Techno-perfide Machtausübung

(…). Der Kontrollbegriff, den Deleuze sich 1990 von dem amerikanischen Schriftsteller William Burroughs borgte, ist unter den Kritikern der mächtigen Konzerne aus Silicon Valley sehr populär. Gern wird er in Kombination mit dem Begriff der Überwachung verwendet. Doch »Überwachung« und »Kontrolle« sowie der Verweis auf ökonomische oder kapitalistische Ziele besagen wenig mehr, als dass Konzerne Informationen sammeln, die sie dazu befähigen, Menschen aus wirtschaftlichen Gründen zu manipulieren. Beide Begriffe erfassen nur ansatzweise die gesamte Perfidität des technologischen Machtapparates, der Menschen als seine Verlängerungen integriert.

Wer dabei lediglich von Kontrolle spricht und diese als bloß ökonomisch motiviert ansieht, unterschätzt die Raffinesse, den Umfang und die strategische Weitsicht, mit denen seine Schöpfer ihre Technologien auf die Menschheit loslassen. In der westlichen Welt geht es längst nicht mehr nur um eine wirtschaftliche Machtverschiebung zugunsten eines Oligopols in Silicon Valley. Es geht um die Bemächtigung des Denkens und freien Willens der Individuen und um die Steuerung ganzer Gesellschaften durch techno-soziologische Vordenker, die derweil toter Mann spielen.

Zur Erfassung der Techno-Perfidität kalifornischer und Washingtoner Provenienz sind die Denkinstrumente von Michel Foucault bestens geeignet. Es ist frappierend, wie klar der Philosoph das Wirken der Macht heutiger Hirne und Körper erobernder Technologien mit seinem Konzept der verinnerlichten Disziplin vorausgedacht hat. In Surveiller et punir schreibt Foucault über »die Mittel der guten Abrichtung«. Eines davon ist das Wissen der Gefangenen, im Gefängnis ständig unter Beobachtung zu stehen, auch wenn sie die Beobachter gar nicht sehen. (…).

 

Plan of -Millbank Prison- (constructed 1812) on land purchased by Jeremy Bentham (1799) for the construction of his panopticon. (Sources: disphotic.com, wikipedia.com).

 

Soziale Medien funktionieren genau wie das »Strafsystem der Norm«. Um nicht mit schlechten Bewertungen abgestraft zu werden, sondern von den Mitgliedern der Gruppe anerkannt zu werden, passt der/die Einzelne sich den Gruppennormen an. Der normierende Mechanismus perfektioniert sich im Zuge der Anwendung von selbst. Dass dabei das Agens der Machtausübung für das Individuum diffus bleibt, steigert ihren Effekt. (…).

 

In: Schmalz, Gisela (2020): Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert. Frankfurt am Main: Campus Verlag, S. 245f.

 

 

 

„Ich verlasse mich lieber auf Adidas, als auf Trump“

Professorin zu Tech-Giganten: Die Macht der Nutzer über Facebook & Co.

 

Prof. Dr. Gisela Schmalz im Interview mit Katja Bigalke und Martin Böttcher

c/o Deutschlandfunk Kultur „Breitband“ – Sendung vom 04.07.2020

 

Interview/Auszug:

(…)

Katja Bigalke: Viele große Firmen haben zuletzt angekündigt, keine Werbung bei Facebook zu schalten. Lässt sich Facebook dadurch überhaupt wirtschaftlich unter Druck setzen? Oder geht es hier um eine Art PR-Gesichtsverlust für Facebook?

Gisela Schmalz: Facebook ist von der Gunst der Masse abhängig. Sie sind im wahrsten Sinne populistisch: Sie laufen der öffentlichen Meinung hinterher. Sie möchten beliebt bei möglichst vielen Nutzenden sein, gerade in der jungen Generation. Ich glaube nicht, dass sich die Tech-Firmen von ein paar Unternehmen, die kurzzeitig keine Werbung schalten, unter Druck setzen lassen. Zumal diese Wirtschaftsfirmen durchaus von den plattformbetreibenden Firmen abhängig sind – die müssen sich darüber an ihre Endkunden wenden – die Tech-Firmen sind immer noch am längeren Hebel.

Bigalke: Wenn man davon ausgeht, der Druck der werbetreibenden Unternahmen habe tatsächlich Einfluss: Ist das adäquat, um die Plattformen in ihre Schranken zu weisen?

Schmalz: Durchaus. Wirtschaftlicher Druck ist eine Methode, mit diesen Technologiefirmen zu sprechen. Die sind wahnsinnig mächtig und auch reicher, als die werbetreibenden Kunden. Natürlich sind sie abhängig von den werbezahlenden Konzernen. Wenn diese drohen, sich zurückzuziehen, ist das zumindest ein Aufbäumen dagegen und ein Signal – auch in die Öffentlichkeit.

Es gibt also Hoffnung, dass auf einmal eine Vielstimmigkeit da ist und nicht nur nach dem Gesetzgeber gerufen wird. Es ist gut, dass die Konzerne das selbst regeln. Und: dass ethische und demokratische Werte über wirtschaftlichen Druck in die plattformbetreibenden Firmen gesetzt werden.

 

Water Vertigo © Gisela Schmalz  – giselaschmalzphotography.com

 

 

Martin Böttcher: Ist es nicht trotzdem problematisch, dass auf einmal Firmen eine so gesellschaftliche Rolle bekommen? Das, was eigentlich der Gesetzgeber oder die Zivilgesellschaft aufbauen müsste, wird in die Hände von privaten Firmen gegeben.

Gisela Schmalz: Die Plattformen haben wirtschaftliche Macht. Sie haben technologische Macht, Wissensmacht und psychologische Macht über die Endnutzenden, über die sie alles wissen. Auf einmal schiebt man ihnen noch politische oder ethische Macht zu. Auf einmal fordern Konzerne oder auch Bürgerinnen und Bürger über solche Kampagnen, dass die Tech-Konzerne selbst tätig werden in Sachen Werten und Ethik. Das ist höchst problematisch.

Wenn in den USA vor allem der Gesetzgeber und der Präsident als Wertbeschützende ausfallen, dann bleibt der Öffentlichkeit und den Konzernen nichts anderes übrig. Ich verlasse mich lieber auf Adidas, dass Werte bei Plattformen wie Facebook, Twitter, etc. umgesetzt werden, als auf Trump.

Man kann daraus lernen, dass man als Bürger und Bürgerin durchaus die Macht hat, tätig zu werden. Ich habe mich in meinem Buch „Mein fremder Wille“ damit auseinandergesetzt. Man muss sich am besten mit Kampagnen an die Konzerne wenden. Das ist ein Druck der Öffentlichkeit, der sie zum Einlenken bringen kann, gerade dann, wenn wir uns nicht mehr auf Politiker und Politikerinnen verlassen können.

(…)

Fortsetzung / vollständiges Interview c/o Deutschlandfunkkultur.de

“Technologische Quarantäne”: OR1/ORF-Interview mit Gisela Schmalz

 

“Während wir aus der Epidemie-bedingten Quarantäne relativ schnell herauskommen, werden wir aus der technologischen Quarantäne nicht so schnell herauskommen.”

Gisela Schmalz im Heimstudio-Gespräch mit Wolfgang Ritschl am 29. Mai 2020.

Technological Quarantine © Gisela Schmalz – giselaschmalzphotography.com

 

 

 

 

 

 

 

ÖSTERREICHISCHER RUNDFUNK, ORF

Radio Österreich 1

Diktatoren, Füchse, Chinesen und die US-Tech-Elite

Kontext – Sachbücher und Themen

 

“Mein fremder Wille”: Gisela Schmalz über unseren Umgang mit Apps und die Profite der Tech-Elite
(Buch: Campus Verlag)

Redaktion und Moderation: Wolfgang Ritschl

 

Interview (14 Minuten): ÖR1 Kontext-Interview -Mein fremder Wille- G. Schmalz 29.5.2020

Die Sexpartys des Silicon Valley

In Silicon Valley wurden regelmäßig Orgien gefeiert. Dann legte SARS-CoV-2 derlei Gepflogenheiten lahm. In ihren Labors, geheimen X- oder Visions-Abteilungen überschreiten die Vertreter der Tech-Szene immer wieder gedankliche Grenzen. Ihre körperlichen Grenzen testen sie in Gefährten auf der Straße, auf dem Meer oder im All sowie bei den jährlichen „Burning Man“-Events. Die Grenzen des Körpers, der Keuschheit und des Anstands erproben sie bei exklusiven Sexpartys. Hier loten die Männer allerdings weniger ihre eigenen Grenzen aus als vielmehr die der weiblichen Teilnehmer. Bei ihren sexuellen Grenzüberschreitungen folgen sie strikten Mustern, die so ähnlich für die ganze Industrie gelten. Männliche, weiße, junge, erfolgreiche und wohlhabende Branchenvertreter bestimmen die Einladungslisten für die Partys und welche Varianten von Sex hier zugelassen sind. Die Gastgeber sind in der Regel männlich, genau wie ihre wichtigsten Gäste, darunter Manager, Gründer und Kapitalgeber. In einer Zeit, in der Polyamorie Trend ist, zeigt sich die Tech-Elite Konzepten wie der offenen Beziehung, Gruppensex oder BDSM gegenüber aufgeschlossen. Sie gibt sich experimentierfreudig  – aber nur bis zu einem gewissen Grad.

 

Werden die exklusiven Einladungen zu Sexpartys an wechselnden Orten in und um San Francisco verschickt, folgen sie einem Motto, etwa „Edge of the earth“ oder „Bondage“. Das berichtet die Bloomberg-Journalistin Emily Chang in ihrem Buch „Brotopia: Breaking Up the Boys’ Club of Silicon Valley“ von 2018. Darin klärt sie zudem darüber auf, dass eingeladene Männer so viele Frauen, wie sie möchten, mitbringen könnten, während eingeladene Frauen nur in Begleitung anderer Frauen, nicht aber von (womöglich szenefremden) Männern, kommen dürften. So entsteht ein Verhältnis zwischen Männern und Frauen von 1 zu 2. Das hat System. Hätten drei Leute miteinander Sex, so sei immer nur ein Mann mit zwei Frauen zugange, schreibt Chang. Ein Dreier mit einer Frau und zwei Männern sei bei den Valley-Orgien genauso tabu wie Sex unter Männern. Nicht tabu sei es jedoch, wenn Ehemänner und Familienväter sich mit irgendwelchen Frauen vergnügten oder Ehepaare für einen Dreier eine Frau hinzuzögen.

 

Chang hält fest, dass Sexorgien häufig zwischen Gründer-Teams und deren Haupt-Risikokapitalgebern stattfinden. Anscheinend betreiben die Männer des Silicon Valley ihre Partys so wie ihre Businesses: unter- und füreinander. Frauen sind dabei Nebensache und haben eher dienende Funktion. Viele von Changs Gesprächspartnern, Männer und Frauen, hätten berichtet, dass bei Orgien Geschäfte eingefädelt würden. Es sei also für Männer und Frauen wichtig, daran teilzunehmen. Wer bei Sexpartys fehle, sei schnell außen vor. Doch für Frauen wird diese Körper-Kopf-Business-Vermengung offenbar zur heiklen Gratwanderung. Bei diesen nächtlichen Geschäftsterminen befinden sich die Tech-Frauen meist in der schlechteren Verhandlungsposition, so wie tagsüber auch. Zu den Motto-Orgien werden sie weniger als Geschäftspartnerinnen eingeladen als primär in der Funktion von Lustobjekten für die männlichen Szenemitglieder.

Viele männliche Partygäste hielten den Großteil der anwesenden Frauen sowieso für „founder hounder“, für „Gründer-Jägerinnen“, die nichts anderes wollten, als mit einem Gründer Sex zu haben oder sich ihn als boyfriend oder als Ehemann zu angeln. Das konstatiert Emily Chang in „Brotopia“. Frauen, die von den männlichen Gästen nicht ernst genommen werden, betäube man mit Alkohol oder mit Molly (MDMA). Dadurch könnten die Männer mit ihnen für paar Stunden oder einige Tage am Stück unter Ausschluss der Nicht-Szenewelt Orgien feiern, ohne selbst die Kontrolle abgeben zu müssen.

 

 

Frauen aus der Tech-Szene, die solchen Partys beigewohnt haben, vertrauten der Journalistin Chang an, dass Männer sich untereinander bezüglich der Frauen abgesprochen hätten – mit Folgen für ihre weitere Karrieren. Bei einigen Frauen habe die Teilnahme an einer Orgie dazu geführt, dass sie im beruflichen Umfeld von Fremden sexuell angemacht worden seien. Andere Frauen hätten im Berufsalltag Probleme bekommen. Offenbar sind die männlichen Szenevertreter nicht in der Lage, Rollenmuster oder die „Biologie“ im Kopf zu überwinden. Das Schriftstück eines ehemaligen Google-Ingenieurs belegt, dass in der Tech-Szene hanebüchene Stereotypen herumgeistern: „2017 kritisierte James Damore die offene Kultur und die Diversitäts-Bemühungen bei seiner Arbeitgeberin Google. Nachdem er bei Google ein Diversitätsprogramm durchlaufen hatte, notierte Damore: `Die Verteilung der Präferenzen und Fähigkeiten von Männern und Frauen unterscheidet sich zum Teil aufgrund biologischer Ursachen, und diese Unterschiede können erklären, warum wir Frauen in Technologie und Management nicht im gleichen Ausmaß vertreten sehen.´ (…). Man sollte seine Bemerkungen nicht zu ernst nehmen, selbst wenn die Google-Geschäftsführung sie ernst genommen und den Mann entlassen hat. Doch was verleitet einen Ingenieur zu einer unbelegten Aussage? Und warum fanden sich dafür erstaunlich viele Unterstützer in der Szene? Damores verunglückte Auskünfte und die Vielzahl von deren Fürsprechern signalisieren, dass es in der Tech-Szene offenbar vielfach für `normal´ oder `biologisch´ gehalten wird, dass die Norm männlich ist. Diese Haltung wirkt sich auf die Personalauswahl und diese sich wiederum auf die Ergebnisse der Arbeit in und von Tech-Firmen aus. Dann programmieren hier Männer Code für Männer, und es entstehen Produkte und Services von Männern für Männer.“ (Quelle: „Mein fremder Wille“ von Gisela Schmalz, Campus Verlag, 2020, S. 103). Auch die Sexorgien im Valley veranstalten Männern für Männer. Diese beleben das Business unter ihnen, aber be- oder verhindern gleichzeitig Geschäftsbeziehungen zwischen Männern und Frauen.

 

 

Spiele, darunter Rollenspiele, gestehen Männer nur einander zu. Frauen werden aus der Zuschreibung der Unterlegenen nicht nur nicht entlassen, sondern darin eingepfercht. Dabei müssen sich männliche genauso wie weibliche Gründer prostituieren, um an das Geld mächtiger und reicher Kapitalgeber zu gelangen. Versuchen Männer, möglichen Investoren die nötigen Summen für ihre Geschäfte zu entlocken, ist das auch eine Form von Prostitution. Sie wird nur nicht als solche bezeichnet.

In der Tech-Welt, in der normalerweise alles möglich ist, dürfen während des virusbedingten Shutdowns keine Orgien stattfinden. Das bedeutet nicht, dass die kalifornischen Tech-Manager anderen Menschen Sexpartys, Datings oder Speed Datings vorenthielten. Mit ihren smarten und extra für die Viruskrise (auch eine Kennenlern- und Sex-mit-Fremden-Krise) hochgerüsteten Live-Streaming-, Messaging-, Video-Chat- und Video-Conferencing-Diensten heizen sie das Partyleben an. Während der Pandemie sind Körperkontakte weltweit tabu, selbst die in San Francisco so beliebten Kuschelpartys. Dennoch gelingt es der Tech-Elite, Nähe, Liebe oder Sex suchenden Menschen Befriedigung zu verschaffen. Für Interessierte, oft sortiert nach Altersgruppen, sexuellen Vorlieben oder Hautfarben, schalten Matching-Dienstleister virtuelle Räume frei.

 

Innerhalb strikt definierter Zeitfenster können Menschen hier zu allem virtuell Machbaren zusammenfinden. Für die Veranstaltung SAN FRANCISCO VIRTUAL SPEED DATING 20s-40s (ON ZOOM) wird per Eventbrite so geworben: „Mix, meet & mingle with singles from the safety and comfort of your own home! You may be single and stuck at home but that doesn’t mean you can’t meet other singles and have fun! Grab a cocktail and your favorite snacks because we’re bringing a singles party directly to your home.” Wer Zutritt zu den einzelnen 4- bis 6-minütigen Dating-Gesprächen mit bis zu 20 lokalen Singles erhalten will, muss ein Bewerbungsformular ausfüllen und je nach Anmeldetermin einen Preis ab 20 US-Dollar zahlen.

Das vorläufige Ende der Sexorgien in der Tech-Szene markiert den Anfang der virtuellen Sexpartys für Normalos. Es entstehen neue, interaktive Geschäftsmodelle, die die Nutzenden dankend und zahlend annehmen. Auch ohne Intimität und Körpereinsatz florieren die Geschäfte der Silicon Valley-Konzerne – gerade ohne Intimität und ohne Körpereinsatz. Deren Managern sowie findigen Online-Dienstleistern gelingt es, ihre sterilen Anwendungen an die berührungshungrige Party Crowd zu verkaufen.

 

 

Für Frauen und Schwächere haben Online-Partys allerdings einen großen Vorteil gegenüber Live-Sexorgien. Der virtuelle Raum bietet ihnen Schutz, Chancen des Schaltens und Waltens sowie des Rückzugs. Hier behalten sie die Kontrolle und können gewisse Macht ausspielen. Doch das gesamte Spiel dominieren weiterhin die Manager der Tech-Konzerne. Sie stellen die Infrastrukturen für die auf Datenbasis individuell zugeschneiderten Services bereit. Sie setzen die Regeln für das geschlossene Ökosystem, das aus ihnen selbst besteht, den Dienstleitern, die Technologien einsetzen, und den Endkunden. Aus diesem System kommen Letztere weniger leicht heraus, als nach dem Shutdown aus ihren Wohnungen, zumal sie sich den Vorgaben der Tech-Elite freiwillig unterwerfen.

Nach der Viruskrise werden die Partys der Tech-Clique weitergehen – im Valley und online. Und die mächtigsten Mitglieder werden die Gästeliste, das Motto und den Zugangspreis vorgeben.

 

 

Der Text basiert auf einem Abschnitt, der nicht in das Buch von Gisela Schmalz „Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert“ (Campus Verlag, 2020) gefunden hat. Erstmals erschienen ist er hier: Carta.info: http://carta.info/die-sexpartys-des-silicon-valley/ (12.5.2020).

Recommended Citation/Empfohlene Zitierweise:

Schmalz, Gisela: “ Die Sexpartys des Silicon Valley” (2020). Gisela Schmalz: https://www.giselaschmalz.com/die-sexpartys-des-silicon-valley/?preview_id=4699&preview_nonce=a7ee7cd8bd&_thumbnail_id=-1&preview=true

 

© Gisela Schmalz

Podcast: So klingt Wirtschaft (Handelsblatt)

Gisela Schmalz: „Unsere Werte müssen mehr in Technologien einfließen“

Der Gesellschaft gehen die Individualisten aus, sagt Wirtschaftswissenschaftlerin und Philosophin Gisela Schmalz.  Sie fordert im Business-Talk der Solutions by Handelsblatt mehr Mut zum freien und Andersdenken.

Interview mit Thorsten Giersch  (Chefredakteur Business bei der Verlagsgruppe Handelsblatt, 08.04.2020).
Hier hören:

Oder hier (HANDELSBLATT) hören.

Forscher und Unternehmen gieren im Kampf gegen das Coronavirus nach verwertbaren Daten. Ihre Hoffnung: Informationen über Verbreitung und Vorkommen der neuartigen Viruserkrankung Covid-19 gewinnen. Wirtschaftswissenschaftlerin Gisela Schmalz sieht das kritisch. Sie plädiert für einen wertbasierten und achtsamen Umgang mit Daten – nach europäischen Werten. Start-ups und Tech-Riesen müssten umdenken. Wie und in welche Richtung, das verrät sie im Podcast.

Wir dürfen die Vernunft nicht den „Souveränen“ allein überlassen

Gedanken zum Text des Philosophen Byung-Chul Han: „Wir dürfen die Vernunft nicht dem Virus überlassen“ (23.03.2020 c/o Welt.de)

 

Danke, Byung-Chul Han, für Sätze wie: „… die Fremdausbeutung der freiwilligen Selbstausbeutung und Selbstoptimierung“ oder die “ganze Kultur des Gefällt-mir, baut die Negativität des Widerstandes ab“. Damit erfasst er zentrale Themen  meines neuen Buches „Mein fremder Wille“. Han liefert obendrein viele weitere Thesen zur tech-basierten Epidemie-Bekämpfung durch Regierungen. Einigen stimme ich zu, aber keineswegs allen.

Für einen „unsichtbaren Feind von außen“ halte ich nicht bloß, so wie Han, das Virus SARS-CoV-2, sondern auch die massive Zunahme der Datensammlung und –analyse zur Viruseindämmung, wie sie in Asien bereits big time praktiziert und im Westen bald adaptiert wird. Wir Westler sind eben keine Konfuzianer. Uns sind Freiheit und Privatsphäre (noch?) nicht egal. Einblicke in die Unterschiede zwischen östlichen und westlichen Philosophien und was daraus für den Einsatz neuer Technologien durch souveräne Institutionen folgt, gibt „Mein fremder Wille“.

Und ja: „Corona-Masken“ mit Nano-Filtern – gerne, her damit!  Aber:  Propagiert Han ernsthaft auch für den Westen die Totalüberwachung?

 

Temperaturmessung per Drohnen durch die chinesische Polizei. Bildquelle: dailymail.co.uk

 

Wen meint Byung-Chul Han denn mit „Souverän“? Das sind jedenfalls nicht die Bürger, sondern nur und ausschließlich Regierungen und die Tech-Konzerne, mit denen sie enger oder weniger eng zusammenarbeiten. Bürger sind leichter zu regieren, wenn sie eben nicht souverän, sondern leicht zu dominieren sind – etwa dadurch, dass sie sich freiwillig und vorauseilend selbst entmündigen, indem sie dauernd online sind und widerstandslos zulassen, dass sie dauerobserviert werden und irgendwann bevormundet werden.

 

Temperaturmessung per Drohnen durch die chinesische Polizei. Bildquelle: dailymail.co.uk

 

Und was soll an der „neuen Definition der Souveränität“ neu sein? Ob im Westen oder Osten praktiziert – Souveränitäts-Zurschaustellung ist nichts Neues. Auch die Mittel waren schon immer egal – die Mittel zur Machtdurchsetzung – denn hier geht es um Macht. Technologien ergänzen bloß das längst vorhandene, vielfältige Arsenal  um smartere tools. Letztere nutzt China schneller und effektiver als andere Staaten, um die Virus-Verbreitung zu bremsen, darunter Kameras und Drohnen mit Temperaturmessgeräten und 24/7 Tracking über vernetzte Mobilgeräte. Deshalb hat Han recht: „China wird seinen digitalen Überwachungsstaat als Erfolgsmodell gegen die Epidemie verkaufen. China wird die Überlegenheit seines Systems mit noch mehr Stolz demonstrieren.“ In dem Kontext behauptet Han allerdings, Slavoj Žižek beschwöre einen “obskuren Kommunismus. Er glaubt, dass das Virus Chinas Regime zu Fall bringen würde. Zizek irrt sich”.  Doch  an genau welcher Stelle und warum Žižek das beschworen haben soll, belegt Han leider nicht.

Hierin stimme ich Han ebenfalls zu: „Der Schock ist ein günstiger Moment, er erlaubt, ein neues Herrschaftssystem zu etablieren.“ China hat sein 9/11  – genau wie andere Staaten, die mit technologischer Überwachung mehr als nur flirten.

Um Macht durchzusetzen, etwa unter anderem um eine Epidemie zu bekämpfen, setzt der chinesische Zentralrat jetzt schon alle Mittel ein – technologische Mittel der Überwachung und der (Selbst-)Disziplinierung (Sozialkreditsystem) sowie ganz alte, handfeste Mittel. Anfang des Jahres 2020 wurden in der vom Virus stark betroffenen Hauptstadt Wuhan der Provinz Hubei Menschen in ihren Wohnungen eingeschweißt oder mit Fieber aus ihren Wohnungen gezerrt etc..

Dieser Tage gilt es, die Verbreitung der Virus-Epidemie genauso scharf zu beobachten, wie die Mittel, mit denen sie eingedämmt werden soll.

 

Textbasis:

Byung-Chul Han: „Wir dürfen die Vernunft nicht dem Virus überlassen“, erschienen am 23.03.2020 c/o welt.de .

Slavoj Žižek: Der Mensch wird nicht mehr derselbe gewesen sein: Das ist die Lektion, die das Coronavirus für uns bereithält”, erschienen am 13.03.2020 c/o nzz.ch.

Gisela Schmalz: „Mein fremder Wille- Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert“, erschienen im März 2020 c/o Campus Verlag.

 

 

© Gisela Schmalz

Recommended Citation/Empfohlene Zitierweise: Schmalz, Gisela: “Wir dürfen die Vernunft nicht den „Souveränen“ allein überlassen” (2020). Gisela Schmalz https://www.giselaschmalz.com/wir-duerfen-die-vernunft-nicht-den-souveraenen-allein-ueberlassen/

Mein fremder Wille – Das Ich, die Anderen, die Konzerne und das übermächtige Andere

»You’re a machine!« »Eres una maquina!« »T’es une machine!« »Du bist eine Maschine!« ist ein Kompliment unter männlichen Millennials, die ihre Körper hart trainieren und ihr Privat- und Berufsleben effizient organisieren. Diese Männer verhalten sich tatsächlich maschinenähnlich, wenn sie mit angeheftetem, elektronischem Activity-Tracker Gewichte stemmen, laufen oder schwimmen, ihre Schlafrhythmen oder ihre Ernährung überwachen und per Smartphone ihre straffen Tagespensen koordinieren. Sie passen sich den Zielen der Maschine an und funktionieren wie Rädchen in einem System. »Yes Sir. Wie die Muskelpartien schaffen! Du bist eine Maschine«, feuert das Publikum der TV-Show Ninja Warrior Switzerland den Elektromonteur und Feuerwehrmann Hufi an. In seinem Podcast Bewohnerfrei lobt der Influencer Tobias Beck den 25-jährigen Ex-Fußballprofi Robin Söder: »Du bist eine Maschine!«, weil Söder seinen 2016 gegründeten Founder Summit zu einem der größten Start-up-Events Deutschlands ausgebaut hat.

 

 

Populär ist das Maschinenkompliment unter jungen Männern aller Bildungsgrade und Berufsgruppen, weltweit. Besonders gut passt es in die Gründer-Szene, wo überproportional viele Männer unterwegs sind und sich alles um technologische Verbesserungen und Möglichkeiten ihrer Monetarisierung dreht. Junge Frauen nennen sich gegenseitig eher nicht Maschine. Aber auch sie tracken ihre sportlichen Aktivitäten. Auch sie optimieren ihre Performance, ihr Aussehen und ihren Alltag mithilfe von Hard- und Software, egal ob sie Angestellte, Studentinnen, Gründerinnen, Mütter oder alles gleichzeitig sind.

Die Vertreter und Vertreterinnen der Generationen Y und Z wollen alles richtig machen. Sie glauben, anders nicht in der beschleunigten, komplexen Welt bestehen zu können. Ihren Maßstab für das, was »richtig« ist, finden sie auf den Anzeigen ihrer Apps und Tracker, vor allem aber auf den Profilseiten befreundeter oder bewunderter Nutzer von Social-Media- oder Video-Plattformen. Regelmäßig konsultieren sie online die aktuellen Fotos, Videos und sonstigen Beiträge ihrer Mitmenschen. Diesen entnehmen sie den Standard, dem sie entsprechen wollen. Übertreffen wollen sie ihn meist nicht. Standard reicht. Und posten sie dann die Ergebnisse ihrer eigenen Optimierungsanstrengungen, setzen sie neue Standards, an denen sich wiederum andere orientieren.

Das Internet ist eine gigantische Vergleichs- und Angleichungsmaschine. Sie verleitet dazu, das zu sein, was andere sind, und das zu wollen, was andere wollen – dazu, sich freiwillig fremdbestimmen zu lassen. »Mimetisches Begehren« nannte der französische Kulturanthropologe René Girard das Phänomen, dass Menschen das begehren, was auch andere begehren. Laut Girard orientieren sich Menschen nicht an inneren Bedürfnissen, sondern daran, was andere, insbesondere die Personen aus der eigenen Bezugsgruppe, mögen oder anstreben. Ihr Verhalten wird gesteuert vom Begehren der anderen. Bei den Digital Natives ist das Nachahmungsverhalten mit dem Wunsch verbunden, möglichst nicht aus der Peergroup herauszustechen. Deshalb kleiden und stylen sie sich wie die anderen, kaufen die gleichen Dinge und Marken, hören dieselbe Musik, verehren dieselben Stars und wählen dieselbe Partei wie ihre Freunde.

 

Der deutsch-amerikanische Investor Peter Thiel beklagt den Konformismus, sowohl im Netz als auch innerhalb der Start-up-Szene. Dabei hat er finanziell mit am stärksten vom Mimesis-Effekt profitiert. Und er hat ihn sogar entscheidend befördert. Während der 1990er Jahre hörte Thiel an der Stanford Universität im Herzen des Silicon Valley Vorlesungen bei René Girard, wurde zum Bewunderer des Anthropologen und rief ihm zu Ehren das Mimesis-Forschungsinstitut Imitatio ins Leben. Wesen und Wirkung des mimetischen Begehrens haben Thiel fasziniert. Er erkannte unmittelbar das Potenzial, das darin steckt. Noch bevor andere Investoren den Namen Zuckerberg überhaupt gehört hatten, war Thiel klar, dass sich dessen Idee, Freunde digital zu vernetzen, monetarisieren lässt. Der gewiefte Investor schätzte die fruchtbringende Dynamik richtig ein, die losgetreten wird, sobald sich Menschen über eine virtuelle Plattform anfreunden, sich darüber vergleichen und ein Begehren in dieselbe Richtung entwickeln. Als erster Geldgeber steckte der Girard-Anhänger 2004 eine halbe Million US-Dollar in das Start-up Facebook.

Das Girardsche Phänomen eröffnet Tech-Firmen Möglichkeiten, die noch längst nicht ausgeschöpft wurden. Mit immer neuen Vergleichsmöglichkeiten – über Bewertungs-, Empfehlungs- oder Bearbeitungstools – stacheln die Betreiber von Plattformen wie Facebook, Instagram, WhatsApp, Twitter, YouTube oder TikTok die Nutzenden dazu an, sich an äußeren Standards zu orientieren. Das Bemühen um Anpassung an Ideale, Stars, Marken oder Meinungen hat zwei Effekte: Die Menschen werden einander immer ähnlicher. Und die Konsumgüter-, Werbe- und Tech-Industrie verdienen enorme Summen daran. Im elektronisch geprägten Global Village wird Individualität mehr und mehr zugunsten einer kollektiven Identität aufgegeben. Diese Entwicklung hat der Medientheoretiker Marshall McLuhan bereits Anfang der 1960er Jahre vorausgesagt. Junge digital Vernetzte ähneln in ihrem Erscheinungsbild und ihrem Habitus den prominenten Vorbildern und den Mitgliedern ihrer Bezugsgruppe immer mehr. Der Angleichungs- und damit verbundene Simplifizierungsmechanismus zeigt nicht nur bei Äußerlichkeiten Wirkung.

 

 

Auch Meinungen werden zunehmend uniform. Dass Menschen dieselben Ansichten zu politischen oder anderen Themen haben wie die übrigen Vertreter aus ihrer Community, wird maschinell unterstützt. Dank algorithmisch erzeugter Filterblasen kommen sie online überhaupt nicht mehr mit Standpunkten anderer Gruppen in Kontakt. Abweichende Meinungen blendet der Plattform-Algorithmus nicht ein. Dadurch kreisen die Nutzenden in den ihnen zugewiesenen Meinungsblasen nur um sich selbst und umeinander. Dass ihnen dabei nicht schwindelig wird, liegt nur daran, dass sie sich an derlei technologisch bedingte Selbstumdrehungen bereits gewöhnt haben. Sie erleben auch ständig, wie die virtuelle Welt sich über ihre reale Welt legt und zu ihrer neuen Wirklichkeit wird. Die menschliche Wahrnehmung verändert sich. Neue Technologien kapern Gehirne und Körper. Sie schieben sich zwischen Ich und Welt, seit Menschen ständig online sind. Und beide an dieser Überwältigung beteiligte Parteien, die Firmen, die die Technologien entwickeln, und die Menschen, die sie nutzen, profitieren davon – jedoch auf völlig unterschiedliche Weise.

»Soziale« Online-Medien, lernende Algorithmen, smarte Infrastrukturen, virtuelle Realitäten oder Neuroprothesen wirken stark auf das Selbstverständnis und auf die zwischenmenschlichen Beziehungen der Menschen ein. Neue Technologien krempeln die Machtverhältnisse um – in den Köpfen der Einzelnen und in der Gesellschaft. Der Rahmen des individuellen Erlebens und des kollektiven Zusammenlebens wird durch die Innovationen weniger, mächtiger Tech-Firmen komplett neu abgesteckt. Auf einmal irrlichtert das Individuum in einer Zwischenzone von Selbst- und Fremdbestimmung herum. Und die Gesellschaft befindet sich in einem Paradigmenwechsel, seit Privatkonzerne psychologisches und soziales Design über Daten und Technologien betreiben.

In dieser Zeit der Übergänge sollten Bürgerinnen und Bürger sowie diejenigen, die politisch (noch) für sie verantwortlich sind, das Unerwartete tun. Die Reaktion auf die fundamentale Okkupation des Menschen durch Tech-Konzerne sollte das Gegenteil braver Anpassung an die technologischen Erfordernisse sein. Der dreiste Zugriff der Bereitsteller innovativer Technologien verlangt umfassendes Neudenken und großangelegtes Gegenlenken. Statt ständig Fragen in Suchmaschinen zu tippen, sollten sich Menschen zunächst einmal selbst in Frage stellen und fragen: Was ist der Mensch? Was will er? Wohin treiben ihn neue Technologien? Was machen diese mit und aus ihm? Denkt und fühlt der elektronisch vernetzte Mensch noch selbstständig? Kann er wollen, was er will? Oder wird sein Wollen unmerklich gelenkt? Ist er fähig, sich für oder gegen etwas zu entscheiden und nach freiem Willen zu handeln? Oder wird er technologisch fremdbestimmt? Agiert er unter dem Einfluss von Pop-ups, Link-Hierarchien, Amazon-Sternen, Twitter-Kommentaren oder YouTube-Influencern noch als er selbst?

 

 

Wie frei ist ein Mensch, wenn er zunehmend von smarten Geräten, Apps, Algorithmen und Robotern abhängt oder davon, dass ihm sein Gehirnchip Impulse sendet? Online-Nutzenden werden permanent manipulative Entscheidungsarchitekturen und algorithmische Reize untergejubelt. Oft reagieren sie prompt und pawlowsch und bestätigen damit die Reiz-Reaktions-Muster, auf die hin sie programmiert werden sollen.

Indem sie sich wie Automaten verhalten, untergraben sie, was sie zu freien Wesen macht. Unterliegt der Mensch, der mit Technologien umgeht, einem fremden Willen? Falls ja, so kann er für diese neue Art der Fremdbestimmung nicht die Entwickler und Bereitsteller neuer Technologien allein verantwortlich machen. Schließlich scheint der Mensch das zu wollen. Offenbar will er, dass Fremde oder Fremdes ihm vermitteln, was er will und wo es lang gehen soll.

 

 

 

Dieser Text ist die gekürzte Einleitung zum Buch von Gisela Schmalz „Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert“, erschienen im März 2020 im Campus Verlag, Frankfurt, 296 Seiten, 19,95 Euro.

Sonderveröffentlichung c/o CARTA.info: Gisela Schmalz: “Mein fremder Wille – das Ich, die Anderen, die Konzerne und das übermächtige Andere” (11.3.2020)

Menschen unterwerfen sich neuen Technologien von sich aus

»Wir lassen uns technologisch fremdbestimmen, während die Tech-Elite kassiert«, sagt Professorin Gisela Schmalz. In ihrem Buch enttarnt sie die Geschäftsmodelle aus dem Silicon Valley und aus China und fordert uns Nutzer dazu auf, endlich aufzuwachen.

Im Interview mit campus.de spricht die Ökonomin und Philosophin über ihr aktuelles Buch »Mein fremder Wille«.

 

 

»Mein fremder Wille« lautet der Titel Ihres aktuellen Buches. Sie beschreiben uns darin als Sklaven der Technik, die ihren freien Willen geopfert haben. Wie groß ist das Ausmaß der Unfreiheit?

Gisela Schmalz: Ich beschreibe die Nutzenden als freiwillige Sklaven. Sie unterwerfen sich den existierenden und immer neuen Technologien von sich aus. Sie machen sich dabei so unfrei, wie sie es selbst zulassen. Jeder über 18 ist mündig und kann selbst entscheiden, wie er oder sie Technologien wozu nutzt und ob er oder sie Fremdmeinungen einfach so für sich adaptiert. Die Verantwortung für den Gebrauch von Social Media, smarten Anwendungen und anderen Hard- oder Softwareprodukten kann leider nicht auf böse Dritte abgewälzt werden, jedenfalls nicht immer.

 

Durch Tracking und die Welt der Sozialen Netzwerke wird das Denken und Entscheiden umgestaltet. Können Sie beschreiben, wie das genau funktioniert?

GS: Menschen neigen dazu, ihre Perspektive zu wechseln, wenn sie Social Media-Plattformen oder Tracker nutzen. Auf einmal betrachten sie ihr Äußeres, ihre Ideen oder ihre Werke (Social Media) und sogar ihre Körperlichkeit oder ihr Essverhalten (Fitnesstracker) aus einer externen Perspektive. Sie nehmen sich von außen und nicht länger von innen wahr. Sie übernehmen die Ansichten anderer Leute, die auf derselben Plattform posten, oder der Mitglieder aus der Selbstvermesser-Community auf sich selbst – beziehungsweise die über Daten und Algorithmen vermittelte Sichtweise über das eigene Ich.

 

Betrifft dieses Phänomen alle gesellschaftlichen Schichten gleichermaßen?

GS: Ja und nein. Jeder ist anfällig für die Verführungen neuer Technologien – schon weil sie praktisch sind und weil die Mitglieder der Bezugsgruppe sie nutzen. Zu beobachten ist aber, dass gewisse Bildungsschichten sich selbst und ihre Kinder zu einem reduzierten und kritischen Umgang mit innovativen Tech-Produkten hintrainieren, während der Rest alles, was da kommt, unreflektiert übernimmt. Die Schere zwischen Tech-Vorsichtigen und Tech-Gefährdeten geht derzeit immer weiter auf.

 

Die Figur des Influencers ist mit der Ära des Internets aufgekommen. Für viele sind das »Lichtgestalten«, die sie bewundern. Wie blicken Sie auf diese neue Berufsgruppe?

GS: Das Phänomen der Influencer ist ja nicht so neu. Prominente oder Fachleute auf ihren Gebieten haben stets mehr Einfluss als Personen ohne mediale Reichweite. Als Gatekeeper haben Influencer filternde Wirkung. In einer komplexen Online-Umgebung, in der unzählige Styling-Tipps, Meinungen und Ratschläge miteinander konkurrieren, bieten die Ansichten von Influencern Orientierung. Das Problem jedoch ist, dass anders als das Fernsehen, Zeitungen- oder Zeitschriften, niemand die Influencer-Flut filtert. Jedes Superhirn und jeder Idiot kann sich zum Influencer aufschwingen und irrwitzigen Einfluss erlangen – eben auch auf (junge) Menschen.

 

Sie beleuchten nicht nur die beruflichen Biografien der Tech-Elite, sondern beleuchten auch deren Privatleben. Was ist Ihnen dabei aufgefallen?

GS: Silicon Valley-Manager, -Programmierer oder -Marketingspezialisten halten sich und ihre Familien von den Tech-Produkten ihrer eigenen Firmen fern. Im Buch zeige ich auf, wie deren private Wenig- und Null-Tech-Strategien aussehen.

 

In Ihrem Buch liefern Sie vielfältige Vorschläge, wie Menschen ihre Willens- und Handlungsfreiheit zurückerobern können, ohne dabei auf die Vorteile neuer Technologien verzichten zu müssen. Wie sehen diese Vorschläge aus. Nennen Sie uns ein Beispiel?

GS: Um der wirklich umfassenden Macht von Big Tech-Konzernen von der US-Westküste und aus China zu begegnen, bieten sich individuelle, gruppenbezogene, nationale und übernationale Handlungsmöglichkeiten an.  Im Buch rufe ich nicht bloß nach einer Regulierung der Tech-Branche, wobei diese sicher wichtig ist. Ich fordere vielmehr politisch Verantwortliche und Nutzende dazu auf, endlich aufzuwachen. Konkret schlage ich wirtschaftliche und bildungspolitische Maßnahmen vor, fordere (Selbst-)Aufklärung und Aktionen von aufgeklärten Nutzenden. Was technologisch mit den Köpfen von Menschen und mit den Infrastrukturen von Gesellschaften passiert, ist womöglich bald so krass und irreversibel wie die Klimakatastrophe.

 

Die Autorin
Gisela Schmalz, Ökonomin und Philosophin, lehrt als Professorin Strategisches Management und Wirtschaftsethik und arbeitet als Strategieberaterin und Publizistin. Sie interessiert sich für den Zusammenhang von Freiheit, Demokratie und Ökonomie sowie für Machtstrukturen in der technologisierten Welt.

 

Quelle: Campus.de, Frankfurt 24.02.2020. Die Fragen stellte Nina Schellhase.

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SEISMOGRAPHEN DER GESELLSCHAFT – Zum Internationalen Frauentag 2020

Wie fortschrittlich eine Gesellschaft ist, zeigt sich an der Situation der Frauen in dieser Gesellschaft. Seit 109 Jahren gibt es den Internationalen Frauentag. Die heutigen Anliegen sind allerdings noch dieselben wie die von 1911: Gleichberechtigung, Wahlrecht, Anrecht auf öffentliche Ämter, Emanzipation und Anti-Diskriminierung am Arbeitsplatz. Dass die Themen immer noch akut sind, egal in welcher Nation, ob im Süden, Norden, Osten oder Westen der Erde, und egal wie reich oder wissenschaftlich aufgeklärt eine Gesellschaft ist, und dass deshalb noch im Jahr 2020 Frauentage begangen werden müssen, ist skandalös. In unterschiedlichen Ländern, Branchen und Kontexten gibt es feine bis grobe Unterschiede im Umgang mit Frauen. Diese eignen sich als Maß zum Vergleich von sozialem Fortschritt. Doch jeder Vergleich erübrigt sich, wenn das Mindset der überwiegenden Mehrheit der Weltbevölkerung so aussieht, wie es der gerade veröffentlichte Gender Social Norms Index (GSNI) der UN zeigt. Demnach hegen nahezu 90 Prozent aller Menschen weltweit Vorurteile gegen Frauen.

 

 

 

Der Index misst, wie sein Titel besagt, die Geschlechtervorstellungen, die derzeit als Norm oder als normal erachtet werden. Im Rahmen des „United Nations Development Programme“ wurden Daten zur Gleichstellung von Frauen in den Bereichen Haushalt, Ausbildung, Politik, Beruf und Gesundheit in 75 Ländern erhoben. Gefragt wurde beispielsweise nach politischen Leitfiguren oder danach, wer eine bessere Ausbildung erhalten und mehr Geld verdienen sollte, Frauen oder Männer. Die für die UN-Studie gesammelten Meinungen und Haltungen belegen, dass das männliche Prinzip (weiterhin) als Maß fast aller Dinge gilt.

 

Für neun von zehn Frauen und Männern ist der Standard-Mensch männlich. Diese sehen das männliche Prinzip oder Männer als Norm oder als normal an. Und was normal ist, wird auch als gut, richtig und erstrebenswert betrachtet. Diese Auffassung stärkt das Männliche in der Welt. Gratis liefert sie einen Freifahrtschein dafür mit, alles abzuurteilen, was von der Norm = Mann abweicht. Was ihr entspricht, wird geachtet und nachgeahmt, und was nicht, wird in Wort oder Tat missachtet und abgewertet. Dieser logische Fehlschluss vom Ist- zum Soll-Zustand ist gängige Theorie, aber auch Praxis. Das gesellschaftliche Bewusstsein bestimmt das gesellschaftliche Sein.

28 Prozent der für den GSNI befragten Personen denken, ein Mann habe das Recht, seine Frau zu schlagen. Dieses „normale“ Denken bildet dann auch die Vorlage für „normales“ Handeln. So kommt es, so die UN-Studie “Human Development Perspectives”, dass 2020 nur 24 Prozent der Parlamentssitze weltweit von Frauen besetzt sind. Von 193 Regierungen werden nur 10 von Frauen geführt (und soeben zog sich mit Elizabeth Warren eine qualifizierte Kandidatin aus dem Wettbewerb um den US-Präsidentenposten zurück). Weniger als sechs Prozent der 500 größten börsennotierten US-Unternehmen haben weibliche CEOs.

Die ersten 10 der Forbes-Liste “The World’s 100 Most Powerful Women” von 2019

 

Und genau wie noch vor 100 Jahren arbeiten Frauen mehr als Männer, verdienen aber weniger. Zu diesen breiten Macht- und Einkommensklüften gesellen sich andere, handfestere Schikanierungen und Misshandlungen von Frauen. Für fast jede Frau gehören sie in irgendeiner Form zum Alltag. Doch dürfen sie deshalb nicht als Standard wahrgenommen oder womöglich akzeptiert werden. Frauen stellen 50 Prozent der Menschheit, und müssten schon rein rechnerisch zu 50 Prozent gleichgestellt sein – also weder aus humanitären Gründen noch aus Liebe zu den Frauen. Die Gründe dafür, Frauen gleichberechtigt zu behandeln, überall einzubeziehen und in höhere Positionen einziehen zu lassen, sind auch praktischer Natur. In einer zunehmend komplexen Weltsituation werden alle Talente und Fähigkeiten zur Gestaltung einer lebenswerten Zukunft benötigt. Nur paritätisch und integrativ organisierte Gesellschaften können echte und umfassende Fortschritte liefern, statt bloß bereichsbezogene Fortschrittchen. Damit würde der Begriff Fortschritt für alle gelten und nicht bloß für einige und so letztlich gar nicht.

Aktuell sehen wir erhebliche wissenschaftliche, technologische und auch wirtschaftliche, die allgemeine Grundversorgung und Umverteilung betreffende Fortschritte. Aber die sozialen und moralischen Fortschritte hinken weit hinterher, weswegen man auch deshalb kaum von Fortschritt sprechen kann. Zu beobachten sind derzeit sogar Rückschritte – und das ausgerechnet in den sich avanciert wähnenden westlichen Bevölkerungen. Hier wächst die Verunsicherung. Ängste vor sozialem und ökonomischem Abstieg, vor der Ersetzung menschlicher Arbeitskraft durch neue Technologien, vor Überwachung, Klimakatastrophen, Migrationsbewegungen, Kriegen und neuerdings Virus-Epidemien lähmen die Menschen oder machen sie aggressiv. Die bisher in Sicherheit und Wohlstand gebadeten Bewohner der westlichen Welt fürchten um ihren Status und ihren Besitz.

 

 

Zu der Sorge, dass ihnen etwas weggenommen werden könnte, addiert sich ein Ohnmachtsgefühl. Das kratzt stark am Selbstbewusstsein. Wer in einer solchen depressiven Lage Ursachen und Wirkungen nicht begreifen kann oder will, wer sich nicht selbst befragt oder in Frage stellt, externalisiert seine Ängste. Die Unzufriedenheit mit sich und der Welt äußert sich in Wut gegen Dritte. Als Sündenböcke bieten sich „Andersartige“ an, Menschen, die höher oder niedriger gestellt sind, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit anderer Meinung, mit anderer sexueller Orientierung oder mit anderem Geschlecht. Alles, was nicht als Norm definiert ist, darunter Frauen und das weibliche Prinzip (falls so etwas existiert), wird zum Wutablassen benutzt. Da Frauen überall und in großer Zahl verfügbar sind, scheinen sie sich hervorragend dafür anzubieten, um diffuse Ängste auszuagieren.

Und ausgerechnet eine Errungenschaft der Aufklärung und moderner Naturwissenschaften, der technologische  Fortschritt, begünstigt derlei Regression. Bei Social Media-Plattformen steigt der Hate Speech-Pegel an. Incels („involuntary celibates”, unfreiwillig zölibatär lebende, heterosexuelle Männer), MGTOWs (Vertreter der anti-feministischen Männerbewegung „Men Going Their Own Way“), Alt-Right-Anhänger, Rechtspopulisten oder Nazis sondern online Dinge von Beleidigungen über Flüche bis hin zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen gegen Frauen ab. Und sie erhalten dafür Zuspruch.

Je mehr ihnen online zujubeln, desto eher trauen sie sich, lauter zu werden, sich öfter und vehementer zu äußern und offline tätlich zu werden. Insbesondere den Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, öffentliche Figuren sind und öffentliche Posten wahrnehmen, wird anonymisierter und unterdrückt-versteckter oder offener Hass entgegen gebracht. Zu den Betroffenen zählen deutsche Politikerinnen aller Parteien oder eine, die eher noch ein Mädchen ist, Greta Thunberg.

Genauso wenig wie der Norm-Mann existiert, gibt es die Norm-Frau, die sich pauschal als anders, fremd oder anormal abstempeln ließe. Und Frauen sind schon gar nicht „normale“ Opfer. Frauen sind keine Opfer. Sie eignen sich jedoch als Spiegel. Ihre Situation dient allen Frauen und Männern, die Frauen den Rang der Gleichberechtigung absprechen, dazu, ihre eigenen Ängste und ihr Versagen im selbstverantwortlichen Umgang mit diesen zu reflektieren. Frauen sind soziale Seismographen. An ihrer Lage im sozialen Raum lassen sich zwar keine Bodenbewegungen wie bei Erdbeben oder Atomexplosionen ablesen, aber sehr wohl gesellschaftliche Erschütterungen. Derzeit registriert dieses sozio-seismische System viele und erschütternd hohe Frequenzen – Hinweise auf starke Ausschläge in aller Welt.

 

© Gisela Schmalz

Empfohlene Zitierweise/Recommended Citation: Schmalz, Gisela: “Seismographen der Gesellschaft – Zum Internationalen Frauentag 2020” (2020).  http://carta.info/seismographen-der-gesellschaft-zum-internationalen-frauentag-2020/

Erschienen c/o CARTA.info: Gisela Schmalz: “Seismographen der Gesellschaft – Zum Internationalen Frauentag 2020” (2020)

 

 

Mein fremder Wille

Neues Buch von Gisela Schmalz.

Erscheinungstermin: 11. März 2020

Campus Verlag, Frankfurt a. M., 296 S.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Thema ist eine neuartige freiwillige Selbstunterwerfung :

Gedankenlos geben wir intimste Informationen an uns unbekannte Mächte ab. Durch die Nutzung von Smartphones, Fitness-Trackern, Apps, Social Media- und anderen Plattformen werden wir zunehmend berechen- und steuerbar. Wie konnten wir in so starke Abhängigkeit von technischen Diensten und deren Kontrolleuren geraten? Gisela Schmalz, Ökonomin und Philosophin, geht dem Phänomen auf den Grund. Sie zeigt, wem die »totale Vernetzung« nutzt, wohin sie führt und wie wir der Macht der Tech-Elite entfliehen können.

 

In fünf Kapiteln spannt Schmalz einen Bogen, der bei den Nutzenden und Nutznießenden der technologischen Errungenschaften beginnt, unsere freiwillige Komplizenschaft mit den Tech-Erfindern erklärt und mit den Gründen dafür endet, warum wir dringend gegenlenken sollten. Sie zeichnet nach, wie Menschen der Generation Y und Z vorgegebenen Standards nacheifern, weil sie glauben, in einer komplexen Welt sonst nicht bestehen zu können. Sie erläutert die Inzucht in den Tech-Ökosystemen des Silicon Valley und kontrastiert sie mit der Tech-Industrie in China. Sie wirft ein Schlaglicht auf die Menschen hinter den manipulierenden Technologien – und deren teils überraschend analoges Privatleben. Und sie zeigt an fünf Schlüsselbereichen, Tracking, Social Media, Smarte Vernetzung, Künstliche Intelligenz und Gehirnimplantate, wie moderne Technologien unser Denken, Fühlen und Verhalten sukzessive (um-)gestalten. Schließlich analysiert sie die freiwillige Unterwerfung unter einen fremden Willen.

Doch Gisela Schmalz gibt auch Anlass zur Hoffnung, indem sie zeigt, wie wir unsere Willens- und Handlungsfreiheit zurückerobern können, ohne dabei auf die Vorteile neuartiger Technologien verzichten zu müssen. Der Autorin ist ein umfassendes und differenziertes Bild der aktuellen, von innovativen Technologien beherrschten Welt gelungen.

Sie ist überzeugt: Zu durchschauen, wie die Tech-Elite funktioniert, heißt zu begreifen, wohin die wirtschaftliche, politische, militärische und gesellschaftliche Zukunft gesteuert wird. Ihr Appell an die Nutzer ist eindeutig: Informiert Euch! Lest! Beweist Euren freien Willen. Auf der Grundlage eines freiheitlichen Menschenbildes regt sie dazu an, sich aus der Gängelung der Tech-Kontrolleure zu befreien und die neuesten Innovationen aktiv mitzugestalten.

 

“Mein fremder Wille – Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert” von Gisela Schmalz

erscheint am  11.03.2020:

c/o Campus Verlag, Frankfurt am Main 2020

296 Seiten, kartoniert, ISBN 9783593512266

 

Die Angriffe der Verhaltensdesigner auf Freiheit und Demokratie

Apropos Nudging: Regierungen und (Technologie)-Unternehmen versuchen das Verhalten von Bürgern und Nutzenden mit “subtilen” Stupsern zu beeinflussen. Das beschneidet die Freiheit des Einzelnen und gefährdet die Demokratie.

Aus dem Beitrag für CARTA. info von Gisela Schmalz am 10.12.2019: Autoritäres »Stupsverhalten« untergräbt die Demokratie, die von den Beiträgen autonomer Individuen lebt. (…) Die meisten Menschen wissen besser als ihre selbsternannten Väter, was gut und was schlecht für sie ist. Eigenständige Entscheidungen können sie jedoch nur dann treffen, wenn sie wahrheitsgemäß und verständlich über ihre Wahlmöglichkeiten und die Kontexte ihrer Entscheidungen informiert werden.

#ZukunftderDemokratie

Vollständiger Artikel:

Die Angriffe der Verhaltensdesigner auf Freiheit und Demokratie

 

von Gisela Schmalz

10.12.2019 veröffentlicht bei CARTA.info

 

»To nudge« heißt auf Deutsch, ganz niedlich, »stupsen«. Nudging ist aber nichts Niedliches. Es bezeichnet die subtile Modellierung von Entscheidungsarchitekturen mit dem Ziel, menschliches Verhalten ohne Anweisungen, Verbote oder Zwang in vorhersehbarer Weise zu ändern. 2008 erschien das Buch »Nudge: Improving Decisions About Health, Wealth, and Happiness« des Verhaltensökonomen Richard Thaler und des Juristen Cass Sunstein. Mit gleicher Begeisterung lasen und lesen es Leute, die andere manipulieren wollen, und Leute, die mangels Selbstbeherrschung mit Nudges zum »besseren Verhalten« angestupst werden wollen. Eine im Pissoir klebende Fliege zum Draufzielen hat noch niemandem geschadet – auch nicht die Ausgabe kleiner Essteller oder das Platzieren von Obstschalen auf Sichtniveau in Kantinen. Auch am Straßenrand aufleuchtende Smileys, wenn Autos in gedrosseltem Tempo vorbeifahren und nicht einmal die Fotos von Lungenkarzinomen, Krebsgeschwüren und Leichen auf Zigarettenschachteln stören oder schaden. Mit derlei gesetzeskonformen Tricks versuchen Arbeitgeber und Staatsbeamte ihre Schutzbefohlenen zu erziehen. Nudges sollen Menschen auf den Weg der Tugend stupsen, sie dazu bringen, gesünder zu leben, für ihr Alter vorzusorgen oder Energie zu sparen. Den US-Präsidenten Barack Obama überzeugte das Stups-Konzept, das auf behavioristischen Erkenntnissen beruht. Von 2009 bis 2012 ließ er den Nudge-Fachmann Cass Sunstein im »Office of Information and Regulatory Affairs« Nudges für US-Bürger erarbeiten. Auch der britische Premierminister David Cameron und seine Regierung ließen sich verhaltenstheoretisch inspirieren und richteten eine Nudging-Abteilung ein. Die Stups-Begeisterung der deutschen Kanzlerin Angela Merkel hielt sich zunächst in Grenzen. Sie stellte nicht, wie Barack Obama, bereits 2008 dreißig, sondern erst 2015 drei Nudging-Spezialisten ein, die Stups-Konzepte entwerfen sollten.

Doch Menschen pissen weiterhin fröhlich über Beckenränder, essen immer noch zu viel, darunter Mengen an Süßigkeiten, rauchen bis der Krebs kommt, fahren zu schnell und lassen Automotoren im Stand laufen. Nudging wirkt nicht bei jedem und jeder. Bei wiederholtem Einsatz zeigt es Abnutzungseffekte (Ekelbilder auf Zigarettenschachteln). Viele durchschauen das Nudging und auch die Rechtfertigung dafür, den Ausdruck »libertärer Paternalismus«, als Bevormundung. Die Formel »libertärer Paternalismus« ist in sich widersprüchlich. Dieses Begriffsmonstrum zeugt von der autoritären Überheblichkeit derer, die Nudging als seligmachend verkaufen wollen. Die Nudge-Heilsbringer Thaler und Sunstein stellten ihrem Terminus »Paternalismus« das Adjektiv »libertär« voraus, als wollten sie sich bei den Zielpersonen des Nudging für deren Freiheitsberaubung entschuldigen oder sie erneut austricksen. Stellen Autoritäten Menschen Obstschüsseln unter die Nasen oder lassen sie Formulare mit vorausgefülltem »ja« beim Stichwort »Organspende« unterschreiben, behandeln sie sie wie überlistbare Kinder. Sie befördern eine allgemeine Verdummung, die von schlechter Bildungspolitik vorbereitet wurde. Paternalistisches Nudging ist Manipulation. Nichts daran ist »libertär«. Freie Bürger brauchen keine väterlichen Stupser – weder von Arbeitgebern noch von Staatsbeamten – und schon gar nicht von den »Nutzererfahrungsspezialisten« der mächtigen Technologiekonzerne.

Die digitalen Stupser von datensammelnden, werbe- und propagandatreibenden Tech-Firmen sind perfider als die analogen, weil sie schlechter identifizierbar sind. Permanent auf Nutzende losgelassene Online-Nudges sollen sie zum Dauerkonsum von Social Media-, Video-, Game- und sonstigen Angeboten, zum Klicken von Werbehinweisen oder zum Konsum verleiten. In Tech-Konzernen werden Verhaltensökonomen und Psychologen derzeit hofiert. Auf der Grundlage behavioristischer Erkenntnisse, dass Menschen lieber kurz- als langfristig denken, mehr Angst vor Verlust  als Lust am Risiko bei Gewinnchancen zeigen, sich an anderen Personen (Social Influence), an vorausgegangenen Reizen (Priming) oder den unmittelbar verfügbaren Informationen (Anchoring) orientieren, basteln sie in Teams mit Entwicklern und Programmierern an verhaltensverändernden, technologischen Nudges. Sie betreiben »Psychological Engineering« oder »Social Engineering«, wenn sie für fehlbare, vertrauensselige Menschen personalisierte Entscheidungsstrukturen, stupsende Blings, Pfeile, Meldungen, rote Buttons und andere Nudges kreiieren. US-Firmen wie Facebook (Instagram, WhatsApp), Alphabet (YouTube), Amazon, Twitter oder Snapchat und chinesische Konzerne wie Tencent (WeChat) oder ByteDance (TikTok) bauen ihren Algorithmen, Apps und Plattformen »persuasives Design« ein. Ziel ist es, damit das Denken, Wahrnehmen, Fühlen und Verhalten möglichst vieler Nutzender möglichst lange zu kapern, um sie mit den Botschaften oder Waren (bezahlender) Auftraggeber konfrontieren zu können.

Mit einem Brief wandten sich im August 2018 50 US-Psychologen an die »American Psychological Association« (APA). Darin verwiesen sie auf die unethischen Praktiken ihrer Kollegen, die für Tech-Konzerne »versteckte Manipulationstechniken« designten. Sie forderten ihren Verband dazu auf, sich für den Schutz tech-dauernutzender Kinder zu engagieren. Der Experimentalpsychologe B. J. Fogg hat den Aufruf nicht unterschrieben. Der Gründer und Direktor des »Stanford Behavior Design Lab« forscht seit 1997, inzwischen auch unter dem Stichwort »Gewohnheiten«, in Stanford an den Fragen, wie Webseiten auf Nutzende glaubwürdig wirken und wie Computer die Meinungen und Handlungen von Nutzenden in zuvor festgelegter Weise beeinflussen können. Dazu kooperiert Fogg mit Konzernen wie Facebook. Einige spätere Silicon Valley-Größen, darunter die Instagram-Gründer Kevin Systrom und Mike Krieger, wurden in seinem Labor ausgebildet. Trotz des Psychologen-Apells und trotz in aller Welt immer lauter geäußerter Kritik basteln »Verhaltensarchitekten« weiterhin an süchtig machenden und »persuasiven Technologien«.

Doch genauso wenig wie Paternalismus »libertär« ist, sind Tech-Nudges persuasiv im Sinne von »überzeugend«. Sie richten sich nicht an die Ratio, sondern an das Unbewusste der Zielpersonen. Sie sind unterschwellig manipulativ. Verhaltensforscher haben festgestellt, dass Menschen Denkabkürzungen wählen, eher schnell und instinktiv, als langsam und überlegt vorgehen (Daniel Kahnemann: »Thinking, Fast and Slow«). Sie analysieren nicht misstrauisch jeden Pfeil, jedes Zeitlimit, jede Empfehlung oder jedes Autoplay, dem sie im Netz begegnen. Lieber geben sie sich dem Flow der Algorithmen, ihrer Neugier und Spiellust hin. In der Regel bleibt den Normalnutzenden sowieso nichts anderes übrig: Entscheidungsmodulationen erleichtern die Qual der Wahl. Außerdem sind sie für sie schlecht oder gar nicht identifizierbar, gerade wenn sie neu oder raffiniert sind – und neue, raffinierte Beeinflusserlein werden ständig ausprobiert. Ihre anscheinende Harmlosigkeit und Unbegreiflichkeit machen Nudges so wirkungsvoll. Menschen tappen in die auf Datenbasis speziell für sie maßgeschneiderten Fallen. Sie betrachten, klicken, kaufen, denken, wählen und tun das, wohin Nudges sie stoßen. Nudgenden Tech-Konzernen bescheren ihre Tricks nicht bloß höhere (Werbe-) Einnahmen. Neben wirtschaftlicher Macht verschaffen sie ihnen zusätzlich immer mehr politischen, sozialen und psychologischen Einfluss über Einzelpersonen, Gruppen und ganze Gesellschaften. Autoritäres »Stupsverhalten« untergräbt die Demokratie, die von den Beiträgen autonomer Individuen lebt.

Dass technologisches Bürger-Nudging breiten- und tiefenwirksam ist, illustriert das Sozialkreditsystem Chinas. In der Volksrepublik kooperieren der Zentralrat und die heimischen Tech-Konzerne erfolgreich an der Verhaltensmodulation chinesischer Bürger. Damit diesen die Gängelung Spaß macht und mögliche Befürchtungen zerstreut, ist sie wie ein großes Gesellschaftsspiel konstruiert. Wer sich nudgen lässt, wird auch genudged. Menschen sollten schleunigst System 2 (Daniel Kahnemann) anwerfen, ihr langsames, reflektiertes, überlegtes und schlussfolgerndes Nachdenken darüber, was ihnen technologisch so alles vorgesetzt wird und wie es sie und ihre Umwelt prägen könnte. Nur ihre Reflektiertheit kann sie vor den manipulierenden Designs monetär oder ideologisch getriebener Tech-Modellierer bewahren. Nutzende sollten langsamer und aufmerksamer als bisher durch technologische Welten reisen und womöglich öffentlich gegen Nudging mobilisieren. Auch Vater Staat muss hier aktiv werden, wenn er sich schon paternalistisch geriert. Regierungen des Westens sollten sparsam mit eigenen Nudges umgehen. Und sie sollten nudgenden Tech-Konzernen, die das Unbewusste, die Unkenntnis und die Trägheit von Menschen für ihre Zwecke ausschlachten, dringend Einhalt gebieten. Verhaltenssteuernde Architekturen und Technologien sind permanent zu beobachten. Die Unternehmen dahinter sind zur Offenlegung ihrer Methoden zu verpflichten. Das gelingt vermutlich nur, wenn Gesetze sie dazu zwingen, ihre Verfahren zu erklären und Nutzende jedes Mal deutlich darauf hinzuweisen, wohin welcher Stupser sie wie lenken soll. Flankierend sollten staatliche Aufklärungskampagnen und sinnvolle Bildungsmaßnahmen zur Erhellung der Nutzenden (Bürger) eingesetzt werden. Menschen brauchen Aufklärung, statt Nudges. Sie verdienen, ihre Würde und Wahlfreiheit respektierende Entscheidungsarchitekturen. Das sind Wahlsituationen, die mehrere und nicht nur ein bis drei Optionen bieten, und die die Vernunft (System 2) ansprechen, statt niedere Instinkte (System 1) auszubeuten. Die meisten Menschen wissen besser als ihre selbsternannten Väter, was gut und was schlecht für sie ist. Eigenständige Entscheidungen können sie jedoch nur dann treffen, wenn sie wahrheitsgemäß und verständlich über ihre Wahlmöglichkeiten und die Kontexte ihrer Entscheidungen informiert werden. Nudgende Regierungen und Tech-Konzerne müssen ihre Beeinflussungsvorhaben und -verfahren offenlegen. Und wollen sie Menschen für ihre Ideen, Ziele oder Produkte gewinnen, so sollten sie sie zu überzeugen versuchen, anstatt sie latent zu überrumpeln. Bürger und Kunden sind herausgefordert, bevormundende Designs aufzuspüren und besonnen auf sie zu reagieren. Nudge-Auge sei wachsam! Nur wer seine Optionen kennt und weiß, was er will und nicht will, kann selbstbestimmt und ungestupst entscheiden.

 

© Gisela Schmalz

Recommended Citation/Empfohlene Zitierweise: Schmalz, Gisela: “Die Angriffe der Verhaltensdesigner auf Freiheit und Demokratie” (2019).  https://www.giselaschmalz.com/die-angriffe-der-verhaltensdesigner-auf-freiheit-und-demokratie/

Erschienen c/o CARTA.info: Gisela Schmalz: “Die Angriffe der Verhaltensdesigner auf Freiheit und Demokratie“ (2019)