
WELT-Bestenliste: Expertin warnt – komplette Datafizierung von Intelligenz werde sich rächen
von Marc Reichwein / Feuilleton, DIE WELT
Schon früh wurde der IQ als Machtinstrument eingesetzt, kritisiert Gisela Schmalz: Droht im KI-Zeitalter eine neue Massenmanipulation? Wer Schulkinder habe, werde sich noch wundern.
Hier erscheint unsere monatliche Empfehlungsliste. Experten einer unabhängigen Jury küren die zehn „Sachbücher des Monats“ aus Geistes-, Natur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Im September lohnen sich:
1. Gisela Schmalz:
„Warum gelten so viele Kinder in meinem Umfeld auf einmal als hochbegabt oder weisen kognitive Besonderheiten auf? Was soll die übertriebene Fokussierung auf Intelligenz?“ Das fragt Gisela Schmalz in ihrem aktuellen Buch „Fetisch Intelligenz“. Die Publizistin lehrt als Professorin für Digital Business an der Londoner Kingston-Universität.
Tatsächlich geben einem zwei paradoxe Entwicklungen gleichermaßen zu denken: Zum einen gibt es die Bestnoten-Inflation im Abitur, zum anderen lesen wir immer öfter, dass die Masse der heutigen Studenten kaum noch hochschulreif sei. Auch machen seit Jahren Meldungen um einen sinkenden Intelligenzquotienten (IQ) die Runde. Demnach schnitten Menschen bei Intelligenztests von Generation zu Generation lange Zeit besser ab. Doch seit einigen Jahren kehre sich der Trend um. Schon fragen Wissenschaftsjournalisten, woran das liegen könnte.
Genau an dieser Stelle interveniert die Streitschrift von Gisela Schmalz. Die Kingston-Professorin sieht unsere alleinige Definition von Intelligenz durch IQ-Tests als Einfallstor für Manipulation in Gesellschaftsbereichen wie Bildung, Beruf oder Strafjustiz. Intelligenz sei nicht mehr als das, was IQ‑Tests messen, habe man 1923 – kurz nach Erfindung des IQ-Tests – noch gespöttelt. Heute, mehr als 100 Jahre später, scheine man sich „mehr denn je auf IQ‑Messungen und -Vergleiche zur Bestimmung von Intelligenz zu verlassen. In unserer datafizierten oder dateninfizierten Gegenwart ist es mit der Ironie vorbei.“
Aktuell beobachtet Schmalz einen neuen „Intelligenzhype“, ausgelöst durch den KI-Boom. Schmalz warnt: „Wer das komplexe Bündel Intelligenz auf eine eindimensionale Definition oder einen numerischen Wert wie den IQ herunterkocht, kann ‚Intelligenz’ zur Erreichung bestimmter Ziele instrumentalisieren.“ Die Autorin erinnert an die historische Aussortierung und Zwangssterilisation von Menschen mit geringem IQ. Sie sieht aktuell vor allem zwei Konfliktfelder: die wieder stärkere Aussortierung von lernschwachen Kindern aus der normalen Schule – und den Machtzuwachs des Konzepts Intelligenz durch den wachsenden Einfluss von KI.