges Privatleben. Und sie zeigt an fünf Schlüsselbereichen, Tracking, Social Media, Smarte Vernetzung, Künstliche Intelligenz und Gehirnimplantate, wie moderne Technologien unser Denken, Fühlen und Verhalten sukzessive (um-)gestalten. Schließlich analysiert sie die freiwillige Unterwerfung unter einen fremden Willen.

Doch Gisela Schmalz gibt auch Anlass zur Hoffnung, indem sie zeigt, wie wir unsere Willens- und Handlungsfreiheit zurückerobern können, ohne dabei auf die Vorteile neuartiger Technologien verzichten zu müssen. Der Autorin ist ein umfassendes und differenziertes Bild der aktuellen, von innovativen Technologien beherrschten Welt gelungen.

Sie ist überzeugt: Zu durchschauen, wie die Tech-Elite funktioniert, heißt zu begreifen, wohin die wirtschaftliche, politische, militärische und gesellschaftliche Zukunft gesteuert wird. Ihr Appell an die Nutzer ist eindeutig: Informiert Euch! Lest! Beweist Euren freien Willen. Auf der Grundlage eines freiheitlichen Menschenbildes regt sie dazu an, sich aus der Gängelung der Tech-Kontrolleure zu befreien und die neuesten Innovationen aktiv mitzugestalten.

 

“Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert” von Gisela Schmalz

erscheint am  11.03.2020:

c/o Campus Verlag, Frankfurt am Main 2020

296 Seiten, kartoniert, ISBN 9783593512266

 

Die Angriffe der Verhaltensdesigner auf Freiheit und Demokratie

Apropos Nudging: Regierungen und (Technologie)-Unternehmen versuchen das Verhalten von Bürgern und Nutzenden mit “subtilen” Stupsern zu beeinflussen. Das beschneidet die Freiheit des Einzelnen und gefährdet die Demokratie.

Aus dem Beitrag für CARTA. info von Gisela Schmalz am 10.12.2019: Autoritäres »Stupsverhalten« untergräbt die Demokratie, die von den Beiträgen autonomer Individuen lebt. (…) Die meisten Menschen wissen besser als ihre selbsternannten Väter, was gut und was schlecht für sie ist. Eigenständige Entscheidungen können sie jedoch nur dann treffen, wenn sie wahrheitsgemäß und verständlich über ihre Wahlmöglichkeiten und die Kontexte ihrer Entscheidungen informiert werden.

#ZukunftderDemokratie

Vollständiger Artikel:

Die Angriffe der Verhaltensdesigner auf Freiheit und Demokratie

 

von Gisela Schmalz

10.12.2019 veröffentlicht bei CARTA.info

 

»To nudge« heißt auf Deutsch, ganz niedlich, »stupsen«. Nudging ist aber nichts Niedliches. Es bezeichnet die subtile Modellierung von Entscheidungsarchitekturen mit dem Ziel, menschliches Verhalten ohne Anweisungen, Verbote oder Zwang in vorhersehbarer Weise zu ändern. 2008 erschien das Buch »Nudge: Improving Decisions About Health, Wealth, and Happiness« des Verhaltensökonomen Richard Thaler und des Juristen Cass Sunstein. Mit gleicher Begeisterung lasen und lesen es Leute, die andere manipulieren wollen, und Leute, die mangels Selbstbeherrschung mit Nudges zum »besseren Verhalten« angestupst werden wollen. Eine im Pissoir klebende Fliege zum Draufzielen hat noch niemandem geschadet – auch nicht die Ausgabe kleiner Essteller oder das Platzieren von Obstschalen auf Sichtniveau in Kantinen. Auch am Straßenrand aufleuchtende Smileys, wenn Autos in gedrosseltem Tempo vorbeifahren und nicht einmal die Fotos von Lungenkarzinomen, Krebsgeschwüren und Leichen auf Zigarettenschachteln stören oder schaden. Mit derlei gesetzeskonformen Tricks versuchen Arbeitgeber und Staatsbeamte ihre Schutzbefohlenen zu erziehen. Nudges sollen Menschen auf den Weg der Tugend stupsen, sie dazu bringen, gesünder zu leben, für ihr Alter vorzusorgen oder Energie zu sparen. Den US-Präsidenten Barack Obama überzeugte das Stups-Konzept, das auf behavioristischen Erkenntnissen beruht. Von 2009 bis 2012 ließ er den Nudge-Fachmann Cass Sunstein im »Office of Information and Regulatory Affairs« Nudges für US-Bürger erarbeiten. Auch der britische Premierminister David Cameron und seine Regierung ließen sich verhaltenstheoretisch inspirieren und richteten eine Nudging-Abteilung ein. Die Stups-Begeisterung der deutschen Kanzlerin Angela Merkel hielt sich zunächst in Grenzen. Sie stellte nicht, wie Barack Obama, bereits 2008 dreißig, sondern erst 2015 drei Nudging-Spezialisten ein, die Stups-Konzepte entwerfen sollten.

Doch Menschen pissen weiterhin fröhlich über Beckenränder, essen immer noch zu viel, darunter Mengen an Süßigkeiten, rauchen bis der Krebs kommt, fahren zu schnell und lassen Automotoren im Stand laufen. Nudging wirkt nicht bei jedem und jeder. Bei wiederholtem Einsatz zeigt es Abnutzungseffekte (Ekelbilder auf Zigarettenschachteln). Viele durchschauen das Nudging und auch die Rechtfertigung dafür, den Ausdruck »libertärer Paternalismus«, als Bevormundung. Die Formel »libertärer Paternalismus« ist in sich widersprüchlich. Dieses Begriffsmonstrum zeugt von der autoritären Überheblichkeit derer, die Nudging als seligmachend verkaufen wollen. Die Nudge-Heilsbringer Thaler und Sunstein stellten ihrem Terminus »Paternalismus« das Adjektiv »libertär« voraus, als wollten sie sich bei den Zielpersonen des Nudging für deren Freiheitsberaubung entschuldigen oder sie erneut austricksen. Stellen Autoritäten Menschen Obstschüsseln unter die Nasen oder lassen sie Formulare mit vorausgefülltem »ja« beim Stichwort »Organspende« unterschreiben, behandeln sie sie wie überlistbare Kinder. Sie befördern eine allgemeine Verdummung, die von schlechter Bildungspolitik vorbereitet wurde. Paternalistisches Nudging ist Manipulation. Nichts daran ist »libertär«. Freie Bürger brauchen keine väterlichen Stupser – weder von Arbeitgebern noch von Staatsbeamten – und schon gar nicht von den »Nutzererfahrungsspezialisten« der mächtigen Technologiekonzerne.

Die digitalen Stupser von datensammelnden, werbe- und propagandatreibenden Tech-Firmen sind perfider als die analogen, weil sie schlechter identifizierbar sind. Permanent auf Nutzende losgelassene Online-Nudges sollen sie zum Dauerkonsum von Social Media-, Video-, Game- und sonstigen Angeboten, zum Klicken von Werbehinweisen oder zum Konsum verleiten. In Tech-Konzernen werden Verhaltensökonomen und Psychologen derzeit hofiert. Auf der Grundlage behavioristischer Erkenntnisse, dass Menschen lieber kurz- als langfristig denken, mehr Angst vor Verlust  als Lust am Risiko bei Gewinnchancen zeigen, sich an anderen Personen (Social Influence), an vorausgegangenen Reizen (Priming) oder den unmittelbar verfügbaren Informationen (Anchoring) orientieren, basteln sie in Teams mit Entwicklern und Programmierern an verhaltensverändernden, technologischen Nudges. Sie betreiben »Psychological Engineering« oder »Social Engineering«, wenn sie für fehlbare, vertrauensselige Menschen personalisierte Entscheidungsstrukturen, stupsende Blings, Pfeile, Meldungen, rote Buttons und andere Nudges kreiieren. US-Firmen wie Facebook (Instagram, WhatsApp), Alphabet (YouTube), Amazon, Twitter oder Snapchat und chinesische Konzerne wie Tencent (WeChat) oder ByteDance (TikTok) bauen ihren Algorithmen, Apps und Plattformen »persuasives Design« ein. Ziel ist es, damit das Denken, Wahrnehmen, Fühlen und Verhalten möglichst vieler Nutzender möglichst lange zu kapern, um sie mit den Botschaften oder Waren (bezahlender) Auftraggeber konfrontieren zu können.

Mit einem Brief wandten sich im August 2018 50 US-Psychologen an die »American Psychological Association« (APA). Darin verwiesen sie auf die unethischen Praktiken ihrer Kollegen, die für Tech-Konzerne »versteckte Manipulationstechniken« designten. Sie forderten ihren Verband dazu auf, sich für den Schutz tech-dauernutzender Kinder zu engagieren. Der Experimentalpsychologe B. J. Fogg hat den Aufruf nicht unterschrieben. Der Gründer und Direktor des »Stanford Behavior Design Lab« forscht seit 1997, inzwischen auch unter dem Stichwort »Gewohnheiten«, in Stanford an den Fragen, wie Webseiten auf Nutzende glaubwürdig wirken und wie Computer die Meinungen und Handlungen von Nutzenden in zuvor festgelegter Weise beeinflussen können. Dazu kooperiert Fogg mit Konzernen wie Facebook. Einige spätere Silicon Valley-Größen, darunter die Instagram-Gründer Kevin Systrom und Mike Krieger, wurden in seinem Labor ausgebildet. Trotz des Psychologen-Apells und trotz in aller Welt immer lauter geäußerter Kritik basteln »Verhaltensarchitekten« weiterhin an süchtig machenden und »persuasiven Technologien«.

Doch genauso wenig wie Paternalismus »libertär« ist, sind Tech-Nudges persuasiv im Sinne von »überzeugend«. Sie richten sich nicht an die Ratio, sondern an das Unbewusste der Zielpersonen. Sie sind unterschwellig manipulativ. Verhaltensforscher haben festgestellt, dass Menschen Denkabkürzungen wählen, eher schnell und instinktiv, als langsam und überlegt vorgehen (Daniel Kahnemann: »Thinking, Fast and Slow«). Sie analysieren nicht misstrauisch jeden Pfeil, jedes Zeitlimit, jede Empfehlung oder jedes Autoplay, dem sie im Netz begegnen. Lieber geben sie sich dem Flow der Algorithmen, ihrer Neugier und Spiellust hin. In der Regel bleibt den Normalnutzenden sowieso nichts anderes übrig: Entscheidungsmodulationen erleichtern die Qual der Wahl. Außerdem sind sie für sie schlecht oder gar nicht identifizierbar, gerade wenn sie neu oder raffiniert sind – und neue, raffinierte Beeinflusserlein werden ständig ausprobiert. Ihre anscheinende Harmlosigkeit und Unbegreiflichkeit machen Nudges so wirkungsvoll. Menschen tappen in die auf Datenbasis speziell für sie maßgeschneiderten Fallen. Sie betrachten, klicken, kaufen, denken, wählen und tun das, wohin Nudges sie stoßen. Nudgenden Tech-Konzernen bescheren ihre Tricks nicht bloß höhere (Werbe-) Einnahmen. Neben wirtschaftlicher Macht verschaffen sie ihnen zusätzlich immer mehr politischen, sozialen und psychologischen Einfluss über Einzelpersonen, Gruppen und ganze Gesellschaften. Autoritäres »Stupsverhalten« untergräbt die Demokratie, die von den Beiträgen autonomer Individuen lebt.

Dass technologisches Bürger-Nudging breiten- und tiefenwirksam ist, illustriert das Sozialkreditsystem Chinas. In der Volksrepublik kooperieren der Zentralrat und die heimischen Tech-Konzerne erfolgreich an der Verhaltensmodulation chinesischer Bürger. Damit diesen die Gängelung Spaß macht und mögliche Befürchtungen zerstreut, ist sie wie ein großes Gesellschaftsspiel konstruiert. Wer sich nudgen lässt, wird auch genudged. Menschen sollten schleunigst System 2 (Daniel Kahnemann) anwerfen, ihr langsames, reflektiertes, überlegtes und schlussfolgerndes Nachdenken darüber, was ihnen technologisch so alles vorgesetzt wird und wie es sie und ihre Umwelt prägen könnte. Nur ihre Reflektiertheit kann sie vor den manipulierenden Designs monetär oder ideologisch getriebener Tech-Modellierer bewahren. Nutzende sollten langsamer und aufmerksamer als bisher durch technologische Welten reisen und womöglich öffentlich gegen Nudging mobilisieren. Auch Vater Staat muss hier aktiv werden, wenn er sich schon paternalistisch geriert. Regierungen des Westens sollten sparsam mit eigenen Nudges umgehen. Und sie sollten nudgenden Tech-Konzernen, die das Unbewusste, die Unkenntnis und die Trägheit von Menschen für ihre Zwecke ausschlachten, dringend Einhalt gebieten. Verhaltenssteuernde Architekturen und Technologien sind permanent zu beobachten. Die Unternehmen dahinter sind zur Offenlegung ihrer Methoden zu verpflichten. Das gelingt vermutlich nur, wenn Gesetze sie dazu zwingen, ihre Verfahren zu erklären und Nutzende jedes Mal deutlich darauf hinzuweisen, wohin welcher Stupser sie wie lenken soll. Flankierend sollten staatliche Aufklärungskampagnen und sinnvolle Bildungsmaßnahmen zur Erhellung der Nutzenden (Bürger) eingesetzt werden. Menschen brauchen Aufklärung, statt Nudges. Sie verdienen, ihre Würde und Wahlfreiheit respektierende Entscheidungsarchitekturen. Das sind Wahlsituationen, die mehrere und nicht nur ein bis drei Optionen bieten, und die die Vernunft (System 2) ansprechen, statt niedere Instinkte (System 1) auszubeuten. Die meisten Menschen wissen besser als ihre selbsternannten Väter, was gut und was schlecht für sie ist. Eigenständige Entscheidungen können sie jedoch nur dann treffen, wenn sie wahrheitsgemäß und verständlich über ihre Wahlmöglichkeiten und die Kontexte ihrer Entscheidungen informiert werden. Nudgende Regierungen und Tech-Konzerne müssen ihre Beeinflussungsvorhaben und -verfahren offenlegen. Und wollen sie Menschen für ihre Ideen, Ziele oder Produkte gewinnen, so sollten sie sie zu überzeugen versuchen, anstatt sie latent zu überrumpeln. Bürger und Kunden sind herausgefordert, bevormundende Designs aufzuspüren und besonnen auf sie zu reagieren. Nudge-Auge sei wachsam! Nur wer seine Optionen kennt und weiß, was er will und nicht will, kann selbstbestimmt und ungestupst entscheiden.

 

© Gisela Schmalz

Recommended Citation/Empfohlene Zitierweise: Schmalz, Gisela: “Die Angriffe der Verhaltensdesigner auf Freiheit und Demokratie” (2019).  https://www.giselaschmalz.com/die-angriffe-der-verhaltensdesigner-auf-freiheit-und-demokratie/

Erschienen c/o CARTA.info: Gisela Schmalz: “Die Angriffe der Verhaltensdesigner auf Freiheit und Demokratie“ (2019)

Fear not! – Why AI Church?

by Gisela Schmalz

 

Somebody had to do it. Anthony Levandowski heard the call and followed it. In 2015 he founded a church that pays homage to the Goddess artificial intelligence. “Way of the Future” (WOTF) accompanies people when they soon have to give up control over themselves and their planet to artificial intelligence (AI). WOTF wants to make sure that the handover is peaceful and that the new bosses don’t destroy the old ones.

 

The non-profit religious corporation, however, has so far hardly shown any activities and no publicly confessing believers. The most striking events in church history took place in 2017. Two years after its foundation, the church received around 40,000 US dollars in grants and membership fees. It was granted tax-exempt status, and Levandowski enthroned himself irremovable WOTF Dean until his death according to WOTF bylaws. Coincidentally all of this happened in the same year in which Levandowski, a robotics engineer born in 1980, was fired from his profane job at Uber.

But good for the church that there is the Internet: The most important, because so far the only distinctive feature of “Way of the Future” is its website with the creed. It says that those who believe in WOTF believe -in science and -in progress, as well as -that intelligence is not biological, -that the creation of super intelligence is inevitable, and -that “everyone can help (and should)” to create it.

 

Humans United in support of AI, committed to peaceful transition to the precipice of consciousness.

 

Official WOTF documents state that the Church’s focus is on “the realization, acceptance, and worship of a Godhead based on artificial intelligence (AI) developed through computer hardware and software.” “We’re in the process of raising a god,” the Dean 2017 said in an Interview for Wired. The holy baby is fed large datasets to learn to improve itself through simulations. Everything the church breeds will be open source.” “I wanted a way for everybody to participate in this, to be able to shape it. If you’re not a software engineer, you can still help,” says Levandowski.

The bylaws disclose something different. According to them, WOTF is not drafted as a universal religion. You learn that the Church wants to promote the improvement of the environmental perception of self-learning robots. Dean Levandowski is one of the world’s leading experts in this field. Prior to his startup called WOTF, Levandowski founded several companies dealing with the autonomous driving. He sold two of them, -510 Systems and -Anthony’s Robots, to Google and -Otto, founded in 2016, to Uber, where he also worked for a while. He founded -ProntoAI in 2018 which is also dealing with driverless vehicles based on AI. So the fine print of the WOTF statutes show that the Church is not interested in any member, but rather in AI researchers. The Church seems to rather be a recruiting instrument than an invitation to pray. Without engineering talent, the church cannot fulfill its creed of raising a divine AI baby.

 

Lewandovski’s statements about the salvific future technology AI (“the gospel”) are tainted by some dystopian particles. “Change is good, even if a bit scary sometimes”, or  “it may be important for machines to see who is friendly to their cause and who is not,” it says on the WOTF website. Dean Lewandovski told Wired-journalist Mark Harris: “I don’t think it’s going to be friendly when the tables are turned.”

No church without Angst, the shrewd Dean might have thought. In the Wired-interview he mimics the reassuring, good shepherd: WOTF will “decrease fear of the unknown“, Lewandovski said.

Elon Musk might as well have started a church. But the CEO of Tesla and SpaceX opened a non-profit institute to tackle his fears of AI. He founded OpenAI in the same year as Anthony Lewandovski founded WOTF. In 2015, Musk started OpenAI to not only develop safe AI, but a safer AI than the one he is afraid of – or should we say he makes others afraid of?

 

The year before he founded OpenAI, Musk found drastic words to warn about AI: “AI is far more dangerous than nukes”, and “with artificial intelligence we’re summoning the demon”. Now an institute. But as little as WOTF is a people’s church, OpenAI is open to everyone. OpenAI is no longer even non-profit as it was in its early days. Meanwhile the institute is for-profit as well. Elon Musk has recruited AI specialists. He has poached the machine learning expert Ilya Sutskever from Google and hired other renowned AI researchers, since Elon Musk wants to be at the forefront of the AI race.

Techies love the devil (or God – depending on perspective). The biggest tech tycoons in the US and China are currently flirting like crazy with AI.

 

 

Microsoft, IBM, Amazon, Facebook, Apple, Google, Baidu, Tencent and Alibaba are competing to be the first to develop general artificial intelligence (AGI), AI that accomplishes similar but much more intelligent thought and action processes than humans. AGI can answer more and more precisely the most complicated scientific, economic, political and social questions in fractions of a second.

But why do Lewandovski and Musk, engineers from Silicon Valley, where rationality is fetishized, bring irrational concepts such as faith and fear into play? Are their fears appropriate? Why do others join the chorus of the anxious? Apple founder Steve Wozniak, Microsoft founder Bill Gates, the inventor of the World Wide Web Tim Berners-Lee and, shortly before his death, physicist Stephen Hawking also warn(ed) against the extinction of humanity by AI. But there is an opposite side. Tech journalists such as Kevin Kelly and Jaron Lanier refute the idea of a general artificial intelligence for the coming decades. Top AI researchers like Jeff Hawkins, Geoffrey Hinton (Google Brain) and Demis Hassabis (DeepMind) don’t believe that humans will soon be replaced by machines.

 

In 2016, Amazon, Facebook, Microsoft, IBM, Google and DeepMind founded “Partnership on Artificial Intelligence to Benefit People and Society”, or Partnership on AI, to appease the anxious and the ethics freaks within the AI scene and especially outside it. Apple, OpenAI and many other international institutions joined the club. The partnership wants to provide illumination and to promote a society-friendly AI. It does research and initiates discussions about AI. Nevertheless, the partnership remains toothless. Its efforts and written papers do not oblige AI companies to anything. Rather, Partnership on AI allows ethical and social aspects to be outsourced from the tech companies.

 

Google is also a member of this AI partnership. It is noticeable that two of the most prominent developers, who avoid to spread fears, Hinton and Hassabis, are from the Google camp. Their boss, Alphabet CEO Larry Page, who oversees the AI projects Google Brain and DeepMind, is also remarkably carefree about AI. That is why Elon Musk approached him at a party in Napa Valley in 2015. MIT professor Max Tegmark later reported on this. When Musk mentioned that digitalization could destroy everything important and valuable to mankind, Page dismissed this as AI paranoia. He labelled Musk’s fears as “speciesist”, morally discriminatory simply because something belongs to another species (in this case silicone). After all, Page opened an ethics commission at Google in the spring of 2019, but closed it only a week later. Alphabet´s CEO does business as usual. He remains silent when others argue lively or dead seriously about KI.

 

Elon Musk keeps on warning. He sounds like Dean Lewandovski when he calls for all people to be involved in the development of AI. “… the best defense against the misuse of AI is to empower as many people as possible to have AI. If everyone has AI powers, then there’s not any one person or a small set of individuals who can have AI superpower”, he said in 2015. In an interview for Vox in 2018, Elon Musk recommended a professional government committee to consult with the tech industry on how to guarantee “a safe advent of AI“. Musk wisely did not demand to regulate the AI sector. Nobody in the Valley would ever call for AI research regulation. Research is sacrosanct.

It is not quite clear what Elon Musk really is afraid of. Sometimes he sounds as if he was less worried about the impact of AI than about his competitors in this field – either from China or from his own valley, like Larry Page. Apparently Musk wants to prevent others (competitors) from having too much control over a technology that allows to play God or devil. It could be that Musk and Levandowski stir up fears to act as the good wise men from the land of the future. Perhaps they want to present their own companies as lighthouses in the fog of uncertainty, as the only trustworthy sources of potentially dangerous technologies. But perhaps they are actually afraid of what AI might become or do and therefore set up a church and a non-profit institute.

Whatever their motives, it is important that representatives from the tech sector are calling for an AI that is developed for people and not against them. But God and devil? Anyone who is serious about an AI for the people should not hide behind blown up metaphors. They should let the devil roam about his hell and God slumber in his heavenly four-poster bed.

 

If you tear away the mystifying veiling of tech prophets like Levandowski and Musk you will see what AI experts see: a broadly applicable, monetarizable technology that is neither good nor evil. The clouds of fear blown around the idea of AI are just as irritating as trivializing the use of AI. But it really gets disturbing when developers pretend their own technology sooner or later could slip out of their hands. It is irresponsible to hide behind the self-developed monstrosities as if they would be higher and potentially dangerous superpowers.

AI researchers and investors must accept their responsibility for the vast projects they are bringing forth. Instead of first telling horror stories and then spreading soothing sermons of salvation, they should explain what is happening in their laboratories. Silence à la Larry Page is not an option either. People need no fears, no religion, no promises of salvation and certainly no secrecy. They need sober and permanently updated information about the progress in AI research and new products based on AI. People should be asked what technologies they want. And they should get them.

 

 

© Gisela Schmalz

Recommended Citation: Schmalz, Gisela: “FEAR NOT! – Why AI Church?” (2019).  https://www.giselaschmalz.com/fear-not-why-ai-church/

German Version: Schmalz, Gisela: “FÜRCHTET EUCH NICHT! – Wozu eine KI-rche?” (2019). Gisela Schmalz. https://www.giselaschmalz.com/4211-2/

Published c/o CARTA.info: Gisela Schmalz: “Der Hype um und die Angst vor Künstlicher Intelligenz sind übertrieben“ (2019)

http://carta.info/der-hype-um-und-die-angst-vor-kuenstlicher-intelligenz-sind-uebertrieben/

 

Fürchtet Euch nicht! – Wozu eine KI-rche?

von Gisela Schmalz

 

Irgendjemand musste es machen. Anthony Levandowski hat den Ruf gehört und ist ihm gefolgt. 2015 hat er eine Kirche gegründet, die der Göttin Künstliche Intelligenz huldigt. »Way of the Future« (WOTF) begleitet die Menschen dabei, wenn sie alsbald die Kontrolle über sich und ihren Planeten an die Künstliche Intelligenz (KI) abgeben müssen. WOTF will dafür sorgen, dass die Übergabe friedlich verläuft und die neuen die alten Chefs nicht plattmachen.

 

 

Die amtlich gemeldete Religion weist aber bislang kaum Aktivitäten und öffentlich bekennende Gläubige auf. Die auffälligsten Ereignisse der Kirchengeschichte trugen sich 2017 zu. Zwei Jahre nach ihrer Gründung erhielt die Kirche rund 40.000 US-Dollar an Zuwendungen und Mitgliedsbeiträgen. Sie bekam den Status einer steuerbefreiten Kirche, und per Zusatzstatut erkor sich Levandowski zum WOTF-Dean auf Lebenszeit. Zufällig fällt all das in dasselbe Jahr, in dem der 1980 geborene Robotikingenieur Levandowski aus seiner profanen Tätigkeit bei der Firma Uber gefeuert wurde.

Aber gut, dass es das Internet gibt. Das wichtigste, weil bisher einzig markante Kennzeichen von »Way of the Future« ist die Website mit Glaubensbekenntnis und Anmeldeformular zur Mailingliste. Hier steht, dass wer an WOTF glaubt – an Wissenschaft und – an Fortschritt glaubt, sowie daran, –dass Intelligenz nicht biologischer Art ist, – dass die Entstehung einer Superintelligenz unausweichlich ist und – dass bei deren Kreation »jeder helfen kann (und soll)«. In offiziellen WOTF-Dokumenten heißt es, der Fokus der Kirche liege auf “der Realisierung, Akzeptanz und Wertschätzung einer Gottheit, die auf Künstlicher Intelligenz (KI) beruht, die mittels Computer-Hard- und –Software entwickelt wird.“ »Wir sind dabei einen Gott großzuziehen«, schwärmte der Dean 2017 in einem Wired-Interview. Das heilige Baby werde mit großen Datensätzen gefüttert, um über Simulationen zu lernen, sich selbst zu verbessern. Alles, was die Kirche heranzüchte, erfolge auf Open Source-Basis. »Ich wollte einen Weg dafür finden, hier jeden mit einzubeziehen, es jedem möglich machen, daran mitzugestalten. Auch wenn man kein Software-Ingenieur ist, kann man trotzdem mithelfen«, so Levandowski.

 

Humans United in support of AI, committed to peaceful transition to the precipice of consciousness.

 

Die Nebenstatuten verheißen etwas Anderes. Demnach ist WOTF nicht als Volksreligion konzipiert. Hier ist nachzulesen, die KI-rche wolle ganz konkret die verbesserte Umweltwahrnehmung selbstlernender Roboter vorantreiben. Auf diesem Gebiet ist Dean Levandowski einer der weltweit führenden Fachleute. Vor seinem KI-rchen-Startup gründete Levandowski bereits mehrere Firmen rund um das Thema autonomes Fahren. Zwei davon, -510 Systems und -Anthony’s Robots, verkaufte er an das Unternehmen Google, für das er auch das selbstfahrende Auto Waymo mitentwickelte. Sein 2016 gegründetes Unternehmen Otto verkaufte er an Uber, wo er auch eine Zeitlang arbeitete. -ProntoAI gründete er 2018 und ist wiederum dem fahrerlosen Fahren auf Basis KI-gesteuerter Roboter gewidmet. Die kleingedruckten WOTF-Statuten offenbaren also, dass die KI-rche nicht an jedem dahergelaufenen Mitglied interessiert ist, sondern vor allem an KI-Forschern. Die KI-rche wirkt eher wie ein Recruiting-Instrument als wie eine Gelegenheit zum Beten. Ohne Ingenieurtalente können der Dean und seine Kirche das Glaubensbekenntnis, ein göttliches KI-Baby großzuziehen, gar nicht erfüllen.

 

 

Unter Levandowskis froher Botschaft (»dem Gospel«) von der heilsbringenden Zukunftstechnologie KI scheppern allerdings einige dystopische Untertöne. »Veränderung ist gut, wenn auch manchmal etwas beunruhigend«, oder »es könnte für die Maschinen wichtig sein zu wissen, wer ihrem Anliegen gegenüber freundlich eingestellt ist und wer nicht«, steht auf der WOTF-Website. Dem Wired-Journalisten verriet Dean Levandowski: »Ich glaube nicht, dass es freundschaftlich dabei zugeht, wenn der Wechsel passiert«. Keine Kirche ohne Angst, wird sich der gewitzte Dean gedacht haben und mimt im Wired-Interview den beruhigenden, guten Hirten. WOTF werde, »die Angst vor dem Unbekannten verringern«.

Elon Musk hätte genauso gut eine Kirche gründen können. Doch der Tesla- und SpaceX-CEO eröffnete ein Non-Profit-Institut, um seiner Furcht vor KI Herr zu werden. Er gründete OpenAI im selben Jahr wie Anthony Levandowski seine KI-rche. 2015 trat Musk mit OpenAI dazu an, nicht nur sichere KI zu entwickeln, sondern sicherere KI als die, vor der er Angst hat – oder muss man sagen, vor der er Angst macht?

 

 

Im Jahr vor der Open-AI-Gründung hatte Musk bei einem MIT-Symposion mit drastischen Worten gewarnt: »Künstliche Intelligenz ist potentiell gefährlicher als die Atombombe«, und »mit Künstlicher Intelligenz rufen wir den Teufel herbei.« Nun also ein Institut. Doch so wenig WOTF eine Volkskirche ist, ist OpenAI für jeden und jede geöffnet. OpenAI ist nicht einmal mehr gemeinnützig wie noch zu Gründungszeiten. Längst arbeitet das Institut auch profitorientiert. Elon Musk hat KI- Spezialisten rekrutiert. Den Fachmann für Maschinelles Lernen Ilya Sutskever hat er von Google abgeworben. Das zeigt, er will ganz vorne im KI-Markt mitmischen.

Techies lieben den Teufel (oder Gott – je nach Perspektive). Musk bildet da keine Ausnahme. Die größten Tech-Tycoons in den USA und in China flirten derzeit mit KI, dass es knistert und blitzt.

 

 

Microsoft, IBM, Amazon, Facebook, Apple, Google, Baidu, Tencent und Alibaba stehen im Wettbewerb darum, wer die Generelle Künstliche Intelligenz (AGI) zuerst entwickelt. AGI, auch starke Künstliche Intelligenz genannt, kann dem Menschen ähnliche, aber viel intelligentere Denk- und Handlungsprozesse als er vollführen. AGI kann immer präziser komplizierteste naturwissenschaftliche, wirtschaftliche, politische oder gesellschaftliche Fragen in Bruchteilen von Sekunden beantworten.

Warum aber bringen Levandowski und Musk, Ingenieure aus dem Silicon Valley, wo Rationalität oberstes Gebot ist, irrationale Konzepte wie Glaube und Angst ins Spiel? Sind ihre Ängste angebracht? Und warum stimmen andere dasselbe Klagelied an? Auch der Apple-Gründer Steve Wozniak, der Microsoft-Gründer Bill Gates, der Erfinder des World Wide Web Tim Berners-Lee und kurz vor seinem Tod auch der Physiker Stephen Hawking warnen vor der Auslöschung der Menschheit durch KI. Doch es gibt auch eine Gegenseite. Zu den Entwarnern gehören Tech-Journalisten wie Kevin Kelly und Jaron Lanier. Sie schließen eine funktionsfähige Generelle Künstliche Intelligenz für die kommenden Jahrzehnte aus. Auch führende KI-Forscher wie Jeff Hawkins, Geoffrey Hinton von Google Brain und Demis Hassabis von Googles DeepMind glauben nicht daran, dass Menschen alsbald durch Maschinen ersetzt werden.

 

 

Um die Ängstlichen und die Ethikfetischisten innerhalb der KI-Szene und vor allem außerhalb zu beschwichtigen, gründeten Amazon, Facebook, Microsoft, IBM, Google und DeepMind 2016 das Konsortium »Partnership on Artificial Intelligence to Benefit People and Society«, kurz »Partnership on AI«. Später kamen Apple, OpenAI und viele andere als Mitglieder hinzu, darunter deutsche Einrichtungen wie das Fraunhofer Institut oder Zalando. Das Konsortium will für Aufklärung und eine gesellschaftsfreundliche KI sorgen. Hier wird geforscht, veröffentlicht und über gesellschaftsfreundliche Technologien debattiert. Trotzdem bleiben die Anstrengungen der Partnerschaft zahnlos. Sie verpflichten die KI-Betreibenden zu gar nichts. Die Institution erlaubt es vielmehr, ethisch-soziale Aspekte aus den Tech-Firmen auszulagern.

Auch Google ist Teil dieser KI-Partnerschaft. Es fällt auf, dass zwei der prominentesten Entwarner, Hinton und Hassabis, dem Google-Lager entstammen. Auffallend sorglos gibt sich auch ihr Boss Larry Page, der als Alphabet-CEO die KI-Projekte Google Brain und DeepMind betreut. Ihn hat sich Elon Musk deshalb 2015 bei einer Party im Napa Valley vorgeknöpft. Darüber berichtete später ein anwesender MIT-Professor. Als Musk anmahnte, die Digitalisierung könne alles, was Menschen wichtig und wertvoll sei, zunichtemachen, wies Page das als Panikmache zurück. Die Ängste von Musk bezeichnete er als »speciesist«, als moralisch diskriminierend, nur weil etwas einer anderen Spezies (in diesem Falle aus Silicon) angehöre. Immerhin eröffnete Larry Page im Frühjahr 2019 bei Google eine Ethikkommission, doch die schloss er schon in der Folgewoche wieder. Der Chef von Alphabet lässt forschen. Er geht seinen Geschäften nach und schweigt, wenn andere KI´ler laut streiten.

 

 

Elon Musk schlägt weiter Alarm. Er klingt wie KI-rchen-Dean Levandowski, wenn er fordert, alle Menschen in die KI-Entwicklung einzubeziehen. Gegen die Entstehung bösartiger KI helfe es, »möglichst viele Menschen zum Umgang mit KI zu befähigen. Wenn jeder Macht über KI hat, dann gibt es nicht nur eine Person oder eine kleine Gruppe von Individuen, die KI-Supermacht besitzen könnte«. 2018 sagte Elon Musk in einem Interview für Vox, er wünsche sich ein professionelles Regierungskomitee, das zusammen mit der Tech-Industrie darüber berät, wie eine sichere KI garantiert werden kann. Musk forderte wohlweislich nicht, dass der Bereich KI reguliert wird. Niemand im Valley fordert eine Regulierung für den Bereich Forschung. Die Forschung ist hier heilig und muss frei bleiben. Hätte Elon Musk nach Gesetzen gerufen, hätte er sich in hohem Bogen aus der Reihe der illustren KI-Spitzenleute herausgeschossen.

Es ist nicht ganz klar, wovor sich Elon Musk genau fürchtet. Doch aus seinen Predigten, anders als aus denen von Dean Levandowski, klingt hin und wieder heraus, dass ihn weniger die Angst vor KI plagt, als vielmehr die vor seinen Mitbewerbern – ob sie aus China oder dem eigenen Tal kommen, so wie Larry Page. Offenbar will Musk verhindern, dass jemand (von der Konkurrenz) zu viel Macht über eine Technologie besitzt, die es erlaubt, als Gott oder Teufel aufzutrumpfen. Es könnte sein, dass Musk und Levandowski Ängste schüren, um sich selbst als die guten Weisen aus dem Zukunftsland aufzuspielen.

Vielleicht wollen sie im Nebel der Verunsicherung ihre eigenen Firmen als Leuchttürme präsentieren, als einzig vertrauenswürdige Quellen potentiell gefährlicher Technologien. Vielleicht fürchten sie sich aber auch tatsächlich davor, was KI außer hartem Wettbewerb noch so auslösen könnte, und riefen deshalb eigens eine Kirche und ein Non-Profit-Institut ins Leben. Egal welche Motive sie antreiben, es ist gut, dass Leute aus dem Tech-Sektor eine KI fordern, die für Menschen, statt an den Menschen vorbei entwickelt wird. Aber Gott und Teufel? Wer es mit einer KI für das Volk ernst meint, sollte den Teufel gerade nicht an die Wand malen und auch Gott in seinem Himmelbett schlummern lassen.

Wer die mystifizierende Verschleierung von Tech-Propheten wie Levandowski und Musk wegreißt, sieht, was auch die Spezialisten in KI sehen: eine breitenwirksam einsetzbare, monetarisierbare Technologie, die weder gut noch böse ist. Wenn Wolken der Angst um KI herum verblasen werden, irritiert das genauso wie ein Verharmlosen des Einsatzes von KI. Ganz problematisch ist es aber, wenn Entwickler so tun, als entglitte ihnen demnächst ihre eigene Technologie. Es ist unverantwortlich, sich hinter den selbst entwickelten Monstrositäten zu verstecken als seien sie böse, höhere Mächte. Die Forschenden und ihre Finanziers müssen die Verantwortung für das große Projekt KI annehmen, das sie gerade in die Welt setzen. Statt erst Schauermärchen zu erzählen und dann mit Erlösungspredigten zu trösten, sollten sie darüber aufklären, was in ihren Labors passiert. Auch Schweigen à la Larry Page ist keine Option. Menschen brauchen keine Ängste, keine Religion und keine Heilsversprechen und schon gar keine Geheimniskrämerei. Sie brauchen nüchterne Aufklärung über Künstliche Intelligenz und ihre möglichen Folgen. Sie sollten gefragt werden, welche neuen Technologien sie haben wollen. Und diese sollen sie dann auch bekommen.

 

© Gisela Schmalz

Recommended Citation/Empfohlene Zitierweise: Schmalz, Gisela: “FÜRCHTET EUCH NICHT! – Wozu eine KI-rche?” (2019). Gisela Schmalz. https://www.giselaschmalz.com/4120-2/

English Version: Schmalz, Gisela: “FEAR NOT! – Why AI Church?” (2019).  https://www.giselaschmalz.com/fear-not-why-ai-church/

Erschienen c/o CARTA.info: Gisela Schmalz: “ Der Hype um und die Angst vor Künstlicher Intelligenz sind übertrieben“ (2019)

http://carta.info/der-hype-um-und-die-angst-vor-kuenstlicher-intelligenz-sind-uebertrieben/

Der Hype um und die Angst vor Künstlicher Intelligenz sind übertrieben

 

“Wer die Rechte an immateriellen Werten aufgibt, gibt als Nächstes die Rechte am eigenen Körper, inklusive Gehirn, auf.”

Interview von Sigrid Herrenbrück mit Prof. Dr. Gisela Schmalz, Professorin für Strategisches Management und Wirtschaftsethik, am

 

Prof. Dr. G. Schmalz (c) Joachim Gern

 

 

Frau Prof. Dr. Schmalz, Sie schreiben auf Ihrer Homepage, in der Urheberrechtsdebatte seien durch Aneinander-vorbei-Reden Fronten geschaffen worden, von denen vor allem eine dritte Partei profitiere, namentlich die Techkonzerne. Was ist aus Ihrer Sicht kommunikativ konkret falsch gelaufen?

Befürworter und Gegner der EU-Urheberrechtsreform verfolgten womöglich dasselbe Ziel, ein gerechtes, frei zugängliches Internet ohne Machtasymmetrie. Aber sie sprachen verschiedene Sprachen. Die Gesetzesgegner sprachen in Kurzformeln wie „Gegen Zensur!“ und „Für Freiheit!“. Und den Befürwortern der Urheberrechte gelang es nicht, den Nutzenden zu erklären, was am Urheberrecht sexy sein könnte. Die Zusammenhänge wurden und werden von Politikerinnen oder Urheberrechtlern selten so erklärt, dass Nutzende begreifen, welche Vorteile sie aus dem Gesetz ziehen, etwa Rechtssicherheit, Transparenz, der langfristige Erhalt hochwertiger, digitaler Inhalte und die Vielfalt an solchen Inhalten.

Wie würden Sie die Rolle der Medien dabei beschreiben?

Kreative, die sich mit Urheberrechten aus dem Tagesgeschäft auskennen, äußerten vor der Abstimmung über die EU-Urheberrechtsreform die fundiertesten und verständlichsten Erläuterungen und Meinungen. Zum Glück traten sie in den Medien auf.

Ein Blick in die Glaskugel, 2030: Glauben Sie, dass das Konzept des geistigen Eigentums im digitalen Zeitalter mittel- und langfristig weiter besteht?

Gute Frage… Datensammelnde Plattformbetreibende werden weiter versuchen, Urheberrechte international so zu vereinheitlichen, dass sie Transaktionskosten sparen. Sie werden Druck ausüben – auch mithilfe der Front der Nutzenden, die das geistige Eigentum für veraltet halten.

Gute Frage – aber auch eine erschreckende Frage. Wer die Rechte an immateriellen Werten aufgibt, gibt als Nächstes die Rechte am eigenen Körper, inklusive Gehirn, auf oder genauer: die Rechte an der eigenen Stimme, dem Gesichtsausdruck, den Organen, den Bewegungs-, Gesundheits- und Geninformationen. Vermutlich ist das vielen egal, wenn sie im Gegenzug dafür praktische Gratisdienste oder -spiele bekommen. Ich würde mein Gehirn nicht gegen so etwas tauschen.

Sie fassen auf Ihrer Website unter der Überschrift „Kompetenzen der Internetkompetenz“ Skills und Kenntnisse zusammen, die letztlich jede/r erwerben sollte, der oder die ein „Netz ohne Machtasymmetrien und mit fairen Regeln“ haben möchte. Nicht alle Menschen werden in der Lage sein, all diese zu erwerben. Gibt es eine Abkürzung?

Wieso sollten nicht alle Netzkompetenzen erwerben? Es geht gar nicht anders. Internet und neue Technologien durchdringen unsere Leben immer mehr. Jede und jeder sollte da gut präpariert sein.

Nutzende können sich bestimmte Fähigkeiten selbst beibringen, etwa Basiswissen, das, was ich „Werkzeugkompetenz“ nenne, also das praktische und theoretische Verständnis der aktuellen Technologien. Hard- und Software lernt man nur kennen, indem man sie verwendet, ihre Möglichkeiten testet und sich begleitend die sozialen, ethischen und ökonomischen Hintergründe anliest. Auch „Kreative Internetkompetenz“ kann sich nur aneignen, wer mit Technologien experimentiert und sie für sich spielen lässt, etwa indem man Code schreiben lernt.

Dieses aktive Lernen sollte theoretisch fundiert werden. Erziehungsberechtigte und Pädagogen sollten „Sozialkompetenz“ und „Kritikfähigkeit“ in Bezug auf neue Technologien vermitteln, um zwei weitere Kompetenzen aus meiner Liste zu nennen. Personen mit diesen Fähigkeiten werden Herkunft, Nutzung und Ziele neuer Technologien einschätzen und kritisieren können.

Das Feld der neuen Technologien ist hochkomplex. Es hüllt uns zunehmend ein, prägt immer mehr das, was wir denken, fühlen und tun. Es gibt keine Abkürzung, um diese Durchdringung zu begreifen. Kompetente Bürger entscheiden über ihre Zukunft in der technologisierten Welt. (Nur) Tech-kompetente Menschen können sich gegenüber programmierten Maschinen behaupten.

 

Mehr unter: Musikindustrie.de.

WER WILL WELCHES INTERNET?

Gut, dass vor der Entscheidung über die EU-Urheberrechtsreform am 26. März 2019 weit und breit debattiert wurde. Aber wie die Diskussionen geführt wurden, war befremdlich – in trocken sachlicher Bürokraten- und Juristensprache einerseits und mittels Rhetorik und Kurzformeln wie „Memes“, „Uploadfilter, „Zensur“, “censorship machine” und „link tax“ andererseits. Beidseitig, bei vielen Befürwortern und bei vielen Gegnern der Urheberrechtsreform in ganz Europa, fehlte offenbar das Interesse an den Argumenten der Gegenseite plus die nötige Sachkenntnis auf deren Feldern.

 

(Demonstration gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform, Köln, 2019-03-23, By Geolina163 – Own work, CC BY-SA 4.0)

 

Da wurden Chancen verpasst. Es könnte ja sein, dass die zwei Gruppen am Ende dasselbe wollten. Durch das Aneinander-vorbei-Reden oder –Agitieren wurden Fronten geschaffen, von denen vor allem eine dritte Partei profitiert – die aktuell das Internet definierenden und dominierenden, werbetreibenden Techkonzerne.

Da weiter diskutiert werden muss, um ein Netz von Nutzenden für Nutzende (wieder) zu reklamieren und (endlich) zu schaffen, gilt es, sachlich über sämtliche Aspekte der Digitalisierung aufzuklären.

Jeder und jede, die dazu beitragen will, ein zukünftiges Netz ohne Machtasymmetrien und mit fairen Regeln zu schaffen, sollte versuchen, die eigene Internetkompetenz weiter zu stärken. Internetkompetenz besteht m. E. aus mehreren Einzelkompetenzen. Aus aktuellem Anlass poste ich diesen Text aus dem Jahr … 2010 erneut:

 

Die Kompetenzen der Internetkompetenz

 

Oberholz, Berlin,
© gsc

 

 

 

 

 

 

 

  1. Werkzeugkompetenz: praktisches und theoretisches Verständnis der aktuellen digitalen Technologien, der Hard- und Software, um diese zielführend einzusetzen.
  2. Adaptionskompetenz: Fähigkeit, neue Soft- und Hardwaretechnologien zu verstehen, eine intelligente Auswahl zwischen ihnen zu treffen, mit ihnen umgehen zu erlernen und womöglich deren Weiterentwicklung zu betreiben.
  3. Quellenkompetenz: Einschätzungsvermögen der Güte von Format und Herkunft von Netzdaten sowie Wissen über den Zugang zu Quellen von Qualität.
  4. Sozialkompetenz: a) Verständnis der gesellschaftlichen Bedeutung digitaler Technologien und Inhalte, b) Verständnis sozialer Dynamiken im Netz und ihren Auswirkungen.
  5. Kritikfähigkeit: Distanz zu den neuen Technologien, um Qualität und Nichtqualität, Nutzen und Aufwand sowie Chancen und Risiken abwägen zu können.
  6. Ökonomische Kompetenz: Wissen über die ökonomischen Zusammenhänge im Netz, Einschätzung der Kosten digitaler Leistungen, Kenntnis von Geschäftsmodellen, Fähigkeit zu eigenem Wirtschaftshandeln.
  7. Ethische und rechtliche Kompetenz: Grundlagenwissen zu u. a. Menschenrechten, Urheberrechten, Wirtschaftsrechten und über Gesetzesentstehungsprozesse unter Einsatz neuer Technologien.
  8. Kreative Kompetenz: a) Anwendung technologischer, graphischer etc. Werkzeuge, um Ideen in digitale Form zu bringen, b) Fähigkeit zum Aufbau und zur Pflege kreativer Netzgemeinschaften, c) Kenntnis und Einschätzung der Onlinekontexte zur Einbettung eigener Werke, d) Geschäftsmodellierung.

 

Quelle:

Gisela Schmalz (2010): Wie nachhaltiges Digitales Wirtschaften gelingt. In: Burda, H./Döpfner M./Hombach, B./Rütters J. (Hg.): 2020 – Gedanken zur Zukunft des Internets. Essen: Klartext Verlagsgesellschaft. S. 97-103.

Vgl. auch:

Gisela Schmalz (2009). No Economy – Warum der Gratiswahn das Internet zerstört. Frankfurt am Main: Eichborn Verlag.

Hat Hitler schon als Kind mit Panzern gespielt?

Die Frage ist das Verlangen des Denkens.

(La question est le désir de la pensée.)

 

Maurice Blanchot (L´Entretien infini, 1969)

 

 

„War Hitler auch mal ein Kind,“ fragte der fünfjährige Johnny seine Mutter, die verblüfft „ja“ antwortete.  Seine Mutter wollte gerade zurückfragen, wieso ihr Sohn das wissen wollte. Da fragte er: „Hat Hitler schon als Kind mit Panzern gespielt?“

 

 

Stolz berichtete die Mutter, eine Freundin von mir, von den klugen Fragen ihres Sohnes. Zweifellos ist der kleine Johnny ein großer Fragensteller. Aber sind Kinderfragen etwas Besonderes? Kinder wandern doch alle neugierig forschend durch die Welt. Die Fragen scheinen ihnen nur so zuzufliegen.

Erwachsenen fliegt nichts zu, oder sie schnappen zugeflogene Fragen einfach nicht auf. Die wenigsten wagen sich an die großen Fragen des Lebens und halten sich auch im Alltag mit kleinen Fragen zurück. In der Welt der Erwachsenen gilt es als unhöflich, direkt zu fragen. Persönliche Fragen wirken aufdringlich. Zu fragen gilt als Eingeständnis von Schwäche, Unwissenheit oder sogar Dummheit. Daher tun viele Erwachsene so, als würden sie schon alles kennen. Sie beschränken ihre Fragen auf verkrüppelte Satzgebilde wie „Alles gut?“ oder auf Informationsabfragen wie „Bis wann haben sie meinen Stromanschluss repariert?“. Die letzte Frage könnte auch als Befehl ausgesprochen werden. Zu den Fragen, die eigentlich keine sind, gehören auch „Fragen“, die während Teamsitzungen oder nach Podiumsdiskussionen gestellt werden.

 

Sobald die Fragerunde eröffnet ist, nutzen Menschen die Gelegenheit dazu, (wie die Referierenden zuvor) Monologe zu halten. Diese sind oft mit Hinweisen auf ihre Position und ihr großes Wissen gespickt, aber enthalten oft gar keine Frage. Floskeln, Befehle und Selbstdarstellungen sind keine Fragen. Das sind Antworten, nach denen keiner gefragt hat.

Sogenannte Erwachsene klammern sich an Erfahrungswissen, Haltungen und Gewohnheiten. Sie leben in Strukturen und nach Konventionen. Sie kennen, wissen und meinen vieles und tun es häufig kund. In ihren Kosmen voller Eindeutigkeiten kommen kaum Fragen vor. Erwachsene fragen sich allenfalls, wozu sie fragen sollten, da sie doch Bescheid wissen. Sie zeigen sich nicht wissensdurstig wie Kinder und wie sie vermutlich als Kinder selbst einmal waren. Warum berauben sie sich der Chance zu fragen? Was ist im Verlauf ihres Erwachsenwerdens schief gelaufen? Wer hat ihnen das Fragen ausgetrieben? Wozu?

Wer ein klassisches Bildungssystem durchlaufen hat, wurde jedenfalls nicht gerade zum Fragen animiert. Ausbildungsstätten im Westen und Osten des Erdballs schulen vor allem Hirnareale, die für sprachliches, logisches und abstraktes Denken sowie für Routine, jedoch nicht für Kreativität, Emotionen und Spontaneität zuständig sind. In Schulen werden vorwiegend Antworten vermittelt und wie man mit ihnen umzugehen hat.

 

Ohne sie zu fragen und ohne dass ihre Fragen gefragt wären, trichtern Lehrende Kindern Definitionen, Daten, Zahlen und Fakten ein. Das beginnt in der Grundschule und hört an Berufs-, Fach- und Hochschulen (Bologna-System!) nicht auf. Dozierende verstopfen junge Gehirne mit Wissen. Sie lassen wenig Raum und Zeit für Denklücken und Fragen. Wird Wissen als Wahrheit deklariert und zu viel davon in zu kurzer Zeit eingeimpft, verdrängt man kindliche Impulse, sich eigene Gedanken zu machen und fremde zu hinterfragen. Dann erleben Lernende ihre Klassenräume und Lehrsäle nicht als Räume für Bewegungen, Spiele und Experimente ihres Denkens, sondern als Arena für Autoritäten, die die Freiräume in ihren Köpfen mit ihren Wahrheiten zukleistern. Anderen Wissen einzubläuen, das sich leicht abfragen und benoten lässt, ist natürlich bequemer als Fragen zuzulassen. Fragen könnten geplante Abläufe stören.

 

Eigensinnig Fragende lassen sich nicht so leicht gängeln wie angepasste Antwortgeber. Doch wozu überhaupt noch pures Wissen verfüttern, wenn Namen, Daten oder Rechenergebnisse jederzeit über das Internet abrufbar sind? Warum stuft man hoffnungsvolle junge Menschen auf das Niveau von Maschinen herab, wenn doch Maschinen schneller und mit höherer Wahrscheinlichkeit als Schüler korrekte Antworten ausspucken?

Womöglich glauben manche Pädagogen, sie würden den Nachwuchs mit möglichst hohen Wissensdosen auf das Leben vorbereiten. Doch ihre Verfütterungsmethode hilft jungen Menschen gerade nicht dabei, im Privat- und Berufsleben zu Recht zu kommen. Wer darin ausgebremst wird, der eigenen Intuition und Neugier zu folgen, Fragen zu formulieren, die Welt zu beobachten, eigene Schlüsse zu ziehen und ihr Leben kreativ zu gestalten, traut seinen Instinkten bald nicht mehr und wird dadurch tief verunsichert. Werden die originellen Ideen, eigenwilligen Meinungen und schlauen Fragen der Kinder nicht herausgekitzelt, lähmt man sie. Damit vergeudet die Gesellschaft wertvolles Potential. Rangiert auf Lehrplänen die Antwortvermittlung über der Ermunterung zum (Nach-)Fragen, lässt man genau die Talente verkümmern, die zur Bewältigung künftiger gesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher und ökologischer Herausforderungen nötig sind.

 

 

In einer hochdynamischen, vernetzten Welt voller Spannungen sind mehr Fragen als Antworten gefordert. Handlungs- und Arbeitsumgebungen werden immer stärker von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz geprägt. Menschen werden automatisierte Arbeitsprozesse aufsetzen, begleiten, korrigieren und auswerten müssen. Sie müssen mit Kollegen, Computern und Robotern kooperieren.

Zusammenhangswissen wird wichtiger. Menschen sind gefordert, vernetzt, antizipativ und strategisch zu denken und unter Druck Entscheidungen zu fällen. Sie sollten in die Lage versetzt werden, Abläufe und ihre Verzahnungen ganzheitlich zu betrachten sowie Fehler zu erkennen. Lernen sollten sie außerdem, das Ausmaß von Fehlern/Problemen abzuschätzen, und einüben, darauf spontan, kooperativ und kreativ zu reagieren. Computer entlasten von langwierigen Rechenprozessen, von repetitiven und monotonen Aufgaben sowie von Tätigkeiten, die höchste Konzentration und Präzision fordern. Roboter ersparen dem Menschen kräftezehrende Arbeiten, die den Körper verschleißen. Geht es jedoch um Situationsbewusstsein, Wachsamkeit, Kommunikation, Kooperation, Koordination, Erfindungsreichtum und  Entscheidungsfindung sind Menschen den Maschinen weit überlegen. Was Menschen weniger gut können, sollten sie Maschinen überlassen und was sie gut können, sollten sie in Zukunft noch besser können.

Bestärken Eltern und Lehrende die Impulse junger Menschen Fragen zu stellen, Probleme im Kontext zu sehen und zu problematisieren und daraufhin eigene Lösungswege zu finden, stärken sie das, was an ihnen menschlich ist.

 

Greta Thunberg (by Jan Ainali / Wiki Commons)

 

Vermitteln Ausbildungsstätten jungen Menschen außerdem analytische und kommunikative Fähigkeiten, flankiert von moralischen Werten, kann die ganze Gesellschaft davon profitieren.  Nur wenn genügend Spielraum für freies Denken bleibt, werden Kinder Fragen stellen.

Vielleicht werden sie nicht, so wie Johnny, nach Hitlers Spielzeugpanzern fragen. Aber womöglich fragen sie, warum ältere Leute jüngere Leute in den Krieg schicken oder warum Ältere das Klima verpesten, in das Jüngere hineinwachsen. Auf solche Fragen finden Erwachsene vermutlich, wie auf alles, Antworten. Doch was antworten sie auf die Frage eines Kindes: Warum stelle ich Fragen und ihr nicht?

 

© Gisela Schmalz

Recommended Citation/Empfohlene Zitierweise:

Schmalz, Gisela: “Hat Hitler Schon als Kind mit Panzern gespielt?” (2019). Gisela Schmalz. https://www.giselaschmalz.com/4120-2/

 

Auf der Suche nach dem Ich

© I. H. S. Das Bild ist nicht gestellt. Es zeigt einen verifizierten Käufer des Buches “Das kleine Buch der großen Fragen” von Gisela Schmalz. Es wurde Silvester, wenige, entscheidende Minuten vor Mitternacht, aufgenommen.

Fragen berühren

Fragende wissen, dass sie nichts wissen. Für sie ist die Welt eine Einladung, sie zu erforschen, ein Geheimnis, das aufzuspüren, wenn schon nicht zu lüften ist. Fragende kreisen ein, was ihnen begegnet, ohne es jemals wirklich erfassen zu können. Wer fragt, nutzt die Chance, hinter die Antworten zu gelangen, dahin, wo sich Möglichkeitsräume auftun, wo Dialog, Spiel oder Tanz beginnen kann – Begegnung. Wer Fragen stellt, ist bereit, sich von etwas oder jemandem berühren zu lassen.

 

Der Duden definiert „Frage“ als „Problem, zu erörterndes Thema, zu klärende Sache“ und als „fordernde Äußerung, mit der sich jemand an jemanden wendet“. Fragen erlauben eine Annäherung an die Welt und ihre Bewohner.

Wie geht es Dir? Wie heiß ist die Sonne? Wann geht die Welt unter? Liebst Du mich? Liebst Du Dich?

Fragen lösen etwas aus. Sie erlauben Tuchfühlung, aber kaum mehr. Statt sich plump anzueignen, was sie vorfinden, umkreisen sie es respektvoll. Fragende behaupten nichts. Sie kennen weder Richtig noch Falsch noch eindeutige Antworten.

Von Gewissheit wissen Fragende nichts. Sie nehmen diese zumindest nicht besonders ernst. Jede Antwort löst bei ihnen Verwunderung aus und mindestens eine neue Frage.

Fragenstellende nehmen Antworten und Wahrheiten aller Art zum Anlass, nachzuhaken. Ihr Lebensmodell ist ein ewiger Fragebogen. Fragen öffnen Welten und Menschen. Sie helfen gegen Beschränktheit. Sie befreien von pädagogischen, ideologischen, politischen oder technologischen Unmündigkeitsprogrammen. Sie ebnen den Weg aus der Verblendung. Fragen erlösen von Fremdbestimmung. Sie führen raus aus dem engen Antwortkosmos und aus der Monotonie der Monologe. Eine Frage schlägt eine Brücke zu anderem und zu anderen. Wer fragt, will die Einsamkeit durchbrechen und andocken. Wer fragt, interessiert sich, will erfahren, hervorlocken, sich austauschen und auseinandersetzen. Wer fragt, gewinnt nichts und doch alles.

 

Aus dem Vorwort von:

Gisela Schmalz (2018): Das kleine Buch der großen Fragen. München: Goldmann Verlag.

Fragen als Sprungbrett

Von allen Fragen steht die Frage nach dem Ich am Anfang. Sich selbst zu kennen, bildet die Voraussetzung zum Verständnis der Welt. So sahen das jedenfalls die weisen, alten Griechen. Die Inschrift am Eingang des Apollotempels in Delphi – „gnṓthi sautón“, „erkenne Dich selbst“ – aus dem 6. Jahrhundert vor Christus lasen die Philosophen der Antike als Aufforderung dazu, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Ihnen galt die Selbsterkenntnis als höchste Offenbarung, als Beginn der Weisheit. Nur wer sich selbst kenne, könne sinnvoll über sich und die Welt nachdenken.

 

Der griechische Dichter Pindar kam von der Selbsterkenntnis direkt zu einer praktischen Empfehlung. In seiner „Zweiten Pythischen Ode“ (um 490 v. Chr.) dichtete Pindar „genoio, hoios essi“, „werde, der du bist.“ Kombiniert man den Spruch von Delphi nun mit der Aufforderung Pindars, so erhält man eine Lebensmaxime. Sie lautet: Selbsterkenntnis führt zur Selbstwerdung. Um zu werden, wer man tief im Inneren ist, muss man zunächst einmal wissen, wer man ist.

„Wer bist Du?“ ist die große Anfangsfrage, aus der sich alles Weitere ergibt. Um sich kennenzulernen, kann der Mensch sich selbst befragen. Und hat er sich fragend selbst erforscht, kann er – selbstbewusst(er) – auf die Welt zugehen und diese befragen. Die Selbstbefragung dient als Sprungbrett in die Welt.

 

 

Wer sich und der Welt Fragen stellt, schafft es mit jeder Frage besser, sein Leben selbstbestimmt zu gestalten. Freiheit heißt, in Kenntnis seiner selbst auf die Welt zuzugehen und sie für sich zu erobern. Wer die Phase der Selbsterforschung jedoch überspringt, erlangt keine Einsicht in sein Ich und seine Wünsche. Wer keine eigenen Vorstellungen von seinem Leben und für sein Leben hat, droht fremdbestimmt zu werden. Wer keinen Plan hat, für den machen andere die Pläne.

 

Aus dem Vorwort von:

Gisela Schmalz (2018): Das kleine Buch der großen Fragen. München: Goldmann Verlag.

Ich frage, also bin ich menschlich

In allen Angelegenheiten ist es hin und wieder sinnvoll, ein Fragezeichen hinter Dinge zu setzen, die man schon lange für selbstverständlich hielt.

Bertrand Russell

 

Zu fragen ist gerade nicht besonders populär. Wir leben in einer Zeit der Antworten. Für alles gibt es Belege und Beweise. Zahlen, Daten und Fakten werden als Wahrheiten deklariert, und diese übernehmen wir in der Regel. Klare Antworten spenden ein Gefühl von Sicherheit. Außerdem sind sie stets verfügbar. Antworten, wohin man blickt und klickt. Personen, die Kompetenz ausstrahlen, Ausbilder, Lehrerinnen, Wissenschaftlerinnen, Politiker, Talkshowgäste oder Marketingfachleute präsentieren uns Antworten, statt uns in das sokratische Spiel der Fragen einzuführen.

Ob wir gefragt haben oder nicht – überall poppen Antworten auf. Vor allem digital erreichen sie uns, per Textnachricht, App, Website, Suchmaschine und über Smart Home immer öfter auch über Haushaltsgeräte wie zu heiße Lüfter oder zu leere Kühlschränke. Die vernetzten Maschinen wissen immer Bescheid.

Das Internet ist keine Frage-, sondern eine Antwortmaschine.

 

(…). Die Antworten sind stets schneller, weil die Maschinen unsere Fragen zunehmend besser antizipieren können. In einer hochdynamischen, komplexen Welt nehmen wir die hilfreichen digitalen Antworten dankbar an.

Dadurch verlernen wir es kleine, aber auch große Fragen zu stellen. Wir nehmen uns weniger Zeit dafür, sinnvolle Fragen und Fragen nach dem Sinn zu formulieren. Wir hören auf, Aussagen und Vorgänge kritisch zu hinterfragen.

Dabei ist Fragen menschlich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unsere Fähigkeit, Fragen zu stellen, unterscheidet uns von den antwortgebenden Maschinen. Fragen stehen jedem zur Verfügung und sind einfach zu bedienende Instrumente. Allerdings erfordert der Umgang damit ein wenig Übung und manchmal auch Mut. Das Fragen zu trainieren, hieße, das Denken, das immer auch ein Andersdenken ist, zu kultivieren.

(…).

Doch gerade in Krisenzeiten meiden Menschen die Herausforderungen. Statt zu fragen, halten sie sich lieber an bewährte Antworten. Sie scheuen sich davor, die bewährten Pfade zu verlassen. Vertraute Maximen und eingeübte Gepflogenheiten anzuzweifeln, würde sie nur noch mehr verunsichern. Doch gerade wenn es ungemütlich oder arg kompliziert wird, wäre es angebracht, nach den Ursachen für diesen Zustand zu forschen. Ein beunruhigender Status quo muss nicht nickend hingenommen werden. Im Gegenteil – in verfahrenen Situationen gilt es, zementierte Wahrheiten aufzubrechen.

Eine Fragerebellion lohnt sich. Sie bereitet mögliche Auswege und beherztes Handeln vor. Nur wer fragt, kann Neues anstoßen. Fragen ebnen den Weg ins Freie. Sie befreien. Freiheit heißt, in Kenntnis seiner selbst die Welt zu erobern und sich darin eigenständig und verantwortungsvoll zu bewegen.

 

Aus dem Vorwort von:

Gisela Schmalz (2018): Das kleine Buch der großen Fragen. München: Goldmann Verlag.

Viel Vergnügen mit 2000 Fragen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Das Buch kleine Buch der großen Fragen“ von Gisela Schmalz: 336 Seiten, farbig illustriert. Goldmann Verlag.

Rezension auf der Seite BOOKNERDS.DE :

“So einfach und veraltet das Konzept auch klingen mag, so effektiv und eindrucksvoll vermittelt selbst (oder gerade) die simpelste Frage die Kraft des Fragezeichens.”

(PDF-Version: Rezension – Booknerds.de Das kleine Buch der großen Fragen).

Weitere LESER/INNEN-STIMMEN sind hier zu finden.

– Das kleine Buch der großen Fragen –

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

“Das Buch kleine Buch der großen Fragen” beschreitet einen neuen Weg zur Selbsterkenntnis – mit 2000 Fragen, die mal unverblümt und direkt sind (»Wen belügst Du am meisten?«), aber auch poetisch (»Was wärst Du als Duft?«), verspielt (»Als was verkleidest Du Dich, damit Dich garantiert niemand wiedererkennt?«), lebenspraktisch (»Wie lautet Dein nächster aufregender Plan?«), hart (»Was wäre besser: Du würdest sterben – oder zehntausend andere Menschen würden sterben? «), politisch (»Wofür demonstrierst Du auf der Straße?«), philosophisch (»Gelangt man mit Liebe zur Wahrheit?«), sexy (»Was war Deine bisher schönste Verführungstaktik?«) oder radikal ehrlich (»Mit wem würdest du gerne eine Nacht verbringen, dann aber goodbye sagen?«).

Das Buch stellt Fragen zu allen möglichen und unmöglichen Lebensbereichen und Situationen. Fragen, die zur hemmungslosen Selbstumkreisung einladen, zum Pläneschmieden, zum Fantasieren, zum interessanteren Miteinander-Kommunizieren. Es enthält Fragen zu unseren Beziehungen zu anderen Menschen, Fragen, die uns selbst in Frage stellen – kurzum, Fragen die den Horizont erweitern und eine neue, frische Sicht auf die Welt ermöglichen.

»Die Fragen werden auch Dich führen, verführen, verwirren, verstören, verblüffen, anregen, aufregen und vielleicht sogar erregen«, verspricht die Autorin Gisela Schmalz. »Frage für Frage kannst Du Dich mehr in ihnen verlieren. Die Fragen lösen einen Sog aus. Sie können Dich süchtig machen, so dass Du gar nicht mehr aufhören willst, in Dich selbst hineinzuhören. Jede Frage wird Dich aufwühlen und mehr mitreißen. Du begibst Dich auf eine Achterbahnfahrt Deiner Gedanken und Gefühle, gehst also ein Wagnis ein. Sei auf ein Abenteuer mit Dir selbst gefasst, das wohl größte Abenteuer, das Du erleben kannst.«

 

“Das Buch kleine Buch der großen Fragen” von Gisela Schmalz: 336 Seiten, farbig illustriert.

Erscheinungstermin: 15. Oktober 2018 im Goldmann Verlag.

 


Gisela Schmalz: The Little Book of Big Questions

 

“The book Little Book of Big Questions” takes a new path to self-knowledge – with 2000 questions, of which some are blunt and direct (“Who do you lie to the most?”), others poetic (“What would you be as a fragrance?”), playful (“How would you dress up as so that nobody would recognize you?”), practical (“What is your next exciting plan?”), hard (“What would you prefer: You would die – or ten thousand other people would die? “), political (“What are you marching for or against?”), philosophical (“Can you achieve truth by love?”), sexy (“What was your loveliest seduction technique so far?”) or radically honest (“With whom would you like to spend a night, but then say goodbye?”).

The book asks questions about all possible and impossible aspects of life and situations… – questions that invite you to unrestrained self-circulation, to make plans, to fantasize, to communicate with each other in a more interesting way. It contains questions about our attitude towards the world , our relationships with other people and questions that question ourselves – in short, questions that broaden our horizons and provide a new, fresh view of the world.

“The questions will lead you, seduce you, confuse you, disturb you, amaze you, inspire you, excite you or maybe arouse you,” promises the author Gisela Schmalz, a professor of economics, who also studied philosophy. “Question after question you get more and more lost in them. The questions absorb you. They are addictive. You don’t want to stop searching into yourself and exploring yourself. Every question will stir you up and sweep you along. You´ll embark on a roller coaster ride of your thoughts and feelings. So take a risk. Be prepared for an adventure with yourself – probably the greatest adventure you can experience”.

 

Gisela Schmalz (2018): “Das Buch kleine Buch der großen Fragen”.

Original edition.

Paperback, with flaps, 336 pages, 12.5 x 18.7 cm, 4.9 x 7.4 in.
ISBN: 978-3-442-15971-0
€ 10.00 [D] | € 10.30 [A] | CHF 14.50 * (* rec. retail price)

Publishing House: Goldmann

Buchpremiere

 

“Wie gut kannst Du mit einer offenen Frage einschlafen?”

 

BUCHPREMIERE am  22.10.18 in Berlin

 

DAS KLEINE BUCH DER GROSSEN FRAGEN von Gisela Schmalz

(Illustriertes Taschenbuch, 336 Seiten, € 10,00, Goldmann Verlag München)

 

Photocredit: Henrik Jordan

 

Ort: Michelberger Hotel (Whiskey Raum), Warschauer Str. 39-40, 10243 Berlin.

S+U-Bahn: Warschauer Straße

https://www.tripadvisor.de/Hotel_Review-g187323-d1483628-Reviews-Michelberger_Hotel-Berlin.html

http://michelbergerhotel.com/de/events

 

Büchertisch: organisiert von Buchbox! Berlin.

Dank an: Michelberger Hotel und Goldmann Verlag. Mehr bei EVENT.

Whiskey Room, Michelberger Hotel

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“Was bedeutet Schönheit?”

Schönheit heißt für mich, zu sehen wie sich Dinge im Operndorf Afrika entwickeln, von einer Idee / einer Vision ausgehend, wie es sich dann in die Wirklichkeit bringt – das Operndorf Afrika war bis 2010 Vision, die ist es auch immer noch, aber wir haben das Projekt in den letzten Jahren in Burkina Faso entwickelt, eine Schule, eine Krankenstation gebaut, Büros, Künstlerhäuser, eine Kantine usw. Wir machen seit 2015 ein Künstleraustausch Programm im Operndorf.

Schönheit ist, wie Ideen konkret werden und wie jeder einzelne diese umsetzt, mitwirkt und weiterentwickelt.

 

 

(Aino Laberenz, Bühnenbildnerin und Kostümbildnerin, www.operndorf-afrika.com)

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Die Frage ist entnommen aus: „Das kleine Buch der großen Fragen“ von Gisela Schmalz (Goldmann Verlag, München, 2018, 336 Seiten).

Die Serie “Fragen an meine Freunde” entstand im Sommer 2018.

 

“Das kleine Buch der grossen Fragen” von Gisela Schmalz

 

“(Wie) Helfen Dir bei Deiner Arbeit Vorbilder?”

Quelle: http://epiloguewoman.de/wer-fragt-der-fuehrt/

Vorbilder waren als Kind Thomas Gottschalk, später Sarah Kuttner, immer wieder über die Jahre Barbara Schöneberger, in Sachen Umgang mit Menschen und Weltruhm Hugh Jackman, beim Thema „Geduld & Fleiß“ Clueso und für das eigene Bühnen-Soloprogramm Robin Williams. Ist eine ziemlich bunte Mischung….

Mittlerweile habe ich das Privileg einige Vorbilder innerhalb des Berufs persönlich getroffen zu haben. Diese Möglichkeit hilft auch noch mal enorm, um das eigene Schaffen zu erden. Die Feststellung, dass das Gegenüber ähnliche Bedürfnisse, Interessen oder gar Probleme im normalen Alltag hat und es letztlich „nur ein Job“ ist, rückt das große Ganze in ein weitaus humaneres, weniger „gottgleiches“ Licht.  

Bei mir verschwimmen Privatleben und Arbeit sehr häufig, so dass ich das Thema „Vorbilder bei der Arbeit“ wohl automatisch auf beide Lebensbereiche beziehe.

 

(Dominik Porschen, Moderator und Betreiber des YouTube-Kanals „Filmlounge“ mit ca. 85.000 Abonnenten)

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Die Frage ist entnommen aus: „Das kleine Buch der großen Fragen“ von Gisela Schmalz (Goldmann Verlag, München, 2018, 336 Seiten). Erscheinungstermin: 15.10.2018.

Die Serie “Fragen an meine Freunde” entstand im Sommer 2018.

 

“Das kleine Buch der grossen Fragen” von Gisela Schmalz

 

Die gefährliche Schönheit der Fragen

I Fragen sind kleine Kraftwerke. Oft kürzer als Antworten haben sie die Anmutung von Haikus. Fragen mögen harmlos wirken, können aber Entscheidendes auslösen, Verheerendes („Wollt ihr den totalen Krieg?“) genauso wie Verblüffendes („Wie verläuft der Seeweg nach Indien?“), Trennendes („Liebst Du mich?“) genauso wie Verbindendes („Liebst Du mich?“)…

 

II  Fragen dienen der Wahrheitsfindung. Wer fragt, will in der Regel nicht belogen oder mit Fake News oder Olds abgespeist werden. Fragende wollen (etwas) wissen. Gerade in Situationen und Zeiten, in denen postfaktisch herumbehauptet und -gelogen wird, müssen Fragen formuliert werden. Sie müssen Schönrednern, Phantastinnen, Lügnern ebenso wie Wahrheitsverliebten gestellt werden – und sei es nur, um zu zeigen, dass mit unbelegten, unbegründeten, selbstbeweihräuchernden Stories oder Antworten niemand durchkommt.

Vic Sage aka Question

 

III Wer fragt, kann andere Leute auf Mängel, Probleme oder Veränderungsbedarf stoßen, sie dadurch beunruhigen und verängstigen, aber auch aufrütteln und zum (Er)Finden kreativer Lösungen, die in Handlungen münden, anregen.

 

IV  Wer fragt, rebelliert. Wer andere mit Fragen zum Weiterfragen anstiftet, zettelt eine Fragerevolution an. Fragen bilden die Voraussetzung für Veränderung/en, für eine Revolution der Tat/en.

 

 

V Fragen sind Antworten überlegen. Sie öffnen, statt zu schließen. Sie beginnen etwas, statt etwas zu beenden. Das signalisert auch das suchend-geschlängelte Symbol am Ende einer Frage, im Unterschied zum definitiv-stockartigen Strich am Schluss eines Ausrufs.

Ist ein kurviges Fragezeichen nicht reizvoller als ein verstocktes Ausrufezeichen?

Ist eine Frage nicht verlockender eine Antwort?


2000 Fragen in: DAS KLEINE BUCH DER GROSSEN FRAGEN von Gisela Schmalz (Goldmann Verlag, München).


© Gisela Schmalz

Empfohlene Zitierweise: Schmalz, Gisela: “Wozu Fragen?” (2018). Gisela Schmalz. https://www.giselaschmalz.com/wozu-fragen/

Nothing as Seductive

by Gisela Schmalz

 

The absence of presence is a tool of seduction. Used by artists it can boost their fame. It can also become quite dangerous – not for the audience, rather for the dealers or buyers who could lose money, but especially for the artists themselves. To withdraw their artwork or themselves from public view may lead to solitude, inner peace or premature death. However, in the case of Laurie Parsons it paved the way for a journey from rags to riches and half way back again. When the New York gallerist Lorence-Monk sent out the invitations for Laurie Parsons´ third solo exhibition in May 1990, the card listed only the gallery´s name and address. It did not indicate the artist´s name or the exhibition dates. Any potential viewer visiting the address on West Broadway that spring found the gallery empty. The gallery space was at least freshly painted.

  (Yves Klein, IKB 191, 1962)

(Yves Klein, 1001 ballons bleus, 1957/Reconstitution: 2007)

 

While Yves Klein had already presented an empty, white painted space in Paris in 1958 (known as “The Void”), Parsons went further. She not only erased all evidence of her non-exhibition from the invitation, she also eliminated it from her CV. The year before Parsons had installed her mixed media work “troubled,” consisting of items collected from the streets — a suitcase, a noose, a log, a coil of rope, charcoal and more — on the floor of the same gallery she later left empty. Years later, the 1959-born American artist explained why she decided to not present and to not be present in 1990. “I felt it essential that I consider the gallery itself, rather than continue to unquestioningly use it as a context. With its physical space and intricate social organization, it is as real, and as meaningful, as the artwork it houses and markets.” Although Laurie Parsons did reasonably well as an artist, she refused to understand the value of a career in the art world. When German collector Alfred Greisinger bought “troubled” she was bewildered at the large sum he paid for it. She confided in her friend Bob Nickas “Art must spread into other realms, into spirituality arid social giving” (sic., Artforum, 2003). This was no mere talk. Laurie Parsons left the art business to become a social worker, caring primarily for mentally disabled people. She also became a diary writer: since 1994 Parsons has collected words instead of objects and has no intention of publishing them.

Cady Noland´s collages, sculptures, installations deal with what she calls “The American Nightmare”. The 1956 born US-artist´s works expose how violence is woven into the structure of society. The artist uses stories and images of American celebrities to examine subjects such as masculinity, psychopathological behavior and torture. Beyond that she shows a high interest in sociology and social analysis.

 

(Cady Noland, 1989)

 

After Sotheby’s sold her work “Oozewald” (1989) for $ 6.6 million (then highest price paid for an artwork by a living woman) Noland “disavowed” another of her aluminum prints, “Cowboys Milking” (1990). Sotheby’s could not sell it at auction in 2012. After disavowing that work, Noland herself pulled away from the art world in 1999 and appears to have stopped making art ever since. Laurie Parsons´ and Cady Noland’s departures echo a comparable move made 30 years earlier by the German artist Charlotte Posenenske. Born in 1930, Posenenske worked with objects, produced paintings, paper works, and sculptures. A well-established artist in the 1960s, she decided to sell her works for only the cost of their materials. Additionally, she decided to manufacture no “individual pieces for individuals” (Art International, 1968), but rather in series and in unlimited editions in an attempt to discourage economic speculation. After 1968 on Posenenske no longer worked as an artist. She received a degree in sociology and devoted the rest of her life to social projects until her death in 1985.

There seems to be more to the departures of Posenenske, Parsons and Noland than their dissatisfaction with the art industry. It might be an indisposition towards a male dominated, ego and money driven system, a more general averseness or a personal anxiety that prompted them to leave. Whatever their motives where or are, their acts of vanishing are radical acts. They demonstrate reluctance to being put in a box with a price tag on it, and a resistance against designation and interpretation. Their retreats express a desire to be and to do something non-descript and non-describable, to be a private person and accomplish something more meaningful. The void they left behind (maybe the art market was a void before) is their ticket to freedom. Public nonexistence frees the artist and her work from the constraints of a material(istic) world and the responsibilities that come with it. It leads into something wide open.

Lutz Bacher, the 1943 born female American artist who disguises her gender, illustrated the lightness of emptiness via her work “The Celestial Handbook“ (2011). It consists of 85 framed pages, cut from a book by an amateur astronomer published in 1966. The black and white offset illustrations show comets, star clusters and other cosmic formations. One image is captioned with “Splendor of the Heavens”. All images show space, that, two-dimensional and framed, is in fact no space. While still being present, Bacher refuses to show herself publicly. Her male name is part of her concealing game.

What do artists add when they subtract their work or themselves from the art market? They cause rumors, which stirs up curiosity, which increases their market value. Available artworks by non-available artists are highly coveted. Hard to track artists like David Hammons and Trisha Donnelly are very successful artists. Prosperity doesn’t explain it. What did Christopher D’Arcangelo (1955-1979) achieve apart from his institutional critique? In the 1970s the New York-based artist annoyed authorities by his ad hoc performances such as chaining himself to the door of a museum hiding the key to the chain´s lock. The explanation for these acts could be found on the artist´s back. “When I state that I am an anarchist I must also state that I am not an anarchist to be in keeping with the (…) definition of anarchism.” D’Arcangelo´s actions and the statements written on his skin with the word anarchy stenciled upside down may seem playful, childlike. They weren´t. D’Arcangelo was dead serious. His contribution to a group exhibition in 1978 at “Artists Space” comprised “Four Texts for Artists Space”, four pages attached to the gallery´s walls with critical notes on the modus operandi of the gallery. The artist refused to have his name on any flyer or other promotional material, the invitation included. In 1979 Christopher D’Arcangelo committed suicide. The notion of absence from the artists´ space culminates in the self-effacement of the artist.

D’Arcangelo´s death remains unresolved. His father, renowned artist Allan D’Arcangelo tucked away all evidence of his son´s life and death until his own death in 1998. The short appearance and sudden disappearance of D’Arcangelo fuel speculation. His suicide might be read as an anarchic act of eliminating the artist – as the artist, by the artist. It could also be seen as his rebellion against an overbearing father figure. Not only D’Arcangelo had a parent in the arts. Cady Noland´s father is a painter; Laurie Parsons´ mother is a gallerist. Did these three not only rebuff their parents, but everything they signify? The various forms of their dematerialization could be reactions to patriarchy, authority and tradition in general. Parsons, Noland, D´Arcangelo and other “escape artists” seem to have fled the spotlight to evade the demands of a phallic presence and image cultivation. In evaporating they shifted the focus from themselves to their (non-)acts and the (non-)sense behind this immateriality. No artist. No work. Vacancy is also a kind of content. The phenomenon of a prominent figure who says “no” to a world of “yes” is appealing to the left-behind. They yearn for more of their “no”.

In “Tell Them I Said No” (Sternberg Press, 2017) the art critic Martin Herbert, investigates. His illuminating book includes essays on Laurie Parsons, Cady Noland, Christopher D’Arcangelo, Trisha Donnelly and others. Literature has its own blank spots, namely Ambrose Pierce, B. Traven, J. D. Salinger and Thomas Pynchon.

 

Two films deal with the shape shifting of the artist. One is a musician, the other an actor. In the musical drama “I’m Not There” (2007) Bob Dylan is impersonated by six different actors. Each depicts a facet of the artist. “I’m Still Here” (2010) is a pseudo-documentary about an actor determined to retire. Joaquin Phoenix, played by Joaquin Phoenix, tells everyone he’d give up acting to pursue a career as a rapper. Everyone is baffled.

Artists come and go. An artist who wants to leave a noticeable void though has to have been there. He or she has to have been noticeable before the vanishing. The void is seductive.

 

 

 

Appeared (slightly modified) in:

Gisela Schmalz (2018): Nothing as Seductive. London: Picpus Press – Editors: Charles Asprey & Simon Grant. June 2018/Art Basel.

 

Recommended Citation:

Schmalz, Gisela: “Nothing as Seductive” (2018). Gisela Schmalz. https://www.giselaschmalz.com/nothing-as-secuctive/

 

 

Fragen zu lösen, ist eine gemeinsame Arbeit. (Joseph Beuys)

 

Ausschnitt aus dem Film  “400 m IFF” (1969) von Lutz Mommartz.

 

Joseph Beuys war einer der größeren Fragesteller unter den Künstlern. In seinen Werken, Reden, Schriften und Aktionen widmete er sich den Sinnfragen. Vor allem fragte er danach, welche Rolle der Kunst und den Künstler/inne/n in der Industriegesellschaft zukommen könnte. Er fragte auch, wie eine bessere Gesellschaft aussehen könnte. Seine Fragen veranlassten ihn dazu, sich politisch zu engagieren. 1979 kandidierte er für das Europaparlament als Direktkandidat für „Die Grünen“, und er war 1980 beim Gründungsparteitag der „Grünen“ dabei.  Doch lange hielt Beuys es unter den Politikerinnen und Politikern nicht aus – und diese nicht mit ihm.

Die Fragen von Joseph Beuys müssen ziemlich dringlich gewesen sein, dass er sich freiwillig von der Kunst in die Politik begab. Doch dieses Heraustreten zu (großen Gruppen von) Menschen war sein Programm. Die Fragen der Menschen interessierten ihn.

 

Wer bist Du?

https://i1.wp.com/www.randomhouse.de/content/edition/covervoila_hires/Schmalz_GDas_kleine_Buch_der_grossen_Fr_188982.jpg?resize=463%2C693&ssl=1

 

Wir leben in einer Welt, die immer schneller und komplexer wird. Pausenlos werden Antworten über uns ausgeschüttet, nach denen wir oft gar nicht gefragt haben. Die Kunst des Fragens und Zuhörens scheint an Bedeutung zu verlieren – dabei sind es gerade die Fragen, die Brücken zwischen Menschen schlagen. Fragen lassen eine Offenheit und Vertrautheit zu, die eine Antwort nie erlauben würde.

Was ist dein dunkelstes Geheimnis? Was ist dein hellstes Geheimnis? Wann bist du zu dir selbst ehrlich und wann nicht? Mit wem würdest du gerne eine Nacht verbringen, dann aber goodbye sagen?

Gisela Schmalz hat rund 2000 inspirierende Fragen gesammelt – über uns selbst, über unsere Beziehungen zu anderen und über uns in der Welt.

 

ORIGINALAUSGABE

Taschenbuch, Klappenbroschur, 336 Seiten, 12,5 x 18,7 cm
farbig illustriert

ISBN: 978-3-442-15971-0

ca. € 10,00 [D] | ca. € 10,30 [A] | ca. CHF 13,90* (* empfohlener Verkaufspreis)

Verlag: Goldmann Verlag München

 

ERSCHEINUNGSTERMIN
15.10.2018

 

BUCH UND E-BOOK

Bücher.de oder Thalia oder Amazon oder Fnac.com oder in der analogen Lieblingsbuchhandlung.

 

 

Gisela Schmalz 

Gisela Schmalz studierte Philosophie und Wirtschaftswissenschaften. Sie arbeitete als Schauspielerin, Filmvermarkterin, Filmkritikerin, Wissenschaftsjournalistin und Strategieberaterin. Als Professorin lehrt sie Strategisches Management und Wirtschaftsethik.

Sie schreibt Sachbücher und interessiert sich für Fragen der Zeit und für das Fragen selbst. Mütterlicherseits ist sie verwandt mit Ernst von Salomon, dem Verfasser von „Der Fragebogen“.

 

 

KONTAKT

 

Goldmann Verlag

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Barbara Henning

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Who are you ?

Extraits du film “Qui” (1970) de Leonard Keigel. Musique: Claude Bolling.

Gruppennarzissmus

“When all think alike, then no one is thinking.”
Walter Lippmann

 

 

Das Projekt „Ich“ der narzisstischen Gesellschaft entpuppt sich als Sackgasse: Ein schwaches Selbst erfährt auch durch strikte Selbstkontrolle keine Stärkung. Der delphische Spruch „erkenne dich selbst“ und Pindars Satz „werde, der du bist“ haben das Individuum nicht weitergebracht. Die freie Selbstverwirklichung ist keine. Die Verheißung der Freiheit, alles haben und sein zu können, hat den Einzelnen unfrei gemacht.

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Die Marketingindustrie hat die Freiheit für ihre Zwecke instrumentalisiert. Ihre Opfer sind alle, die Werbeversprechen à la „just do it“ (NIKE, 1987) gefolgt sind. In „The Malaise of Modernity“ von 1991 bemerkte der kanadische Philosoph Charles Taylor, der „Individualismus der Selbstverwirklichung“ mache blind für Probleme jenseits des Selbst. Menschen fehle das moralische Fundament, um Werturteile zu fällen. Tatsächlich kann Subjektivismus in einen Werterelativismus münden. Auch wird er zur Belastung, weil er zur Vereinzelung und zu Beziehungsstörungen führt. Einzelgänger mit fragilem Wertegerüst sind nicht fähig, ihre Freiheit selbstbestimmt zu nutzen und ihr Leben aktiv zu gestalten. Sie suchen Orientierung und Halt außerhalb ihrer selbst – und werden verführbar.

Der Narziss des 21. Jahrhunderts begnügt sich nicht länger mit Selbstbespiegelung. Er will raus. Er will mehr als bloß Bild und Hirngespinst für sich und andere sein. Er will sich spüren, einen Körper haben und die Wärme der Gruppe empfinden. Der Schritt hinaus ist eine Bewegung zu Anderen und zu etwas Anderem, zum Konkreten, zum Physischen. Das Individuum will nicht länger einsam sein. Es schließt sich Weggefährten an, die ihm Sinn und Bestätigung verschaffen und nebenbei sein schwaches Selbstbild aufpäppeln.

 

1024px-HK_Causeway_Bay_Kai_Chiu_Road_3_male_model_outdoor_photography_Haysan_Place_fans_Aug-2012 Von Natalitiameom CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

 

 

 

Models Araceli_Angielle_Jimenez Von Instinc models CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei ihrer Orientierungssuche folgen die Erben der narzisstischen Gesellschaft größtenteils nicht der Leitidee der Kommunitaristen. Sie organisieren sich nicht, um auf Basis gemeinschaftlicher Werte „das Gute“ in die Welt zu bringen. Es bricht kein Zeitalter des Gemeinsinns an. Dazu sitzen die Vereinzelungserfahrungen, das Misstrauen gegenüber anderen und die Verantwortungsscheu zu tief. Die kulturelle Prägung der narzisstischen Wirtschaftsgesellschaft lässt sich nicht so einfach abstreifen. Das Talent, sich zu nährenden Gemeinschaften zusammenzuschließen, fällt nicht vom Himmel.
Verunsichert über ihre Position im komplizierten Weltgefüge werden Einzelne vielmehr anfällig für Gruppen mit ausgeprägtem Image und eindrucksvollen Führungspersönlichkeiten. Moralisch haltlose Individuen sind bereit, ihre alte gegen eine neue Form von Fremdbestimmung einzutauschen. Ihnen fehlt die Unterscheidungsfähigkeit zwischen guten und schlechten Gruppen. Also orientieren sie sich an der Popularität des Angebots. Cool, tough oder moralisch überlegen wirkende Gemeinschaften sind besonders attraktiv. Da wollen sie dazugehören. Doch wer sich aus einer Ohnmacht heraus einer vom Gruppennarzissmus erfassten Gemeinschaft anschließt, begibt sich in Gefahr. Ein schwaches Individuum bleibt auch hier schwach und wird oft weiter geschwächt. Das liegt an der Mechanik des Gruppennarzissmus.

Army Les_'Aito_du_511_ème_régiment_du_train By Sebdicam, Sébastien Joly -CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

Hier überlagern kollektive Gefühle von Sicherheit, Stärke und Gruppenstolz das individuelle Ohnmachtsempfinden. Der und die Einzelne lassen sich von den Gefühlen und Meinungen der Gruppe mitreißen und betäuben. Im Kreis der Anderen erleben sie sich als mächtig. Doch tiefsitzende Ängste bleiben. Die Gruppe wird übermächtig, das Individuum von ihr abhängig und manipulierbar. Gruppennarzissmus vernebelt das Denken. Er unterminiert die rationale Wahrnehmung und Kritikfähigkeit des Einzelnen. Das Individuum übernimmt die Wahrheiten der Gruppe. Es unterliegt einer neuen Fremdbestimmung.
Der 24-jährige Hauptschüler Nils D. war schon mit 15 Vater geworden und flüchtete sich in Drogen und Alkohol. Dann schloss er sich der Salafistengemeinschaft in seinem Heimatort Dinslaken an. Mit seiner neuen Clique „Lohberger Brigade“, reiste er nach Syrien, um hier für die Terrororganisation IS zu kämpfen. Im Netz postete Nils D. martialische Fotos von sich und seiner Brigade. Die Bilder zeigen, dass Nils D. sein Losergefühl gegen den gefährlichen Gruppennarzissmus beim IS eingetauscht hat.

 

Was bedeutet Gruppennarzissmus? Wie wirkt er? Gruppennarzissmus ist die irrationale Überzeugung von der Großartigkeit der Gruppe, der man selbst angehört. Was beim individuellen Narzissmus die überzogene Selbstliebe ist, stellt beim Gruppennarzissmus die übertriebene Liebe zur Gruppe dar. Im Kollektiv entsteht ein moralisches Überlegenheitsgefühl, das jedes Mitglied ansteckt. Gruppenteilnehmende glauben daran, dass die eigene Gruppe besser, wichtiger oder mächtiger als andere Gruppen sei. Sie fühlen sich als Avantgarde und wollen die Außenwelt davon in Kenntnis setzen. Gruppennarzissmus motiviert jedes Mitglied zur Hingabe an die Gruppe. Wenn aber der innere Gruppenzusammenhalt fragil ist, bedarf die Gruppe der Stärkung von außen – über gemeinsame Symbole und Slogans oder aber über ein gemeinsames Feindbild. Die Aufwertung der eigenen Gruppe geht oft mit der Abwertung anderer einher.

 

Verschiedene Porträtaufnahmen von Charakterköpfen, gesammelt im Rassepolitischen Amt der NSDAP
Verschiedene Porträtaufnahmen von Charakterköpfen, gesammelt im Rassepolitischen Amt der NSDAP

 

Gruppennarzissmus schürt Aggressionen gegen Dritte. Er kann zum Wettbewerb mit anderen Mannschaften, Unternehmen oder Marken führen, aber auch zur Feindschaft gegenüber anderen Parteien oder Bevölkerungsgruppen. In der Gruppe verstärken sich alle Eigenschaften des individuellen Narzissmus. Stärker werden positive Gefühle wie Begeisterung und auch negative Gefühle wie Hass. Der narzisstische Drang zur Außendarstellung kann zu Werbezwecken dienen, etwa wenn ein Unternehmen neues Personal sucht. Er kann aber auch in aggressive Propaganda gegen andere Gruppen umschlagen.

Gruppennarzissmus kann überall ausbrechen – in Parteien, in Unternehmen, in Vereinen, in Glaubensgemeinschaften, in Universitäten, in Forschungsgruppen, in Künstlervereinigungen, in Sportmannschaften oder beim Militär. Er kann temporär auflodern und dann nachlassen oder langfristig bestehen.

 

 

 

 

Erich_Fromm_1974 Müller-May, Rainer Funk, via Wikimedia CommonsDer Begriff Gruppennarzissmus (auch kollektiver oder sozialer Narzissmus) wurde dennoch bislang kaum beleuchtet. Den Begriff „collective narcissism“ führte Erich Fromm 1973 ein. In „The Anatomy of Human Destructiveness“ betrachtete der Sozialpsychologe den Gruppennarzissmus im Zusammenhang mit der übersteigerten Liebe zur eigenen Nation. Leider entging ihm dabei der Unterschied zwischen Gruppennarzissmus und Ethnozentrismus. Fromm argumentierte aus seiner Erfahrung des deutschen Faschismus heraus. „Gruppennarzissmus ist eine der wichtigsten Ursachen für menschliche Aggression,“ schrieb Fromm. Er nannte den Gruppennarzissmus „semipathologisch“ und erkannte im Gruppennarzissmus den Nährboden für destruktive Kräfte.

 

Zum echten Problem werde Gruppennarzissmus, sobald „zwei narzisstische Gruppen in Konflikt geraten.“ Tatsächlich neigen Gruppennarzissten dazu, sich Feinde zu suchen. Ein starkes Feindbild stärkt den Zusammenhalt der eigenen Gruppe. Belege dafür liefern die  Dinslakener Salafisten, die NSU um Beate Zschäpe, die RAF oder die Weathermen. Problematisch beim destruktiven Gruppennarzissmus ist die Manipulation der Meinung und der Gefühle der Mitglieder durch die Gruppe. Todd Strassers Roman „The Wave“ von 1981 und seine Verfilmungen behandeln das Gruppenexperiment in einer Schulklasse. Ein Lehrer beeinflusst seine Schüler, bis sie unter Selbstverleugnung nur noch als Gruppenmitglieder fühlen, denken und handeln. Der Versuch setzt einen brutalen Gruppennarzissmus frei. Er bringt Schüler dazu, die Gruppe mit Gewalt gegen Außenseiter zu verteidigen.

 

Der westliche Kapitalismus eröffnete Freiräume. Er lieferte den Menschen jedoch keine brauchbaren Instrumente dafür mit, um mit dieser Freiheit sinnvoll umzugehen. Parallel zur Ausweitung des Liberalismus erodierten alte Verlässlichkeiten. Glaube, Heimat, Ehe, Familie oder ein fester Arbeitsplatz sind keine Selbstverständlichkeit mehr. Wenn Individuen eine existentielle Verunsicherung erleben und von Zukunftsängsten geplagt sind, zeigt das auch das Versagen von Wirtschafts-, Sozial- und Bildungspolitik.

 

Die hochkomplexe, hochdynamische Weltwirtschaft überfordert die Menschen. Ein fehlendes Wertefundament und fehlende äußere Sicherheiten brachten in der Zeit des Ausatmens nach dem Zweiten Weltkrieg verunsicherte und konsumfixierte Einzelgänger hervor. Den Mangel an Vertrauen in ihre Mitmenschen und in eine sie tragende Gesellschaft kompensierten sie mit narzisstischer Selbstoptimierung. Wer dabei nicht depressiv wird, wird aggressiv und sucht sich aggressive Kumpanen. Die vermeintlich starke Gruppe dient dazu, die individuelle Ohnmacht zu betäuben.
In Gesellschaften, aus denen Bürger ausbrechen, um sich radikalen Gruppen in West oder Ost anzuschließen, erblüht ein neuer Narzissmus, der Narzissmus der Gruppe. Sobald destruktiver Gruppennarzissmus seine Blüten treiben kann, stehen die Errungenschaften der Zivilisation und die Werte der Aufklärung zur Disposition.

Die Ursachen für destruktiven Gruppennarzissmus liegen beim Individuum und in der Gesellschaft. Problemlösungen müssen bei der Wechselwirkung von Individuum und Gesellschaft ansetzen. Freiheit verlangt jedem Einzelnen ein hohes Maß an Integrität ab. Mit Freiheit umzugehen, erfordert ethisches Urteilsvermögen, kritisches Denken, Eigenverantwortlichkeit, Empathie, Selbstvertrauen und Mut. Solche Fähigkeiten lassen sich nicht einsam vor dem Spiegel oder am Tablet erlernen. Sie müssen mit anderen eingeübt werden – im Idealfall in einer Umgebung, die annähernd multikulturell wie die globale Welt strukturiert ist.
Integration gelingt nur zwischen Menschen, die einander respektieren. Gruppenbildungen und Streitereien sind dabei wichtige Faktoren. Doch nicht der Kampf gegeneinander, sondern der demokratische Austausch zwischen Einzelnen und zwischen Gruppen garantiert Frieden und Freiheit. Damit ein Krieg zwischen Gruppen wie im Nahen Osten nicht auch den Westen erfasst, müssen die Wurzeln für destruktiven Gruppennarzissmus erkannt und gekappt werden.

 

© Gisela Schmalz

2.8.2016

National Business Parkway Clique

In June 2013 it was revealed to the public that the NSA runs two far-reaching spy programs named Boundless Informant and PRISM (Planning Tool for Resource Integration, Synchronization and Management). Shortly before an ex-freelancer for the technology consulting firm Booz Allen Hamilton, Edward Snowdon, had informed journalists of the British newspaper The Guardian about the US´s most clandestine operations.

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… American private companies, such as the Boeing subsidiary Narus, firms like CSC, Logicon or Palantir, supply the national intelligence services with technologies. Like Booz Allen Hamilton these companies also support the government spying actions and make a fortune with it.

Palantir Technologies Inc. was cofounded in 2004 by early Facebook investor Peter Thiel. Thiel is also a cofounder of PayPal which makes him a member of the so called PayPal Mafia. This clique includes by now prominent and rich Silicon Valley business men such as Elon Musk (SpaceX, Tesla), Reid Hoffman (LinkedIn) or Max Levchin (Slide, Yelp).

Thiel´s company Palantir develops security and financial software and distributes it to the authorities, to intelligence services or companies from the financial sector. Palantir Technologies is headquartered in Palo Alto, where Thiel´s payment service PayPal was also founded. Palantir´s division Palantir Government creates analysis tools for US authorities that deal with counter-terrorism. It develops so-called link analysis software that could also be interesting for the NSA.

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(…)

On a road in Maryland, with much apropos called National Business Parkway, many technology, engineering and IT companies have settled close to the headquarters of the NSA – Booz Allen Hamilton, BAE Systems and the civil and military aircraft manufacturer The Boeing Company included.

Those responsible in the US intelligence agencies, the US military and the US private sector are geographically and also personally close – thanks to revolving doors that are twirling and twirling. From 1992 to 1996 Admiral John Michael McConnell was Director of the NSA. During the administration of George W. Bush, son of the former US president and former Carlyle consultant George H. W. Bush, Admiral McConnell, was the Director of National Intelligence (DNI). From 2007 to 2009 he supervised all US intelligence agencies.

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In 2009, the admiral took a new job. He supervised the business section named “National Security” at Booz Allen Hamilton, Snowdon´employer. The change of personnel between the public security and the military sector on the one hand and the private IT sector on the other hand brings forth a new remarkable concentration of power.

This concentration has its in roots in cliquishness – which is the topic of the book Clique Economy – The power of networks: Goldman Sachs, the Church, Google, the Mafia…” by Gisela Schmalz.

Download full Exposé: Clique Economy – Exposé, Excerpt by G. Schmalz

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Starke Beziehungen – schwer zu finden

Netzwerke der Macht bieten mannigfaltige Ansätze zur Recherche. In ihrem Buch “Cliquenwirtschaft – Die Macht der Netzwerke” vergleicht die Wirtschaftswissenschaftlerin Gisela Schmalz vier globale Netzwerke: Goldman Sachs, die katholische Kirche, Google und die Mafia.

Während “weak ties”, schwache soziale Beziehungen, in Onlinenetzwerken leicht zu finden und nachzuvollziehen sind, lassen sich die relevanten “strong ties”, die starken Verbindungen z. B. zwischen gesellschaftsschädigenden Cliquenwirtschaftlern, nur finden, wenn man sich in solche Cliquen hinein oder ganz in deren Nähe begibt – … und darüber berichtet, ohne sich dabei korrumpieren zu lassen.

“Strong ties” sind kaum oder gar nicht über Daten und Datenjournalismus aufspürbar, so Gisela Schmalz. Bei der Jahreskonferenz 2015 der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche am 3. Juli in Hamburg stellte Gisela Schmalz die zentralen Thesen ihres Buches vor und diskutierte darüber mit Investigativ- und Datenjournalisten.

Stream hier.

cliquenwirtschaft-schmalz-diskussion-7-2015

Marco Maas, Julian Schmidli, Petra Sorge (Moderation), Prof. Dr. Gisela Schmalz, Frederik Obermaier

Netzwerke der Macht

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Gisela Schmalz vergleicht in ihrem Buch “Cliquenwirtschaft – Die Macht der Netzwerke” vier globale Netzwerke: Goldman Sachs, die katholische Kirche, Google und die Mafia.

Diese Netzwerke der Macht bieten mannigfaltige Ansätze zur Recherche.

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Am 4. Juli 2015 bei der Jahreskonferenz von “netzwerk recherche” beim NDR Fernsehen in Hamburg stellt Gisela Schmalz die zentralen Thesen ihres Buches vor.

Drei Journalisten berichten im Anschluss aus ihrem Arbeitsalltag und diskutieren mit der Moderatorin Petra Sorge (Cicero) und Gisela Schmalz die Notwendigkeit, solche Strukturen zu untersuchen und darüber zu berichten.

Veranstaltungstitel: Netzwerke der Macht – Wie Datenjournalismus den Schleier lüften kann

High Context – Low Context

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The American anthropologist Edward T. Hall (1914-2009) developed the concept of “social cohesion”. One of his less known social theories involves the distinction between “high context culture” and “low context culture”. Hall observes a difference between Southern and Eastern cultures/nations on one hand and Northern and Western cultures/nations on the other hand when it gets to bonding.

Within regions that exhibit high context cultures – regions in the South and in the East of this planet- businesses are likely to be structured via cliques or families. The chapters about the Catholic Church and about the Sizilian Mafia in Gisela Schmalz´s book: Cliquenwirtschaft (October 2014) document that Hall is quite right about Southern Europe. Thanks to tight and long-term personal relationships businesses in Italy do flourish – or not.

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Bankencliquenwirtschaft

Gorillageschäfte

“If we get this right today“, sagt er mit stechendem Blick ins Mikrofon. Seine Zunge schnellt in den linken Mundwinkel. „I hope we’ll squeeze some of those shorts.” Das Wort “squeeze” zieht er in die Länge. Mit “squeeze” meint er “auspressen”, mit “shorts” meint er “shortseller”, Leerverkäufer. Nach kurzem Lacher fährt er fort, “and squeeze ’em hard. ” Er fängt an zu schreien, “not that I wanna hurt ’em, don’t get that please, cause that’s just not who I am.” Die Stimme wird weich, “I am soft, I am loveable.” Die Zunge schnellt in den rechten Mundwinkel. “But what I really wanna do is, I wanna reach in, rip out their heart .“ Gebleachte Zähne blitzen auf, „and eat it, before they die.” Mit leerem Blick starrt der Redner ins Publikum. Das lacht kurz auf, zögert und applaudiert dann seinem Chef.

Siehe hier.

Richard S. Fuld, Chairman und CEO von Lehman Brothers, trat 1969 mit 23 Jahren als Wertpapierhändler in der Firma ein. Er holte seinen M.B.A.-Abschluss feierabends nach und arbeitete sich zielstrebig an die Spitze. Seit seiner Ernennung zum Lehman-CEO im Jahr 1994 galt er als einer der mächtigsten Männer der internationalen Finanzwelt. In dieser Welt respektierte man Richard Fuld, auch Dick genannt, für seine erfolgreichen Deals und auch dafür, dass er die Firma durch zwei schwere Krisen geboxt hatte. Unter seiner Leitung meisterte die Bank die Liquiditätskrise im Jahr 1998 und drei Jahre später, beim Anschlag auf das World Trade Center, auch die Zerstörung der Zentrale sowie des Daten- und Rechenzentrums ohne große Blessuren. Wegen seiner plumpen, aber effektiven Art trug Fuld auch den Namen Gorilla. Der gefiel ihm. In einem seltenen Anfall von Selbstironie hatte er einen ausgestopften Gorilla in sein Büro gestellt.

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Fuld hatte Bewunderer, es gab Leute, die gerne gehabt hätten, was er hatte, Geld, Ruhm und Macht. Die Claqueure im Saal, die Fulds interner Rede im Jahr 2007 lauschten, meist Männer, wenige Frauen, richteten sich an Fuld aus. Fulds Untergebene, wie er selbst mit mathematischer Intelligenz begabt und von Ehrgeiz und Zockerlust angetrieben, waren Finanzjongleure wie er, seinesgleichen.

Nach Fulds Vorbild und wie alle anderen Banker in New York, London, Frankfurt oder Tokyo kämpfen sich Jungbanker in der Unternehmenshierarchie nach oben. Sie laufen dahin, wo am schnellsten das meiste Geld zu verdienen ist, zu Investmentbanken, zu Börsenparketts, den Zahlen, den anderen Männern, um sich hier im Wettbewerb zu messen, um zu steigern, was zählbar ist, Geld, Ruhm und Macht, um mehr zu ergattern als der Rest. Banker genießen es, in klarem Rahmen nach klaren Regeln zu kämpfen – unter sich zu sein. Nicht wenige von ihnen halten sich für Eliten oder Masters of the Universe.

Das Szenario lässt etwas von der homoerotischen Stimmung erahnen, die auf den Fluren von Investmentbanken herrscht und die Branche für manche attraktiv zu machen scheint. Banker orientieren sich an Kollegen, die professioneller, reicher, schneller und schlauer sind als sie selbst. Sie versuchen ihnen ähnlich oder zumindest nahe zu sein. Sie wollen die Besseren übertrumpfen, da der Triumph wiederum andere, jüngere Männer anzieht, die sich am Anfang ihrer Karriere freiwillig instrumentalisieren lassen. Diese Erotik des Vergleichens und Angleichens befeuert das Bankenspiel, in das sich überwiegend Männer täglich voller Lust hineinwerfen. Erfolge und Misserfolge schlagen sich unmittelbar in Kennzahlen, Größe und Gewicht des Firmennetzwerks nieder sowie in der Vergabe von Jobtiteln.

Die grundsätzliche Banalität des eigenen Lebensentwurfs blenden die meisten von ihnen aus. Denn was macht ein Banker anderes, als sich in eine Hierarchie einzuklinken, eine ausgetretene Karriereleiter aufzusteigen und einem Herdentrieb mit dem eindimensionalen Ziel namens Gewinn zu folgen. Banker wollen es übersichtlich, die Kontrolle wahren, Jahresbelohnungen und Respekt ernten. Sie agieren im Sinne des Firmenzwecks und mehren tatsächliches oder fiktives Kapital.

Dazu wenden sie die immergleichen Siegerstrategien an und konzipieren als Highlights hin und wieder bis zur Unverständlichkeit komplexe Finanzprodukte, um höhere Einnahmen aus mehr Quellen zu saugen und dafür Anerkennungspunkte aus der Clique sowie Boni einzuheimsen. Dabei passiert es schon mal, dass um Energie und um Nahrungsmittel spekuliert wird oder um Hypothekenkredite für eher ungern gesehene, wenig begüterte Kunden. Man nimmt in Kauf, dass solche Deals die Preise für Normalverbraucher in die Höhe treiben und Kunden in die Armut stürzen können – so gesehen in der Finanzkrise um 2007/8. Über Gerechtigkeit oder Ressourcenerhalt nachzudenken, erscheint dem Normalbanker als Ressourcenverschwendung. Solche Gedanken kosten Zeit, die Geld bedeutet, und machen sein Leben unnötig kompliziert.

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Die Finanzkrise um 2008 war immerhin für die breite Bankenoutsider-Öffentlichkeit ein Augenöffner. Die meisten Großbanker kniffen die Augen zusammen. Sie saßen die Krise aus und nahmen alsbald ihre bekannte Jagd nach dem Profit wieder auf. Ein paar von ihnen waren auch während der Krise höchst aktiv, operierten mit Produktinnovationen oder nutzten Gesetzeslücken aus und verdienten an der Krise. Ihre Gewinnspiele betreiben internationale Investmentbanker nach der Krise weiterhin, da bis auf Basel III kaum ordnungspolitische Schlussfolgerungen gezogen wurden. Die Blender der Finanzwelt durften Ausblender bleiben. Manch einer hielt sich sogar damals für heldenhaft, obwohl die Krise ihn persönlich traf.

Die weltweit agierende New Yorker Investmentbank Lehman Brothers beschäftigte im Jahr 2007 rund 28.600 Angestellte. Sie alle unterstanden Dick Gorilla Fuld, der sich mit schlecht bewerteten Hypothekenkrediten verzockt hatte, was dazu führte, dass seine Institution 2008 insolvent war. Dick Fuld stand plötzlich ohne Job, ohne Claquere und ohne Lebenssinn da. Sein Korsett, das ihn stützte, seit er 23 Jahre alt war, brach weg. Dabei hat Fuld sich als „Lehman lifer”, als lebenslänglichen Lehman, gesehen. Trotz seines Falls konnte Fuld sich damals dennoch des Rückhalts der internationalen Investmentbankerszene sicher sein.

Die Jungs von Morgan Stanley, JP Morgan Chase, Goldman Sachs und Co. schützen Banker mit Insiderwissen. Schließlich brauchen sie sein Know How, seine Kontakte und seinen Unterhaltungswert. Sie wollen dabei sein, nicht nur zusehen, sondern davon profitieren, wenn ein solcher Gorilla wieder loslegt, Geld für sich und sie erzockt und frische Herzen schreddert. Vor allem aber brauchen die Co-Banker das Schweigen eines Insiders. Keiner von der Wall Street will einen Imageschaden erleiden. Heute verdingt sich Gorilla Fuld wieder als Finanzberater in New York. Seine Anwesen und Autos hat er behalten, und er kann nun öfter als zuvor segeln gehen. Immerhin krönte Condé Nast Portfolio ihn 2009 zum schlechtesten US-CEO aller Zeiten.

Goldmen spielen Götter

Goldman Sachs galt Fuld als langjährige Benchmark für seine Bank Lehman Brothers. Immer wieder versuchte Fuld mit Lehman den obersten Platz in der Bankenbestenliste zu ergattern. Doch Goldman Sachs besiegte Lehman regelmäßig und meist auch die übrigen Konkurrenzbanken. Gemäß des Bloomberg-Rankings der globalen Investmentbanken nimmt Goldman Sachs beim Stichwort Gesamtvergütung regelmäßig vordere Plätze ein, im Umfeld von Morgan Stanley, JP Morgan Chase, Bank of Amerika Merrill Lynch oder der Deutschen Bank.

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Goldman Sachs-Banker sind hochprofessionell wie ihre Konkurrenten, doch scheinen sie smarter als der Rest der Bankenclique zu taktieren. Zum Beispiel setzte die Firma vor und während der Finanzkrise nicht nur auf den Verkauf von Hypothekenkreditpapieren, wie etwa Lehman. Auch wettete man nicht nur gegen diese Papiere. Goldman Sachs begab sich auf die Metaebene und jonglierte mit beiden Geschäftsmodellen. Die Bank trat als Makler zwischen den Parteien auf, die entweder die einen oder die anderen Papiere wollten, und strich vor allen anderen Bankern ganz entspannt, sofort und krisensicher Provisionen ein.

Goldman kassierte ab, als die ganze Welt die Auswirkungen der Kreditausfällle zu spüren bekam. Die Bank schien unantastbar während und blieb so gut wie unangetastet nach der Krise. Trotz einiger Einschnitte während der Krisenzeit verzeichnete Goldman Sachs schon im Geschäftsjahr 2011 wieder 28,8 Milliarden US-Dollar an Umsatz und 2,5 Milliarden US-Dollar an Gewinn. Goldman hat von allen Investmentbanken die Finanzkrise wohl am besten bewältigt.

Dick Gorilla Fuld fehlte das, was die CEOs von Goldman Sachs so erfolgreich machte: die hervorragenden Kontakte zur Politik und die Originalität. Fuld besaß nicht das Potential, über gegebene Strukturen und Grenzen hinaus unorthodoxe Verknüpfungen herzustellen und über Bilanzziele hinausreichende Pläne zu entwickeln. Außerdem bewies er im Umgang mit Menschen wenig Talent. Er trat im Firmeninnern als Machtfigur und nach außen eher wie ein Underdog auf. Er machte sich Feinde, er polarisierte. Mangels Brillanz und mangels diplomatischen Geschicks erhielt er keinen Zugang zu den wahrhaft entscheidenden Leuten. Fuld gelang es nicht, aus seiner Firma eine Bank mit Systemrelevanz zu machen, die aus der Finanzkrise als zu bestätigender Machtfaktor hervor gegangen wäre.

Die Traditionsbank Goldman Sachs, 1869, neunzehn Jahre nach Lehman Brothers gegründet, rekrutiert das allerbeste Personal und schult es zielführend. Goldman-Angestellte sind geistig agile Personen, die ihre Bankenscheuklappen ablegen und auch synthetisierend, anstatt rein analytisch denken können. Offenbar setzen sie außerdem ihre Ziele höher und werfen ihre Netze weiter aus, als Fuld und andere Gorillas sich vorstellen können. Goldmen haben ausgeprägte Egos und Chuzpe. Sie halten sich nicht für Gorillas, sondern für Götter.

Im November 2011 erklärte der Goldman-CEO Lloyd Blankfein einem Journalisten, seine Bank verrichte “God’s work”. Die meisten wunderten sich, ärgerten sich oder machten darüber Witze.

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Doch Blankfein lag mit seiner Einschätzung nicht völlig daneben, zumindest was die irdische Welt der Wirtschaft und zunehmend auch die der Politik angeht. Damals sagte der Kleinanleger Alessio Rastani, der im Herbst 2011 im BBC-Interview vorgaukelte, als Arbitragehändler und Spekulant Handel auf Finanzmärkten zu betreiben, im Herbst 2011 gegenüber der BBC: “Most traders don’t really care about fixing the economy. If you know what to do, if you have the right plan set up, you can make a lot of money from this [recession] (…). This is not a time right now for wishful thinking that governments are going to sort things out. Governments don’t rule the world. Goldman Sachs rules the world.” Auch Rastanis Aussage war nicht ganz falsch. Sie wurde daher 2011 vielfach von der Presse zitiert, bevor bekannt wurde, dass sie von einem falschen Fachmann kam.

In der US-Politik ist es der Normalfall, bei Spitzenvertretern aus der Wirtschaft Rat zu suchen oder Schlüsselfiguren zu rekrutieren. George W. Bush ernannte Hank Paulson 2006 zum US-Finanzminister. Paulsen ist davor CEO von Goldman Sachs gewesen. In seiner neuen Funktion als “United States Secretary of the Treasury” hatte Banker Paulson im September 2008 über das Leben und Sterben amerikanischer Finanzinstitutionen und somit über globale Wirtschaftsnetze zu entscheiden. Zusammen mit dem Präsidenten des Federal Reserve Board Ben Bernanke und dem damaligen Präsidenten der Federal Reserve Bank of New York, Timothy F. Geithner, war Paulson dafür verantwortlich, dass Dick Fuld für Lehman Brothers kein Rettungsgeld vom Staat bekam.

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Die 2008 aufgrund zu hoher Investments im Subprimesektor tief verschuldete Bank Lehman Brothers sterben zu lassen, wird Paulson nicht leicht gefallen sein. Allzu viele Unwägbarkeiten waren im Spiel. Keiner konnte die Auswirkungen der Lehman-Insolvenz auf die Bankenwelt und auf die Weltwirtschaft voraussehen. Paulsons Entscheidung würde das Wohlergehen der Weltbevölkerung beeinflussen, doch inwieweit, war unklar. Am Tag vor der schwersten Wirtschaftskrise seit dem 2. Weltkrieg, am 15. September 2008, hielt US-Finanzminister Paulson nicht bloß die wirtschaftliche Zukunft des eigenen Landes, sondern die der ganzen Welt in der Hand. Ob er wollte oder nicht, Hank Paulson musste Gott (für die Wirtschaftswelt) spielen.
In solchen Momenten geht die Firmenphilosophie von Goldman Sachs auf. Ein Goldman sitzt im Cockpit, hört sich den Rat von Kollegen und Konkurrenten an, bestimmt jedoch letztlich allein Flughöhe und Flugrichtung.

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Finanzweltbewegendes strebt auch der EZB-Präsident Mario Draghi an. Als am 14 Januar 2015 der Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof (EuGH), Pedro Cruz Villalón, verkündete, die Notenbanker dürften unter bestimmten Bedingungen Staatsanleihen kaufen, wird Draghi sich gefreut haben. Schließlich fordert er seit geraumer Zeit grünes Licht für Staatsanleihekäufe, um darüber die Euro-Zone zu stärken. Auch Finanzfachmann Draghi ist ehemaliger Mitarbeiter der renommierten Goldman Sachs Group.

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Mehr darüber im Buch von Gisela Schmalz: “Cliquenwirtschaft. Die Macht der Netzwerke: Goldman Sachs, Kirche, Google, Mafia & Co.” Kösel Verlag, 336 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-466-34595-3.

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Dunkle Seiten der Cliquenwirtschaft

von Georg Ehring, Deutschlandfunk

zum Buch von Gisela Schmalz: “Cliquenwirtschaft. Die Macht der Netzwerke: Goldman Sachs, Kirche, Google, Mafia & Co.” Kösel Verlag, 336 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-466-34595-3.

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(dpa/Oliver Berg)

Netzwerke dienen der Pflege von persönlichen und beruflichen Kontakten. Dabei geht es um gegenseitige Unterstützung und Kooperation – oder um Seilschaften und Klüngeln. Der Schritt zur Vetternwirtschaft oder gar kriminellen Machenschaften scheint da nicht allzu groß. Die Ökonomin Gisela Schmalz hat sich mit der Macht von Netzwerken auseinandergesetzt.

Was haben das Bankhaus Goldman Sachs, die Katholische Kirche, Google und die Mafia gemeinsam? An der Spitze steht jeweils eine kleine Clique eng miteinander verbundener Personen, und das ist kein Zufall – solche Kleingruppen sind sogar entscheidend für Erfolg oder Misserfolg von Firmen, Vereinen und sogar Weltkonzernen. Zu diesem Ergebnis ist die Kölner Wirtschaftsprofessorin Gisela Schmalz gekommen. Herrschaftsstrukturen, die seit Jahrhunderten funktionieren, bestimmen ihrer Ansicht nach auch heute unsere Welt. Doch nicht nur das: Oft wirtschaften kleine Cliquen vorbei an Recht, Gesetz sowie am eigentlichen Zweck der Organisation in die eigene Tasche. Wie funktionieren solche Gruppen? Wem nutzen und wem schaden sie? Wie kann der Leser sie durchschauen und für sich nutzen? Und nicht zuletzt: Wie bilde ich meine eigene Clique? Um solche Fragen geht es in dem Buch. Ohne Definitionen geht es freilich nicht:

“Cliquenwirtschaft ist die mehr oder weniger gezielte Nutzung von Freundschaften und Bekanntschaften zu bestimmten Zwecken. Sie entsteht, sobald Menschen einen Rat, Arbeit, Geld, Ruhm, Einfluss oder etwas anderes haben wollen und sich daher an einen überschaubaren Kreis von vertrauten Personen wenden, denen sie im Gegenzug etwas zurückgeben.”

Die optimale Clique hat genau sechs Mitglieder – das hat der Internet-Konzern Google ausgerechnet. Gisela Schmalz hat diese Zahl nicht überrascht.

“Weil wir Familienstrukturen alle kennen, neigen wir dazu, uns so was wieder im Freundeskreis zu suchen und vielleicht eben auch im Arbeitskontext. Das können wir gerade noch so bewältigen. Wir fühlen uns da geborgen und gleichzeitig auch motiviert und deswegen ist das eine ganz gute Größe.”

Mit dem Blick einer Ökonomin

Schmalz nähert sich ihrem Thema mit dem Blick einer Ökonomin und sie fragt: Wie zahlt sich Cliquenwirtschaft in Euro und Cent aus? Dazu nimmt sie vier Bereiche unter die Lupe und präsentiert viele Beispiele und Geschichten aus der mehr oder weniger verschwiegenen Welt der Cliquen und Netzwerke.

“Das Gemeinsame ist, das alle vier Organisationen, die ich untersucht habe, Kirche, Goldman Sachs, Google und Mafia, Weltorganisationen sind oder sogenannte Transnationale Organisationen, die teilweise schon sehr lange existieren. Und wieso existieren die so lange? Weil sie sich gut organisiert haben. Und so ein Riesenschiff, wie die Kirche oder wie Google, lässt sich am besten eben durch einen Führungsstab, da hat man schon Cliquierungen, oder eben durch kleine Teams und Untergruppen, Gemeinden, oder eben auch Teams bei Google organisieren und erhalten. Also insofern ist das ähnlich.”

Cliquenwirtschaft hat auch eine dunkle Seite und ihr widmet sich die Autorin mit besonderer Hingabe. Bei der Mafia als Organisation, die vom Verbrechen lebt, ist sie sozusagen der Vereinszweck. Spannender ist hier der Blick auf Goldman Sachs oder in die katholische Kirche. Gerade hier haben verschwiegene Gruppen nach den Recherchen von Gisela Schmalz gewaltige Summen auf zweifelhafte Weise verdient. Die herrschenden Strukturen förderten dies bis in die Gegenwart und verhinderten Strafverfolgung auch in anderen Bereichen:

“Nicht einmal Kinderschänder wurden belangt. Fehler wurden aus dem System Kirche nicht ausgemerzt, sondern uminterpretiert und vertuscht. So konnten sich Filz, Machtkämpfe, Vorteilsnahme, Misswirtschaft, Korruption und Erpressung zu dauerhaft belastenden Phänomenen im inneren Führungszirkel der Kirche auswachsen. Die Strukturen verkrusteten. Überholte Regeln, eingeschliffene Abläufe und Kuriencliquenwirtschaft machen es schwer, hier reformierend einzugreifen.”

Schmalz beschreibt die Zusammenhänge im Detail. Ihre Belege über anrüchige bis kriminelle Vorgänge aus der verschwiegenen Welt der Cliquenwirtschaft sind allerdings oft dünn. Die Autorin muss sich an vielen Stellen auf Mutmaßungen beschränken oder sie gibt Gerüchte und Berichte aus zweiter Hand wieder. Das ist unbefriedigend – doch andererseits kann der Quellenmangel auch nicht wirklich überraschen.

Google betreibt gezielt Cliquenbildung

Besonders lesenswert ist das Kapitel über Google – ein Unternehmen, das die Cliquenbildung fördert wie die anderen großen Organisationen auch – aber doch ein bisschen anders. Google betreibt Cliquenbildung ganz gezielt, um mehr Leistung aus den Beschäftigten heraus zu holen und sie an das Unternehmen zu binden. Der Internet-Riese aus Kalifornien gehe vergleichsweise offen mit den eigenen Strukturen um, und Gisela Schmalz zeigt sich beeindruckt:

“Google möchte, dass die Mitarbeitenden im Konzern bleiben, auch nach der offiziellen Arbeitszeit. Google möchte, dass die Leute, die dort arbeiten, auch Freunde sind: Freundschaften zu Seilschaften, das ist Cliquenwirtschaft. Und: Wenn Mitarbeitende sich eben in Schwulen- und Lesbengruppen, Fotografiergruppen, Hundefreundegruppen und so weiter zusammentun, dann haben die was Gemeinsames wie eine Clique neben ihrem Job und tragen das hoffentlich auch noch in ihr Privatleben.”

Damit wären die Beschäftigten auch in der Freizeit irgendwie bei der Arbeit – und das sogar freiwillig. Das Schlusskapitel schildert Essenzen gelungener Cliquenwirtschaft – eine Synthese aus allen vier untersuchten Beispielen. Was also macht kleine Gruppen erfolgreich? Es ist unter anderem der Größenwahn:

“Zur Umsetzung hoher Ziele müssen Cliquen bereit sein, Grenzen zu sprengen. Die Vorstellung, weiter als andere zu gehen und dabei Tabus zu brechen, erweckt den Abenteurer im Cliquenwirtschaftler. Grenzensuchende und Grenzenüberwinder kennen keine Furcht vor neuen Aufgaben, Situationen, Personen, Territorien oder Kulturen.”

Das Buch verspricht auch eine Gebrauchsanleitung zum Nachmachen, doch die bietet es allenfalls in Ansätzen. Spannend zu lesen sind vor allem die Erkenntnisse über die dunklen Seiten verschwiegener Kleingruppen. Wer das Werk am Ende zugeklappt hat, wird skeptisch reagieren auf alle Zirkel, die das Licht der Öffentlichkeit scheuen. Allein das ist ein Verdienst – und die Autorin lenkt in Zeiten großer Netzwerke und einer nur scheinbar offenen Gesellschaft den Blick auf Welten, die sich auch heute noch abschotten und gerade deshalb ihren Einfluss wahren – wie seit Jahrhunderten. Besonders erfolgreich sind sie vielleicht dann, wenn sie, wie der Internetriese Google, trotzdem im modernen Gewand daher kommen.

Gespräch über “Cliquenwirtschaft” bei CORRECT!V

Mit CORRECT!V-Geschäftsführer Christian Humborg sprach Prof. Dr. Gisela Schmalz am 4. November 2014 über ihr neues Buch „Cliquenwirtschaft – Die Macht der Netzwerke”. Darin vergleicht sie vier globale, mächtige Netzwerke: Goldman Sachs, die katholische Kirche, Google und die Mafia.

Welche Mechanismen nutzen sie, wie funktionieren sie und wie ist ihr Handeln zu bewerten? Auch für den Journalismus ergeben sich spannende Fragen: In welchem Verhältnis stehen Geheimhaltung und Transparenz? Wodurch werden Wir-Gefühle erzeugt und wie werden diese instrumentalisiert? Zum Interview: Videoausschnitt hier.

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Die Wirtschaftswissenschaftlerin Gisela Schmalz promovierte an der Freien Universität Berlin und der Columbia University in New York. Sie arbeitete in der Produktion und Vermarktung internationaler Filme sowie als Strategieberaterin, Autorin für Print-, TV- und Onlinepublikationen. Seit 2005 ist Schmalz Professorin für Strategisches Management und Wirtschaftsethik an der Rheinischen Fachhochschule Köln. Nach „No Economy – Warum der Gratiswahn das Internet zerstört“ ist „Cliquenwirtschaft“ ihr zweites Buch.

Christian Humborg wird ab dem 1. November CORRECT!V als kaufmännischer Geschäftsführer unterstützen. Die vergangenen acht Jahre leitete der promovierte Betriebswirt Transparency International in Deutschland. Die deutsche Sektion wurde unter seiner Führung zur wichtigsten Institution für Transparenz in Politik und Wirtschaft. Bei CORRECT!V wird sich Christian um eine transparente Mittelverwendung und die Anwerbung neuer Unterstützer kümmern.

(Text: Julia Brötz c/o CORRECT!V)

Die Macht der Cliquen – Prof. Dr. G. Schmalz bei WDR 5

Cliquenwirtschaft kommt in allen Ländern, Branchen und Einkommensklassen vor. Wer an der Macht ist, weiß oft auch, die richtigen Strippen zu ziehen. Gisela Schmalz hat hinter den Kulissen der Macht geforscht. Darüber spricht sie bei WDR 5 in der Sendung “Neugier genügt” mit Jürgen Wiebicke.

Großorganisationen wie die Mafia und die Bank Goldman Sachs (die etwa zeitgleich entstanden sind), die katholische Kirche und Google organisierten ihre Weltexpansionspläne generalstabsmäßig, in dem sie Freundschaften und Bekanntschaften zu bestimmten Zwecken strategisch ausnutzten.

Die Wirtschaftswissenschaftlern Gisela Schmalz meint, dass die von ihr behandelten Weltorganisationen bewusst auf Cliquen für die Durchsetzung ihrer Weltmachtansprüche setzten – anstatt auf Netzwerke.

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Obwohl Geheimhaltung für den Erfolg der Cliquenwirtschaft in der Vergangenheit ein wesentlicher Erfolgsfaktor war, könnte das in der Zukunft ein Problem für Unternehmen wie z. B. Google werden. Auch wenn Google auf Transparenz setze bleibt Gisela Schmalz skeptisch: “Transparenz wäre bei einer weiter fortgeschrittenen Digitalisierung aber möglicherweise der neue Deckmantel für Macht.” (Redaktion: Gundi Große, WDR 5)

Literaturhinweis: Cliquenwirtschaft – Die Macht der Netzwerke von Gisela Schmalz. Kösel Verlag, München, Oktober 2014. Informationen zum Buch hier.

Cliquenwirtschaft – Frankfurter Buchmesse

Besonders gut arbeitet es sich in übersichtlichen Cliquen Gleichgesinnter – aber abgeschottete Kreise können auch großen Schaden anrichten. “Cliquenwirtschaft” heißt das neue Buch der Kölner Wirtschaftsprofessorin Gisela Schmalz.

Am Stand des Deutschlandradio auf der Frankfurter Buchmesse sagte sie, was das bedeutet und wie Cliquenwirtschaft zum Selbermachen geht: Interview von Georg Ehring mit Gisela Schmalz: “Kleine Gruppe, große Wirkung”

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Augenwischerei-Pads – die überflüssige Renaissance des Physischen

Apple bringt also dieses glatte Ding, erst Tablet, jetzt Pad genannt, für 499 bis 699 $ (EU wie $) auf den Markt, das aussieht wie ein iPhone mit der Lupe betrachtet. Es kann digitale Fotos, Videos, Musik, Spiele und E-Books verarbeiten. Man sollte jedoch nicht versuchen, es ans Ohr zu halten oder es anzureden, um zu telefonieren, bevor man nicht selbst zuvor Skype aufgespielt hat.

iPad-Quelle: Apple

Der Witz ist sowieso nicht das Gerät selbst, jedenfalls nicht lange, da Apple gewiss schon ein iPad nano, iPad pro oder iPad power oder wie die Apple-Nachsilben alle heißen, in petto hat. Der Witz ist das eingebaute Geschäftsmodell. Mit dem vermeintlich coolen Tisch- und Traggerät pflanzt Apple sich einen eingemauerten Garten, einen Walled Garden, bei dem digitale Inhalte an ein physisches Gerät gebunden werden. Mit den Software-Hardware-Paketen iTunes-iPod, iTunes-iPhone und App-Store-iPhone bestellt Apple bereits florierende Gärten mit Musik, Videos und Apps, die nicht nur direkte Wettbewerber von der Inhalte-Wertschöpfung ausschließen.

Der aus dem Hardwaregeschäft kommende Konzern Apple erschließt sich mit dem iPad nun auch den Buchmarkt und grätscht dabei zunächst in den Kindle-Garten von Amazon. Während Amazon digitale Bücher zum Preis von maximal 9,99 $ anbietet und beträchtliche Provisionen einbehält, lockt Apple Autoren und Verleger mit Preisen von bis zu 14,99 $ pro Buchdownload und verspricht 70-prozentige Abgaben für Urheber. Zieht Apple die Inhaltelieferanten damit in seinen iPad-Garten, könnte das den Kindle-Garten von Amazon dauerhaft vergiften. Apple würde blühen und blühen und eines Tages in anderen Gärten (Onlineplattformen) nicht mal mehr Gras wachsen.

Genau vor einem Jahr machte ich mit dem Text „Spielplatz oder Marktplatz“ bereits auf das Problem der Höherbewertung physischer Güter im Vergleich zu immateriellen Gütern aufmerksam. Menschen bezahlen eher für Gimmicks wie den Nindendo DS, die Xbox 360, das Kindle, das iPod, iPhone oder iPad, statt für digitale Texte, Bilder, Töne oder Filme. Wer die Urheber von Webinhalten überhaupt entlohnt, zahlt bloß winzige Preise, deren Hauptanteile aber schon heute meist großen Downloadplattformen wie Apple oder Paymentanbietern wie eBay (Paypal) zufließen. Als Softwarebereitsteller, Geräteproduzenten und Gartenwächter verdienen sie weit mehr als Urheber, die immaterielle Informations- und Unterhaltungsarbeit leisten.

Dabei ermöglicht das WWW doch weit innovativere und urheberfreundlichere Handelsstrukturen als die Offlinewelt sie kennt, darunter das Ausklinken der Zwischenhändler. Das WWW und die hier verfügbare Vermarktungs- und Bezahlsoftware bietet Journalisten und Künstlern direkten Zugang nicht nur zu Lesern, Hörern und Zuschauern, sondern auch zu Kunden. Doch leider ist ihnen das WWW als direkter Distributionskanal verstellt, da sie, sobald es ums Zahlen geht, auf die Ignoranz der Nutzer stoßen. Wer als Künstler nicht im iTunes-Store vertreten ist, ist von der digitalen Nahrungskette und vom Geld der Nutzer weitgehend abgeschnitten. Viele geistige Arbeiter sind daher gezwungen, sich jenseits des eigentlich offenen Gartens WWW in der physischen Welt abzustrampeln, auf Konzerttouren oder iPad (ehemals Buch-)Lesungen oder in berufungssfernen Feldern, beispielsweise als Verkäufer in Geschäften, die iPods oder iPads feilbieten.

In „Spielplatz statt Marktplatz: Gratisweb“ schrieb ich bereits über die Folgen dieser Augenwischerei-Pads für die Urheber und die Nutzer, die sich mit ihrem kurzsichtigen Gratis- oder iTunes-Konsum selbst vom freien Datenzugang im WWW abschneiden:

In seinem Buch „The Future of the Internet and how to stop it“ warnt der amerikanische Rechtsprofessor und Anwalt Jonathan Zittrain vor solchen ummauerten Gärten. Spielzeuge wie das iPhone, der BlackBerry, die PlayStation und fest zu diesen Geräten gehörige Applikationen, verhinderten, dass Nutzer Software und Content selbst aktiv mit gestalteten und verbesserten. Er spricht in dem Zusammenhang vom Tod des Internet. Das kreative Chaos, das im Web herrsche, würde durch feste Installationen auf Geräten abgetötet. Die Renaissance des Physischen stellt einen Rück- und keinen Fortschritt dar. Gratisanbieter und Gratisnutzer verspielen die wertvolle Gelegenheit, sich für die Chancen einer Web-Ökonomie zu öffnen. Sie arbeiten der Entwicklung zu einer mobilen, globalen Zukunftsgesellschaft entgegen, wenn sie bloß für materielle Güter oder daran gekoppelte Produkte Preise tolerieren, für Web-Leistungen jed