Intellekt oder Wille

– Der Altman/Amodei-Auftritt bei der UN kommentiert von Arthur Schopenhauer

Bei pathetischen Auftritten am 23. September 2026 vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen warnten Sam Altman (OpenAI) und Dario Amodei (Anthropic) vor den Gefahren sogenannter künstlicher Intelligenz – also vor den Systemen, die deren Firmen entwickeln, kontrollieren und vermarkten. Die beiden CEOs forderten Sicherheit für ihre eigenen Produkte, bzw. „KI-Sicherheit“. Aber statt selbst dafür zu sorgen oder gar Verantwortung zu übernehmen, schoben sie die “Schuld” auf die künstlichen Systeme und forderten Verantwortung von Dritten, bzw. von der Öffentlichkeit, vom “wir”, von “Regierungen” oder von „der Demokratie“.

Amodei: “If managed poorly, I even believe that AI could be a risk to humanity as a whole.”

Altman: “If AI is to be democratic, the most important decisions cannot be made by labs in San Francisco alone. They must be shaped through democratic processes and by governments accountable to the people that they serve.”

Altman: “We have a choice in front of us.”

Andere sollen in mühsamer Kleinarbeit den ethischen und gesetzlichen Rahmen schaffen, damit sie weiterhin in Sandboxen spielen, ihre Produkte vermarkten und sich Ruhm, Macht und private Gewinne sichern können – auch gegen die böse… KI-Konkurrenz aus China.

Arthur Schopenhauer hätte deren Einlassungen vermutlich so kommentiert:  

„Alles dieses bezeugt genugsam, daß der Wille allein das Wirkliche und das Wesentliche, der Kern des Menschen ist, der Intellekt aber bloß sein Werkzeug, welches immerhin fehlerhaft seyn mag, ohne daß er dabei betheiligt wäre. Die Anklage des Unverstandes ist, vor dem moralischen Richterstuhle, ganz und gar keine; vielmehr giebt sie hier sogar Privilegien.

Und eben so vor den weltlichen Gerichten ist es, um einen Verbrecher von aller Strafe zu befreien, überall hinreichend, daß man die Schuld von seinem Willen auf seinen Intellekt wälze, indem man entweder unvermeidlichen Irrthum, oder Geistesstörung nachweist: denn da hat es nicht mehr auf sich, als wenn Hand oder Fuß wider Willen ausgeglitten wären. […]

Ueberall berufen sich die, welche irgend eine Leistung zu Tage fördern, im Fall solche ungenügend ausfällt, auf ihren guten Willen, an dem es nicht gefehlt habe. Hiedurch glauben sie das Wesentliche, das, wofür sie eigentlich verantwortlich sind, und ihr eigentliches Selbst sicher zu stellen: das Unzureichende der Fähigkeiten hingegen sehen sie an als den Mangel an einem tauglichen Werkzeug.“

(Quelle: Schopenhauer, Arthur. Werke in zehn Bänden, Band III: Die Welt als Wille und Vorstellung II, Zürich 1977, S. 267-269.) 

Im Buch “Fetisch Intelligenz – Wie ein überbewertetes Konzept unser Leben prägt” (Berlin Verlag, 2026) vertiefe ich die Unterscheidung zwischen Intelligenz/Intellekt und Vernunft. Darin zeige ich, was Schopenhauer hier andeutet – dass das Intelligenzkonzept keine Kontextualisierung beinhaltet. Intelligenz ist primär auf Zielerreichung und Aufgabenerfüllung nach Effizienzgesichtspunkten ausgerichtet. Für Kontext hingegen sorgen die Vernunft und der freie Wille eines Menschen – etwa mit der Folge, Verantwortung für (egal welche) Intelligenz und Erzeugnisse von Intelligenz zuzuschreiben und schließlich zu übernehmen.

Und zur rechtlichen Verantwortung des Personals von KI-Unternehmen: Der hehre Wunsch, die Verantwortung für Gefahren (und Schäden) vergesellschaften und Gewinne privatisieren zu wollen, ist nachvollziehbar. Doch “die Gesellschaft” ist hoffentlich schlauer. Wer (ungefährliche, potentiell gefährliche oder gefährliche) Produkte in die Welt setzt (und daran verdient), ist dafür zur Verantwortung zu ziehen, muss dafür haftbar gemacht werden und haften. Keine Ausnahme für CEOs aus Silicon Valley! Gleichzeitig entlässt das aber “die Gesellschaft” und gesetzgebende Instanzen keineswegs aus ihrer Verantwortung für KI und KI-Herstellende.

 

 
Recommended citation / Empfohlene Zitierweise: Schmalz, Gisela: “Intellekt oder Wille” (2026). Gisela Schmalz: https://www.giselaschmalz.com/intellekt-oder-wille/